Wie die Mächte in den Ersten Weltkrieg schlitterten – Der wirtschaftliche und technische Aufstieg Deutschlands galt als Bedrohung

Veranstaltung am 20. Januar 2014

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Oberstudienrat i.R. Hartmut Wilhelm (Foto: privat)

Das Jahr 2014 weist einige bedeutsame Gedenktage auf: 25 Jahre Mauerfall, vor 75 Jahren begann der II. Weltkrieg und vor 100 Jahren der I.Weltkrieg. Insbesondere die Erinnerung an 1914 wird zur Mega-Gedenkkultur. In Deutschland sind dazu 150 Bücher erschienen, noch mehr in Frankreich. Schließlich gilt der I.Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“. 60 Millionen Soldaten waren im Einsatz, neun Millionen kamen ums Leben, davon zwei Millionen deutsche Soldaten. Dann als Kriegsfolge der unglückliche Versailler Vertrag von 1919, der die Lunte zum II. Weltkrieg legte, der Verfall von drei Großreichen und die Entstehung einer Reihe neuer Staaten (die baltischen Länder, Polen, Tschechoslowakei, Irak, Syrien, Transjordanien). Neue Aktualität gewinnt die Frage nach den Schuldigen des Kriegsausbruchs. Ob und inwieweit er zwingend war, darüber referierte – unter Beleuchtung der Lage vor 1914 – Oberstudienrat i.R. Hartmut Wilhelm, Reserveoffizier, Historiker und Autor (von Reiseführern), bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.
Auslöser des I. Weltkriegs war bekanntermaßen die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares am 28.Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo durch serbische Nationalisten. Die österreichisch-ungarische Monarchie forderte von Belgrad eine gemeinsame Untersuchung des Attentats, und beschloss nach der Ablehnung Krieg gegen Serbien, auch als letzte Chance, um Serbien im Streben nach einem südslawischen Reich in die Schranken zu verweisen. Das Deutsche Reich mit Kaiser Wilhelm II. bekannte sich zu seinen Bündnisverpflichtungen.

Als das russische Zarenreich am 30.Juli die Mobilmachung ausrief, um Serbien zu Hilfe zu kommen, erklärte Deutschland den Russen und darauf dem verbündeten Frankreich den Krieg. Nach dem Plan des 1913 verstorbenen Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen sollte im Falle eines Zweifrontenkrieg das deutsche Heer zuerst die französische Armee niederwerfen (im Vormarsch unter Verletzung der Neutralität von Luxemburg, Holland und Belgiens), um dann den Hauptstoß gegen Russland folgen zu lassen. Aber der zermürbende Stellungskrieg im Westen – gegen Frankreich, Großbritannien und USA – beschwor ja dann das bittere Ende..
Hartmut Wilhelm ging es vor allem darum, die Vorgeschichte zu verdeutlichen, die zur Einkreisung Deutschlands geführt hatte. Er wies darauf hin, dass inzwischen die Historiker von der Haupt- oder gar Alleinschuld Deutschlands abgerückt sind. In dem derzeit maßgeblichen Werk „Die Schlafwandler“ des australischen Oxford-Professors Christopher Clark werde herausgestellt, dass die Großmächte wegen aggressiver Geheimdiplomatie und wechselseitigem Misstrauen eher unwillkürlich in die große Konfrontation geschlittert seien – mit Schuld vor allem von Serbien, aber durchaus auch der Entente-Mächte Frankreich, England und Russland.

Wie Wilhelm darlegte, wurde vor allem der enorme wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands von Großbritannien und Frankreich als Bedrohung ihrer Weltmachtposition empfunden. Die Industrielle Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England ihren Anfang genommen hatte und zum Katalysator der modernen Welt wurde, verschaffte Großbritannien – als Fabrik der Welt – die Vorherrschaft im Zeitalter des Imperialismus. Nachdem mit Otto von Bismarck 1870/71 Frankreich besiegt und das Deutsche Reich geeinigt worden war, war ihm über vier Jahrzehnte Frieden beschieden. Deutschland konnte sich noch einige Kolonien in Afrika und im Pazifischen Ozean an Land ziehen, Die Briten besetzten Ägypten, die Franzosen eroberten Algerien und Tunesien und setzten sich in Marokko fest. Nach Revolten auf dem Balkan musste sich dort das Osmanische Reich zurückziehen; Bulgarien, Rumänien, Montenegro und Serbien wurden unabhängig.

Als um 1870 die Zweite Industrielle Revolution begann, war auch Deutschland voll zur Stelle und konnte bis 1913 wirtschaftlich gleichziehen mit England, das sich weitgehend aus der Beherrschung des indischen Subkontinents finanzierte. Deutschland wurde führend in der Elektro- und Chemieindustrie sowie in der stark mit Rüstung verknüpften Schwerindustrie und verfolgte zudem in der Flottenpolitik ehrgeizige Ziele. Wachsende internationale Spannungen lagen in der Luft, und so bedurfte es laut Wilhelm nur noch eines Vorwands, um die Kontrahenten Deutschland/Österreich sowie England, Frankreich und Russland in einen verhängnisvollen ausweglosen Krieg zu führen.

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