Die Jungen Senioren im Jahr 2 der Corona-Zeiten

Normalerweise steht jeder Nachmittag unter einem abgeschlossenen Thema. Versierte Referent*innen halten einen Vortrag über 40 bis 45 Minuten. Danach gibt es eine Kaffeepause, in der über das Gehörte in kleiner Runde diskutiert wird, um am Ende in einer Fragerunde an den Referenten / die Referentin den Nachmittag abzuschließen. Gegen 16:30 Uhr ist die Veranstaltung in der Regel beendet.

Im Oktober 2020 war es schon anders. Die AHA-Regeln begrenzten unsere Besucherzahl drastisch, das Programm musste letztlich ganz eingestellt werden.

Wie sehr freuen wir uns, dass wir nun wieder starten können! Großen Dank an alle Referent*innen, die sich problemlos auf das neue Semester verschieben lassen konnten. So haben wir mit bereits geplanten Vorträgen aus 2020 und neuen Vorträgen wieder ein schönes Programm zusammen getragen und freuen uns auf Ihr Kommen.

Die AHA-Regeln werden weiterhin Bestand haben, und die 3G´s (genesen, geimpft, getestet) werden abgefragt werden. Wie wir dies genau handhaben werden, können wir erst kurz vor Beginn anhand der geltenden Corona-Verordnung bekannt machen. Gerne nehmen wir diese Umstände auf uns, um Begegnung wieder möglich zu machen. Wir hoffen, Sie lassen sich nicht davon abhalten, zu uns zu kommen.

Bitte achten Sie gegen Ende September auf unsere Veröffentlichungen in der Heilbronner Stimme oder melden Sie sich über den Sommer mit Telefonnummer, E-Mailadresse oder Postanschrift bei uns, dann werden wir Ihnen die Informationen direkt zukommen lassen.

Wir freuen uns auf Sie

Ihre Ansprechpartnerin:
Sonja Albrecht, Tel: 07131 9644 31
Mail: sonja.albrecht@diakonie-heilbronn.de

Das Jahresprogramm 2021/22 finden Sie hier.

Leider….

Leider müssen die Jungen Senioren coronabedingt schon frühzeitig das Semester 2020/2021 beenden, das heißt es finden bis zum Sommer 2021 keine Veranstaltungen mehr statt. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir das nächste Semester am 04. Oktober 2021 wieder planmäßig starten können. Die neue Programmübersicht folgt Ende August / Anfang September. 

Bis dahin bleiben Sie gesund! 
Ihre Jungen Senioren

Klöster sind von außerordentlichem Kulturwert

Matthias Hofmann beleuchtet die historische Entwicklung des Mönchtums

Klöster – jede(r) kennt welche. Viele halten sie für altmodisch und überholt, wenngleich manche „noch in Betrieb sind“. Klöster haben über Jahrhunderte als mächtige Gebäudekomplexe die Landschaften in Europa und die Mönche und Nonnen das gesellschaftliche Leben mitgeprägt. Um dem nachzuspüren, haben die „Jungen Senioren“ das Thema „Klosterleben – das Mönchtum von seiner Entwicklung bis zum Mittelalter“ in ihr Programm aufgenommen. Doch der für den 1. Februar vorgesehene Vortrag des Historikers Matthias Hofmann im Hans- Rießer-Haus fiel auch dem Lockdown im Rahmen der Corona-Pandemie zum Opfer. Um diesen Themenbereich dennoch zu kommunizieren, soll textlich eine würdigende Darstellung erfolgen.

Wie Hofmann darlegt, gab es in urchristlicher Zeit im Nahen Osten – in Wüsten- und Gebirgsgegeneden – zahlreiche Einsiedeleien, aus denen sich das christliche Mönchtum nach dem Vorbild der asketischen Eremiten in der Einöde entwickelte. Als Begründer dieser spirituellen Bewegung gilt der aus Ägypten stammende heilige Antonius (angeblich 251-356), dessen (koptisch) mönchisches Modell in der Lebensbeschreibung von dem Patriarchen von Alexandria, Bischof Athanasius, in der viel beachteten Lebensbeschreibung übermittelt wurde. Das erste christliche Kloster soll der heilige Pachomios (295- 346) in Oberägypten begründet haben, mit den ersten Klosterregeln („Engelsregeln“), in der von Zucht und Gehorsam bestimmten Gemeinschaftsleben. Einen wesentlichen Beitrag zum Denken im Abendland lieferte der lateinische Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430), erst Mönch, dann ab 396 Bischof.

