Archiv für den Monat Juli 2012

Auf eine subjektiv gute Lebensqualität kommt es an

Foto: Matthias Treiber

Die EU-Kommission hat das Jahr 2012 zum „Jahr des aktiven Alter(n)s und der Solidarität der Generationen“ ausgerufen. Doch ist unsere Gesellschaft überhaupt auf den demografischen Wandel, bei dem sich der „Altersquotient“ – der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in 50 Jahren verdoppelt – vorbereitet? Mit dieser Frage befasste sich im Rahmen der 3. Heilbronner SommerAkademie der Alterswissenschaftler Michael Bolk vom Geriatrischen Institut der Universität Heidelberg, bei einem von den „Jungen Senioren“ initierten Vortrag im Hans-Rießer-Haus mit dem früheren Heilbronner Klinik-Seelsorger Peter Goes als Moderator.

Der „Zukunftsmarkt Alter“, so Bolks Thema, ist jedenfalls vielversprechend. Mehr als dreitausend Milliarden Euro soll die Kaufkraft der Generation der über 65Jährigen EU-weit ausmachen. Sie ist inzwischen die kaufkräftigste soziale Gruppe. Kein Wunder, dass immer mehr bestimmte Produkte und Dienstleistungen auf sie abgestellt werden. Das gilt weniger im komsumtiven Bereich, denn da wollen die Älteren nicht als solche angesprochen werden, wenngleich sie im Discountladen wert legen auf gut sichtbare Waren- und Preisschilder und und leicht erreichbare Waren in den Regalen. Aber die Hörakustik-Branche boomt wie auch die Sanitätshäuser. In der Pflege tut sich – mangels Personal – ein zukunftsträchtiger Markt für Roboter auf, im Service wie insbesondere in der Unterstützung von Bewegungsabläufen (etwa durch angeschnallte Gehhilfen).

Von dem Markt für Anti-Aging gar nicht zu reden. Bolk hat bei einem Altersprojekt in Ägypten festgestellt, dass die besondere Angst der Araber vor dem Alter sich auf ihr Aussehen bezieht und dass diejenigen, die es sich leisten können, massiv Schönheitschirurgen aufsuchen, „noch stärker als in den USA“. Und in der Schweiz ist das selbstbstimmte Sterben – assistierter Suizid – zu einem einträglichen Geschäftsfeld geworden, für Eidgenossen durch Mitgliedschaft im Verein Exit und für Fremde über die Firma Dignitas mit einer Gewinnmarge von 85 Prozent, wie Bolk erfuhr.

Auch wenn die Älteren gerne als belastender Kostenfaktor unseres Sozialwesens verunglimpft werden (im Gesundheitswesen gilt das höchstens für die Hochbetagten), so sind sie doch durchaus ein stabilisierender Faktor unserer Gesellschaft. Das gilt für den großen Kreis der Ehrenamtlichen, die mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement so manche infrastrukturelle Gegebenheiten am Laufen halten. Und das gilt erst recht im Familienverbund, denn ohne großelterlichen Einsatz wären viele Berufstätigkeiten junger Mütter nicht möglich. Hinzu kommt der finanzielle Transfer von Alt zu Jung, der in Deutschland auf jährlich 14 Milliarden Euro geschätzt wird.

Ist also mit der Welt der Älteren und Alten alles in Ordnung? „Ein sozialkultureller Kontext besteht dann, wenn die älteren Menchen mit ihrer Ressourcen, ihrer Würde, ihren Bedürfnissen und Interessen  in gleicher Weise in der Mitte des öffentlichen Raums stehen wie die jüngeren Menschen.“ Dieses Postulat der geriatrischen Wissenschaft für eine altersfreundliche Kultur entspricht wohl keiner Realität. Da müssten allein schon in der Erwerbsarbeit ganz andere Ansätze vorhanden sein. De Frühverrentungspraxis hat nach Bolks Ansicht viel zu einem negativen Blick auf das Alter geführt. Dabei könnte berufs- und arbeitspolitisch viel stärker auf den älteren Arbeitnehmer, als solcher gilt man bereits ab 45, eingegangen werden. Es könnten geeignete Anreize für eine Verlängerung der Erwerbsphase geschaffen werden. Und es gibt derzeit bereits Unternehmen, die ihre Rentner zurück in den Arbeitsprozess rufen, weil sie glauben, deren Erfahrungen und besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten nutzbar einsetzen zu können.

Mit 65 oder 67 muss man nicht zu alt „zum Schaffen“ sein. Die heutige Alten-Generation ist viel  gesünder und leistungsfähiger als die vor 50 oder gar 100 Jahren. Gegen die mit dem Alter abnehmende Geschwindigkeit der Zellerneuerung kann man kaum etwas machen, aber trotz gewisser gesundheitlicher Defizite und Beeinträchtigungen kann sich der ältere und alte Mensch durchaus einer subjektiv guten Lebensqualität erfreuen. Diese frühzeitig zu begünstigen – etwa durch gesunde Ernährung und viel Bewegung – ermöglicht es, im Ruhestand mit den Auf- und Abschwüngen der eigenen Biografie besser klar zu kommen und dem Alltag im Alter schöne Seiten abzugewinnen, so der 33jährige fidele Altersforscher Michael Bolk.