Archiv für den Monat März 2014

Arabischer Frühling in Ägypten unter Militärjoch – Johannes Söhner in Kontakt mit der jungen islamischen Demokratiebewegung

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Proteste in Ägypten (Foto: wikicommons/Essam Sharaf)

Ägypten – das Land mit 7000jähriger Geschichte, das Land der Pharaonen und der antiken Weltwunder der Pyramiden von Gizeh und des Leuchtturms von Alexandria. Wenn man heute an Ägypten denkt, dann weniger an das uralte Kulturland, sondern an Ägypten als das Land, von dem die Revolution des „arabischen Frühlings“ ausging. Wie hat sich diese Demokratiebewegung entwickelt und was ist aus den hochgespannten Erwartungen geworden? Darüber informierten bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Johannes Söhner aus Böblingen und der junge Islamwissenschaftler Sherif Afifi aus Ägypten, der gerade dabei ist, in Deutschland zu promovieren.

Johannes Söhner ist seit 20 Jahren als hauptamtlicher Jugendreferent in der Evangelischen Jugendarbeit tätig, zudemTouristik-Manager. Neben seiner innerkirchlichen Aufgaben in Böblingen hat er aktuell den Jugendgemeinderat mit aufgebaut, die Stadtjugendring geleitet und begleitet und vielfältige Schulungsarbeit mit ehrenamtlich tätigen jungen Menschen geleistet. Bereits im März 1989 hatte er an einem Workshop in der „Müllstadt“, in dem Kairoer Stadtteil Moytamadea, teilgenommen, woraus 1992 in Stuttgart die Gründung des Vereins „Yalla“ (Yalla ist ein arabisches Wort und bedeutet „auf geht’s“) entstand, eine Plattform für soziale Projekte, die auch zusammen arbeitet mit den katholischen Ordensschwestern Boromäer (Hilfsfonds Schwester Maria-Kairo e.V.), die oberhalb von Kairo eine Ambulanz und einen deutschen Kindergarten unterhalten.

„Engagement für Völkerverständigung, Kulturaustausch und soziale Gerechtigkeit“ ist das Vereinsziel von „Yalla“. Unter diesem Aspekt leitete Johannes Söhner im Frühjahr 2013 eine  Gruppe von 20 motivierten jungen Menschen aus dem Stuttgarter Raum im Rahmen eines bilateralen Austauschen von islamischer Demokratiebewegung mit der traditionellen christlichen Demokratie. Die Partnerorganisation „Lifemakers“ mit über 15 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern ermöglichte ganz unterschiedliche Projektarbeiten, die hautnahe Einblicke in den ägyptischen Alltag boten. Diese beiden Wochen in Kairo und Alexandria  fielen in die Zeit von massiven Auseinandersetzungen mit Anhängern der Regierung Mursi und dem fundamentalistischen Islam.

Söhner erinnerte daran, dass am 25. Januar 2011 die Demonstrationen gegen des Regime des seit 1981 regierenden Präsidenten Hosni Mubarak begannen, dem Amtsmissbrauch, und Korruption vorgeworfen wurden. Wochenlang versammelten sich hunderttausende Tahrir-Platz in Kairo, dem „Platz der Befreiung“, wovon Sherif Afifi Bilder zeigte. „Muslime und Christen Seite an Seite, die gemeinsam Zuflucht in Moscheen und Kirchen fanden“, so Söhner.  Am 11. Februar 2011 zwang der Oberste Militärrat Mubarak zum Rücktritt und übernahm die Führung des Landes. Die Armee wollte sich zwar der parlamentarischen Kontrolle entziehen, doch kam es immerhin zu Wahlen zur Volksversammlung, aus der im Januar/Februar 2012 die schon vorher im Untergrund gut organisierten Muslimbrüder und Salafisten mit einer Mehrheit von 70 Prozent hervor gingen.

Mitte Juni 2012 wurde Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt, doch mit echter Demokratie hatte er wenig im Hut. Eine Verfassung machte nicht liberale Grundrechte sondern das islamische Recht, die Scharia, zur Hauptwurzel der Rechtsprechung. Die ägyptische Gesellschaft sollte islamisiert werden. Dagegen und überhaupt gegen den autoritären Regierungsstil Mursis und Manipulationen durch die Muslimbrüder gab es vermehrt  massive Demonstrationen, bis Anfang Juli 2013 das Militär Mursi für abgesetzt erklärte und verhaftete – und nun selbst autoritär herrscht. Laut Söhner fand Yalla“immer wieder Möglichkeiten für direkte Hilfen für die medizinische Behandlung von Opfern und Verletzten im Zusammenhang mit der ägyptischen Revolution.

