Archiv für den Monat Januar 2014

Wie Heilbronn unter das Hakenkreuz kam – Stadtarchiv-Direktor Prof. Schrenk referierte über Heilbronn um 1933

Veranstaltung am 27. Januar 2014

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Prof. Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Es war eher Zufall, dass gerade am Tag des Gedenkens an die Nazi-Herrschaft und den Holocaust, dem auch 300 Heilbronner Juden zum Opfer fielen, bei den „Jungen Senioren“ das Thema auf dem Programm stand: „Heilbronn um 1933 – eine Stadt kommt unter das Hakenkreuz“. Darüber referierte der Direktor des Heilbronner Stadtarchivs, Prof. Dr. Christhard Schrenk, und über 140 Zuhörer/innen hatten sich dazu in dem überfüllten Saal des Hans-Rießer-Hauses eingefunden.

Anfang der 30er Jahre hatte Heilbronn rund 50 000 Einwohner und 38 000 Industriearbeitsplätze. Die Stadt  war eine Hochburg der SPD, die bei allen Wahlen die mit Abstand meisten Stimmen bekam. Die Nationalsozialistische Partei konnte lange Zeit in Heilbronn nicht richtig Fuß fassen. So schilderte Schrenk die örtliche Ausgangslage. Bei dem ersten Heilbronn-Besuch von Adolf Hitler im Mai 1926, wo er in der „Harmonie“ auf einer NSDAP-Versammlung sprach, wurde ihm und seinen Anhängern mit massiven Demonstrationen und bösem Affront begegnet; der Gemeinderat forderte gar Redeverbot im Lande für Hitler. 1932/33 gab es in Heilbronn hunderte von Kundgebungen von Sozialisten, Kommunisten und Hakenkreuzträgern. Doch seitdem Hitler Ende Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, wurden zunehmend SPD-und KPD-Funktionäre verprügelt, verhaftet, verurteilt, in U-Haft oder in „Schutzhaft“ genommen.

Doch noch bei der Reichstagswahl am 5.März 1933 in Heilbronn mit einer überdurchschnittlich hohen Wahlbeteiligung von 92 Prozent unterlag die NSDAP noch knapp der SPD. Aber wenige Tage darauf wurde die SPD-Tageszeitung „Neckar-Echo“ verboten und die „Vereinsdruckerei“ von der SA beschlagnahmt, und am 15.März der SPD-Abgeordnete Fritz Ulrich verhaftet.

Kommunalpolitisch brachen neue Zeiten an, ein Ende der Demokratie. Wie Schenk berichtete, wurde der Heilbronner Gemeinderat, der vordem noch eine Hakenkreuz-Beflaggung abgelehnt  und in dem die SPD elf und die NSDAP nur drei Sitze hatte, am 5. April 1933 aufgelöst, der seit 1921 amtierende Oberbürgermister Emil Beutinger (1975-1957) in der Sitzung am 26. April, der er krankheitshalber fernblieb, des Amtes enthoben. Neuer Bürgermeister wurde SA-Sturmbannführer Heinrich Gültig und 1. Beigeordneter Hugo Kölle, beide – wie Alfred Faber – bereits NSDAP-Gemeinderäte. Parteien wurden verboten und Gewerkschaften zerschlagen. Es kam zur Einparteien-Herrschaft, und in dem neu gebildeten Gemeinderat hatten die 24 NSDAP-Räte auch nur noch beratende Funktion. Fast alle Gemeinde-Bediensteten beantragten NSDAP-Beitritt.

Die brutale und systematische Machtergreifung in Heilbronn ist laut Schrenk ganz entscheidend mit der Person des NS-Kreisleiters Richard Drauz (1894-1946) verbunden, der eine – auch für damalige Verhältnisse – schlimme Gewaltherrschaft praktizierte. Zeitzeugen berichteten von ausufernden Trinkgelagen und Folterschreien aus dem „Braunen Haus“ an der Sülmerstraße.

