Archiv für den Monat August 2012

Die lebenswerte Stadt von morgen lässt sich planen

Foto: Matthias Treiber

Die 3. Heilbronner SommerAkademie 2012 stand unter der Grundthematik „Unsere Welt von morgen: In welcher Zukunft wollen wir leben?“. Zu den acht Veranstaltern in dem Arbeitskreis gehörte auch der Kreisseniorenrat, der die Vortragsveranstaltung „Städtebau der Zukunft – die lebenswerte Stadt von morgen“ im Hans-Rießer-Haus verantwortete. Kreisseniorenrat-Vorsitzender Friedrich Schwandt postulierte gleich zu Anfang, dass wir heute schon in der Zukunft von gestern leben, unsere heutigen Ideen und Entscheidungen also die nahe und ferne Zukunft bestimmen. Und er wies darauf in, dass es die wohl älteste städtische Siedlung bereits vor 8000 Jahren gab, nämlich Jericho, heute eine Kleinstadt – allerdings die tiefstgelegene der Welt – im Westjordanland.

Der Referent Dr.-ing. Horst Reichert nahm diesen Ball auf und bestätigte, dass die ersten Städte ab 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung im Nahen und Mittleren Osten entstanden. Zur ersten Millionen-Stadt wurde Rom vor 2000 Jahren. Nach dem Zusammenbruch der antiken Welt verlagerte sich die Verstädterung nach dem Osten. Noch um 1700 lagen von den 70 größten Städten der Welt nur zehn in Europa. Erst mit der Industrialisierung schlug der Städte-Pendel nach Westen aus, ehe mit der Entkolonialisierung ab 1900 neue Stadtkonglomerate im Süden entstanden. Die Zahl der in der Kategorie „groß“ geführten Städte verdoppelte sich von 1970 bis 2000 auf 2000. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, eine Milliarde Menschen im Norden und zwei Milliarden im Süden, dort zu einem Großteil in Hüttenmetropolen und Flüchtlingslagern, die auf nächtlichen Satelittenfotos der Nasa gegenüber den Megabeleuchtungsfeldern in Europa, USA/Kanada und Japan lichtmäßig ziemlich unterbelichtet registriert werden.

Dr. Reichert lehrte am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, an dem jährlich 40 ausländische Bachelor-Studenten ihren Master in Infrastrukturplanung machen können; zahlreiche Absolventen haben in ihren Heimatländern schon große Karrieren bis in Ministerämtern erreicht. Reichert, der einige Jahre in London lebte, hat wichtige Erfahrungen machen können unter anderem in Iran und Irak, Gaza, Nodafrika und  Äthiopien mit den unterschiedlichsten Stadttypen und Siedlungsformen, die sich von dem Vorbild der europaischen Stadt entfernen.

In die moderne Stadtwelt-Präsenation stieg Reichert mit Masar City im Emirat Abu Dhabi ein. Nach der Planung von Stararchitekt Norman Foster soll sie die erste klimafreundliche Stadt der Menschheit werden, indem die im Wüstensand errichteten Gebäude optimal auf Sonne, Schatten und Wind abgestimmt sind und ausschließlich auf erneuerbare Energien. Gitantonomie bestimmt überhaupt die Städteplanung in den reichen arabischen Emiraten wie in dem höchst innovativen und dynamischen Wirtschaftszentrum Dubai mit futuristischen sich drehenden Wohnwindtürmen und künstlichen Städteinseln im Meer – ein Über-Morgenland.

Reichert präsentierte dann ein Kaleidoskop von beispielhaften europäischen Hafenstädten. Beginnend mit Barcelona, das nach einem Niedergang in 40 Jahren Franco-Diktatur zur rasanten Stadtreparatur schritt und im Zuge der Ausrichtung der Olympischen Spiele 1992 Industriebrachen neu erschloss und sich zum Meer öffnete. Oder das nördliche spanische Hafenzentrum Bilbao, das mit dem Guggenheim-Museum jährlich eine Million Besucher anzieht. Und er zeigte Kopenhagen im Metropolenfieber auf dem Weg zur transnationalen Stadtregion, die Tor zum Ostseeraum sein will. Olympischer Geist beflügelte London, die vernachlüssigten Ostregionen infrastrukturell aufzuwerten, ebenso an der Südseite der Themse ein neues Wirtschaftszentrum zu etablieren. Schließlich Hamburg mit der Hafencity, eines der markantetsten Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserregionen weltweit, womit die City um 40 Prozent erweitert wird. Zum Schluss noch New York. Hier zeigte Reichert beispielhaft an der Begrünung der 1,6 km langen Güterbahnstecke High Line, wie eine schmale Parkpromenade die Häuserschluchten aufwerten kann.

Für Reichert liegt die menschengerechte Zukunft einer Stadt darin, dass sie sich immer wieder neu organisiert und saniert: Lebenswertes städiches Leben in Harmonie von attraktivem Wohnbau, Erholungsflächen im Grünen und intakter Verkehrsstruktur.