Doch in Ägypten als Zentrum und Symbol der demokratisch-islamischen Erhebung mangelt es weiter an Rechtsstaatlichkeit und Reformprozessen. In dem mit fast 90 Millionen Menschen volkreichsten Staat Afrikas – Land der krassen Gegensätze – re regiert das Chaos, gehen die die Wirtschaft beherrschenden Militärs brutal gegen die Islamisten vor, die Mursi wieder haben wollen und die aus Wut und Rache die Christen bekämpfen. Doch die Zivilgesellschaft ist erwacht. Johannes Söhner: „Die ägyptische Jugend ist zwar vielfach ohne Arbeit und ohne wirtschaftliche Perspektiven, doch unverzagt bereit, sich ohne Angst für Freiheit und Demokratie einzusetzen.“

Bestes Heilmittel gegen Rückenschmerzen ist Bewegung – Dr. Jürgen Kußmann klärt auf, wie man dem Verschleißprozess entgegen wirkt

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Das Kreuz mit dem Kreuz: Rückenschmerzen hat fast jede und jeder mal, vielfach auch chronisch. Über das Leiden mit Wirbelsäule und Bandscheiben informierte die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Dr. Jürgen Kußmann. Er ist Arzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Notfallmedizin, Chirotherapie, Physikalische Therapie und Sozialmedizin. 25 Jahre lang war er an Orthopadie-Kliniken tätig, wo er „kaputte Knochen repariert“ hat, und seit einigen Jahren im Reha-Bereich, derzeit ärztlicher Leiter für ambulante orthopädische Rehabilitation bei Meyer Training und Therapie in Untergruppenbach.
Fehlhaltung und Rundrücken müssen nicht unbedingt weh tun, meinte Kußmann einleitend. Andererseits lassen sich Schmerzen an Schulter und Rücken nicht immer exakt auf körperliche Ursachen zurückführen, mitunter würde da viel reinprojiziert. Vielfach bestünde eine Wechselwirkung zwischen körperlichen und seelischen Leiden. „Da kann es sein, dass Ihnen bei Stress und in depressiven Phasen das Kreuz und sonst noch alles weh tun, und nach Trauer- oder Problembewältigung, wenn sie gut drauf sind, spüren Sie nichts mehr.“
Häufig sind Rückenschmerzen jedoch echt und nachweisbar. Das hängt nun einmal zusammen mit der Wirbelsäule, die das Rückenmark umschließt und schützt, ein bewegliches gekrümmtes Achsenskelett, das den Oberkörper stabilisiert und im Rücken stützt, den Kopf trägt und Beine mit Schultern und Armen verbindet. Dr. Kußmann zeigte dies plausibel und anschaulich an bildhaften Darstellungen auf. Unsere 24 Wirbel im Hals-, Brust- und Lendenbereich sind untereinander verbunden mit Wirbelgelenken, an denen Bänder und Muskeln hängen, die für Beweglichkeit sorgen. Die Wirbel werden gut gepolstert durch Bandscheiben, mit Wasser gefüllte etwa fünf Millimeter dicke Puffer, die jeden Stoß oder Druck bei Bewegen oder Gehen abfedern.
Diese elastischen Verbindungsschienen zwischen zwei Wirbeln bestehen aus einem faserigen Ring und einem gallertartigen Kern. Doch die Krux ist, dass die Bandscheiben im Laufe des Lebens, spätestens ab dem 30. Lebensjahr immer mehr austrocknen und Stöße nicht mehr so gut abfedern; die Elastizität der Wirbelsäule geht allmählich verloren. Der mit dem Alter zunehmende Verschleißprozess mit Abnutzungserscheinungen muss also nicht zwangsläufig krankhaft bedingt sein, kann jedoch zu einer zusätzlichen Belastung der Wirbelkörper führen, so dass Wirbelsäulen-Beschwerden auftreten, Rückenschmerzen, die durch Muskelverspannungen noch verstärkt werden.
Zu einer meist schlagartig auftretenden, sehr schmerzhaften Erkrankung kommt es bei einem Bandscheibenvorfall, wenn also die Bandscheibe rausspringt, der gallertartige Kern nach außen drückt und die umliegenden Nerven reizt oder sie gar entzündet.und mitunter auch das Rückenmark schädigt. Es kommt zu starken Rückenschmerzen mit Auswirkungen auf auf Spinalnervenwurzeln, oft verbunden mit Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungen, Versagen der Muskelsteuerung. Exakt lassen sich die Ursachen feststellen durch Aufnahmeverfahren wie Computertomographie oder – nicht durch Strahlen belastet – mit neuer Kernspin- oder auch Magnetresonanztomographie.Bei fortschreitenden Lähmungserscheinungen ist eine schnelle Bandscheibenoperation erforderlich, um bleibende Schäden zu verhindern. Doch soweit muss es nicht kommen,meint Dr. Kußmann- Als Osteopath sucht er die Krankheit nicht nur im Knochenleiden, sondern im Wissen um das funktionierende Zusammenspiel von Bindegewebe, Muskeln, Organen, Knochen und Gelenken kann er mit den Händen Verspannungen und Blockaden auflösen. Wenn schon Knochenschwund vorliegt, also die bei Frauen nach den Wechseljahren relativ schnell fortschreitende Osteoporose mit Rückenschmerzen aufgrund von Wirbelkörperverformungen, ist eine Therapie angesagt mit Bädern und Krankengymnastik, am besten Wassergymnastik.
Dr. Kußman ist überzeugt: „Man kann seine Wirbelsäule sein ganzes Leben lang elastisch halten, indem man sich recht viel bewegt,“ gemäß dem Grundsatz, „Vorbeugen ist besser als Leiden“. Er empfiehlt sowohl Ausdauertraining, regelmäßiges Joggen oder (Nordic)Walken, als auch Muskelaufbau durch Gymnastik oder an Geräten. „Es geht um Durchsaftung der Gelenkschmiere.“ Bis ins hohe Alter und auch bei Beschwerden könne man so etwas für Fitness und Gesundheit tun.