Dieweil ging das Alltagsleben weiter. Beim Festzug am Tag der nationalen Einheit am 1. Mai 1933 versammelten sich 40 000 Personen auf der Theresienwiese.1934 wurde das Freibad  Neckarhalde eingeweiht und 1935 der Neckarkanal. Doch im „Dritten Reich“ dominierte auch in Heilbronn gesellschaftliche Gleichschaltung und Verfolgung von Andersdenkenden. Bereits am 28 März wurden 60 Gegner des NS-Regimes ins KZ Heuberg transportiert. Später entstanden Außenlager des KZ  Natzweiler im Elsaß in Neckargartach und Kochendorf. Honorige jüdische Bürger Heilbronns wie der Anwalt, Gemeinderat und gar Ehrenbürger Max Rosengart und der Jurist Dr. Siegfried Gumbel wurden verfolgt, jüdische Geschäfte „arisiert“ (aus dem Kaufhaus der Gebr. Landerer an der Kaiserstraße wurde das Kaufhaus Beilharz), und auch die stattliche Synagoge wurde in der Nacht zum 10. November 1938 in Brand gesetzt.

Schrenk verwies aber auch auf Widerstand und erwähnte insbesondere die Kaiser-Riegraf-Gruppe (mit den Ehepaaren Sascha und Dr. Karl Kaiser sowie Trude und Helmut Riegraf), Sympathisanten der sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die mit verdeckten Plakat- und Flugblatt-Aktionen agierten und 1938 wegen Hochverrat zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Das Ende ist bekannt: Fast 7000 Heilbronner fielen der britischen Bombardierung am 4. Dezember 1944 zum Opfer, und insgesamt gab es im „Tausendjährigen Reich“ 11 000 Heilbronner Kriegstote.

Wie die Mächte in den Ersten Weltkrieg schlitterten – Der wirtschaftliche und technische Aufstieg Deutschlands galt als Bedrohung

Veranstaltung am 20. Januar 2014

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Oberstudienrat i.R. Hartmut Wilhelm (Foto: privat)

Das Jahr 2014 weist einige bedeutsame Gedenktage auf: 25 Jahre Mauerfall, vor 75 Jahren begann der II. Weltkrieg und vor 100 Jahren der I.Weltkrieg. Insbesondere die Erinnerung an 1914 wird zur Mega-Gedenkkultur. In Deutschland sind dazu 150 Bücher erschienen, noch mehr in Frankreich. Schließlich gilt der I.Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“. 60 Millionen Soldaten waren im Einsatz, neun Millionen kamen ums Leben, davon zwei Millionen deutsche Soldaten. Dann als Kriegsfolge der unglückliche Versailler Vertrag von 1919, der die Lunte zum II. Weltkrieg legte, der Verfall von drei Großreichen und die Entstehung einer Reihe neuer Staaten (die baltischen Länder, Polen, Tschechoslowakei, Irak, Syrien, Transjordanien). Neue Aktualität gewinnt die Frage nach den Schuldigen des Kriegsausbruchs. Ob und inwieweit er zwingend war, darüber referierte – unter Beleuchtung der Lage vor 1914 – Oberstudienrat i.R. Hartmut Wilhelm, Reserveoffizier, Historiker und Autor (von Reiseführern), bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.
Auslöser des I. Weltkriegs war bekanntermaßen die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares am 28.Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo durch serbische Nationalisten. Die österreichisch-ungarische Monarchie forderte von Belgrad eine gemeinsame Untersuchung des Attentats, und beschloss nach der Ablehnung Krieg gegen Serbien, auch als letzte Chance, um Serbien im Streben nach einem südslawischen Reich in die Schranken zu verweisen. Das Deutsche Reich mit Kaiser Wilhelm II. bekannte sich zu seinen Bündnisverpflichtungen.

