Wenn Ersatz von Knie- oder Hüftgelenk nötig ist – Klinik-Direktor Prof. Dr. Michael Haake über sinnvolle Endoprothesen

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Prof. Dr. Michael Haake (Foto: Rolf Gebhardt)

Wir Menschen werden immer älter, aber mit dem Alter nehmen auch Abnutzungserscheinungen zu: Es entsteht Arthrose – aus einem Missverhältnis von Beanspruchung und Belastbarkeit des Gelenks. Dem Gelenkverschleiß kann man begegnen mit einem „Ersatz“ durch Endoprothesen, insbesondere für Knie und Hüfte. Wann sind solche Endoprothesen sinnvoll und wie funktionieren sie? Darüber wurden die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus aufgeklärt durch Prof. Dr. Michael Haake, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie und Schmerztherapie am SLK-Klinikum am Plattenwald, in Bad Friedrichshall, einem zertifizierten und ausgezeichneten Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung: ein Neubau mit 120 Betten und vier Operationssälen, zehn Oberärzten und 18 Assistenzärzten, die jährlich 4200 Patienten versorgen.

Der 56jährige Klinik-Direktor Haake, Hauptoperateur und Facharzt zusätzlich für Spezielle Orthopädische Chirurgie, hat viele endoprothetische Operationen aller Schwierigkeitsgrade durchgeführt. Wenngleich ein gewiefter Operateur weiß auch er, dass nicht bei jedem Gelenkverschleiß gleich eine Operation – Implantation einer Gelenkprothese – erfolgen muss, sondern mitunter erst einmal eine „konservative“ Behandlung angebracht ist, beispielsweise Krankengymnastik und Physiotherapie, auch schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente sowie orthetische Hilfsmitte wie Bandagen oder Spezialschuhe. 

Natürlich sei es gut und hilfreich, sich viel zu bewegen, also seine Muskeln und damit auch Gelenke und Knochen durch möglichst gleichmäßig Belastungen gut zu trainieren und so mit Sauerstoff und Durchblutung zu versorgen. Aber der Mensch hat  die genetische Veranlagung,zum altersbedingten Verschleiß. Und da lassen sich heute auch im fortgeschrittenen Lebensalter dank moderner Operations- und Narkosetechniken sichere und fast risikofreie Operationen durchführen, erklärte Haake.

Ein Mensch macht im Lauf seines Lebens Millionen von Schritten, tagtäglich beugt er sein Knie hunderte Male, und dabei trägt das größte und komplexeste Gelenk das Sieben- bis Achtfache des Gewichts, riskant bei zu viel Übergewicht, so Haake. Das Kniegelenk könne beeinträchtigt sein durch objektive Kriterien wie  erhebliche Achsabweichungen („X-Beine“) oder Fehlstellungen zwischen Oberschenkel und Kniescheibe. Neben diesem anlagebedingten Verschleiß trete vermehrt funktions- und vor allem altersbedingte Kniegelenkarthrose auf. Wenn man immer schlechter laufen kann, Ruhe- und Nachtschmerzen auftreten, regelmäßige Schmerzmedikamentation nicht mehr hilft, die Lebensqualität also stark beeinträchtigt ist, rät Haake zur Operation: „Man sollte nicht zu lange abwarten, um den Operationserfolg nicht zu gefährden.“.

„Mit Knieprothesen kann die Funktion des natürlichen Gelenkes gut wiederhergestellt werden“, versicherte Haake. In der Regel werde nur die abgenutzte Knorpeloberfläche ersetzt und möglichst viele Knochen erhalten; die Kniescheibe bleibe immer drin. Die Innen- und die Außenseite des Gelenks mit einer bikondylären Prothese ersetzt. Bei der innenseitigen Arthrose reiche der Gelenk-Teilersatz eines Drittels des Kniegelenks mit der sogenannten Schlittenprothese. Der Zugang erfolgt  über einen Schnitt an der Vorderseite des Kniegelenks. Knieprothesen werden mit Knochenzement dauerhaft am Knochen fixiert.  

Vor der Operation wird der allgemeine Zustand des Patienten abgeklärt sowie Arthrose-Ausmaß, Kniestabiltät, eventuelle Fehlstellung, dann Anästhesie-Vorstellung, OP-Plan; nach Operation eine Woche bis zehn Tage Klinik-Aufenthalt mit anschließender dreiwöchiger Reha und weitere regelmäßige Untersuchungen bei Orthopäden. Bereits am Tag nach der OP sollte sich der Patient um eine frühe Mobilisation durch Physiotherapeuten bemühen und alsbald das selbstständiges Treppensteigen erlernen.

Haake wies darauf hin, dass die häufig verwendeten und bewähren Prothesen eine lange Standzeit erwarten lassen: „Nach zehn Jahren funktionieren noch über 95 Prozent der Prothesen“, so Haake, der aber auch betonte, dass Prothesen einer hohen Belastung ausgesetzt und Verschleiß unterworfen sind. 