Märchen von in Tieren verzauberten Menschen – Die Erzählerin Petra Anna Schmidt deutet Märchen der Brüder Grimm

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Petra Anna Schmidt (Foto: Rolf Gebhardt)

Als Kinder sind wir durchweg mit Märchen aufgewachsen, wobei die Märchen der Brüder Grimm die bekanntesten und beliebtesten waren und sind. Die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus machten jetzt wieder Bekanntschaft mit Grimms Märchen, vorgetragen von der Erzählerin Petra Anna Schmidt aus Tübingen, die dabei auch gleich Deutungen nach lieferte.

„Es war einmal . . .“ So fangen alle Märchen an. Es war einmal ein Hexenhaus oder ein Schloss, eine Zauberin oder ein Räuber, eine unverstandene Prinzessin und ein verliebter Jüngling. Grimms Märchen sind voll von für uns heute unrealistischen Behausungen, Gestalten und Begebenheiten. Und doch wurden und werden diese Geschichten von Kindern „verschlungen“, tauchen die Kinder gerne ein in eine bunte Märchenwelt, lassen sich verzaubern , ängstigen und erfreuen von Geschehnissen und Lebensprozessen, die mit dem realen Leben wenig bis gar nichts  und oft auch nichts mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu tun haben. „Im Gegensatz zu Erwachsenen brauchen Kinder keine Erklärungen, Deutungen und Übersetzungen von Märchen“, meinte die Erzählerin, denn „Kinder denken analog und Erwachsene logisch.“

„Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, die sich brüderlich liebten; aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie wollten ihr ihre Macht rauben.“ So beginnt das weniger bekannte Grimms Märschen „Die Kristallkugel“, das Petra Anna Schmidt als erstes vortrug. Also verwandele die Zauberin den ältesten Sohn in einen Adler und den mittleren in einen Walfisch, während der jüngste vorzeitig flieht. Er macht sich auf den Weg zu einem Schloss, wo er die verwünsche Königstochter erlösen möchte. Durch die Begegnung mit zwei streitenden Riesen kommt er in den Besitz eines Wünschhuts, der ihn prompt ans Ziel bringt. Die Königstochter auf dem Schloss leidet an einem Fluch, dass sie für jeden alt aussehen lässt. Nach Erfüllung einer ganzen Folge gefährlicher Teilaufgaben gelangt er n den Besitz einer Kristallkugel, die den Zauberer besiegt, „Da eilt der Jüngling zu der Königstochter, und als er in in ihr Zimmer trat, so stand sie da im vollen Glanz ihrer Schönheit, und beide wechselten voll Freude die Ringe  miteinander.“

