Archiv für den Monat November 2012

Bibel erzählt von menschlichen Gotteserfahrungen

Bibelforscher Wolfgang Baur informierte, wie das Buch der Bücher entstanden ist (Veranstaltung vom 26. November 2012)

Der Urtext des Alten Testaments – die hebräische Bibel (Foto: privat)

Die Bibel – die „heilige Schrift“ – ist das meist verbreitete und  übersetzte Buch der Welt. Die Bibel beinhaltet nach allgemeiner Vorstellung göttliche Offenbarungen für das Volk Israel und von Jesus Christus. Doch wer hat das „Buch der Bücher“ geschrieben? Darüber referierte Diplom-Theologe Wolfgang Baur vom Katholischen Bibelwerk (Redaktion „Welt und Umwelt der Bibel“) im Hans-Rießer-Haus bei den „Jungen Senioren“vor 120 Zuhörer/innen, die einen spannenden Vortrag erlebten.

Die Bibel ist – auch wenn es immer wieder Publikationen oder TV-Sendungen (wie jüngst „Der Bibel-Code“) signalisieren wollen – kein Buch der Magie, kein geheimnisvolles Buch, stellte Baur eingangs klar. Es sei vielmehr ein Buch, das auf vielfältige Art in lebendiger Weise von den Erfahrungen von Menschen früherer Jahrhunderte mit Gott für sich und die Welt berichtet  und aus dem wir auch heute allgemeine (göttliche) Weisheiten und Wahrheiten nacherleben könnten.

Basis der Bibel ist die sogenannte hebräische Bibel mit einer Unzahl von in wohl 8000 Jahren gesammelten Schriften. „Sie sind nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen – besser von anonymen Gruppen – niedergeschrieben“, erklärte Baur und vermittelte einen Einblick in ihre Entstehung: Als um 590 vor unserer Zeitrechnung die Oberschicht des damals unterjochten israelischen Volkes nach Babylon verschleppt wurde, bemühte sich diese, um im Exil nicht ihre Identität zu verlieren, um eine Vergewisserung ihres Judentums, in dem sie ihre Geschichte aufarbeitete – von Erzvater Abraham über Moses bis zu den Propheten. Erst recht nach der Rückkehr nach Jerusalem verstand man sich als Volk Gottes, als Religionsgemeinschaft, dokumentiert in zahlreichen Schriften, die die geschichtliche Entwicklung im Rückblick darstellen.

So entstand nach und nach das Alte Testament, das mit 39 Büchern deutlich umfangreicher ist als das Neue Testament (27). Als heiliges Buch der Juden gilt die Tora mit den fünf Büchern Moses, den Gesetzbüchern. Zudem gibt es Geschichts-, Lehr- und Prophetenbücher, ja auch poetische Bücher. Gerichtsankündigungen wechseln mit prophetischer Heilsverheißung, um dem kleinen Volk inmitten mächtigerer Völker immer wieder Mut für eine Zukunft zu vermitteln. Da gibt es grausame Texte von verheerenden Schlachten, von Leid und Not,. Da wird in der pessimistischen Grundstimmung des Buchs Kohelet (Prediger) alles menschliche Bemühen als eitel abgetan, aber aufgehoben in Gott; da ist vom Missbrauch der Macht und der Machtlosigkeit im Heil die Rede, wird das Königtum dem Reich Gottes gegenüber gestellt. Und da gibt es die 150 Psalmen mit Dank-, Buß- und Klageliedern. Wir erfahren von berufenen und Berufspropheten und von Menschen, wie sie Jahwe erlebten.

Auch Jesus kam, wie Baur betonte, aus dem Judentum. Er wollte keine neue Religion gründen,  sondern Missstände anprangern und neue Herausforderungen wagen. Sein Wirken und Tod (und Auferstehung) muss aber eine große Ausstrahlung gehabt haben, so dass sich eine große Nachfolgebewegung unter Juden(christen) entwickelte und Paulus auf seinen jahrzehntelangen Reisen bei ausgewanderten Juden und im Heidenland Gemeinden gründete. Paulus habe zwar viele Briefe an die Ortskirchen geschrieben bzw. diktiert, doch nicht alle „Paulusbriefe“ seien von ihm verfasst, erklärte Baur. Das gelte auch für die Evangelien. Die Verfasser, die mitunter auch Redaktionsgruppen mit unterschiedlicher religionspolitische Ausrichtung bildeten, wollten nicht als – weitgehend unbekannte – Autoren in Erscheinung treten, sondern bedienten sich in ihren Texten eines schon bekannten Namens; also eigentlich Falschzuschreibungen, was auch für die Prophetenbücher zutrifft..

