Archiv für den Monat März 2013

Genialer Mechaniker: Pfarrer Philipp-Matthäus Hahn – Junginger sprach über den Erfinder von Waagen und astronomischen Uhren

Veranstaltung vom 25. März 2013

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Doppelglobusuhr nach einem Entwurf von Philipp Matthäus Hahn um 1785 (Foto von Flominator (Diskussion) (Eigenes Werk) via Wikimedia Commons)

Wenn von schwäbischen Tüftlern die Rede ist, dann darf einer keineswegs vergessen werden – der Pfarrersohn und Theologe Philipp-Matthäus Hahn, der Erbauer von astronomischen Uhren, Waagen und Rechenmaschinen. Über diesen genialischen Menschen – Mathematiker, Erfinder und Pfarrer – referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, Pfarrer i.R. Martin Junginger aus Weinsberg – auf schwäbisch.

Am 26. November 1739 in einem Pfarrerhaushalt in Scharnhausen auf den Fildern geboren lernte Philipp-Matthäus Hahn von seinem Vater und Großvater wohl mehr als in der Schule. Schon als Zehnjähriger interessierte er sich für Sternenkunde, und mit 13 Jahren baute er seine ersten Sonnenuhren. Das Landexamen blieb ihm ebenso verwehrt wie das Tübinger Stift. Die Strafversetzung seines Vaters nach Onstmettingen auf der Balinger Alb – einem entlegenen, armen Landstrich – wurde für den damals 17Jähigen insofern zu einem regelrechten Glücksfall, als er hier den gleichaltrigen Schulamtsprovisor Gottfried Schaudt traf, um die kärglichen Einnahmen eines Dorfschulmeisters aufzubessern, ein Handwerk, die Uhrmacherei, erlernte. Gemeinsam konstruierten die beiden Technik-Begeisterten Sonnen-, Mond- und Sternenuhren.

Im Jahr darauf konnte Hand schließlich ein Theologiestudium an der Uni Tübingen aufnehmen, allerdings als armer Stadtstudent mit Kost und Logis bei einem Handwerker. „Ein Hungerleben für den jungen Hahn“, wie Junginger darlegte. Mit dem Einbau einer Sonnenuhr am Balinger Kirchturm verdiente er erstmals eigenes Geld. Mit einem Teil davon kaufte er sich eine alte Taschenuhr, um sie zu zerlegen und zu untersuchen. Immerhin war er mit 20 Jahren Magister der Theologie. Zeitweise war er auch Vikar bei Dekan Friedrich Christoph Oetinger in Herrenberg. Als Hahns Vater verstarb übernahm der 25jährige Hahn das Pfarramt Onstmettingen und richtete mit seinem Freund Schaudt, nunmehr gelernter Uhrmacher, im Pfarrhaus eine mechanische Werkstatt ein. Hier beschäftigte er ach minderjährige Geschwister. Ein technischer und geschäftlicher Durchbruch gelang mit dem Bau einer Pendel- bzw. Neigungswaage, die ähnlich funktioniert wie heute noch Briefwaagen. Hinzu kamen hydrostatische Waagen, mit denen man das Mostgewicht des Weins oder den Feingehalt von Gold messen konnte. Der „Onstmettinger Mechaniker-Pfarrer“wurde in diesen elf Jahren zum Begründer einer aufblühenden Waagenindustrie auf der Zollernalb, die noch um 1900 einen Marktanteil von über 60 Prozent hatte. Das Onstmettinger Heimatmuseum gibt davon noch heute beredt Auskunft, wie Junginger berichtete; der Referent war selbst von 1979 bis 1990 Pfarrer in Onstmettingen.

Auch Herzog Karl Eugen wurde auf Hahn aufmerksam und berief ihn 1770 auf die Pfarrstelle in Kornwestheim, und 1781 kam er gegen ziemliche Widerstände auf die beste Pfarre Württembergs in Echterdingen. Seine Erfindungs- und Konstruktionsgabe war schier grenzenlos. Ein Glanzstück war die 1774 entstandene monumentale astronomische Uhr, die neben der normalen Zeiteinteilung (Stunden, Minuten, Sekunden) und astronomischer Zeit (Wochen, Monate, Tierkreiszeichen) auch die Weltzeit nach der „heiligen Chronologie Bengels“ über 8000 Jahren bis zur erwarteten Wiederkunft Christi im Jahre 1836 zeigte; von der apokalyptischen Dimension der Uhr rückte Hahn später ab. Diese kosmische Uhr wurde von dem Herzog sowohl Goethe (1779) als auch Kaiser Joseph II. vorgeführt. Auch andere Berühmtheiten der Zeitgeschichte besuchten die Hahnischen Werkstätten. Hahn vervollkommnete Taschenuhren und schuf Rechenmaschinen mit allen vier Grundrechenarten bis zwölfstelligen Summen. Nicht vollenden konnte er eine Weltmaschine, die alle kalendarischen und astronomischen Feinheiten vereinigen sollte. Hahn starb 50jährig 1790.