Das für Knie Gesagte, trifft auch weitgehend zu auf den Ersatz des Hüftgelenks mit einer Hüftgelenkprothese. „Diese gelingt so gut wie immer“; bekräftigte Haake. Nach 15 Jahren seien noch 80 der Prothesen intakt. Eine endoprotethische Versorgung des Verschleißes des Knorpelüberzugs am Hüftgelenk erfolge erst, wenn Röntgenaufnahmen ein entsprechendes Ausmaß des Hüftgelenkverschleißes dokumentiere. Vielfach werde bei betagten Patienten ein Oberschenkelhalsbruch mit dem Einsatz einer  Hüftendprothese behandelt. Haake sprach von zementfreier Verankerung der Pfanne und des Hüftschafts wie  von zementierten Prothesen sowie von Hybridsystemen. Verwendet werden Kugelköpfe und Pfannen-Inlays verschiedener Größen und für den Körper unbedenklicher Materialien, also Metall (Edelstahl, Titan), Kunststoffe (Polyäthylen) und Keramik. Haake machte aber auch deutlich, dass Patienten nicht erwarten sollen, sich nach Einbau von Prothesen besser bewegen zu können als zu ihren  guten Zeiten ohne solche.

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Der Weg zu Herzschrittmacher und Defibrillator – Der Herzchirurg Dr. Harald Zeplin über Elektrizität als Funke des Lebens

Senning Schrittmacher 1958

Erster implantierter Herzschrittmacher, in einer Schuhcremedose von Prof. Ake Senning 1958.
(Copyright: Dr. Harald Zeplin)

Der Strom kommt aus der Steckdose. Viel mehr wissen die meisten Menschen nicht über Elektrizität, auch nicht über ihre segensreiche Rolle in der Medizin. Über den „Funke des Lebens“, die Geschichte der Elektrizität in der Medizin, erfuhren die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, viel Wissenswertes von Dr. med. Harald E. Zeplin. Der 69jährige Herz- und Gefäßchirurg war zuletzt zehn Jahre Chefarzt für Chirurgie am SLK-Klinikum Heilbronn/Plattenwald. Nach eigenen Angaben hat Zeplin in seiner langen Berufskarriere an herzchirurgischen Kliniken wohl an die 5000 Operationen am offenen Herzen durchgeführt und hunderte Herzschrittmacher eingesetzt.

Zeplins Blick zu den Anfängen: Für die mittelalterliche Medizin war die Entdeckung des Blutkreislaufs von Bedeutung, dass das Blut zirkuliert und wieder zum Herzen zurück fließt. Erstmals richtig ins Spiel kam die Elektrizität mit der Volta’schen Säule, 1780 vorgestellt in der Royal Society in London: Eine Anordnung, die als Vorläuferin heutige Batterien gelten kann und im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung als Stromquelle hatte. Sie besteht, wie Zeplin an historischen Bildern zeigte, aus vielen übereinander geschichteten Kupfer- und Zink-Plättchen, zwischen denen sich in bestimmter regelmäßiger Folge elektrolyt-getränkte Papp- und Lederstücke befinden, gestapelt in einer Säule. Diese bedeutsame Erfindung war die erste brauchbare kontinuierliche Stromquelle und ermöglichte die Erforschung der Elektrizität bis zur Elektronik.

Dazu gehört auch die Galvanik, die nicht nur die elektrische Beleuchtung von Bogenlampen ermöglichte, sondern auch in einer  Vielzahl von Versuchen zur medizinischen Nutzung diente. Luigi Galvani hatte laut Zeplin im 18. Jahrhundert entdeckt, dass die elektrische Entladung des Blitzes Auswirkungen auf lebende Zellen hat, oder dass etwa Froschschenkel bei Berührung mit bestimmten Metallen zusammenzucken. Die daraus entwickelte Galvanotherapie hat jedoch eine weitgehend unverstandene Wirkung, so dass sie als alternativ-medizinisches Behandlungsverfahren gilt (Stangerbad sowie das Zwei- und Vierzellenbad). 

Zeplin berichtete auch, wie Körper von Enthaupteten für Experimente mit elektrischem Strom missbraucht wurden. In dem Horrorroman Frankenstein wird aus Leichenteilen eine Monstergestalt erschaffen, die mit elektrischem Strom zum Leben erweckt wird. Und in Amerika werden Todeskandidaten auf dem elektrischen Stuhl grausam hingerichtet. Und  es gab auch schon früh elektrische Stimulation für die männliche Libido.

Der Internist und Hochschullehrer Hugo von Ziemssen, Königlich Geheimer Rat und Krankenhaus-Direktor in München, wurde zum Begründer der physikalischen Medizin. Ihm gelang, wie Zeplin darlegte, bei elektrophysiologischen Untersuchungen 1882 der Nachweis, dass Stromstöße zu einer Veränderung der Herzfrequenz führen: Er stimulierte das Herz der45jährigen Patientin Cathearina Seraftin, der die linke Brust operativ entfernt war, über die dünne Hautschicht mit Strom, was zur Steigerung der Herzfrequenz führte. 

Ein entscheidender Durchbruch gelang dem niederländischen Mediziner Willem Einthoven (1860-1927) mit dem Nachweis unterschiedlicher Potentialkurven bei Gesunden und Herzkranken. Bei der Registrierung der Herztöne entdeckte er, wie die Messempfindlichkeit gesteigert werden kann, mit ersten elektrographischen Aufzeichnungen. Für dieses Elektrokardiogramm (EKG) erhielt Einthoven 1924 den Medizin-Nobelpreis. 