Als das russische Zarenreich am 30.Juli die Mobilmachung ausrief, um Serbien zu Hilfe zu kommen, erklärte Deutschland den Russen und darauf dem verbündeten Frankreich den Krieg. Nach dem Plan des 1913 verstorbenen Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen sollte im Falle eines Zweifrontenkrieg das deutsche Heer zuerst die französische Armee niederwerfen (im Vormarsch unter Verletzung der Neutralität von Luxemburg, Holland und Belgiens), um dann den Hauptstoß gegen Russland folgen zu lassen. Aber der zermürbende Stellungskrieg im Westen – gegen Frankreich, Großbritannien und USA – beschwor ja dann das bittere Ende..
Hartmut Wilhelm ging es vor allem darum, die Vorgeschichte zu verdeutlichen, die zur Einkreisung Deutschlands geführt hatte. Er wies darauf hin, dass inzwischen die Historiker von der Haupt- oder gar Alleinschuld Deutschlands abgerückt sind. In dem derzeit maßgeblichen Werk „Die Schlafwandler“ des australischen Oxford-Professors Christopher Clark werde herausgestellt, dass die Großmächte wegen aggressiver Geheimdiplomatie und wechselseitigem Misstrauen eher unwillkürlich in die große Konfrontation geschlittert seien – mit Schuld vor allem von Serbien, aber durchaus auch der Entente-Mächte Frankreich, England und Russland.

Wie Wilhelm darlegte, wurde vor allem der enorme wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands von Großbritannien und Frankreich als Bedrohung ihrer Weltmachtposition empfunden. Die Industrielle Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England ihren Anfang genommen hatte und zum Katalysator der modernen Welt wurde, verschaffte Großbritannien – als Fabrik der Welt – die Vorherrschaft im Zeitalter des Imperialismus. Nachdem mit Otto von Bismarck 1870/71 Frankreich besiegt und das Deutsche Reich geeinigt worden war, war ihm über vier Jahrzehnte Frieden beschieden. Deutschland konnte sich noch einige Kolonien in Afrika und im Pazifischen Ozean an Land ziehen, Die Briten besetzten Ägypten, die Franzosen eroberten Algerien und Tunesien und setzten sich in Marokko fest. Nach Revolten auf dem Balkan musste sich dort das Osmanische Reich zurückziehen; Bulgarien, Rumänien, Montenegro und Serbien wurden unabhängig.

Als um 1870 die Zweite Industrielle Revolution begann, war auch Deutschland voll zur Stelle und konnte bis 1913 wirtschaftlich gleichziehen mit England, das sich weitgehend aus der Beherrschung des indischen Subkontinents finanzierte. Deutschland wurde führend in der Elektro- und Chemieindustrie sowie in der stark mit Rüstung verknüpften Schwerindustrie und verfolgte zudem in der Flottenpolitik ehrgeizige Ziele. Wachsende internationale Spannungen lagen in der Luft, und so bedurfte es laut Wilhelm nur noch eines Vorwands, um die Kontrahenten Deutschland/Österreich sowie England, Frankreich und Russland in einen verhängnisvollen ausweglosen Krieg zu führen.

Vorstellung von Familie ist dem Wandel unterworfen – Dekan Friedrich nahm Stellung zur umstrittenen EKD-Orientierungshilfe

Veranstaltung am 13. Januar 2014

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Dekan Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Das Familienbild heute aus evangelischer Sicht zu definieren kann eine kontroverse Angelegenheit sein. Dessen war sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich bewusst bei seinem entsprechenden Referat bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Einstieg ins neue Jahr. Da gibt es ja eine 2013 erschienene Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, die sich mit dem Familienleben heute und im Wandel der Zeiten befasst. Dann aktuell das Coming-out des früheren Nationalspielers Thomas Hitzelsberger, der mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität – als erster  Profi-Fußballer – so ein riesiges Medienecho ausgelöst hat. Und schließlich Online-Petitionen gegen für 2015 vorgesehene Bildungspläne des Landes, in denen auch die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ Eingang finden soll.