Die Idee des Mönchstums breitete sich im Frühmittelalter im gesamten ehemaligen Imperium Romanum aus, und die Klöster – die Lebensweisen der Mönchsgemeinschaften fanden bei Gläubigen großen Anklang. Sie akzeptierten die lebenslange freiwillige Isolation hinter Klostermauern, Vorschriften von Gehorsam, Demut, Besitzlosigkeit und Keuschheit, primär der Idee der vollkommenen Christusnachfolge verpflichtet. Gemäß der benediktinischen Ordensregel „Ora et labora“ – „bete und arbeite“ – gehörten neben den regelmäßigen Stundengebeten in der Gemeinschaft, insbesondere das Beten von Psalmen im Wechselgesang, auch körperliche Arbeit dazu (auch wenn dazu oft „Laienbrüder“ in Handwerk und Landwirtschaft eingespannt waren). Klosterwirtschaft musste sich autonom selbst tragen. Klöster waren nicht nur Orte der Glaubensausübung und der Seelsorge, sondern auch der Wissenschaft, der Gelehrsamkeit und der Künste. Es entstanden kostbare Handschriften. Klöster waren Zentren für Erhalt, Vertiefung und Verbreitung von abendländischem Wissen und Kultur, als Bildungsstätte und Klosterschule, dienten auch der Pflege von Kräuter- und Heilkunde in Klostergärten bis hin zur Krankenpflege und der Armenfürsorge.
Für die mittelalterlichen Klosteranlagen gab es idealtypische Grundrisse. Nach dm St. Galler Klosterplan (um 820) waren neben der Klosterkirche und dem Kreuzgang Kult-, Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie Bibliothek, Schreibsaal und Spital vorgesehen, aber auch ein Friedhof. Wurden Klöster im Frühmittelalter fast ausschließlich in der Abgeschiedenheit errichtet, um diese Gegenden zu kultivieren, wurden im Hochmittelalter Klöster bevorzugt in den aufstrebenden Städten etabliert. Die beginnende Neuzeit sowie Reformation, Bauernkriege und Dreißigjähriger Krieg brachten den Orden erhebliche Verluste, allein den Benediktinern und Zisterziensern in Deutschland gingen 400 Klöster verloren. Durch den napoleonischen Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurden hunderte von Klöstern aufgehoben.
Klöster sind und bleiben allein von ihrer historischen Bausubstanz von unschätzbarem Wert. In Deutschland zählen das Kloster Maulbronn, als die am vollständigsten erhaltene Anlage eines mittelalterlichen Zisterzienserklosters in Europa, das ehemalige Reichskloster Lorsch mit Toranlage aus karolingischer Zeit und das ehemalige Benediktinerkloster auf der Bodensee-Insel Reichenau zum UNESCO-Weltkulturerbe. Noch immer gibt es in Deutschland eine Reihe von Klöstern mit echtem Klosterleben, sowie Möglichkeiten der Teilnahme auf Zeit an spirituellem Leben mit Auszeiten und Exerzitien

Mühlen als Wiege der Heilbronner Industrie

Hans-Ulrich Dollmann über die Mühlenwirtschaft im 19. Jahrhundert

„Heilbronner Mühlen als Keimzelle der Heilbronner Industrie“. Dieses Thema stand bereits im April 2020 im Programm der „Jungen Senioren“. Wegen des Corona-bedingten Lockdowns musste dieser Vortrag von Hans-Ulrich Dollmann leider ausfallen und wurde jetzt für Februar 2021 neu angesetzt. Und wieder wurde es wegen eines erneuten Lockdowns aufgrund der verschärften Corona- Pandemie nichts mit der Präsenzveranstaltung im Hans-Rießer-Haus. Um dennoch diesen Rückblick auf jene Blüte der Heilbronner Wirtschaft nun nicht zu unterschlagen, sei hier Dollmanns vorgesehene Powerpoint-Präsentation textlich in wesentlichen Teilen nachvollzogen.

Heilbronn war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich eine Stadt des Handels und des Weins. In der Mitte des 19. Jahrhunderts galt Heilbronn als „Liverpool Württembergs“ und war noch um 1900 – mit 9000 Arbeitern in 58 Fabriken bei 35 000 Einwohnern – die bedeutendste Industriestadt des Königreichs, noch vor Stuttgart, konstatiert Dollmann, der als Rektor des Elly- Heuss-Knapp-Gymnasiums lange Zeit auch geschäftsführender Schulleiter in Heilbronn war. Den eigentlichen Aufschwung hatte Heilbronn Kaufleuten zu verdanken, die verstärkt Mühlen erwarben. Anfang des 20. Jahrhunderts kam ein Drittel der Speiseöl-Erzeugung im Deutschen Reich aus Heilbronn.

1931 wurde Hagenbucher als bedeutendster Betrieb der Ölmüllerei in Deutschland bezeichnet. 1953 fand die Ölproduktion ihr Ende. Nach einem Vergleichsverfahren 1957 übernahm die Stadt die Liegenschaften. Die Gebäude der ehemaligen Hauberschen Mühle wurden gesprengt und zur Grünanlage. Bestehen blieb lediglich der Hagenbucher Ölsaatenspeicher, für den ein halbes Jahrhundert lang nach einer geeigneten Verwendung gesucht wurde – bis dann 2005 der Plan für ein Sciene-Center reifte und der innen total umgebaute Hagenbucher 2009 zum Zentrum der von der Schwarz-Stiftung initiierten „Experimenta“ wurde: Rechtzeitig zur Bundesgartenschau 2019 entstand mit dem Neu- und Erweiterungsbau und dem spektakulären Science Dome mit einzigartiger Experimentier- und Erlebniswelt das bedeutendste Science-Center Deutschlands und neues Wahrzeichen Heilbronns.

Dollmann bringt altbekannte Heilbronner Namen ins Spiel. Da ist als ältester Georg Friedrich Rund zu nennen, 1701 geboren, der 1727 in die Speditionsfirma Pfeil einheiratete, 1759 die Hammermühle auf dem Hefenweiler übernahm, die dann von den Schwiegersöhnen Georg Friedrich Mertz und Alexander Orth (von der Orthschen Mühle) sehr erfolgreich weitergeführt wurde. In der dritten Generation betrieben Christian Mertz (1772-1824) und Georg Orth (1774-1831) noch die Bleiweiß-Fabrik am Rosenberg. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Familie Mertz alleiniger Inhaber der Firma. Nach Erwerb der Essig- und Hefefabrik Lindenmeyer 1887 verlagerte sich 1919 der Stammsitz in die Nordstadt in das fünfstöckige Gebäude der ehemaligen (1884 gegründeten) Löwenbrauerei. Heute befindet sich an der Stelle der Lindenmeyerschen Hefefabrik ein Lidl-Markt. Eine auf Essig und Malz spezialisierte Fima Rund – von Friedrich Mertz geführt – gibt es heute in Öhringen. In Heilbronn gibt es in Neckarnähe noch die vor mehr als zwei Jahrhunderten gebaute Mertz-Villa, ein klassizistisches Gebäude in verwunschen anmutender Parkanlage, an ein New- Media-Haus vermietet.