Bei der EKG-Anwendung (Elektroden-Verbindung beider Arme; rechter Arm, linker Fuß; linker Arm, linker Fuß) ergeben sich laut Zeplin Kurvenbilder elektrischer Herzströme mit Abfolge von interpretierbaren Zacken, Wellen, Strecken und Komplexen. Das EKG gibt Auskunft über die Arbeitsmuskulatur des Herzens, den elektrischen Herzzyklus und die Herzfrequenz, über die Stromverteilung im Herzen. 

Zeplin stellte auch den amerikanischen Elektrotechniker Earl Bakken heraus, der das medizintechnische Unternehmen Medronic 1949 gründete. Bakken erfand den ersten batteriebetriebenen Herzschrittmacher, also unabhängig von Netzausfall. Diese tragbaren Herzschrittmacher bildeten die Grundlage für die 1958 von dem schwedischen Chirurgen Ake Senning eingesetzten implantierbaren Herzschrittmacher.  

Von da war es nicht mehr weit zum Defibrillator, als neuer Taktgeber des Herzens. Während ein Herzschrittmacher die Herzfrequenz vorgibt und sich an die Belastung anpasst, hilft ein Defibrillator dann, wenn das Herz rast: Ein Stromstoß lässt das Herz aussetzen und gleich wieder im richtigen Rhythmus weiter schlagen. Defibrillatoren werden nicht nur implantiert, sondern finden sich heute auch häufig an öffentlichen Plätzen als Rettungsanker bei plötzlichen Herzrhythmusstörungen. Elektrische Pumpen sind mitunter auch die Vorstufen für Herztransplantationen, wobei gegebenenfalls die Zeit bis zum Spenderherz mit Kunstherz überbrückt werden kann. Zeplin ging in diesem Zusammenhang auch auf die Hypothermie ein, die gezielte  Senkung der Körpertemperatur im Rahmen von Herzchirurgie und Herztransplantation.

Hinweis:  Fachbuch „Der Funke des Lebens. Die Geschichte der Elektrizität in der Medizin“, Harald E. Zeplin, 19.95 €, Deutscher Wissenschaftsverlag Baden-Baden.

Kunden wissen gute Backqualität zu schätzen – Junge Senioren zu Besuch in der traditionellen Holzofenbäckerei Mitterer

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Foto: Rolf Gebhardt 

Deutschland ist das Land mit dem vielfältigsten Angebot an Brot und Backwaren – was die Verbraucher zu schätzen wissen, erst nach nach einem Auslandsurlaub. Dennoch ist seit Jahren ein permanenter Rückgang des Bäckerhandwerks zu verzeichnen, Derzeit gibt es in Deutschland noch 11 000 Bäckereibetriebe, 40 000 Bäckerfachgeschäfte und 275 000 Beschäftigte. Brotfabriken und automatisierte Backproduktion mit importiertem Fertigteig in Tiefkühltruhen in Discountern und  Selbstbedienungsbäckereien haben die traditionelle Backkultur verändert. Verändert haben sich aber auch die Betriebsstrukturen. Den herkömmlichen Bäcker, der aus seiner Backstube ausschließlich für den angeschlossenen eigenen Laden backt, gibt es kaum noch. Mittelständische Bäcker sind zu Großbäckereien geworden, die eine größere Zahl eigener Filialen versorgen.

Einen solchen Bäcker besuchten jetzt die „Jungen Senioren“, die wegen des großen traditionellen Flohmarkts im angestammten Hans-Rießer-Haus anlässlich des Heilbronner Pferdemarktes einen Besichtigungstermin wahrnahmen: Die Holzofenbäckerei Mitterer in Heilbronn-Sontheim. Mitterer – mit über 200jähriger Tradition – gehört seit 1986 zu Härdtner, dem maßgeblichen Bäckereiunternehmen im Heilbronner Land. Die 48 Besucher/innen bekamen einen Eindruck, dass auch in einer großen Backstube noch handwerklich gebacken werden kann, wenngleich mit moderner Technik und Hygiene. Auch der Geruch überzeugte, und erst recht die Darlegungen von Bäckermeister Maike Baumeister, zwar mit der Figur eines Kraftsportlers und  bunt tätowierten Armen, aber sympathisch-freundlich und kompetentes Auftreten: „Wenn es um Geschmack und Qualität der Backwaren geht, arbeiten wir handwerklich, aber moderne Maschinen erleichtern uns die tägliche Arbeit und Produktion.“

Am Nachmittag ruht die eigentliche Produktion. So demonstrierte Bäckermeister Baumeister eigenhändig die Herstellung der regionalen Spezialität „Seelen“  und warum jede Seele im Ladenregal „individuell“ aussieht, kein genormtes Gewicht. Da lag auf einem Brett ein vorbereiteter 15-kg-Teig, bestreut mit Sesam, Kümmel und Salz (2 Gramm Salz auf 100 kg Mehl). Mit geschickten Handgriffen entnahm er scheinbar wahllos Teigstücke, die er schlank geformt hinter sich auf ein Band platzierte, und dann gingen die wohl 100 Stück in die „Schublade“ eines schon eine Stunde vorher hochgefahrenen Holzofen, um dort eine gute halbe Stunde auf Schamottesteinen zu backen. Bei den Mitterer-Holzöfen handelt es sich um eine eigens konstruierte Brenntechnik mit der Befeuerung durch Pellets mit spezieller DIN-Norm, die quasi rückstandsfrei verbrennen (bis auf zwei Prozent Asche).

