Früher war man ja mit 60 Jahren schon ein Greis

Dekan Friedrich verdeutlicht den Wandel der Altersbilder in der Gesellschaft (Veranstaltung vom 15. Oktober 2012)

Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

„Von der Kunst, erfüllt älter zu werden“. Passender hätte das Thema zum Start der neuen Programmreihe 2012/13 der „Jungen Senioren Heilbronn“ kaum sein können. Schon traditionell wurde das Eröffnungsreferat von dem Heilbronner Dekan Otto Friedrich wahrgenommen, umd 110 zahlende Zuhörer/innen waren gekommen, um sich einstimmen zu lassen auf die zeitgemäße Nutzung der Herausforderungen und Möglichkeiten in der Altersphase des Lebens.

Dekan Friedrich machte geltend, dass er kürzlich zu seinem 60. Geburtstag mit dem Spruch konfrontiert wurde, „wenn dich am heutigen Tage zum Greise stempeln die Jahre . . .“ Tatsächlich habe man ja vor etlichen Jahren einen Sechzigjährigen für einen Greis gehalten. Doch längst sei es überfällig, sich von überkommenen Altersbildern zu verabschieden. Friedrich konnte dabei auf eine parallele Foto-Austellung der 71jährigen Heilbronner Fotografin Gerlinde Ose im großen Saal des Hans-Rießer-Hauses verweisen, die unter dem programmatischen Titel „Ja zum Alter“ die heutige Realität Älterer in ihrer Vielfalt und vor allem in ihrer Freude am Leben in den Blick nimmt.

In dem Austellungsflyer werden Albrecht Dürers Bildnis der Mutter, eine Kohlezeichung von 1514, und ein Foto der Schauspielerin Sophia Loren von 1996 gebenüber gestellt, zwei Frauen im 63. Lebensjahr, die eine eine verhärmte Greisin, die andere eine strahlende Schönheit. Natürlich ist eine solche Gegenüberstellung auch ein Hinweis auf die grundverschiedenen Lebenssituationen beider Frauen und der Gesellschaft, in der sie leb(t)en. „Die zivilsatorische Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts hat dazu geführt, dass Menschen heute davon ausgehen können, mit großer Wahrscheinlichkeit eine relativ lange Lebensphase des Alters nach der Pensionierung zu erleben,“ so Dekan Friedrich. Hierfür zog er die Statistik heran: Wer heute 65 Jahre alt ist, kann als Mann damit rechnen, weitere 17 Jahre und sechs Monate und als Frau noch 20 Jahre und acht Monate zu leben. Alljährlich erhöht sich die Lebenserwartung um ein bis zwei Monate. Für Neugeborene beträgt sie inzwischen 78 Jahre (Männer) bzw. 83 Jahre (Frauen). Seit 1960 stieg die durchshcnittliche Lebenserwartung um zehn Jahre, und die Zahl der Hundertjährigen hat sich in den letzten 30 Jahren verfünffacht.

Der anhaltende Trend zur Langlebigkeit hat gesellschaftliche Konsequenzen, betonte Friedrich. Natürlich müsse man sich auf eine steigende Zahl von Pflegefällen und Demenzkranken einstellen. Doch die medizinisch-biologische Sichtweise, die Altern als einen Prozess zunehmender Leistungseinschränkungen und Funktionsverluste in den Blick nehme, vermittle eine zu negative Einsicht. Es gelte, im Prozess des Altwerdens auch Aufbau, Entfaltung und Reifung im Sinne einer Vertiefung und Erweiterung des Lebens wahrzunehmen. Man dürfe Altern nicht nur unter dem Aspekt von als Abbau, Verlust und Defizit sehen, aber auch nicht unbedignt der Anti-Aging-Philosophie nacheifern wollen. Das Alter gehöre in allen Facetten angenommen zu werden. „Das Ausscheiden aus dem Beruf bedeutet ja heute lange nicht nur Rückzug aus der Gesellschaft“, meinte Friedrich, Die dritte Lebensphase sei für viele Ältere eine Zeit, in der sie noch fit und voller Tatendrang sind,, in der sie sich ehrenamtlich engagieren und auch in ihren Familien Verantwortung tragen, in der Pflege von hochbetagten Angehörigen und vor allem im Einsatz für Enkelkinder.

Für den Dekan konnte es nicht ausbleiben,dass er auf Altersbilder in der Bibel einging, so auf Aron und Sarah, auf Hana und Simeon. Er verlangte aber auch von der Kirche, dass sie sich auf neue Milieus von selbsbewussten und anspruchsvollen Älteren einstellen müsse. Friedrichs Fazit: Das Alter als Chance zur Lebensgstaltung wahrzunehmen ist in der Tat eine Kunst.“

Zu Beginn der Veranstaltung gab Beiratsmitglied Kurt Pöhler dem Empfinden vieler Anwesenden Ausdruck, dass man sich nach der Sommerpause wieder darauf freut, Neues zu erfahren und zu lernen aus einem bunten Themenreigen und insbesondere beim Pausenkaffee mit Gleichgesinnten in Gedankenaustausch zu kommen. Pöhler sowie Richard Siemiatkowski-Werner, der rührige Mann im Hintergrund, nahmen am Podium noch eine Ehrung vor, nämlich die nunmehr über 80jährige Margarete Köhl aus Flein, die 15 Jahre lang dem Beirat angehörte und viele Jahre auch aktiv in der Hospiz-Bewegung und Patienterfürspecherin war, mit einem Blumenstrauß zu verabschieden.

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