Der Erzählerin zufolge verkörpern verzauberte Menschen in Tiergestalten Eigenschaften von Menschen, die noch nicht ganz zur  Reife gekommen sind., der in vielen Mächten vorkommende Wald das Bild für das Ungewisse und Unheimliche, und Riesen stehen für unkultivierte Kräfte. Märchen zeigten oft, dass es sich lohne, die „Komfortzone von Hotel Mama“ zu verlassen und sich aufzumachen Unvorhersehbare, meist mit einem hehren Ziel, das zu erreichen einem auch nach Umwegen und Schwierigkeiten vergönnt ist. Märchen zeigten  auch, dass wer arm und verkannt ist, nicht verzagen müsse, dass andererseits Reichtum und Privilegien nicht das Glück bedeuten, sondern dass dazu etwas kommen müsse wie Liebe und Erfüllung.

Dieser Auslegung entspricht auch das Märschen „Das Eselein“: Eine Königin jammert, dass sie kein Kind hat, und gebiert dann einen Esel.Sie will ihn ersäufen, aber der Vater lässt das fröhliche Kind aufziehen, und es lernt vom Spielmann Laue spielen. Als es sein Spiegelbild im Wasser sieht, wandert das Eselein traurig fort zu einem Schloss, wo es wegen seines Lautenspiels eingelassen, doch für sein Aussehen verlacht wird. Es verlangt, beim König zu sitzen. Der zeigt ihm auch seine Tochter, und er gewinnt das Eselein dank seines feinen Betragens auch lieb. Als das Eselein traurig  heim will und sich nicht aufmuntern lässt, gibt ihm der König seien Tochter zur Frau. In der Hochzeitsnacht streift das Eselein die Haut ab und ist ein schöner Mann. Als dies dem König zugetragen wird, verbrennt er die Eselshaut. Der Jüngling will fliehen, aber der König macht ihn zu seinem Erben, und er erbt auch noch das Königreich seines Vaters.

Nach allerlei Verwicklungen und scheinbaren Aussichtslosigkeiten wird also am Ende alles gut. So auch beidem dritten vorgetragenen und ebenfalls „verzauberten“ Grimms Märchen „Jorinde und Joringel“ .Wiedergabe und Aufbau der Märchen machen deutlich, dass ihre Sammler und Gestalter, die Brüder Jacob Grimm (1785-63) und Wilhelm Grimm (1786-1859), begnadete Volkskundler und Sprachwissenschaftler waren, die mit Recht über die Jahrhunderte ihren gebührenden Platz in der deutschsprachigen Literaturgeschichte für Kinder und Erwachsene gefunden haben.

Eigene Würde macht christliches Menschenbild aus – Prälat Hans-Dieter Wille über Wertebewusstsein und Gewissensverantwortung

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Prälat i.R. Hans-Dieter Wille (Foto: Rolf Gebhardt)

Im christlichen Abendland, dem wir uns zugehörig fühlen, gibt es prägnante Vorstellungen von christlichen Werten, die das christliche Menschenbild ausmachen. Zur Debatte darüber referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus wieder einmal der ehemalige Heilbronner Prälat Hans-Dieter Wille (Tübingen), der kurzfristig für den erkrankten Prälat i.R. Paul Dietrich (Weilheim/Teck), sein Vorgänger, eingesprungen war.

Den Einstieg lieferte Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, gegen den just an diesem Tag der spektakuläre Prozess wegen Steuerhinterziehung angelaufen ist. Ging der Anklagesatz noch von 3,5 Millionen € hinterzogenen Steuern aus, gestand der 62jährige ein, 18,5 Millionen € dem Fiskus entzogen zu haben (und am zweiten Prozesstag ging die Steuerfahndung von mindestens 27,2 Millionen € aus). Da stellte sich für Wille die Frage: „Nehmen Menschen in leitender Stellung für sich eine andere Moral in Anspruch?“ Er verwies dabei auch auf den 30 Jahre langen Steuerbetrug der Feminismus-Ikone Alice Schwarzer oder auf die massive Bestechungsaffäre im Siemens-Konzern. In unserer Wertevorstellung wie auch vor dem Gesetz sei  Steuerbetrug ebenso wie auch Korruption nun mal kein Kavaliersdelikt, sondern ethisches Fehlverhalten und strafbar. Doch von den „Steuersündern“ sei so gut wie nie ein grundehrliches Schuldbekenntnis zu hören, dass jemand selbstkritisch zu seiner Schuld steht. Das zeige sich auch bei der „Vorteilsnahme“ von Beamten und Politikern wie in Dopingvergehen von Spitzensportlern. „Da fehlt Einsicht, Reue und Anstand.“