Bei Mitterer bzw. Härdtner wird noch „alles selbst gemacht“, werden eigene Rezepturen entwickelt, die jederzeit im Computer gewichtsspezifiziert abgerufen werden können, und alle Brote von Hand geformt, Laib für Laib, „mit Liebe und Sorgfalt gebacken“, ob Brot, Brötchen oder süße Stückle, Kuchen und Torten, in der anschließenden Konditorei, wo selbst die Äpfel noch mit der Hand geschält werden. Bei den traditionellen Brezeln gilt „halbe halbe“ wie der Bäckermeister zeigte. Im Automaten werden die Brezel-Teiglinge – so an die 12 000 täglich – geformt und geschlungen, dann aber jede Brezel mit der Hand passend auseinandergezogen und später mit dem „schwäbischen“ Einschnitt versehen. 

Betont wurde immer wieder, dass alle Rohstoffe, „hochwertig und kontrolliert“ aus der Region kommen, das Mehl und alle Zutaten. Fertig-Backmischungen sind tabu. Vielmehr wird größter Wert darauf gelegt, dass der Teig genügend Zeit zum ruhen hat, „das Geheimnis eines gut schmeckenden Brotes“. So wird beim Holzofenbrot ein Vorteig mit Hefe ansetzt, der über Nacht „ruht“. Dann kommt der natürliche Sauerteig dazu, der ebenfalls noch einmal ruht, und auch die von Hand geformten Brote dürfen noch einmal im Gärschrank ruhen. Das Holzofenbrot mit seinem urigen Geschmack – eine regionale Spezialität – zeichnet sich durch seine typisch aromatische Kruste aus. Eine Kruste beinhaltet viele Aromastoffe und bindet die Feuchtigkeit im Brot, wenngleich eine dicke Kruste sich nicht für alle Brotsorten eignet. Die Krume, der innere weiche Teil des Brotes, ist im Weizenbrot locker und luftig, im Roggenbrot dichter und kompakter, stets aber „elastisch“. Beim beliebten Roggenmischbrot ist ein70prozentiger Roggenanteil enthalten.

Nach der Besichtigung konnten sich die Besucher an gedeckten Tischen mit Kaffee, Brezeln, Kuchen und Gebäck versorgen lassen und Fragen stellen, auch an Geschäftsführer Dietmar Sandel. Rund 30 Brotsorten sind im Angebot, auch  Dinkelbrot und Demeterbrot. Gebacken wird drei bis viermal täglich und unmittelbar die Filialen bedient, mit speziellem E’sener Brot („Goldkeimlinge“) auch Bioläden bundesweit. Härdtner betreibt drei Backstuben mit je etwa 50 Mitarbeitern sowie Filialen an 60 Standorten mit insgesamt rund 1000 Mitarbeiter, außerdem drei Betriebe im Raum Dresden mit 300 Beschäftigten. Härdtner  ist ein Familienunternehmen mit Seniorchef Rolf Härdtner sowie drei Kindern und ein Schwiegersohn im Geschäft.   

Christliches Abendland müssen wir selbst gestalten – Pfarrer i.R. Dr. Richard Mössinger sieht unseren Staat christlich geprägt

 

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Pfr.i.R. Dr. Richard Mössinger (Foto: Rolf Gebhardt)

Leben wir noch im christlichen Abendland?“ Eine aktuelle, brisante und emotionsgeladene Frage! Mit diesem Themenkomplex hat sich Pfarrer  i.R. Dr. Richard Mössinger eingehend auseinandergesetzt und bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit vielen Aspekten dargelegt – mit einer eindeutigen Schlussfolgerung: „Wenn wir das christliche Abendland verteidigen und bewahren wollen, müssen wir es selbst gestalten.“ Mössinger war Pfarrer in Brackenheim und dann viele Jahre geschäftsführender Pfarrer der Heilbronner Friedensgemeinde, 15 Jahre Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Evangelium und Kirche“, 25 Jahre Verfasser für Predigtmeditationen in der landeskirchlichen Zeitschrift „Für Arbeit und Besinnung“ und schreibt noch immer Beiträge zum „Geistlichen Wort“ in der  Heilbronner Stimme.

 

Der Begriff Abendland steht  – so Mössinger – im Zusammenhang mit dem Morgenland, woher nach Luthers wortschöpferischer Bibelübersetzung die Weisen kamen, die den den neugeborenen König der Juden suchten. Mössinger berief sich auf die Gebrüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die in Karl dem Großen die Gründungspersönlichkeit des Abendlandes sahen, zu dem alle Länder gehören, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe den europäischen Kulturraum bildeten. Und Mössinger zitierte Novalis mit seinem Traum von der idealen Gestalt des Abendlandes: „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war.“

Vor mehr als 200 Jahren hat sich laut Mössinger in Deutschland auf der Suche nach Identität ein Nationalgefühl entwickelt, abendländisch orientiert in der Zeit der Romantik. Doch „auf dem Wege zur besten aller Welten“ kam es dann zu jenem grausamen, zerstörerischen Krieg, zu dessen Ende das kulturphilosophische Hauptwerk von Oswald Spengler entstand: „Der Untergang der Abendlandes“, was dem Bedrohungsgefühl der Deutschen einen Namen gab. Zwar sollte der Völkerbund in Europa eine Friedensordnung sichern helfen. Doch zum Ende der Weimarer Republik formte der Nationalsozialismus eine spezifisch abendländische Identität mit einer Abgrenzung von der slawischen, russisch-asiatischen und besonders von der jüdischen Kultur als Feindbilder.