Die traditionelle Vorstellung von Familie ist die (heterosexuelle) Ehe von Mann und Frau mit eigenen Kindern. Die Grundlegende Bedeutung einer solchen Ehe als gesellschaftliche Institution sehen kirchliche Kritiker in der EKD-Schrift nicht gebührend gewürdigt. Dekan Friedrich hat durchaus Verständnis für diese Position, ist aber auch der Ansicht, dass die EKD selbstverständlich keine Abwertung der Ehe oder gar Abkehr anstrebt. Vielmehr befasse sich dieser 162seitige Text auch mit der gesellschaftlichen Realität, dass vermehrt andere Lebensformen entstehen. Auch die Kirche komme nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen, und zwar unter dem Aspekt, wie der Titel der EKD-Orientierungshilfe lautet: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken.“ So könnten auch neben Patchwork-Familien auch eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, auch mit (adoptierten) Kindern wohl als Familie gelten, wenn sie sich der Dauer, Zuneigung, Verlässlichkeit, Fürsorge, Geborgenheit und des Vertrauens verpflichtet sehen. Auch die große Zahl von Menschen, deren Ehe gescheitert ist, sowie von Alleinerziehenden dürfe kirchlicherseits nicht abgewertet werden.

Wie Friedrich darlegte, beruht die Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen in der Ehe als göttliche Stiftung auf der Schöpfungsgeschichte. Man müsse aber auch sehen, dass das biblische Zeugnis aus der antiken Welt stammt, die tiefgreifend von männlichem Patriarchat geprägt war. Bis ins 18./19. Jahrhundert und heute noch zum Teil in anarchischen Kulturen, seien Ehen von den Eltern angebahnt worden,meist aus der gleichen sozialen Schicht, mitunter gar im Umfeld der Verwandtschaft. Da war es allgemeine Pflicht zu heiraten, wobei die Frau als Arbeitskraft galt und eingekauft werden musste.“ Liebesheiraten“ wurden erst im späteren Bürgertum zur Regel.

Auch mit dem christlichen Bezug der Ehe ist es laut Friedrich ja keineswegs eindeutig. Zwar sprach sich Jesus für den Ewigkeitsgehalt der Ehe aus und gegen Scheidung, aber er selbst war – wie  Paulus – nicht verheiratet, ja er forderte – wie die Evangelien berichten – seine Jünger auf, ihre Familien zu verlassen, um ihm nachzufolgen: „Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder. –Also eine geistige,s tatt verwandtschaftliche Bindung. Die Hochschätzung der zölibatären Lebensweise wurde erst von Martin Luther durchbrochen, dessen Ehe- und Familienleben prägend für seien Zeit wurde.

Die Vorstellung von Ehe und Familie ist historischen Wandel unterworfen und entwickelt  sich ständig weiter, meinte der Dekan. Ungeachtet der Herausbildung neuer Familien- und Lebensformen, die auch zunehmend rechtliche und soziale Akzeptanz erlangen, sei die „normale“ Ehe immer noch ein hohes Ziel jungern Menschen. Das zeige nicht zuletzt das große Interesse an Hochzeitsmessen und die vielfach zum „spektakulären Event“ stilisierten Hochzeiten. Auch wenn die Ehe im Protestantismus keine sakramentale Überhöhung erfahre, so gelte das Eheversprechen, in guten und schlechten Tagen zusammenzuhalten, allerdings mit dem Zusatz „Ja, so mir Gott helfe“. An den Idealtypus Ehe würden also immer noch hohe Erwartungen geknüpft,  mündeten Enttäuschungen heute allzu leiht in Trennungen und Scheidungen – vielfach zu Lasten  der Kinder.

Jedenfalls: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Dieses Bibel-Zitat gilt, so Dekan Friedrich, auch und nicht zuletzt im Alter mit der erhöhten Zahl von Alleinstehenden. Dies sei eine Herausforderung für die Bildung von neuen Wohn- und davon abgeleitet auch Lebensformen.