Der Naumburger Meister und seine Meisterwerke – Prof. Udo Kretzschmar vermittelte die Kunstfiguren des heimlichen Waldensers

Veranstaltung am 15. April 2013

Adelheid_von_Burgund

Adelheid von Burgund des Naumburger Meisters (Foto: wikipedia commons/von user: Kolossos)

Eine besondere Kirchenführung und kunstgeschichtliche Betrachtung erlebten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus bei einem virtuellen Besuch des Naumburger Doms St. Peter und Paul, der zu den wertvollsten Baudenkmälern Europas gehört. Naumburg gab den Namen für den „Naumburger Meister“, einen namentlich nicht bekannten Steinbildhauers des 13. Jahrhunderts, der im Naumburger Dom die wohl bedeutendsten Kunstwerke des europäischen Mittelalter schuf.

Darüber berichtete Prof. Udo Kretzschmar, in einem anspruchsvollen Vortrag, technisch optimal  mit jeweils passenden Bildern hinterlegt von Prof. Franz-Josef Leven. Kretzschmar, der Gründer und langjähriger Direktor des Heilbronner Lehrerseminars war, und Leven hatten zuletzt 2011 den Naumburger Dom bei der de Naumburger Meister gewidmeten  Landesausstellung besucht. Kretzschmar wies eingangs darauf hin, dass das 13. Jahrhundert mit Nibelungenlied, Parzifal und Tristan und Isolde verbunden ist, aber auch eine Zeit des Umbruchs war. Der Niedergang der königlichen Macht führte zum Ausbau von Landesherrschaften, so auch an der Saale, wo wohl der Naumburger Domherr die Verbindung zu jenem überragenden Künstler aufnahm, der der um 1240 für den Mainzer Dom tätig war. Offenbar hatte dieser die hochgotische Reliefkunst im Nordfrankreich erlernt und war mit seinem Werktrupp über Amiens, Noyon, Reims und Metz – in den dortigen gotischen Kathedralen lassen sich seine Spuren nachweisen – nach Mainz gekommen. Dort schuf er für den Westlettner u.a. ein Reiterbildnis, das die Legende der Mantelteilung des heiligen Martin von Tours mit dem Bettler darstellt, berühmt geworden als „Bassenheimer Reiter“, denn als 1683 der Westlettner abgebrochen wurde, ließ der damalige Domherr das Relief über dem Seitenaltar der Pfarrkirche seines Heimatorts Bassenheim (bei Koblenz) anbringen.

Für Kretzschmar spricht vieles dafür, dass der Naumburger Meister ein heimlicher Waldenser, Schon Ende des 12. Jahrhunderts war es zum Aufbruch vitaler Armuts- und Predigtbewegungen gekommen, die – wie die Waldenser – den kirchlichen Heilsanspruch unterliefen, weil sie ohne kirchliche Genehmigung das Evangelium auslegten.  Die Waldenser, die wie die Urchristen in Armut lebten, waren jedoch kaum greifbar, weil sie ohne Organisation und Leitung auskamen.Als kirchliche Gegengewichte entstanden in jener Zeit die Bettlerorden Franziskaner und Dominikaner. Das Werk des Meisters vornehmlich in Naumburg weist denn auch einen vorreformatorischen protestantischen Charakter, auf. Das zeigt sich an der eindrucksvollen Ansammlung von Stifterfiguren um Westchor – das Fehlen von Heiligenfiguren in einem sakralen Raum.

In den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts wurden von dem Naumburger Meister und seiner Künstlerwerkstatt zwölf lebensgroße Standbilder der etwa 200 Jahr vorher verstorbenen Dom-Stifter dargestellt, zum Teil inschriftlich bezeichnet: Im Chorbogen ein Quartett mit dem Grafen Dietmar, dem Richter Syzzo, dem Domherrn Wilhelm und dem Grafen Thimo. Im Übergang zum Chorquadrat folgen die Hauptstifter-Ehepaare Hermann und Riglindis sowie Ekkehard und Uta. Das Chorquadrat bilden dann ein Konrad, Gräfin Gerburg (Inbegriff des Frauenideals im Zeitalter des Minnesangs), deren Gatten Dietrich (Bruder von Wilhelm) und Brechta. Kretzschmar berichtete über die Schicksale, die sich hinter diesen ersten individuellen Menschenbildern verbergen und interpretierte deren Ausdruck, insbesondere der beiden so unterschiedlichen Brüder Ekkehard und Hermann und ihrer Gemahlinnen, der aristokratischen Markgräfin Uta, stolz, kühl und anmutig, und der resoluten, lebensfrohen Reglindis. Kretzschmar: „In ihren Gesichtern spiegeln sich Schuld und Verrat , Macht, Geld und Gewalt, Gnadenfürbitte, Verzweiflung und Melancholie wider.“

Als der Westchor baulich an den spätromanischen Dom angeschlossen wurde, entstand der Westlettner, der – einzigartig in der Kunstgeschichte – nicht eine Trennschranke zwischen dem Raum des Profanen und dem Allerheiligsten (der Geistlichkeit) darstellt, sondern eine Pforte zum Chor der Stifter: Man geht unter den ausgebreiteten Armen der leidenden Christusfigur (im dreiarmigen Kreuz der Waldenser) hindurch, vorbei an den seitlichen Figuren der Maria und  Johannes des Täufers. An der Brüstung der Lettnerbühne sind Reliefs mit Darstellungen des Passionsgeschehens angebracht, „weniger sakramental als realistisch“, so Prof. Kretzschmar.

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