Wie Mössinger ausführte, gewann nach dem Zeiten Weltkrieg in Westdeutschland in Abgrenzung zu dem Ungeist der nihilistischen nationalistischen Vergangenheit die Abendland-Idee wieder an Boden, so 1946 CDU-Plakatierung „Rettet das Abendland“, und Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach 1949 in seiner ersten Regierungserklärung von Geist christlich-abendländischer Kultur. Und, so Mössinger, für den „Brackenheimer Nationalheiligen“ Bundespräsident Heuss habe es drei Hügeln gegeben, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen und das Kapitol in Rom.

In der Bundesrepublik sei dann das Thema Abendland in den Hintergrund getreten, erst recht 1990 mit dem Glauben an den Sieg der westlich geprägten demokratischen Tradition, bis dann durch die Flüchtlingskrise die Frage nach der Identität hochkam, wie Mössinger feststellte.

Auch wenn innerhalb des Abendlandes das Christliche ein unterschiedliches Gewicht habe, so sei doch Deutschland ein Staat, in dem die Rechtsentwicklung nach 1945 wesentlich vom christlichen Menschenbild geprägt sei, selbst das Grundgesetz durch den christlichen Glauben. „Einmal ist das Abendland unzweifelhaft christlich geprägt“, so Mössinger. Andererseits seien wir Gefangene des Konsumismus, ein gutes Bruttosozialprodukt ein Credo der Gesellschaft. 

Die individuelle Suche aber sehne sich irgendwann nach einer kollektiven Beheimatung. Wie man nach dem Dreißigjährigen Krieg und nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich den Nationalgedanken zurückgestellt habe, sollte man sich heute auch wieder mehr auf christliche Werte besinnen, auf die Wahrung des christlichen Sonntags etwa und auf die christliche Einheit der Konfessionen in versöhnter Verschiedenheit. „Weniger Materialismus und mehr menschliche Zuwendung“, so Mössinger: „Ich will dafür etwas tun, dass wir die Tradition des christlichen Abendlandes bewahren.“

Nicht von ungefähr kam in der Diskussion die Frage, ob und inwiefern der starke Zustrom von Muslimen die Identität des christlichen Abendlandes bedroht. Mössinger meinte, die eher größere Gefahr sei der verbreitete Nihilismus in der Bevölkerung. Wie das Christentum sei auch der Islam eine heterogene Größe, beiderseits mit immer weniger überzeugten Gläubigen. Mitunter seien aber auch Christen im religiösen Gespräch Muslimen unterlegen. Das liege nicht unbedingt an unserer Kirche. „Wir Christen müssen glaubwürdig leben, unseren Glauben unverdrossen begründen können und dafür eintreten“, so Mössinger, der auch darauf verwies, dass unsere großartigen biblischen Texte und all ihre Apologeten, die Gott vertrauen, aus dem sogenannten Morgenland kommen und dass es auch dort (orientalische ) Christen gibt.

Vom Wiederaufbau einer zerstörten Stadt – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über die 1950er Jahre

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Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

„Heilbronn in den 1950er Jahren“. Dieses Thema ist emotional hoch aufgeladen, weckt Erinnerungen bei den „Jungen Senioren“, die überwiegend diese Zeit selbst hautnah erlebt oder von  Eltern oder anderen Zeitgenossen eindringlich geschildert bekommen haben. Dennoch war es überraschend, dass zu dieser thematische Veranstaltung ein Rekordbesuch von über 150 Teilnehmer/innen verzeichnet werden konnte, was wohl auch an dem Referenten lag, dem Direktor des Stadtarchivs Heilbronn Prof. Dr. Christhard Schrenk.

Wie man diese Zeit erlebt hat, kommt darauf an, ob man Kind, Jugendlicher oder Erwachsener war und ob es um den Anfang oder das Ende jenes Jahrzehnts geht, meinte Schrenk eingangs. Diese Sichtweise bestätigte sich auch in der Diskussion. Während man es als Kind genossen habe, in den Ruinen zu spielen oder Hochwasser und Hitzewelle als Abenteuer zu erleben, seien „die Großen“ doch ganz schön konfrontiert worden mit den Alltagsproblemen, im Hinblick auf Wohnen, Essen und Arbeiten, also um die Existenz, aber auch mit den  politischen Ereignissen. Gerade die stark geforderten Mütter hätten sich gar nicht so sehr kümmern können um die Kinder, die freier und unbehüteter aufgewachsen seien als die heutigen. 

Insgesamt fällt der Rückblick auf diese Zeitgeschichte positiv aus, auch vom damaligen Lebensgefühl her, wenngleich man aus der Sicht der heutigen Situation wohl nicht mehr in diesen doch vergleichsweise beschränkten und bescheidenen Verhältnissen leben möchte. Doch damals war man durchweg optimistisch und zukunftsfroh, voller Hoffnungen, Erwartungen, Träume und Ziele, aber auch zupackend und gemeinschaftsorientiert,  konstatierte Schrenk – auch wenn sich heute (nicht nur) junge Leute kaum vorstellen können, dass man „früher“ sehr gut ohne Computer und Smartphone auskommen konnte, weil man es nicht kannte und alle so ziemlich die gleichen Lebensbedingungen hatten.