Aber auch wenn „Kapitalverbrechen“ in Vorstandsetagen an den Tag kämen, dürfe in der Bevölkerung nicht der Eindruck entstehen, wer ehrlich ist, ist der Dumme. Ein solch fragwürdiger  Kulturwandel in der Wertedebatte werde zunehmend wettgemacht durch die sich verbreiternde Einsicht, dass sich Ehrlichkeit und Wertebewusstsein auch in der Wirtschaft, im unternehmerischen Handeln, letztlich lohnt, wenn das Unternehmen gutes Renommee hat – in der gesellschaftlichen Wertschätzung, bei den Kunden und insbesondere auch bei den Mitarbeitern, die sich  mit ihrem Betrieb und ihrer Arbeit identifizieren können. „Führen mit Werten gewinnt Kontur“, meinte der Alt-Prälat und hob hervor, dass zunehmend mehr Top-Manager sich einem Verhaltens- und Ehrenkodex verpflichten, auch wenn sie unter dem Druck der Leistungsverantwortung stehen.

Wille stellte die Frage in den Raum: „Inwieweit ist der ‚Wert‘ einer Person abhängig von seinen Leistungen oder Fehlleistungen?“ Und er schob auch gleich seine Antwort nach: Der Mensch gehe darin nicht auf, weil seine Person unantastbar sei, er jenseits aller Bewertungen eine Würde und einen Auftrag habe. Schließlich sei auch in unserem Grundgesetz als Kernsatz der Schutz der Menschenwürde verankert: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen . . .“

Andererseits: „Dem Menschen wird zugemutet, sein Tun zu verantworten und zu seiner Schuld zu stehen“, so Wille. Den eigenen Wert bewerte der Mensch oft darin, was er wert sei im Ansehen bei  Dritten, wie er von Mitmenschen wertgeschätzt werde. Allzu gerne orientiere man sich an denjenigen, die das Sagen haben. Dies sei nicht immer glücklich – siehe prominente Steuersünder. Auch warnte Wille vor Neid und Missgunst, denn der Mensch sei nicht „geldwert“ ausgerichtet, sondern habe seinen eigenen – personalen – Wert., eine ihm von Gott zugesprochene Würde – ein Beitrag zur Humanisierung der Menschheit. Deswegen müsse der Mensch auch nicht unter der Last von Schuld und Versagen zerbrechen. Die Bibel sei voll von Geschichten, dass Gott gefallene Menschen nicht fallen lasse. Auch wenn Lebensformen zerbröseln, brauche man nicht zu verzweifeln, denn man sei nicht allein nur auf sich gestellt. Da sei das Gebet die Therapie schlechthin, man können mit Gott alles bereden, „denn Gott hört sich alles an.“

Alt-Prälat Wille machte deutlich, dass es gelte, auch in einem Wertekonflikt gewissenhaft und vernünftig zu handeln. Christentum sei schließlich auch eine Gewissensreligion, die vom Menschen verlange, im Tun und Handeln sein Gewissen mitsprechen zu lassen. Gewissen ergebe sich nicht von selbst, sondern entwickele sich an Erfahrungen und Werten, maßgeblich mit gebildet durch christliche Erziehung und Lehre.Im vom Gewissen getragenen Verantwortungsgefühl könne die Freiheit eines Christenmenschen auch darin bestehen, herausgefordert zu sein zur Zivilcourage.

Die DDR erwies sich als „Fußnote der Geschichte“ – Historiker B. Müller analysierte, was vom „anderen Deutschland“ übrig blieb

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StD i.R. Bernhard Müller (Foto: Rolf Gebhardt)

An Rosenmontag ließen es sich rund 100 „Junge Senioren“ nicht nehmen, ins Hans-Rießer-Haus zu kommen zu einer Geschichtsstunde der besonderen Art über eine von allen voll miterlebte Zeitgeschichte – die DDR, und was von ihr bleibt. Darüber referierte Studiendirektor i.R. Bernhard Müller, der „das andere Deutschland“ vor und nach der Wende ausführlich bereist und erforscht hat.

Der Titel des DDR-Vortrags, „eine Fußnote der Geschichte“, geht zurück auf den Schriftsteller Stefan Heym, der – 1913 in Chemnitz geboren – 1933 emigrierte und 1952 aus den USA in die DDR übersiedelte, sich in seinen Romanen mit der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Menschen in unterschiedlichen Regimen auseinandersetzte, einer der Wortführer der DDR- Bürgerrechtsbewegung war und 1994 in Berlin ein Direktmandat für die PDS gewann.