Hahn, der auch Freundschaft pflegte mit dem widerborstigen Dichter Schubart während dessen Haft auf dem Hohenasperg und mit Herder im Briefwechsel stand, räumte stets seinem Pfarrdienst Priorität ein. Oft hielt er mehrere Predigten am Sonntag. Er war ein hochgeschätzter Theologe, auch Vertrauter von Franziska von Hohenheim. Einige verbliebene dicke Tagebücher geben Kenntnis von seinem geistlichen und pädagogischen Wirken, seinem Denken und Privatleben. Hahn war zweimal verheiratet, zuletzt mit einer Tochter des Pfarrer-Originals Johann Friedrich Flattich.

Wie Internet und Handy unser Leben verändern – Informatik-Professor Meroth informierte über Möglichkeiten und Risiken

Veranstaltung vom 18. März 2013

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Prof. Dr. Ansgar Meroth im Hans-Rießer-Haus
(Foto: Rolf Gebhardt)

Die technologische Entwicklung der neuen Kommunikationsmedien schreitet in einem rasanten Tempo voran, und viele kommen da gar nicht mehr richtig mit. „Die Welt auf einen Klick – wie Internet und Handy unser Leben verändern.“ Darüber informierte Prof. Dr. Ansgar Meroth von der Hochschule Heilbronn im Hans-Rießer-Haus die „Jungen Senioren“

Für die heranwachsende Jugend und für junge Menschen überhaupt ist ein Leben ohne Handy und Internet unvorstellbar; das gehört ganz selbstverständlich zu ihrem Leben, „wie Sonne und Regen“, wie Meroth von seiner zwölfjährigen Tochter berichtete. Für die ältere Generation ist ein solcher Fortschritt keineswegs Lebensinhalt. Wie eine kurze Umfrage im Zuhörerkreis ergab, sind zwar eine ganze Reihe im Besitz eines Handys, „zum Telefonieren im Notfall“, doch längst nicht die Mehrheit hat einen Computer, noch weniger gehen ins Internet, und nur ganz wenige verfügen über ein Smartphone. Diese „Ausbeute“ ist für Meroth keine Überraschung, denn er weiß aus Umfragen, noch sind 20 Millionen Bundesbürger „bewusst offline“, halten wenig von PC und dergleichen.

Meroth, in Karlsruhe promovierter Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, hat sechs Jahr in der Bosch-Entwicklung gearbeitet, ehe er im Heilbronner Campus die Professur für Informatik und Informationswesen im Studiengang  Automotive Systems Engineering der Fakultät für Mechanik und Elektronik übernahm. Er ist spezialisiert auf Informations- und Hilfssysteme für das Auto, an der Schnittstelle von Mensch und Auto, wo auch wirklich große Fortschritte an Bedienungskomfort, Sicherheit und Information realisiert werden, „nicht zuletzt durch installierbare mobile Apps“.

Doch wie ist das generell mit der modernen Kommunikationstechnik, insbesondere mit der  „elektronischen Welt in der Tasche“ und dem verantwortungsvollen und bewussten Umgang damit?

Gang und gäbe ist das Mobiltelefon, in der deutschen Umgangssprache Handy genannt. Vorläufer gab es in Deutschlands schon zu Zeiten der Weimarer Republik. In den 60er Jahren wurde es – wie das Intrnet – in den USA für militärische Zwecke entwickelt und fortlaufend der kommerziellen Nutzung zugefügt und durch Einführung flächendeckender Mobilfunknetze quasi Allgemeingut.Marken wie Samsung, Nokia, Apple und auch Blackberry kennen (fast) alle. Mobiltelefone, die noch mehr Computerfunktionalität als Handys bieten, sind Smartphone. Sie sind nicht nur – wie schon viele moderne Handys – mit Digital- und Videokamera ausgestattet, sondern haben eine immer breitere Anwendungspalette, oft mit hochauflösender berührungsempfindlichem Bildschirm, mit Zugang zu Standard- wie auch optimierten Webseiten. Die Vielzahl von Einstellungs- und Anwendungsmöglichkeiten dürfte viele – nicht nur ältere – Benutzer überfordern.

Meroth erörterte nicht nur, welche Möglichkeiten und Chancen Internet, Handy und Smartphone bieten,sondern auch wer was für die Dienste bezahlt und welche Risiken sich dahinter verbergen. Womit die Anbieter ihr Geld verdienen, konnte er auch nicht verbindlich erklären. So bleibt es ein Rätsel, dass für Apple eine Marktkapitalisierung von 313 und für Google von 166 Milliarden € angegeben wird, für den VW-Konzern lediglich 71 und für Daimler 49 Milliarden €. Wer „googlet“ zahlt in der Regel nichts, doch irgendwie zieht der Suchmaschinenbetreiber doch einen Vorteil  aus der Anfrage. Der Nutzer hinterlässt Spuren, die für Werbezwecke genutzt werden.

Dienstleistungen haben direkt oder indirekt ihren Preis, erst recht in dieser vernetzten Welt. Diese Erkenntnis vermittelte Meroth eindringlich und empfahl: „Wahren Sie kritische Distanz, schützen Sie Ihre Privatsphäre.“ Das gilt insbesondere für soziale Netzwerke wie Facebook. Und es gilt, die Heimnetzwerke abzusichern, stets zu prüfen,, ob die integrierte Firewall, die grundlegenden Schutz vor „Angreifern von außen“ bietet, auch wirklich aktiviert ist. Doch sich voll gegen Spams, Viren und Hacker abzusichern, ist schwierig bis unmöglich, auch wenn man sich einer WPA- Verschlüsselungsmethode mit Passwort von über 20 Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen bedient. Rechner sind generell angreifbar, und bei der immensen Datenfülle bleibt de Datenschutz mitunter auf der Strecke. Meroths Fazit: Die modernen Kommunikation erleichtern unser Leben, schaffen aber auch Gefahren. Da stellt sich die Frage nach mehr oder weniger Lebensqualität.

Anerkannter Schulpionier und umstrittener Naturforscher – Historiker Bernhard Müller über Lehrerseminar-Gründer Friedrich Reinöhl

Veranstaltung vom 11. März 2013

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Friedrich Reinöhl – Namensgeber einer Grundschule in Heilbronn-Böckingen – genießt einerseits einen hervorragenden Ruf als Schulpionier, ist anderseits jüngst wegen seiner umstrittenen Rassenhygienelehre im Nazi-Reich in Verruf geraten. Über beide Aspekte von Reinöhls Schaffen informierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

„Botaniker und Vererbungsforscher – Bahnbrecher einer modernen Lehrerausbildung – Kämpfer für die geistige Freiheit des Lehrerstandes und der Volksschule“. Mit diesen Worten wurde Friedrich Reinöhl auf einer – inzwischen in der Versenkung verschwundenen – Ehrentafel der Reinöhl-Schule gewürdigt. Im Grunde sind dies nach wie vor gültige Zuschreibungen, wenngleich als Naturforscher mit Vorbehalt.

Friedrich Reinöhl wurde 1870 in Bissingen unter Teck geboren, wo ihm später auch die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde. Nach seinem Studium, das er mit Dr. rer.nat. abschloss, trat er 1905 in die damalige Schulbehörde (Konsistorium) ein und beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Lehrerausbildung in der Volksschule. 1912 wurde er erster Rektor des neu gegründeten  Ev. Lehrerseminars Heilbronn, ein pompöser Neubaus unterhalb des Wartbergs. Bei der Einweihung des Lehrerseminars am 21. September 1912 verkündete Reinöhl als seine Maxime für die Lehrerausbildung: „Der Unterricht soll die Selbstständigkeit der Schüler wecken … und die Eigenart der Schüler berücksichtigen“. Überhaupt, so stellte Müller heraus, propagierte Reinöhl eine auch für heutige Verhältnisse moderne Lehrmethode und Unterrichtsform.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Unterricht an Elementarschulen in der Regel von nicht weiter ausgebildeten Kräften erteilt, bestenfalls von Pfarrern, aber auch von Studenten und Handwerkern, so dass man nicht von einem flächendeckend überzeugenden Grundbildungswesen sprechen konnte. Die Herausbildung von Lehrerseminaren Ende des 19.Jahrhunderts war da schon ein großer Fortschritt. Sie entstanden zumeist in ländlichen Regionen, so in Württemberg etwa in Künzelsau und Saulgau, um das dortige Begabungspotenzial zu erschließen. In dem stattlichen Seminargebäude in Heilbronn, das nahezu eine Million Mark kostete, befanden sich großzügige Lehr-, Arbeits- und Schlafräume für angehende Volksschullehrer, die in der Regel mit 19 Jahren ihre erste Dienstprüfung machen konnten.

Reinöhls pädagogischer Reformehrgeiz ging jedoch über das Lehrerseminar hinaus. So trat er zu Beginn der Weimarer Republik 1919 wieder in die nunmehr republikanische Schulverwaltung ein und wurde noch im gleichen Jahr oberster Beamter – „Präsident“ – im Konsistorium in Stuttgart, der Schulbehörde für das (evangelische) Volksschulwesen in Württemberg: „Vom Bauernbub zum Präsidenten“. Hierbei erwarb er sich eine Reihe von Verdienste um das „Schulwesen für 95 Prozent aller Schüler“, so mit der Einführung der  gemeinsamen Grundschule für alle (alternativ für vier, sechs oder acht Jahren).

Nach seiner Pensionierung 1935 widmete sich Reinöhl verstärkt seinem eigentlichen Studiengebiet, der Naturkunde. In diesem Bereich hatte er schon in seiner aktiven Zeit Vorträge gehalten und Standardwerke zur Pflanzen- und Tierzucht verfasst. Nun näherte er sich dem nationalsozialistischen  Gedankengut und gab für Pädagogen eine Abstammungslehre heraus, indem er als Rassehygieniker das NS-Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses begrüßte. Von der Uni Tübingen wurde er mit Dr. med. h.c. ausgezeichnet.

Reinöhls Anbiederung an die NS-Ideologien ist heute nicht mehr vermittelbar und ist – nach Bekanntwerden in den letzten Jahren – für die Reinöhl-Schule nicht tragbar,  hat sie sich doch dem Leitbild verpflichtet: „Wir fördern jedes Kinder nach seiner Begabung und Fähigkeit.“ Diese gut 100 Jahre alte „Volksschule“, die ursprünglich Westraßenschule und von 1933-45 Hindenburgschule hieß, wurde 1952 nach dem damals in Zaberfeld wohnenden Reinöhl (der dort 1957 verstarb) benannt. Die Schule hat jüngst diesen NS-belasteten Namen abgelegt und nennt sich ab nächstem Schuljahr Grundschule  Alt-Böckingen.

Das Heilbronner Lehrerseminar – die erste überregionale Bildungseinrichtung Heilbronns – wurde 1937 im Zuge einer bildungspolitischen Umstrukturierung im Dritten Reich geschlossen. Es wurde daraus ein Hauswirtschaftliches Seminar. Bei dem Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 wurde auch dieses Gebäude erheblich zerstört. Eine Wiederbelebung eines Lehrerseminars in Heilbronn war anfangs nicht vorgesehen, wohl aber in Künzelsau. Der renovierte Gebäudekomplex, dessen Inneres – Treppenhaus, Säle – noch an das alte Lehrerseminar erinnert, beherbergt heute die Lindparkschule, eine Gehörlosenschule.

Ein Lehrerseminar, und zwar für die Aus- und Fortbildung von Gymnasiallehrer, entstand Anfang der 70er Jahre in Heilbronn an der Stuttgarter Straße, das heutige Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung, von 1973 bis 1997 geleitet von dem Gründungsdirektor Prof. Udo Kretzschmar, wo auch Referent Bernhard Müller viele Jahre Ausbildungsdozent für Geschichte war. Unter dem gleichen Dach ist diesem Seminar seit 1984 auch eine Ausbildungsstätte für Lehrer an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen angeschlossen, wo  Absolventen von Pädagogischen Hochschulen eine einsemestrige Praxisausbildung absolvieren.

Die Türkei könnte Europa zum Vorteil gereichen – Hofmann referierte über die kontroverse Frage eines EU-Beitritts der Türkei

Veranstaltung vom 4. März 2013

Foto: Rolf Gebhardt

Foto: Rolf Gebhardt

Gehört die Türkei zu Europa? Über diese konfliktbeladene Frage referierte der Orientalist Matthias Hofmann bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Wie erwartet, ein zwar aus dem Besucherkreis gewünschtes aber gleichwohl brisantes Thema, das stark durch Emotionen belastet ist, aber auch „Kontroversen im Einigungsprozess“ – so der Untertitel – zur Sprache bringt.

Nahezu drei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland, und fast alle sind Muslime. Es ist gerade die tatsächliche und latente Präsenz des Islam, der allzu leicht in den Verdacht des Islamismus gerät („Islamphobie“) , der in der Bevölkerung die Abneigung gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft weckt. Dabei ist die Türkische Republik, die die mit ihrer Gründung im Jahre 1923 durch Mustafa Kemal mit dem Ehrennamen „Atatürk“ („Vater der Türken“) in einer Kulturrevolution den Osmanismus ablöste und sich westlichen Prinzipien zuwandte, nicht nur eine parlamentarische Mehrparteien-Demokratie, sondern auch dezidiert ein säkularer Staat, betonte Matthias Hofmann. „So wie Deutschland“, denn die Trennung von Staat und Religion gehört zum konstitutiven Grundbestand europäischer Überzeugungen. Bei allen Vorbehalten gegen die religiöse Verschiedenheit: Dass der Islam nicht zum christlich geprägten Europa passe, könnte kein Argument gegen den Türkei-Beitritt sein, zumal Europa neben jüdischen, christlichen und humanistischen auch durchaus islamische Wurzeln hat.

Hofmann merkte an, dass es im säkularen Deutschland ganz selbstverständlich eine Reihe christlicher Feiertage und staatlicher Kirchensteuereinzug gibt. Andererseits gibt es in der Türkei auch ein dem Amt des Ministerpräsidenten angegliedertes Präsidium für religiöse Angelegenheiten, dem auch der in Deutschland tätige Moscheeverband DITIB angehört, also eine staatliche transnationale religiöse Organisation. Auch wenn der Laizismus (noch) zum Selbstverständnis des türkischen Staats gehört,  so wird dieser Bestandteil der Staatsideologie des Kemalismus in der aktuellen Regierungszeit von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) stärker islamisiert, und die Anerkennung nicht staatlich kontrollierter Religionen ist längst nicht ausreichend gegeben.

Dennoch: Die Türkei gehört zu Europa. Seit Jahrzehnten nimmt die türkische Nationalmannschaft an der europäischen Fußball-Europameisterschaft teil, und die Türkei gehört auch anderen europäischen Sportverbänden an. Schon 1959 bewarb sich die Türkei als assoziiertes Mitglied der EWG, aufgenommen im Assoziierungsabkommen 1963, erhielt Ende 1999 den Status eines EU-Beitragskandidaten und 2002 Reformpakete zur Erfüllung der Kriterien. Seit 2005 laufen offizielle Beitrittsverhandlungen. Gleichzeitig hat beiderseits der Glaube an eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgenommen. Das von Bundeskanzlerin Merkel favorisierte Konzept einer privilegierten Partnerschaft ist für die Türkei keine Alternative und wurde jüngst auch nicht mehr angesprochen.

Hofmann hob besonders hervor, das die Türkei, die ja auch der Nato und der OECD angehört,  in den letzten Jahrzehnten erheblich an wirtschaftlicher Stärke und politischem Einfluss in Nahost-Region gewonnen hat. Die Türkei ist mit ihren Pipeline-Systemen ein Korridor für den Zugang zu den energiereichen Kaukasus-Ländern. So gesehen könnte Europa von einem Türkei-Beiritt – gerade angesichts der zunehmenden Verschiebung der Gewichte – geostrategisch und sicherheitspolitisch enorm profitieren, und ein Türkei-Beiritt wäre eine Tür nach Zentralasien.

Die Türkei hat so ziemlich als einziges Land während der Bankenkrise Wirtschaftswachstum erreicht. Der transnationale Handel zwischen Deutschland und der Türkei beträgt 30 Milliarden Euro. Gegenseitige Investitionen nehmen zu. Jährlich reisen vier Millionen Deutsche in die Türkei, 150 000 überwintern dort und 50 000 sind dauerhaft in der Türkei lebende deutsche Residenten.

Natürlich bleiben neben religiösen vor allen kulturelle Unterschiede, die sich primär bei der anatolischen Landbevölkerung bemerkbar machen, kaum in den Wirtschaftszentren, gehört doch die zehn Millionen Einwohner zählenden Metropolregion Istanbul zu den fortschrittlichsten der Welt. Was gefühlsmäßig gegen den EU-Beitritt der Türkei spricht, ist, dass das Land mit demnächst 80 Millionen Einwohnern einen maßgeblichen politisch-parlamentarischen Einfluss in der EU hätte.