Dieses erste volle Jahrzehnt der Nachkriegszeit war nun einmal geprägt von dem Wiederaufbauwillen nach den Zerstörungen durch den II. Weltkrieg. Man sprach von Aufbruch und Wirtschaftswunder, und es kam in rasantem Tempo zu aufregenden Entwicklungen – Fortschritten – in Wirtschaft, Infrastruktur, Kultur und Gesellschaftsleben. Es war das Jahrzehnt, als Prof. Theodor Heuss Bundespräsident war und oftmals auch in Heilbronn präsent, so 1954 als Schirmherr des 42. Deutschen Weinbaukongresses, als 40 000 Schaulustige den Festumzug durch die Stadt zum wiederbelebten ersten „Heilbronner Herbst“ begleiteten. 

Es war die Zeit, als die Eisdielen aus dem Boden sprossen, Waffeleis „in“ war, aber auch Hawai-Toast und Bowle, als die von den Teenagern favorisierten Jeans von den „Alten“ als Schlosser- und Nietenhosen abgestempelt  wurden und Jazz und insbesondere der aufkommende Rock’n’Roll als „Negermusik“, Radio AFN und der in Deutschland stationierte Elvis Presley eine riesige Fangemeinde hatte. Es war aber auch die Zeit der Heimatfilme und schnulzigen Schlager. Und es war die Zeit schnell wachsender Mobilität, als Quickly, Max, Lambretta, Kabinenroller, NSU-Prinz und VW-Käfer in vielen Familien Einzug hielten und der NSU-Lido in Jesola bei Venedig zum bevorzugten (Camping-)Reiseziel der Heilbronner wurde.

Interessant, wie fortlaufend Geschäfte und Unternehmen (wieder) erstanden, so 1950 Brenner-Schilling, Palm. Buck, Bierstorfer und Läpple zog von Weinsberg nach Heilbronn. Schon Mitte 1950 eröffnete Lichdi den ersten Selbstbedienungsladen Deutschlands, 1951 kam Kaufhaus Merkur in die Fleiner Straße, wurde 1952 zu Horten. Weitere Namen aus den 50er Jahren: Knorr (mit Neonlicht-Namenszug), Café Reinecker, Noller-Café, Betten Friz, Möbel Kost, Determann, Seel, Luithle, Siller, Intersport, Ackermann, Landerer, Wolko, Drauz, Flammerwerke, Kaco, Tuchel, Bruckmann, Telefunken und auch das Insel-Hotel.

1950 gab es wieder die erste Reifeprüfung, und laufend wurden neue Volksschulen, Mittelschulen  und Gymnasien errichtet. Zur großen Tragödie kam es zu Ostern 1954 bei einem Schullandheim-Aufenhalt in Obertraun, der Dachstein-Tragödie mit 13 Toten im Schneesturm, davon zehn Schüler. Die traditionellen Kirchengebäude wurden wieder hergestellt, Hallenbad und Stimme-Hochhaus setzten Akzente, das Gewerkschaftshaus mit dem kleinen Theater im großen Saal. Der Kulturring entstand, Sinfonieorchester und Kammerorchester belebten die Kulturszene. Der Sport blühte mit Fußball, Hockey, Turnen, Ringen, Motorradsport; Heilbonn wurde vor allem durch Karlo Losch zur Rollkunstlauf-Hochburg (13 WM-Titel).  

Nicht zuletzt durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen erhöhte sich die Heilbronner Einwohnerzahl in den 50er Jahren von 65 000 auf 85 000. Der florierende Wohnungsbau konnte nur bedingt die Wohnungsnot lindern. Paul Meyle war Oberbürgermeister, kommunalpolitisch rangierte die SPD vor FDP/DVP und CDU, auch bei Landtagswahlen, während bei der Bundestagswahl die CDU dominierte. Die US-Army übernahm die Schwabenhof- und Hessenhof-Kaserne (später Wharton-Baracks) und die Waldheide als künftige Raketenbasis. Am Rande: 1955 wurde jede sechste Ehe mit einem GI geschlossen.

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Die Kirche zeigt Präsenz auf der BUGA Heilbronn – Pfarrerin Esther Sauer. Besucher sollen einen positiven Eindruck mitnehmen

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Pfarrerin Esther Sauer (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist üblich geworden, dass auf Gartenschauen auch die Kirche Präsenz zeigt, so etwa bei der Landesgartenschau 2017 in Öhringen – und natürlich auf der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn. Wie das vonstatten geht, darüber informierte bei den „Jnngen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Pfarrerin Esther Sauer, die als Referentin beim Dekanatamt Heilbronn freigestellt ist für die Projektleitung „Kirche auf der Bundesgartenschau 2019 Heilbronn“, zusammen mit Peter Seitz vom Katholischen Dekanat Heilbonn-Neckarsulm.

„Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Psalm 34.9). Diese sinnliche Erfahrung des Beters im Alten Testament hat die Kirche aufgenommen für ihr Motto auf der BUGA: „Leben schmecken“. In den vielseitigen Angeboten der Kirche geht es um Fragen der Ernährung und über das Miteinander in der Stadt und im Leben, insbesondere aber um das vornehmliche Anliegen der Kirche; die Schöpfung. Und das passt bestens zum Gesamtthema der BUGA „Blühendes Leben“, betonte Esther Sauer: „Die Erde ist der Garten Gottes,  und die Welt ist voller Wunder – zum Staunen und zum Genießen.“ Doch zeigt sich auch, die Erde als Lebensraum von Pflanzen, Tieren und von Menschen – die Schöpfung – ist gefährdet und bedroht, gerade durch menschliches Handeln. Deshalb müssen auch die Menschen – müssen wir – dafür sorgen, dass die Grundlagen dieses Lebens für alle gestärkt und erhalten bleiben. „Das ist auch ein biblischer Auftrag der Kirche“, bekräftigte Esther Sauer.

Demgemäß ist die Präsenz der Kirche auf der BUGA ökumenisch angelegt. Maßgebend engagiert ist hier die Evangelische Landeskirche in Württemberg und die Katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart. Mit im Boot sind aber auch die anderen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Heilbronn, also die Evangelisch-Methodistische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Evangelisch-freikirchliche Gemeinde (Baptisten) und die Neuapostolische Kirche. Die ökumenische Einbindung ist auch der Anspruch zu zeigen, dass Kirche über konfessionelle Grenzen hinaus etwas zu sagen und zu bieten hat. „Von der Ökumene versprechen wir uns auch einen nachhaltigen Effekt“, meinte die evangelische Pfarrerin.

Esther Sauer hat in den letzten Jahren eine Reihe von Gartenschauen besucht und sich informiert, wie anderswo sich die Kirche der Öffentlichkeit darstellt, und sich inspirieren lassen. Dabei hat sie gemerkt, dass es nicht zuletzt darauf ankommt, die Kirche in einen Mittelpunkt zu bringen, dass sie nicht im Abseits platziert ist. In der Heilbronner BUGA findet Kirche jedenfalls statt an einem zentralen Platz, an dem praktisch alle Besucher vorbei kommen müssen, im „Inzwischenland“, direkt hinter bzw. vor der Stadtausstellung – „also mitten im Leben“, so Sauer. Es gelte also, das zur Verfügung stehende Kirchengelände entsprechend mit Leben zu auszustatten, dass die Besucher auch gut und gern zum Verweilen und zur Teilnahme angeregt werden, „auch Spirituelles erfahren können“.

Da ist zum einen im kirchlichen Gelände das gärtnerische Element, wie es nun mal zu einer Gartenschau gehört. Der Kirchengarten hat unterschiedliche Bereiche und Zonen, die durch ein dunkles Wegkreuz verbunden sind, eingefasst von vielen weißen Stauden und geschützt durch junge Pappeln, und es gibt Apfelbäume im Gelände. An einem langen Tisch oder an einer großen Wasserschale findet sich Gelegenheit zu Verweilen oder mit anderen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Man kann sich niederlassen, sich anregen oder die Seele baumeln lassen, ganz wie es einem gefällt. Wen es drängt, seine Gedanken zu formulieren und mitteilen zu wollen, für den steht eine große Schreibwand parat, die wohl auch gerne von anderen inspiziert werden dürfte. Auch bestehen Kontakte zur Bestattungskultur, zu Mustergräber. 

Selbstverständlich bietet die Kirche auch ein laufendes Programm an den 172 BUGA-Tagen. Morgens zwischen 10 und 12 Uhr werden an Werktagen Module für Schulklassen und auch für Kindergärten angeboten, am Samstag-Vormitttag ein buntes Unterhaltungsprogramm etwa mit Clowns und Jonglage, und am Sonntag um 11 Uhr – „wie es sich gehört“ – ein ökumenischer Gottesdienst, und zwar auf der „Fährle-Bühne“ am Neckar, der ausrangierten Haßmersheimer Fähre, oder auch mal auf der Hauptbühne der BUGA . Für verschiedentliche Mittagsimpulse ist gesorgt, und nachmittags gibt es Kinder- und Schüler-Programme und – wie auch an einem Vormittag – die Möglichkeit, Ernährung informativ, kreativ und mit allen Sinnen zu erleben, zudem das Angebot von „Brunnen-Gespräche“. Die Abende sind offen für Abendgebete sowie Musik- und Kulturangebote. Pfarrerin Sauer legt Wert darauf, dass im Voraus nicht alles so festgezurrt ist, sondern Spielraum für Improvisationen und Experimente vorhanden ist, „um Kirche erlebbar zu machen“ mit innovativen Programmpunkten und Formaten. Zur Mithilfe und Organisation stehen Dutzende von kirchlich versierten Ehrenamtlichen bereit, die offen sind für Auskünfte und Gesprächsanliegen aller Art. Esther Sauer: „Wir wollen, dass Besucher von Kirche als Partner einen positiven Eindruck mitnehmen.“

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ – Die Gedanken des Heilbronner Prälaten Harald Stumpf zur Jahreslosung 2019

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Prälat Harald Stumpf (Foto: Rolf Gebhardt)

Es ist guter Brauch bei den „Jungen Senioren“, dass der Heilbronner Prälat bei der ersten Veranstaltung im neuen Jahr im Hans-Rießer-Haus- die jeweilige Jahreslosung auslegt. Prälat Harald Stumpf wies eingangs darauf hin, dass die Jahreslosung immer drei Jahre im Voraus von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft „Bibellesen“ festgelegt wird. Die Vertreter aus evangelischen und katholischen Werken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wählen die Jahreslosungen aus vorgeschlagenen Bibelversen aus, also kein Losverfahren. Alle Zitate müssen im Bibelleseplan für das betreffende Jahr vorkommen und dürfen zehn Jahre lang nicht in den Jahres- oder Monatssprüchen vorgekommen sein und außerdem nicht aus den Wochensprüchen stammen.