Schließlich die „Papierstadt Heilbronn“. Seit 1570 ist das Papiermacherhandwerk in Heilbronner Mühlen nachweisbar. Die Abkehr vom traditionell handgeschöpften Papiermachen erfolgte fast gleichzeitig durch die Konkurrenz der Gebrüder Moritz und Adolf Rauch mit Gustav Schaeuffelen. Als erste begannen 1825 die Rauchs in Württemberg eine maschinelle Papierproduktion mit eingeführter englischer Technologie, misstrauisch beobachtet vom benachbarten Haus Schaeuffelen. Hier baute der Mechaniker Johann Jakob Widmann 1829/30 die erste in Süddeutschland konstruierte Papiermaschine. Widmann machte sich alsbald – im heutigen Widmannstal – selbstständig, doch seine Papiermaschinenproduktion ging bankrott. Aber die Papierfabriken von Rauch und Schaeuffelen gewannen weltweite Bedeutung.
Nach der Übernahme von Schaeuffelen durch Rauch 1924 entstand in Heilbronn das größte Feinpapierunternehmen Deutschlands, doch 1942 musste die Produktion wegen Rohstoffmangel aufgegeben werden. Nach dem Krieg spezialisierte sich die Firma Rauch auf den Papiergroßhandel. 1988 fusionierte die Firma zur Papier-Union GmbH, und Mitinhaber Stefan Georg Eduard Feyerabend (1932- 2019) zog mit nach Hamburg. Gleichwohl gibt es in Heilbronn noch eine Reihe von Papierverarbeitern mit langer Geschichte, so Landerer (1837); Berberich (1863), Bayer & Schneider (1877) und Kuvert Mayer (1877).

Vom Leben in den 70er Jahren in Heilbronn

Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk macht diese Zeit lebendig

Mit der Zeit vor 40 bis 50 Jahren speziell in Heilbronn konfrontiert zu werden, dürfte für die „Jungen Senioren Heilbronn“ durchaus reizvoll sein. Deshalb wurde auch das Thema „Heilbronn in den 1970er Jahren“ in das Programm aufgenommen. Doch der im Januar im Hans-Rießer-Haus vorgesehene Vortrag von Prof. Dr. Christhard Schrenk, Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, musste leider auch wegen der Reglementierungen aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. 

Nachdem Schrenk vor einem Jahr bei den „Jungen Senioren“ das Leben und Geschehen der 60er Jahre in Heilbronn dargelegt hatte, so wollte er nun dieses Mal Erinnerungen an die70er Jahre wecken. Grundlage dafür die 2014 initiierte Reihe „Wissenspause“ im Deutschhof,  wo 2018 die 1970er Jahr an der Reihe waren. In zehn „Wissensgesprächen“ hatte Schrenk ausgewählte Zeitzeugen eingeladen und selbst bestens vorbereitet und gut vertraut mit den Fakten kenntnisreiche Fragen gestellt. Zur Dokumentation hat das Stadtarchiv ein reich bebildertes Buch herausgegeben und Schrenk selbst dazu ein ausführliches Resümee verfasst, das diese Zeit der jüngeren Stadtgeschichte prägnant lebendig werden lässt.

„Das zentrale innerstädtische  Handlungsumfeld in den Jahren um 1970 war die Entwicklung von Heilbronn zur Großstadt und zum Oberzentrum der Region,“ stellt Schrenk heraus. Es kam zu den Eingemeindungen von Klingenberg (1970), Kirchhausen (1972), Biberach (1974) sowie Frankenbach und Horkheim (1974). wodurch die Einwohnerzahl von Heilbronn, die sich mit kommunalpolitischen Anstrengung als kreisfreie Stadt (Stadtkreis) behauptete, (auch durch Zuzug)  auf 117 000 kletterte (sowie 5000 bis 6000 Angehörige der US-Armee). Durch die Eingemeindungen kam es zur Ausweisung neuer begehrter Wohn- und Gewerbegebiete. Für Schulen wurden in den 70er Jahren 100 und für Sportstätten 75 Millionen DM aufgewendet. 

„Alles in Heilbronn sollte modern und verkehrsgerecht werden“, so Schrenk. Das Heilbronner Verkehrsamt warb für die Stadt mit dem Slogan „Heilbronn im Schnittpunkt europäischer Autobahnen“: die neuen Autoahnen Richtung Mannheim, Würzburg und Nürnberg. In der Innenstadt wurden Fußgängerzonen und an der Allee Fußgängerunterführungen errichtet, 1971 unter der Festhalle Harmonie eine Tiefgarage, und weiter nördlich das Shoppinghochhaus mit Hotel und dem Südfunk-Regionalstudio Heilbronn. Der autofreie Rathausplatz ermöglichte dort die Einführung eines Wochenmarktes sowie Weindorf und Weihnachtsmarkt. 1969 wurde das Kaufhaus Merkur und 1970 das alte Theater gesprengt. Das alte Stadtbad am Wollhausplatz wurde 1972 abgerissen. Hier erfolgte 1975 die Erweiterung des neuen Wollhauszentrums mit vorgelagertem Busbahnhof. Unweit vom Kaufhaus Horten entstand der Kaufhof. Heilbronn sollte eine attraktive Einkaufsstadt werden.