Auch Geschichtswissenschaftler sind durchweg der Meinung, dass von der DDR langfristig nichts übrig bleibt, so Müller. Dabei sei ja die DDR nicht der erste deutsche Staat, der untergegangen ist. Er nannte Preußen, 1947 nach 300 Jahren offiziell aufgelöst. Einen „Diktaturen-Vergleich“ der 40jährigen DDR und der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft im „Tausendjährigen Reich“ hielt Müller für unzutreffend, da er das Hitler-Regime verharmlose und den DDR-Staat dämonisiere.

Nichtsdestoweniger begann Müller seine DDR-Analyse mit einer „Diktaturerzählung“. Als der II. Weltkrieg endete und die Rote Armee den Osten Deutschlands besetzte, wurde mit der Gruppe Ulbricht, ein Kommando deutscher Exilkommunisten aus Moskau, 1949 aus der Sowjetzone ein  Staat von Stalins Gnaden etabliert, eine Diktatur der Pläne, die aber ihre Bürger hinter Mauern und Stacheldraht wegsperren musste, damit sie nicht alle weglaufen. Und so bildete sich ein Unrechts- und Überwachungsstaat heraus, eine Erziehungs-, Betreuungs- und Bevormundungsdiktatur mit permanenter Bespitzelung der Bürger durch die allgegenwärtige Staatssicherheit (Stasi).

Und doch entwickelte sich aus diese Zwangslage heraus ein weit verbreitetes Gefühl für Solidarität und Gerechtigkeit, barg auch das Leben unter dem DDR-Regime „bei allen Sorgen und Nöten eine Fülle von privatem Glück in sich“. So Müllers „Arrangement-Erzählung“ nach Zeitzeugen. Dann die „Fortschrittserzählung“: Die Deutsche Demokratische Republik wollte das bessere Deutschland sein, Arbeiter- und Bauernstaat mit kollektivierter Landwirtschaft und volkseigenen Betrieben.und mit einer Kulturpolitik im Zeichen des ideologisch-erzieherischen Auftrags der SED.

Letztere hat laut Müller immerhin direkt oder indirekt auch im vereinten Deutschland renommierte Künstler hervorgebracht: So Eberhard Richter als der bestbezahlte deutsche Maler, Musiker wie Hans Eisler und Rolf Biermann, sowie vor allem Literaten, die zumindest vorübergehend in der DDR ihre Heimat gefunden und/oder unter Repressalien gelitten hatten, angefangen von Berthold Brecht über Heym, Johnson, Kunze, Kunert, Loest und Zwerenz bis Jurek Becker und Heiner Müller. Anna Seghers und Christa Wolf. Geblieben sind auch historisch wertvolle Bauwerke, wenngleich die DDR-Führung Altstädte verkommen ließ und lieber  in Prestigebauten im Zuckerbäckerstil und in trostlosen Plattenbausiedlungen investierte.

Hingegen sind, nachdem die territorialer Spaltung überwunden war, von der Grenzziehung durch die Mauer kaum noch wahrnehmbare Spuren übrig geblieben. Die Erinnerung an den real existierenden Sozialismus wurde in den Abfalleimer der Geschichte verbannt. Als die DDR 1989 ihr 40jähriges Bestehen feierte, war sie wirtschaftlich und politisch am Ende, das ein Jahr später kam.

Laut Müller bleibt als Erbreichtum in Erinnerung: Die friedliche Revolution durch den unerschütterlichen Mut der Bürgerrechtsbewegung, von ökologischen und kirchlichen Gruppierungen, die in kirchlichen Räumen Resonanzboden fanden, und „ob man will oder nicht“ eine Verbreiterung der deutschen Parteienlandschaft nach links durch die aus SED und PDS hervorgegangene „Linken“, die aktuell die drittstärkste Partei im Bundestag darstellt, während von dem kirchlich-religiösen Aufbruch und den Bürgerrechtlern wenig übrig geblieben ist. Der Sog der Konsumwirtschaft hat die ehemalige DDR und ihre Bevölkerung verführt und überwältigt. Immerhin gibt es jetzt eine Reihe maßgeblicher Bundespolitiker mit jahrzehntelanger DDR-Vergangenheit, so Innenminister de Maizière, Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck.