Der Orgelbau hatte im Barock seine Blütezeit – Christuskirche-Kantor Braunwarth macht das Tasteninstrument lebendig

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Hans-Martin Braunwarth (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei den „Jungen Senioren“ ist es Gepflogenheit, dass in den Zeiten des Heilbronner Pferdemarktes das Hans-Rießer-Haus wegen des gleichzeitig stattfindenden großen Flohmarkts – mit Auf- und Abbau – nicht genutzt werden kann, so dass ein Ausweg gefunden muss. Traf man sich in den letzten beiden Jahren in der Kilianskirche, so diesmal bei der Ev. Südgemeinde Heilbronn.

In dem 1957 entstandenen Südgemeindehaus referierte Kantor Hans-Martin Braunwart über Orgeln und Orgelbau in der Reichsstadt Heilbronn und Württemberg vom 18.Jahrhundert bis heute. Und nach der Kaffeepause informierte er über die Restaurierung der Orgel der Christuskirche und gab anschließend in der Christuskirche – nach weiteren Informationen – an der Orgel Beispiele ihres Wohlklangs (und seiner Spielkunst) mit Werken von zwei weniger bekannten Komponisten aus der Romantik (ein ruhigeres und sanftes Stück) und der Klassik (kräftig und volltönend).

Die Orgel, die heute ganz selbstverständlich in den Gottesdiensten den Gesang der Gemeinde begleitet und auch liturgisch eingesetzt wird, hat ihren Ursprung in der Antike, in der orgelähnliche Instrumente eher der Kampfmusik dienten. Im 8./9. Jahrhundert gelangte die Orgel aus Byzanz nach Mitteleuropa, wurde hier im 14./15.Jahrhundert mit verschiedenen Registern und den einzelnen Werken eingerichtet. Der Orgelbau erlebte sein Blütezeit im Barock, als u.a. Buxtehude und Bach für das Tasteninstrument komponierten.Am bekanntesten ist wohl die Orgelbau-Familie Silbermann mit dem Anfang des 18.Jahrhunderts in Straßburg tätigen Andreas Silbermann und seinem Bruder Gottfried Silbermann, der im sächsischen Freiberg für die Orgelbaugeschichte wichtig wurde.

Braunwart, der selbst das Orgelbau-Handwerk in Ulm erlernte und nach dem Studium der Kirchenmusik seit 2010 Kantor an der Christuskirche ist, aber auch Orgelsachverständiger der Landeskirche, stellte er heraus, dass Württemberg auch zu den maßgeblichen Wegbereitern der Orgelbaukunst zählt. Er nannte insbesondere die 1920 in Ludwigsburg gegründete Walcker-Orgelfirma, die bis heute an die 6000 Werke gebaut hat. Doch schon in der Barockzeit gab es einen bedeutenden Orgelbau, ausgehend von Heilbronn, wo Johann Michael Schmahl (1654-1725) mindestens 15 Orgeln baute, u.a. im Heilbonner Deutschordensmünster, in Schwaigern, Waldbach und Brackenheim. Während zwei seiner Söhne – Johannes Friedrich Schmahl (1693-1737) und Johann Adam Schmahl (1704-1757) – die Orgelbau-Tradition in Heilbronn fortsetzten, verdingte sich ein anderer Sohn, Georg Friedrich Schmahl (1700-1773), am Ulmer Münster bei Umbau und Erweiterung der Großorgel und baute noch 45 neue Orgeln, so an der Ludwigsburger Schlosskirche (1747/48) und in der Klosterkirche Roggenburg (1761).

Was die Orgel in der Christuskirche der Südgemeinde betrifft, so wurde sie in den Jahren 193-65 von der Orgelbaufirma Rentsch in Lauffen als Schleifladenorgel mit mechanischen Spiel- und Registertrakturen erbaut. Die Christuskirche selbst kann auf eine 50jährige Geschichte zurückblicken. Sie entstand an der Stelle einer 1925 erbauten Holzkirche, die 35 Jahre ihren Dienst tat und sogar das ausgebombte Heilbronn überstand und als Südkirche nach dem Krieg zum Teil für andere Gemeinden auch Anlaufstätte war, bis sie 1960 aufgegeben werden musste.

Wie Braunwarth darlegte, zeigte die qualitätvolle Christuskirche-Orgel allmählich starke Abnutzungserscheinungen im technischen Bereich des Spieltischs. Symptome der Abnutzung zeigten sich in einer schwergängigen und zähen Spielart und verkanteten Mechanikteilen, die sich immer wieder durch Dauertöne bemerkbar machten. So war 2012 eine grundlegende Orgel-Restaurierung mit Instandsetzungen und Umbauten notwendig, die von der Orgelmanufaktur Link aus Giengen an der Brenz ausgeführt wurden. Braunwarth dokumentierte in Wort und Bild, wie Teile der Orgel mussten gereinigt und neu justiert, der Spieltisch neu gebaut und das ganze Werk nachintoniert und neu gestimmt werden mussten. Nunmehr präsentiert sich die Orgel als eindrucksvolles Gesamtwerk, das sich insbesondere bei nachmittäglicher Sonneneinstrahlung durch die bunten Kirchenfenster in in einem großartigem Farbkaleidoskop darbietet. Auf drei Manualen und Pedal sorgen 32 klingende Register mit insgesamt 2400 Orgelpfeifen in ganz unterschiedlicher Form und Größe für den stimmigen Gesamtklang wohltönender Orgelmusik.

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