In den biblischen Schriften spiegeln sich laut Baur auch Einflüsse aus Babylonien (Mesopotamien) und Ägypten, vor allem aber  aus dem Hellenismus. Die Bücher des Alten Testaments wurden in Hebräisch und Aramäisch verfasst, im 3.Jahrhundert v.Chr. von jüdischen Gelehrten ins Griechische übertragen (Septuaginta). Erste Aufzeichnungen gab es eingeritzt in Stein(tafeln), im Altertum auch in Zedernholz. Dann wurden zum Beschreiben Blätter aus Papyrus benutzt, schließlich gegerbte Tierhäute. Erst als sich in Rom das Christentum gefestigt hatte, wurde aus unzähligen Schriftrollen der Kanon der heutigen Bibel in Latein zusammen gestellt, Vielfalt und Widersprüchlichkeit in Kauf nehmend: Ausdruck einer bewegen Religionsgeschichte. Und noch warten rund 20 000 Schnipseln aus biblischer Zeit auf ihre bibelwissenschaftliche Erschließung, so Bibelforscher Baur.

Mit Bescheidenheit zu einem erfüllenden Leben

Adalbert Binder: Lebensqualität erschöpft sich nun einmal nicht im Konsum (Veranstaltung vom 19.11.2012)

Als Dank für seinen Vortrag erhielt Adalbert Binder die obligatorische Rose (Foto: Rolf Gebhardt)

Er ist mit seinen 77Jahren mit seinem Leben zufrieden und dankbar und mit seinem Gott im Reinen: Adalbert Binder referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus seine Gedanken und Überlegungen über den Sinn des Lebens: „Lebensqualität im Zeichen der Bescheidenheit“.

Seine Selbstsicherheit und Gelassenheit bezieht Binder insbesondere aus 25 Jahren Ehrenamt – eigene Bereicherung im bürgerschaftlichen Engagement. Nachdem er jahrzehntelang in seinem Berufsleben als Kaufmann für Lebensmittelkonzerne tätig war, fand er im Ruhestand einen befriedigenden Einstand in diverse Ehrenämter. So ist er seit sechs Jahren umtriebiger Vorsitzender des Vereins „Senioren für andere“, wo er sich auch als Sicherheitsbeauftragter und als stellvertretender Vorsitzender des klinischen Ethikkomitees in der „Initiative selbst bestimmen“ (Beratung über Patienten- und Vorsorgevollmacht) engagiert. Zudem ist er Mitglied im geschäftsführenden Ausschuss der „Stadt-Land-Partnerschaft“, einer Initiative im Evangelischen Bauernwerk Württemberg.

Ausgangspunkt für Binders kritische Hinterfragung der Lebensumstände ist seine Feststellung, dass sich unsere Gesellschaft dem Ziel gefügt hat, Wohlstand sei nur über unermüdliches Wachstum zu erhalten. „Durch eine unterstellte Unersättlichkeit werden ständig neue Bedürfnisse geweckt“, so Binder, und er folgert daraus: „Ein Bedürfnis, das eine Sehnsucht schafft, die sich wiederum nach neuen Sehnsüchten sehnt.“ So werde das fortwährende Shopping zu einem Bedürfnis, was die Frage aufwerfe: „Haben wir uns auf das Dasein als Konsument reduziert?“

Kritisch führt Binder an, dass durch einen kaum steuerbaren Konsumrausch allein bei Lebensmitteln bis zu 20 Prozent wegen Verfall oder Verderb weggeworfen werden. Diese summiere sich jährlich allein in Deutschland auf eine Menge von 20 Millionen Tonnen entsprechend rund 200 Euro pro Bundesbürger. Binder: „Wir verschwenden wertvolle Ressourcen, belasten die Umwelt mit Schadstoffen und werden paradoxerweise nicht reicher sondern ärmer.“

Als Konsequenz empfiehlt Binder daher, unser Verhalten kritisch zu hinterfragen und uns einzugestehen, dass unser Wachstum ein „Wachstum auf Pump“ ist: „Wir sind dabei, unsere eigene finanzielle Zukunft zu verpfände.“ Da liegt für Binder ein Blick auf die aktuelle Banken- und Staatsschuldenkrise nahe: Bei einem „weiter so wie bisher“ könne aus der Finanzkrise eine Systemkrise werden, die im Ausmaß alle unsere heutigen Vorstellungen überschreiten werde.

Man könnte nun resignieren angesichts der systemischen und weltweiten Verflechtungen, der Komplexität und der Globalisierung von Macht und Märkten sowie der Rasanz des technologischen Fortschritts, denn niemand kann allein die Welt verändern. Dennoch glaubt Binder daran, dass viele Einzelne einiges bewirken und  zumindest Anstöße für die Gesellschaft geben können. So könne es ein gangbarer Weg sein, sich der Verführung durch falsche Versprechungen zu versagen und durch Besinnung und Umorientierung den Zugang zur Bescheidenheit zu finden. Bescheidenheit bedeutet für Binder nicht nur „weniger Konsum“, sondern er versteht darunter eine Lebenshaltung, die geprägt ist von Toleranz und Zurückhaltung, aber auch von Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Gelassenheit.

Jene Bescheidenheit in der Lebensführung sieht Binder als Alternative zur „Ökonomie des Genusses“ in einer ungehemmten Markt- und Konsumgesellschaft, die mehr Abgründe als Brücken in sich birgt. Lebensqualität im Zeichen der Bescheidenheit ist keineswegs ein Widerspruch in sieht, meint Binder, wenngleich Lebensqualität in den unterschiedlichen Kulturen und auch unter verschiedenen Lebensumständen anders definiert werden kann. Bescheidenheit und Genügsamkeit seien auch keine Missachtung der Wirtschaft als Grundlage menschlichen Handelns. Mit einer „Kultur des Genug“ und des Nein-Sagens zu grenzenlosem Wachstum durch Ausbeutung von Natur und Menschen – Stichworte: Massentierhaltung und Billiglohn(länder) – sage man Ja zu einer durch ökonomische, ökologische und soziale Gerechtigkeit geprägte Wirtschaftsweise.

Schließlich hat für Binder Bescheidenheit auch eine spirituelle Komponente, die neue geistige Horizonte eröffnen können, die auch Lebensqualität ausmachen. Unser Verstand und Wissen seien ja  begrenzt. Eine Möglichkeit der Rückkopplung findet sich für ihn in der Bibel. In ihr seien alle Werte dieser Welt versammelt, wenngleich oft verschlüsselt und auslegbar, aber voller Lebenswahrheiten.

Wie Verdi die Opernwelt seiner Zeit begeisterte

Birk über Leben und Werk des neben Wagner bedeutendsten Komponisten (Veranstaltung am 12.November 2012)

Kirchenmusikdirektor Reinhold Birk
(Foto: Rolf Gebhardt)

Mit einem musikalisch umrahmten Vortrag über Leben und Werk von Guiseppe Verdi bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus startete Reinhold Birk etwas verfrüht in das „Verdi-“ (bzw. „Wagner-)Jahr“ 2013, denn Verdi, der beliebteste Komponist des 19. Jahrhunderts, wurde ebenso wie Richard Wagner, der wohl größte und umstrittenste Komponist des 19. Jahrhunderts, vor (fast) 200 Jahren, also 1813, geboren.

Verdi wie Wagner gehören zu den größten Opern-Komponisten, und so war es sinnvoll, dass der 89jährige Reinhold Birk, vormals als Kirchenmusikdirektor in Krefeld selbst Komponist und im Ruhestand in Heilbronn HSt-Musikkritiker (alias Martin Betulius), sich eingangs des Themas Opern annahm. Die musikalisch-theatralische Kunstform Oper bildet eine Synthese von Musik, Bühnendichtung und szenische Darstellung. Musik und Szene waren bereits im Drama der Antike und im Mittelalter in liturgischen Dramen und weltlichen Spielen verbunden. Die eigentliche Oper entstand um 1600 in Florenz; die erste vollgültige bedeutende Oper schuf Monteverdi. Große deutschsprachige Opern stammen von Mozart und Beethoven. Verdi gilt als Inbegriff des italienischen Opernschaffens (Birk: „Es ist eine Barberei, wenn Verdi-Opern auf deutsch gesungen werden“), und im Schaffen Wagners erreichte die deutsche romantische Oper ihren Höhepunkt.

Guiseppe Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Le Roncole im Herzogtum Parma geboren.  Da er ein gewisses – wenngleich nicht spektakuläres – Talent zeigte, schickte sein Vater, Kleinkrämer und Schankwirt, den Zehnjährigen ins benachbarte Busseto, wo er beim örtlichen Organisten Unterricht erhielt. Wie Birk berichtete, wurde Verdi jedoch zum Studium am Konservatorium in Mailand mangels Talent (und wohl auch Ausbildung) nicht zugelassen – und sein Leben lang blieben Verdis Theoriekenntnisse unzureichend. 1834 heiratete Verdi die Tochter seines kaufmännischen Lehrherrn und Gönner in Busseto, Antonio Barezzi.

Nachdem Verdis erster Opern-Versuch („Oberto“) freundlich aufgenommen wurde, erhielt er einen ersten Auftrag für eine komische Oper. Doch da er sie in einer Zeit fertig stellen musse, als seine Frau und seine beiden Kinder einer epidemischen Krankheit erlagen, war es kein Wunder, dass diese Oper durchfiel. Dennoch drängte der Impressario der Mailänder Scala dem entmutigten Verdi ein Libretto auf, und Verdi schuf  daraus in drei Monaten eine Oper, deren Premiere am 9. März 1842 Verdi zum neuen Opernheld in Italien machte: „Nabucco“. Birk ließ es sich nicht nehmen, am Flügel daraus einen Part des weltberühmten Gefangenenchor zu spielen. Mit „Nabucco“ gelang Verdi  eine Öffnung und Erweiterung des Schemas der Belcanto-Oper, für ein gößeres Orchester mit umfangreicherem Klangvolumen sowie für kraftvolle dramatische Stimmen. Zudem machte diese Oper Verdi zum Symbolträger des Widerstands gegen die österreichische Fremdherrschaft, und tatsächlich durfte Verdi noch zu Lebzeiten seine Hoffnung auf ein geeintes Italien erfüllt sehen.

Ein weiterer Paukenschlag gelang Verdi mit „Macbeth“, der sensationellen Vertonung des gleichnamigen Shakespeare-Stücks in Richtung des Musikdramas.  Zu ihrer Zeit epochemachend waren Verdis „reife“ Opern „Rigoletto“ (1851) und „La Traviata“ (1853). Ein Meisterwerk wurde 1867 in Paris „Don Carlos“. Noch eindrucksvoller und origineller ist „Aida“ (1871), als Beitrag der Feierlichkeiten zur Eröffnung des Suez-Kanals komponiert. Verdis nächstes bedeutendes Werk war sein „Requiem“ (obwohl er aufgrund von Jugend-Erfahrungen antiklerikal und religionslos war). Zu seiner größten dramatischen Oper wurde „Otello“ (1887), und mit „Falstaff“, seiner letzten Oper (Verdi starb am 27. Januar 1901), gelang Verdi ein goßes Musikdrama als Gegengewicht zu Wagner.

Allerdings nicht alles, was Verdi anfasste, wurde ein Erfolg. Wie Birk durchklingen ließ, waren viele Verdi-Opern offenkundige Melodramen von oft dürftiger literarischer Qualität, wenngleich voll einschmeichelnder Melodien. Doch in ihrer dramatischen Entwicklung bieten Verdi-Opern mit einfachen Mitteln viel Emotionen und sind „große Musik“. Verdi führte mit seiner Lebensgefährtin und späteren (zweiten) Frau, einer bekannten Sopranistin, ein zurückgezogenes Leben auf dem Lande. Verdi bemühte sich oft eindringlich um die Überwachung der Inszenierungen seiner Opern, doch war der wortkarge Mann wenig empfänglich für Niederlagen wie für Bewunderungen.

Glauben Christen und Muslime an den einen Gott?

Dekan i.R. Dieter Kunz stellte Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus (Veranstaltung vom 5. November 2012)

Dekan i.R. Dieter Kunz (Foto: Rolf Gebhardt)

Keine Religion kommt ohne Gott oder Götter – von denen es im Himmel der Antike nur so wimmelt – aus. Wie ist das nun in den monotheistischen Religionen? Ist der Gott, an den die Christen glauben, der gleiche, wie Allah, den die Muslime anbeten. Darüber sprach bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Dekan i.R. Dieter Kunz, der in Heilbronn noch gut bekannt ist als langjähriger geschäftsführender Pfarrer der Friedensgemeinde, dann 16 Jahre dem Kirchenbezirk Göppingen vorstand und jetzt im Ruhestand in Heilbronn-Böckingen lebt.

Als Theologe hat Dieter Kunz vielfältige Erfahrungen in der Begegnung mit dem Islam und mit Muslimen gemacht. Da erlebte er große Aufgeschlossenheit wie ängstliche Abkehr. Die Imame, die Vorbeter in den Moscheen, ewiesen sich jedoch nicht als geeignete Gesprächsparter in religiösen Fragen, die mit Muslimen sowieso schwer zu diskutieren sind. Doch ob wir wollen oder nicht, so Kunz, wir müssen uns mit der Religion unserer Nachbarn, den Muslimen, auseinandersetzen, auch wenn wir nicht einer Meinung sein können. Schließlich leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland. Kunz plädierte daher für die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Dialogs, beginnend im Kindergarten, wie für den interreligiösen Dialog, auch wenn sich da etliche Hindernisse in den Weg stellen. „Wir müssen mehr voneinander wissen und uns gegenseitig tolerieren,“ so Kunz. Judentum, Christentum und Islam sind Buchreligionen mit heiligen Büchern: Thora, Bibel, Koran.

Für Muslime ist der Koran das einzige Glaubenszeugnis und Mohammed ihr absoluter Prophet. Im Jahr 570 in Mekka geboren wurde der erfolgreiche Handelsmann bei seiner medititativen Gottsuche in der Wüste immer wieder göttlichen Offenbarungen durch den Erzengel Gabriel teilhaftig, die er zuerst im Familien- und Freundeskreis kundtat und später einer wachsenden Anhängerschaft. Nach seinem Tod wurden diese Offenbarungen als buchstäbliches Wort Gottes im Koran in 114 Abschnitten (Suren), eingeteilt nach ihren Längen (zwischen 268 und 6 Versen), in arabischer Sprache niedergeschrieben. Darin sind Überlieferungen und Traditionen eingeflossen und etliche Propheten, beginnend von Mose und Abraham bis zu Mohammed als letzten endgültigen Propheten. Jesus kommt im Koran drei Dutzend mal vor (fast ebenso oft Maria, meist mit ihrem Sohn Jesu), der zwar nach seinem vorausgesagten Tod von Gott in den Himmel aufgenommen wird, doch sein Kreuzestod und seine göttliche Erlösernatur wird im Islam geleugnet.

Im Christentum wie im Islam ist Gott bzw. Allah eine unendliche heilige Macht in personaler Gestalt, Weltenschöpfer und Richter am jüngsten Tag, für Muslime unverwechselbar einzigartig, während sie den Christen die Dreieinigkeit ankreiden. Wie Kunz darlegte, ist der Koran für den Muslim die offenbarte Rechtleitung, Leitfaden für alle Lebensbereiche, nach dem man sich zu orientieren und zu handeln hat. Allerdings gebe es im Koran widersprüchliche Anweisungen und grausame Sätze, die – herausgepickt – leicht zum Feindbild Islam beitrügen, im Zusammenhang mit fanatischen bärtigen Mullahs, gewalttätigen Terroristen und verschleierten Frauen. Auch wenn im Koran Allah primär als Erbarmer und Barmherziger dargestellt werde, lasse sich Intoleranz, Militanz und Rückständigkeit im Islam immer wieder ausmachen, jedoch zum Teil volkstümlichen Traditionen geschuldet. So wie die Bibel sei auch der Koran auslegbar und auslegungsbedürftig, so Kunz. Da stehe dem Islam noch eine schmerzhafte Phase der Aufklärung bevor, die ja auch für die Christenwelt – bis heute – nicht ohne Verwerfungen vonstatten gegangen sei.

Pfarrer Kunz rief dazu auf, im Selbstbewusstsein der eigenen Glaubensstärke die Frage nach Gott zu suchen und pries in diesem Sinne das Gleichnis der Ringparabel in dem Lessing-Drama Nathan der Weise: Ein Mann besitzt ein wertvolles Famlienstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, den Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wenn der Besitzer ihn mit Zuversicht trägt. Der Vater hatte drei Söhne und mochte keinen bevorzugen. So ließ er von einem Schmuckkünstler exakte Ring-Duplikate herstellen und verehrte diese seinen Söhnen. Nach dem Tod des Vaters baten die Söhne einen Richter um Klärung, welcher Ring der echte ist. Der Richter  erinnerte die Söhne daran, dass der echte Ring den Träger bei allen Menschen beliebt mache. Sie  sollten daran glauben und danach handeln, und am Ende werde sich erweisen, welcher Ring echt ist.