„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ – Pfarrer Ulrich Kadelbach berichtete kritisch von seinem Einsatz in Bethlehem

Veranstaltung vom 2. Dezember 2013

KadelbachEs kommt nicht so oft vor, dass ein Referent vorab seinem Publikum mitteilt, ihm  ungeschminkte Wahrheiten aus einer gewissen Tabuzone zuzumuten. Mit dieser „Warnung“ konfrontierte Pfarrer Ulrich Kadelbach die „Jungen Senioren im Hans-Rießer-Haus vor seinem Vortrag über „Bethlehem – zwischen Weihrauch und Tränengas“ Unter diesem Titel hat er auch ein Buch veröffentlicht, das sich aus eigenem Erleben in der besetzten Westbank kritisch mit der israelischen Regierungs- und insbesondere Siedlungspolitik und der „Schandmauer“ auseinandersetzt.

Dass Kadelbach dennoch ein Freund und profunder Kenner des Judentums und Israel ist „und beileibe kein Antisemit“, ergibt sich aus seinem Lebenslauf. Für viele ist er noch gut in Erinnerung als geschäftsführender Pfarrer der Heilbronner Nikolai-Gemeinde, wo er mit Konfirmanden alljährlich den Heilbronner Judenfriedhof und wiederholt die Synagoge in Stuttgart besuchte und 1978 Pate stand bei der Bildung des Orthodoxie-Ausschusses der Landeskirche Württemberg, für die er dann zwölf Jahren lang Nahost-Referent von EMS (Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland) war, verbunden mit zahlreichen Reisen und Verantwortung für die aus dem Syrischen Waisenhaus in Jerusalem hervorgegangenen Schneller-Schulen in Libanon und Jordanien.

Es waren nicht nur Juden, die im 19.Jahrhundert in das zum Osmanischen Reich gehörende “Heilige Land“ übersiedelten, so Kadelbach., sondern auch zahlreiche Franzosen  und Engländer sowie Deutsche, darunter der schwäbische Lehrer Johann Ludwig Schneller, der 1860 eine Einrichtung für Waisenkinder in Jerusalem gründete, und einige tausend schwäbische Templer als Kolonisten, die vielfältige Pioniertaten vollbrachten. Von 1918 bis zum Teilungsbeschluss 1947 war Palästina britisches Mandatsgebiet. Von dem palästinensischen Teil verblieb neben dem Gaza-Streifen nur noch ein heillos durch Barrieren, Stacheldraht und Mauern zerstückeltes Gebiet der Westbank, dessen fruchtbarste Teile von illegalen israelischen Siedlungen konfisziert worden sind.

Ruhestandspfarrer Kadelbach hatte sich beworben für für das „Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel“ (EAPPI), das 2002 auf Anfrage der Kirchen in Jerusalem vom Ökumenischen Rat der Kirchen ins Leben gerufen wurde. Von Oktober bis Dezember 2010 wurde er nach Bethlehem geschickt, jene heute 32 000 Einwohner zählende Stadt, gemeinhin der Geburtsort Jesu, die noch eine relativ hohe Zahl palästinensischer Christen und eine christliche Bürgermeisterin hat.

Mit drei Partner/innen aus Südafrika, Australien und Schweden war ihm aufgetragen, regelmäßig frühmorgens den großen Grenzübergang zwischen Bethlehem und Jerusalem zu besuchen, die durchgeschleusten Menschen zu zählen, in schwierigen Fällen zu helfen  israelische Hilfsorganisationen zu kontaktieren sowie harte Fälle und Menschenrechtsverletzungen entsprechenden Stellen zu melden. Wie Kadelbach berichtete, brauchten die etwa 2500 Arbeiter meist zwei Stunden , bis sie den Checkpoint passierten, wobei sie sich immer wieder offensichtlich wahllosen Schikanen ausgeliefert sehen, die mit Sicherheitsmaßnahmen“, die für jedwede Brüskierungen und deprimierenden Demütigungen herhalten müssen, nichts zu tun haben können. Während abgesicherte Schnellstraßen für Israelis die Westbank durchschneiden, bleiben der ansässigen Bevölkerung nur  unwegsame Umwege mit unzähligen Kontrollstellen, sind sie in der Wasser- und Stromversorgung abhängig von den Israelis und ihre Häuser vor Abriss nicht gefeit.

Kadelbachs Frau Heidi Klotz-Kadelbach war, wie sie bei den „Jungen Senioren“ berichtete, zur gleichen Zeit am anderen Ende Bethlehems als gelernte Organsitin und Musiklehrerin behilflich beim Aufbau einer Musikschule für Kinder und Jugendliche und der Erstellung eines Curriculums für den Klavierunterricht. Freundschaftliche Beziehungen entwickelten die Kadelbachs zu Mitri Raheb, dem Pfarrer der Evangelischen -Lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem.

Nach Kadelbachs Beobachtungen hat sich die Lage für die palästinensische Bevölkerung sowohl in Israel wie in den besetzten Gebieten dramatisch verschlechtert. Eine friedliche Zweistaaten-Lösung hält er für kaum möglich, ebensowenig einen Einheitsstaat mit zwei Ethnien, da sich Israel als jüdischer Staat versteht. Kadelbach setzt seine Hoffnung eher auf Psalm 18, Vers 30, den er bei seinem Entsendestart als Tageslosung vorfand: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“

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