Entscheidend bestimmt wurde das gewollte großstädtische Wachstum durch Oberbürgermeister Dr. Hans Hoffmann (1967-1983), mehr Stadtmanager als Stadtrepräsentant, „rational und emotionslos“, wie ihn Zeitzeugen erlebten. Schrenk erinnert auch an den Ersten Bürgermeister Dr. Karl Nägele und dessen Nachfolger 1974 Ministerialrat Dr. Manfred Weinmann, an die Finanzbürgermeister Hermann Bosch (1970-1977) und Peter Giebler (1977-1981), Sozial- und Kulturbürgermeister Erwin Fuchs (1964-1979 und Baubürgermeister Herbert Haldy (1971-1983). Bei den Gemeinderatswahlen 1971 und 1975 erreichte die SPD die Mehrheit. Schrenk verweist auf damals bekannte Politiker: Entwicklungshilfeminister Dr. Erhard Eppler (SPD), der mit 50,5 % der Erststimmen das Heilbronner Direktmandat gewann; Egon Susset (CDU), der über die Landesliste und 1976 per Direktmandat ins Parlament kam und Dieter Spöri (SPD) über die Landesliste; die Landtagsabgeordneten Günter Erlewein (SPD) und Ulrich Stechele (CDU).

Politisch waren die 70er Jahre ziemlich wechselvoll, wie Schrenk in einem nationalen  Exkurs aufzeigt: Koalitionsregierung von SPD und FDP unter Kanzler Willy Brandt (mit den Ostverträgen), sein Rücktritt wegen der Guillaume-Affäre, Kanzlerschaft von Helmut Schmidt (mit Nato-Doppelbeschluss). Hinzu kamen wirtschaftliche Probleme: Ölkrise, steigende Preise und Arbeitslosenzahlen. 

In dieser Zeit verlor Heilbronn zahlreiche Betriebe, so Flammer, Wolko, Tscherning und Bruckmann, durch Wegzug Dautel und die Zuckerfabrik, dessen Gelände frei wurde für Wohnhochhäuser. Während das Neckarsulmer Audi-Werk verzweifelt aber erfolgreich gegen die Schließung kämpfte („Marsch der 700“ zum Heilbronner Marktplatz 1975), glänzte Telefunken an der Theresienwiese in der Halbleitertechnik mit 7000 Beschäftigten. Und es entstand die größte Weinkellerei Württembergs durch Zusammenschluss der Genossenschaften Heilbronn, Erlenbach und Weinsberg. Generell bahnte sich in den 70er Jahren der Wandel vom produzierenden Gewerbe zum Dienstleistungssektor an, konstatiert Schrenk, und nicht zuletzt erinnert er auch an die damalige Hoch-Zeit des Heilbronner Fußballs in der 2. und 3. Liga.

Gegebenenfalls wird Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Schrenk bei passender Gelegenheit doch noch seinen Vortrag „Heilbronn in den 70er Jahren“ bei den “Jungen Senioren“ halten (mit Bildmaterial) und mit ihnen Erinnerungen austauschen. 

Kirchliches Mottowort 2021: Barmherzigkeit

Der neue Heilbronner Prälat Ralf Albrecht legt die Jahreslosung aktuell aus

Es ist guter Brauch bei den „Jungen Senioren“, dass der Heilbronner Prälat die Programmreihe im neuen Jahr eröffnet und dabei die Jahreslosung auslegt. So geschehen auch vor einem Jahr (13. Januar 2020) von Prälat Harald Stumpf, der bei dieser Gelegenheit auch nach acht Jahren im Amt des Regionalbischofs sein vorzeitiges Ausscheiden mit 62 aus gesundheitlichen Gründen bekanntgab. Kurz zuvor (am 10. Januar) hatte die württembergischen Kirchenverwaltung Stumpfs Antrag auf vorzeitigen Ruhestand genehmigt, und noch am gleichen Tag hatte – um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten – der Landeskirchenausschuss den Dekan des Kirchenbezirks Nagold, Ralf Albrecht, zum neuen Prälat des Sprengels Heilbronn gewählt.

Ralf Albrecht, seit 1. September  2020 neuer Heilbronner Prälat, erklärte sich auch gerne bereit für die Auftaktveranstaltung der „Jungen Senioren“ am 11. Januar im Hans-Rießer-Haus. Doch der Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie machte diese Präsenzveranstaltung zunichte. Prälat Prälat Albrecht ist  jedoch in seinem Neujahrsbrief 2021 dezidiert auf die ökumenische Jahreslosung 2021 in dieser so ungewöhnlichen aktuellen Situation eingegangen: „Seid barmherzig, wie auch Euer Vater im Himmel barmherzig ist: „(Lukas 6/ 36)  

„2020 hat uns zum Teil eindrucksvoll  und zum Teil verunsichernd gezeigt, wie wenig wir Menschen Zukunft und Planung  in der Hand haben.“ So Albrechts Einführung und er folgert, dass deshalb die Stimmung zwischen Angst und Aufbegehren wechselt. In dieser „alles andere als eine herzergreifend frische und hoffnungsvolle Perspektive“ sei, bringe die Jahreslosung „unser Leben mit Herzenswärme, mit Güte und mit Zuversicht in Verbindung.“ 

„Und das brauchen wir: Barmherzigkeit! Barmherzigkeit miteinander. Wenn die Einschränkungen noch nicht aufhören. Wenn so vieles ungewohnt bleibt und wir voneinander Abstand halten – und das aus gutem Grund. Es ist sogar Teil unseres  barmherzigen Handelns. Wir achtcn aufeinander, indem wir bestimmte altgeliebte Gewohnheiten gerade immer noch zurückstellen. Indem wir auf Tätigkeiten verzichten, für die wir uns sonst Zeit und Freiheit genommen haben.“ Prälat Albrecht hebt hervor, „dass Gottes Güte bildlich gesehen für uns ‚Ent-Lastung‘ bedeutet: ‚Er-Barmen‘, und dass Gott ein Herz für unsere Last hat: ‚Barmherzigkeit‘.“ Dass Gott  barmherzig ist, ist für Albrecht „der Anfang von allem. Daraus kriegen wir die Kraft, Lasten anderer zu tragen – also barmherzig zu sein.“  Und er folgert, weil Gott die größte Last der Welt aufs Herz nimmt: „Was war, muss und kann mich nie mehr beeindrucken. Was kommt, braucht und darf mich nicht schrecken. Durch Gottes Erbarmen geht mir das Herz auf.“

Und so hat Albrecht alle Lastenträgerinnen und Lastenträger im Blick und spricht ihnen „ganz hohe Anerkennung und Dank“ aus. „Als ihr  neuer Prälat bin ich in den ersten Monaten  meiner Amtszeit sehr, sehr beeindruckt von dem, was hier in der Region und weit darüber hinaus an Herzt verschenkt wird.“

Dass Ralf Albrecht ein Geistlicher ist, der es liebt, auf die Menschen offen zuzugehen, sagte Landesbischof Otfried July bei dem im Kirchenfernsehen übertragenen festlichen Gottesdienst zur Einführung von Albrecht in das Amt des Heilbronner Regionalbischofs am 13. September 2020. Wegen der Hygiene-Bestimmungen infolge der Corona-Krise fand der Einführungsgottesdienst nicht in der Heilbronner Kilianskirche statt, sondern auf dem Heilbronner Gaffenberg, wo – so der Landesbischof – viele Jugendliche für Gemeinschaft und Glauben sensibilisiert worden sind.

In der Predigt zu seiner Amtseinführung bezog sich der neu geweihte Prälat auf das Bibelwort, dass jede und jeder von Gott besondere Gaben empfangen hat, die sie/er in die Gemeinschaft einbringen kann, dass als nicht eine(r) alles schaffen kann. Der Kirche als Institution sei es aufgetragen, zu verwalten und zu gestalten, mit Transparenz und Fleiß, gute Haushalterschaft zu wahren, aber über das Ökonomische an der Einheit der Kirche zu arbeiten, die Vielfalt als versöhnte Verschiedenheit zu verstehen und über Ungerechtigkeiten nicht hinwegzusehen. 

Prälat Albrecht sagt von seinem Amt: „Wir Prälaten repräsentieren, predigen, visitieren und sind mit Pfarrstellen-Besetzungen beschäftigt“. Er sitze einmal in der Woche mit dem Oberkirchenrat am Tisch, habe eine Dolmetscher-Funktion zwischen  Kirchenleitung und Kirchenvolk. Der Heilbronner Regionalbischof ist zuständig für14 Kirchenbezirke zwischen Unterland und Hohenlohe, mit 483 000 Kirchenmitgliedern in 365 Kirchengemeinden.

Ralf Albrecht, am 29. Juli 1964 in (Leonberg-)Höfingen geboren, begann seine Pfarrerslaufbahn bereits in der Prälatur, als Vikar in Hausen an der Zaber. Er war von 1994-97 Studienassistent am Tübinger Albrecht-Bengel-Haus, dann zehn Jahre Gemeindepfarrer in Rielinghausen (Dekanat Marbach), in Stellenteilung mit seiner Frau Christa geb. Waldmann (das Pfarrersehepaar hat drei Kinder), und seit 2007 Dekan des Kirchenbezirks Nagold. Seit 2008 war Albrecht Vorsitzender der pietistischen Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“, seit 2013 gewähltes Mitglied der Landessynode für die LG, ein Amt, das er mit der Prälaten-Bestellung aufgab: „Ich will der Prälat aller sein.“

Lebkuchen und Gewürze in der Weihnachtszeit

Apothekerin Friedelis Hartmann mit Geschichten über diese Köstlichkeiten / von Helmut Sauter

Advent und Weihnachten ist Lebkuchenzeit. So auch in diesem Dezember 2020, der geprägt ist vom Teil-Lockdown infolge der Corona-Pandemie, der ja auch die Weihnachtsmärkte sowie diverse Veranstaltungen und Feierlichkeiten zum Opfer gefallen sind. Auch das Vortragsprogramm der „Jungen Senioren“ konnte nicht fortgesetzt werden, so dass auch das Referat der Pharmazeutin Friedelis Hartmann über „Geschichten rund um den Lebkuchen und die Gewürze in der Weihnachtszeit“ nicht zustande kam. Sie hat eine 40jährige Berufszeit als Apothekerin in Lauffen hinter sich und ist im Ruhestand. Mit ihrem Mann, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht .D., und nachdem ihre drei Töchter eigene Familien haben, ist sie  nach Heilbronn gezogen und betätigt sich nach wie vor ehrenamtlich mit Vorträgen aus ihrem Berufsfeld in Kirchengemeinden und bei Landfrauen-Treffen. 

Gerne hätte sie auch im Hans-Rießer-Haus dieses Thema „life“ vorgetragen, doch da das nicht sein konnte, hat sie ihre diesbezüglichen Unterlagen für einen entsprechenden  Bericht zur Verfügung gestellt, um in dieser Advents- und Vorweihnachtszeit zumindest virtuell mit Duft und Geschmack von Lebkuchen(gewürzen) etwas festliche Atmosphäre zu vermitteln.

Wir alle kennen Lebkuchen, jenes süße, kräftig gewürzte, haltbare Gebäck, in vielfältigen Sorten und Formen fester Bestandteil der Weihnachtszeit, mitunter auch ganzjährig auf Jahrmärkten und Volksfesten angeboten. Wie so manch andere Köstlichkeit kommt auch Lebkuchen aus dem Orient, wo es schon vor 3500 Jahren mit Honig gesüßte Fladen als Luxusgut in der Antike gegeben haben soll; jedenfalls hat man solche „Honigkuchen“ als Grabbeigaben in Ägypten gefunden. Die Römer lernten jene „Honigkuchen“, die auch schon im Alten Testament Erwähnung finden, auf ihren Eroberungszügen kennen und integrierten dieses Gebäck in ihre Kultur – zum Verwöhnen von Kindern, als Geschenk für Arme und Kranke sowie als Opfergaben.

Kreuzritter brachten aus dem Vorderen Orient neue Geschmacksrichtungen nach Hause und Weltumsegler aus dem fernen Osten. Spätestens im Mittelalter hatte der  Lebkuchen Einzug in deutschen Landen gefunden. Die Bezeichnung Lebkuchen hat weniger mit „Leben“ zu tun, sondern ist wohl dem lateinischen Wort „libum“ für Fladen entlehnt, auch synonym für „laib“ als (ungesäuertes) Brot. Die Hersteller von Lebkuchen verkörperten jedoch eine andere Zunft als die (Brot-)Bäcker, nannten sich althochdeutsch „Lebzelter“ (für kleinere Lebkuchen) und später „Lebküchner“. Waren Lebkuchen ursprünglich als Fastenspeisen aus Klöstern geschätzt, so entwickelten sich in Süddeutschland regionale Lebkuchen-Spezialitäten, so insbesondere in Basel, Ulm, Augsburg, München und vor allem in Nürnberg. Sie waren damals die Handelsmetropolen, in denen man mit importierten Gewürzen in Berührung kam, die für die Zubereitung von Lebkuchen notwendig waren..

Es sind die Zutaten, die den Charakter der Lebkuchen bestimmen. Wasser, Milch und Fett spielen so gut wie keine Rolle. Lebkuchen enthalten vor allem viel Süßungsmittel, traditionell Honig (ersatzweise  auch Kunsthonig) – deshalb auch Honigkuchen. Die zuckerreiche Beschaffenheit gewährleistet die lange Haltbarkeit von Lebkuchen, Bei trockener Luft gibt der Lebkuchen schnell Feuchtigkeit ab und er wird dadurch fester, bei richtiger Lagerung (relative Luftfeuchte und Raumtemperatur) wieder weich. Die chemische Lockerung des Teiges erbringen die klassischen Lockerungsmittel Pottasche und Hirschhornsalz, heute auch vielfach erreichbar mit Backpulver und Natron. Die typischen Merkmale von Lebkuchen ergeben sich aus den verwendeten Lebkuchen-Gewürzen. Furore machte zuerst der Pfeffer, anfänglich aus Ceylon, dann aus Guayana, der wegen der langen Bezugswege Lebkuchen sehr teuer machte und die Händler – „Pfeffersäcke“ – in Verruf brachte. 

Auch wenn der Gewürzhandel für Industrie, Gewerbe und Haushalt längst schon fertig gemischtes Lebkuchen- und Glühweingewürz) anbietet (meist nur trockene Gewürze, bereits feinkörnig gemahlen), macht die heute zur Verfügung stehende Vielzahl von (rohen) Gewürzen den Reiz der verschiedenen Lebkuchen-Sorten aus: neben Pfeffer sind das Zimt, Nelken, Piment, Macis, Koriander, Ingwer, Anis, Sternenanis, Kardamon und Muskatnuss, zusätzlich weitere Aromen wie Schalen von Zitrusfrüchten. Generell unterscheidet man zwischen braunen Lebkuchen, zu denen auch Printen (mit Kandisstückchen), Dominosteine (mit Gelee, daneben Marzipan oder Persipan) und Basler Läckerli (vom Blech, mit kandierten Früchten) gehören, und Oblatenlebkuchen mit gemahlenen Mandeln und Haselnüssen) bzw. weiße Lebkuchen mit hohem Eianteil. Am populärsten sind die Spezialitäten aus Nürnberg, Aachen und Lübeck, die am volkstümlichsten mit Zuckerguss verzierte Bildlebkuchen, insbesondere Lebkuchenherzen bis hin zu Lebkuchenmännern oder Lebkuchenhäuschen.

Jedenfalls: „Kein Weihnachten ohne Lebkuchen“, so Friedelis Hartmann.

(Foto: Friedelis Hartmann)

Als Bauerntochter die Stallschwalben beneidet

Ulrike Siegel über das Leben im landwirtschaftlichen Familienbetrieb / von Helmut Sauter

Wie es früher war – das wollten wir in jüngeren Jahren gerne von unseren Eltern und Großeltern erfahren. Und danach fragen auch heute gelegentlich Kinder und Enkel uns „Junge Senioren“. Im Hans-Rießer-Haus sollte und wollte jetzt im Dezember 2020 die Autorin Ulrike Siegel (1961 im Brackenheimer Ortsteil Botenheim geboren) berichten, wie das Leben in den 60er und 70er Jahren in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb – einem Aussiedlerhof im Zabergäu – so war und darüber aus ihrem neuen Buch lesen: „Stallschwalben – autobiografische Geschichten einer Bauerntochter“  (Landwirtschaftsverlag, 192 Seiten, 14 €). Doch da der Corona-Lockdown dieses Vorhaben zunichte machte, ist hierzu eine Buchbesprechung angesagt.