Unter diesen Umständen sei es erstaunlich, so Stumpf, wie die im ökumenischen Prozess herausgefilterten Jahreslosungen doch treffend in die aktuelle Zeitgeschichte passen, so auch und gerade bei der Jahreslosung 2019. In der vorgetragenen Interpretation bezog sich Stumpf weitgehend auf seine entsprechenden Darlegungen in seinem druckfrischen Neujahrsbrief 2019, der Verantwortlichen in der Politik. in Wirtschaft und Gesellschaft, Pfarrerinnen und Pfarrern, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in unserer Kirche und ihrer Diakonie, Gesprächspartnern und Wegbegleitern gewidmet ist.

Daher authentisch nachstehend der Wortlaut von Prälat Harald Stumpf: 

Mit der ökumenischen Jahreslosung 2019 grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen ein gesegnetes und behütetes Jahr.

Suche Frieden und jage ihm nach!  (Psalm 34,15) 

Sechs kurze Worte, die es in sich haben. 

Im vergangenen Jahr wurde viel vom Frieden geredet in einer friedlosen und leidzerrissenen Welt. Die Friedensbemühungen der Weltmächte waren groß, aber bedauerlicher Weise konnte oft nicht einmal eine ausgehandelte Waffenruhe eingehalten werden, geschweige denn, stabiler Friede einkehren.

Das Titelbild zur Jahreslosung, das ich ausgesucht habe, zeigt bunte Menschen, die von Sprache und Herkunft sehr unterschiedlich sind – man kann Schriftzeichen aus vielen Kulturen erkennen, hebräische, griechische, lateinische, arabische und chinesische Schriftzeichen.

Die Menschen so bunt und unterschiedlich, wie Gottes Schöpfung vielfältig und bunt ist.

Toleranz, Integration und Inklusion waren m vergangenen Jahr in Kirche und Gesellschaft herausfordernde Themen, die uns weiter beschäftigen werden und unseren ganzen Einsatz erfordern.

Frieden muss man suche, sich auf die Lauer legen, Fährten aufspüren, Möglichkeiten erhoffen und dann entschlossen mit ganzer Kraft verfolgen, ja, dem Frieden nachjagen.

Im Gespräch mit den Besetzungsgremien in den Kirchengemeinden wurde immer wieder der Wunsch geäußert, dass Pfarrerinnen und Pfarrer mit großer Integrationskraft die verschiedenen Glaubensüberzeugungen und geistlichen Traditionen in einer Gemeinde zusammenhalten sollten, damit Friede und Einheit einkehren und das Licht des Evangeliums ausstrahlt. Auch von der Landessynode und der Kirchenleitung wird diese Integrationskraft erwartet.

Es gibt eine große Sehnsucht nach Frieden und Eins-sein in unserer Kirche, in Gesellschaft, in der Öffentlichkeit. Wir sehnen uns danach, im Einklang zu sein – mit uns selbst, mit unserem Leben, mit unseren Umständen in Familie, Partnerschaft und Beruf.

Der hebräische Begriff ,Schalom‘ hat eine größere Bedeutung als das deutsche Wort ,Frieden‘, das überwiegend als Abwesenheit von Streit und Krieg verstanden wird. Der hebräische Ausdruck meint so etwas wie ,umfassendes Wohlergehen‘, dazu gehört das gute Miteinander als auch das Wohlbefinden an Leib und Seele. Das ,Zu-frieden-sein‘ – das wir als Geschenk begreifen.

Als Prälat war ich im vergangenen Jahr in vielen Konfliktsituationen, sowohl in Gremien als auch in Kirchengemeinden, involviert und musste in großer Rollenklarheit zu vermitteln suchen. Mir wurde immer deutlicher, dass Friede ein kostbares Geschenk ist. Trotz professioneller Beratungs- und Vermittlungsprozessen ist es uns unverfügbar, ob tatsächlich Friede einkehrt in einer Gemeinde bzw. bei den Konfliktparteien. . . . 

Wir sind nicht allein gelassen bei der Suche und bei der Jagd nach Frieden. . . . Christus am Kreuz, – ,Er ist unser Friede.‘ . . . Der auferstandene Jesus begegnet seinen Jüngern mit dem Zuspruch: Friede sei mit euch!

Für das neue Jahr 2019 wünsche ich mir viele ,Friedens-Sucher‘, ,Friedens-Stifter‘, die mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem Frieden nachjagen. Jede und jeder an dem Platz, an dem er oder sie gestellt ist.  . . . 

Selig sind die Frieden stiften, denn sie sollen Gottes Kinder heißen. (Matthäus5,9)