Es waren diese Sommergäste, die Stallschwalben, die regelmäßig im Frühjahr kamen, ihre Familienstube oben im Stallgeviert über den wiederkäuenden Kühen und der Schweinebuchten bauten und im Herbst aufbrachen in eine ferne Welt – für die kleine Bauerntochter sehnsuchtsvoll unerreichbar. Ihr blieb nur der Heintje-Song „Ach Mutter, ach wär ich ein Schwalbenkind …“ Ulrike Siegel blieb – im Gegensatz zu den ungelebten Träumen ihrer Mutter – die Ferne jedoch nicht verschlossen. Mit fast 30 studierte sie noch Agrarwissenschaften und bereiste Lateinamerika, Afrika, Indien, Portugal und Kanada, wo sie einheimisches Bauernleben kennenlernte. Doch es blieb ihr die Heimatliebe und das stolze Bewusstsein ihrer Herkunft. Sie gründete ieine eigene Familie (zwei Kinder), wurde Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg (in Hohebuch) und veröffentlichte zehn Bücher aus und über das Leben auf Bauernhöfen. Vor gut zehn Jahren stellte sie bei den “Jungen Senioren“ eine dreibändige Reihe mit gesammelten Lebensgeschichten von 60 Bauerntöchtern aus ganz Deutschland vor. 

Als Kind und Jugendliche rebellierte Ulrike Siegel (mehr innerlich) gegen die bäuerlichen Tugenden wie Fleiß und Sparsamkeit, beneidete Freundinnen, die zu Hause nicht mithelfen mussten, im Stall und auf dem Feld, bei schönem Wetter ins Freibad gingen und mit ihren Eltern in den Urlaub fuhren, während ihr “Urlaub“ an einem Sommermittag auf einer Baumwiese bei Grillwurst und süßer Limonade stattfand oder allerspätestens an der Endstation der Zabergäubahn endete. Es war da wenig tröstend, wenn die Mutter von dem Glück sprach, in der freien Natur aufzuwachsen, mit großem Haus und mit Tieren – wenn man mit dem verräterischen Geruch von Kühen und Schweinen belastet und in der Schule einer Geruchskontrolle unterworfen war.

Den Alltag dieses bäuerlichen Lebens zwischen Tradition und Moderne schildert Ulrike Siegel eindrucksvoll jenseits von Romantik und Verteufelung in gut lesbaren Kapiteln. Als sie zwei war, zogen ihre Eltern mit ihr und der nächstjüngeren Schwester von dem zu eng gewordenen Hof mitten im Dorf zwei Kilometer außerhalb auf einen selbst gebauten Aussiedlerhof („zwei Jahre harte Handarbeit“), Stallungen für zehn Kühe und 40 Mastschweinen sowie Wiesen, Äcker und Weinbau. Zwei jüngere Schwestern kamen hinzu, auf die die Größeren aufpassen mussten, wenn Vater und Mutter im Stall und Flur von früh bis spät zu tun hatten – und auch sie zunehmend arbeitsmäßig eingebunden wurden. Wo der Stundenplan aufhörte, begann der Arbeitsplan. „Es wurde gemacht, was gemacht werden musste.“ Die glücklichsten Tage und Abende waren die zwischen den Jahren in der warm beheizten Weihnachtsstube.

Es waren karge Zeiten, im Existenzaufbau. Man versorgte sich weitgehend selbst, sparte überall, wo es nicht weh tat, wie bei Spülmittel und Klopapier. „Was man nicht verbraucht, muss man nicht erarbeiten.“ Und wenn dann Geld auf das Konto einbezahlt wurde, war das mehr als nur eine Zahl. Es war die unendliche Mühe, noch mehr Handgriffe, Sorgen, schlaflose Nächte, es waren Schweine, Ferkel, Bullen, Milch, Getreide, Rüben und Trauben. 

Mit dem Traktor fuhren die Eltern in den Ort, zum Milchhäusle, zur Chorprobe, zur Kirche, zum Elternabend. Ein Auto kam erst 1971, der erste Fernseher 1974. Der Agrarmarkt war im Umbruch. Da war es schwer, sich gegen die Devise zu stemmen, „wachse oder weiche“. Und so stringent war auch der Spruch nicht: „Hast du Schweine, hast du Scheine, hast du Kühe, hast du Mühe.“ 

Ulrike Siegel schildert auch kleinere und größere Unfälle auf dem Hof. Wie „Blind-Radfahren“ und eine als Fußballtor zweckentfremdete Fensteröffnung über der Garage ihr einen Kopfverband bzw. einen heiklen Klinikaufenthalt bescherten. Schlimm und dramatisch wurde es, als ihre Mutter erfuhr, dass sie Brustkrebs hat; hinzu kam noch Knochenkrebs. Nach sieben sorgenvollen Jahren mit Operationen und Chemotherapien verstarb die Mutter, konnte zuhause im Krankenbett „loslassen“. Zu dieser Zeit hatte Ulrike Siegel sich bereits entschlossen, nach Schulabschluss auf dem Hof zu bleiben und ihn mit dem Vater zu bewirtschaften. In diesen zehn Jahren machte sie zwei Meisterprüfungen, in Landwirtschaft und landwirtschaftlicher Hauswirtschaft. Eine der jüngeren Schwestern übernahm dann den Hof. So hat die „Weiberwirtschaft“ sich dann doch bewährt.

Ulrike Siegel versteht es auch, in ihrem Buch das dörfliche Leben einzufangen, die sozialen Beziehungen und Kontrollen mit Verwandte, Nachbarn, Geschäftspartnern und lokalen „Institutionen“. Sie betreibt keine Nestbeschmutzung, sondern setzt vielmehr ihren Eltern quasi ein Denkmal und damit auch den landwirtschaftlichen Familienbetrieben, insbesondere den Aussiedlerhöfen. (Fotografin: Claudia Fy)

Der ewige Superstar der klassischen Musik

Im Jubiläumsjahr 250 Jahre Ludwig van Beethoven: revolutionäres Genie

Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft, eingetragen im Taufregister der Pfarrei St. Remigius,  – und er wurde zum globalen Superstar der klassischen Musik. Dementsprechend wurde vor einem Jahr das „Beethoven-Jahr“ ausgerufen: mit weltweit unzähligen Konzert- und Festival-Programmen, Klanginstallationen,  Ausstellungen und Kongressen, schwerpunktmäßig in seiner Geburtsstadt Bonn und in seiner Hauptwirkungsstätte Wien. Die Pandemie des Coronavirus mit ihren vielfältigen Einschränkungsmaßnahmen hat jedoch bei den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstagsjahr von Ludwig van Beethoven zahlreiche Gedenk- und Jubelveranstaltungen verhindert. So auch bei den „Jungen Senioren“, wo der Unterländer Musikwissenschaftler Dr. Matthias Schwarzer in Wort und Ton das größte Musik-Genie würdigen wollte unter dem Titel „Musik ist höhere Offenbarung als die Weisheit und Philosophie“.

Diese Einschätzung trifft wohl sehr charakteristisch das kompositorische Wirken Beethovens: „Musik für die  Ewigkeit“, wie maßgebende Musikexperten meinen. Seine Kompositionen schwankten zwischen unbeschwert anmutender Virtuosität und schicksalsschwerer Dramatik – als Ausdruck seines Seelenlebens und seiner originären Persönlichkeit. Es war die unmittelbare gefühlsmäßige Wirkung seiner kraftvollen und explosiven Musik auf das Publikum, das den Mythos Beethoven als Neuerer der Musik begründete.

Beethovens außergewöhnliche musikalische Begabung wurde schon früh in seiner Kindheit von seinem Vater entdeckt, einem liederlichen Hofmusiker und Alkoholiker. Der junge Ludwig erhielt bereits im Mai 1784 eine bezahlte Stelle als zweiter Organist am Hof, wo sein ungewöhnliches Klavierspiel alsbald große Anerkennung und Bewunderung fand. 

Deswegen wurde er 1791 vom Kurfürsten zu einem Studienaufenthalt nach Wien geschickt, der Hauptstadt der klassischen Musik, die dann seine Wahlheimat wurde und wo der junge Beethoven auch kurzzeitig Unterricht bei Haydn bekam, sich aber selbst schon schnell als überlegen und vollendet empfand. Tatsächlich erweckte seine Art des Klavierspielens in dem musikalisch so aufgeschlossenen Wien großen Eindruck. Beethoven galt als der temperamentvollste Pianist und größte Improvisator seiner Zeit und war schließlich der populärste Komponist. Er sah sich von Anfang an als herausragender Künstler mit entsprechendem Anspruch und Selbstbewusstsein.  Das drückte sich auch aus im Umgang mit den ihn umwerbenden Verlegern und vor allem in seinem distanzlosen Auftreten in der Wiener Gesellschaft und dem Wiener Hochadel, von dem er anstandslos eine alljährliche Apanage bezog. 

Beethoven verdankt seine Sonderstellung wohl seiner künstlerischen Originalität als schöpferische Naturbegabung, die hergebrachte Musikformen gegebenenfalls missachtete und revolutionierte. Persönlich hingegen war er ein regelrechter Unflat. Mürrisch, argwöhnisch, launisch, aufbrausend, aber auch pedantisch, ein empfindlicher Misanthrop und chaotischer Messie, der in seinen 35 Wiener Jahren dutzende Male umzog und bestimmt 20 verschiedene Wohnungen hatte, in denen – wie Besucher berichteten – eine unbeschreibliche Unordnung herrschte. Gleichwohl verkehrte er in besten Kreisen, mitunter gut gekleidet,  mit Perücke oder wallender Künstlermähne, aber im Benehmen höchst unangepasst. Hier kam er auch mit gut verheirateten Damen in Kontakt, in der er sich auch verliebte, die aber standesgemäß wohl nie eine Verbindung mit ihm in Erwägung gezogen haben dürften. Dennoch gab sein Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ der Nachwelt Anlass für Spekulationen, ob Antonia Brentano oder Josephine Brunsvik, die er mehrmals in Prag traf, die Frau seiner Begierde war. 

Beethovens frühe Wiener Jahr waren – auch als frenetisch gefeierter dirigierender Kapellmeister – von Erfolg gekrönt, und der sollte sich eher noch mehren, obwohl Beethoven bereits als 28jähriger erstes Hörleiden spürte, das laufend zunahm, bis er – noch keine 40 – total ertaubte. Das hinderte ihn aber nicht, auch dann noch unvergängliche Musik zu hinterlassen. Er hatte das absolute Gehör und.eine enorme Musikbibliothek im Kopf. So ungeschickt und nachlässig er in persönlichen Dingen war, so nachhaltig und gewissenhaft war er im Komponieren, von Klavierkonzerten, Kammermusik, Orchesterwerken. Jeder Klavierschüler kennt seine dreiminütige Miniatur „Für Elise“, die Musikwelt schätzt seine Klaviersonaten, seine Violin- und Cellosonaten, „Eroica“, „Appassionata“, „Pastorale“, seine Streichquartetten, Sinfonien, seine einzige Oper „Fidelio“ (1814), die „Missa solemnis“ (1823), sein vielleicht gelungenstes Werk. Am bekanntestes aber ist Beethovens „Neunte“ von 1827, eine ungewöhnlich lange 70 minütige Sinfonie, mit der Schillers Gedicht interpretierenden „Ode an die Freude“. Aus 16 Takten daraus entstand die Europa-Hymne, die die Werte der Europäischen Gemeinschaft für Freiheit, Frieden und Solidarität ausdrückt.  

Beethoven starb nach langjährigem Leberleiden am 27.März 1827; über 20 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Wien teil; Schubert war einer der Fackelträger des Leichenzugs.

Helmut Sauter

Gemälde von Joseph Karl Stieler ca. 1820