Archiv für den Monat April 2014

Schäferei, Straußenfarm, Melkroboter, Tiermast – Erfolgsautorin Ulrike Siegel sprach über „Die Bauern und das liebe Vieh“

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Ulrike Siegel (Foto: Rolf Gebhardt)

Für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand ist die Industrie ausschlaggebend. Doch wir müssen uns ja auch ernähren. Und dafür brauchen wir die Landwirtschaft. die sich auch im Lauf der letzten Jahrzehnte in ihrer Struktur entscheidend verändert.hat, insbesondere in der „Fleisch-Produktion“ – vom kleinbäuerlichen Familienbetrieb mit Stallung bis zur agrarindustriellen Massentierhaltung. Was es damit auf sich hat, darüber berichtete die Bestseller-Autorin Ulrike Siegel bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus zum Abschluss der Veranstaltungsreihe 2013/14.
Ulrike Siegel ist für die „Jungen Senioren“ keine Unbekannte. Vor vier Jahren las sie aus ihrer dreibändigen Bauerntöchter-Reihe. Von den Lebensgeschichten einiger dieser 60 Frauen, die auf dem Land aufgewachsen sind, gibt es auch einen Folgeband über ihr Schicksal in neuerer Zeit, sowie fünf weitere Bücher „vom Leben auf dem Lande“. Ulrike Siegel selbst stammt „vom Land“ , aufgewachsen auf einem Hof in der Heilbronner Landkreis-Gemeinde Brackenheim-Botenheim, wo sie sich auch 14 Jahre lang als „praktische Bäuerin“ betätigte, Landwirtschaftsmeisterin und Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft wurde, dann Agraringenieurin an der Fachhochschule Nürtingen, und auch mehrere Jahre in Lateinamerika, Afrika und Indien tätig war. „Nebenbei“ ist die Mutter von zwei Töchtern ehrenamtliche Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Hohebuch. Doch bekannt ist sie in erster Linie als Herausgeberin von Büchern, in denen sie Betroffene von Leben und Arbeit auf dem Land zu Wort kommen lässt. „Für die Dokumentation agrarkultureller Werte innerhalb biografischer Lebensentwürfe“ hat die heute 53jährige bereits 2010 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.
Jetzt wollte sie – wie vor fast einem Jahr vereinbart – eigentlich ihr neuestes Werk „Die Bauern und das liebe Vieh“ vorstellen. Doch es ist noch nicht erschienen, „wahrscheinlich im Herbst“. Allerdings steht noch nicht fest, ob der Titel so bleiben kann, denn unter der gleichen Bezeichnung l ist ein Agricola-Spiel auf den Markt gekommen. Zum anderen ist fraglich, ob darin der Bericht einer Tierwirtin von einem Staatsbetrieb für Schweinezucht erscheinen darf. „Moderne Tierhaltung in der Landwirtschaft ist ein vermintes Feld,“ meinte Ulrike Siegel lakonisch; polarisierende Perspektiven könnten da nicht ausbleiben.. „Doch noch viele Bauern kennen und lieben ihre Tiere.“
Und so begann sie, den Umgang mit und die Abhängigkeit von Tieren an zwei recht problemlosen Beispielen aufzuzeichnen. Eine Wanderschäferin aus Bad Wimpfen mit einer familiär betriebenen Schäferei mit 1600 Mutterschafen und Nachzucht schildert den Jahresverlauf zwischen Idylle und Harmonie sowie entbehrungsreichem, harten Leben, aber genügend Gründen für Zufriedenheit. Im zweiten Kapitel geht es um eine Straußenfarm in Norddeutschland, auf der die Wildtiere in einem großen Freigelände möglichst artgerecht gehalten werden, „alles vitale, schöne Jährlinge, die ihr Leben lassen müssen, damit wir existieren können“, so die Halter. Dann Puten-Zucht, die sich heute nur in ganz großen Ställen rentiert. „Wenn in Deutschland jährlich 38 Millionen Puten geschlachtet werden, können die nicht vom Freigelände kommen.“
Milchvieh: Hier ein Bio-Hof mit 50 Milchkühen, die zweimal am Tag traditionell gemolken werden. Dort ein Milchviehbauer mit 90 Kühen, die sich rund um die Uhr vor einem Melkroboter anstellen – „Entlastung von festen Arbeitszeiten“.Eine Halterin von 350 Milchkühen will nicht als Bäuerin angesprochen werden, sondern als „Herdenmangerin“. Für jeden Kuhboxplatz inklusive elektrischer Bürste wurden 5000 € investiert. Modernste Melkautomation mit 24 Melkplätzen.
Schließlich Schweinemast: Einmal auf einem 180 Jahre alten Schwarzwald-Hof, der mehr von den Erträgen der Forstwirtschaft lebt. Ein Betrieb, der sich dem „Boeuf de Hohenlohe“ und dem schwäbisch-hällischen Landschwein verschrieb. Oder agrarindustrielle Tiermast. „Schweinezucht ist Qualzucht“, so Ulrike Siegel, die auch auf Auswüchse in Schlachtereien hinwies.
Aber auch früher sei nicht alles besser und tierfreundlicher gewesen, so etwa im Hinblick auf rauhbeinige Wanderschlächter. Viehhaltung könne wohl nie ideal erfolgen, doch die Tiere wie tierische Nahrungsmittel verdienten Wertschätzung und dürften nicht zur billigen Ramschware verkommen. Ulrike Siegel: „Sündhaft billige Produkte werden auch sündhaft billigst produziert.“

Mit Rente lässt sich Lebensstandard nicht sichern – VdK-Bezirksvorsitzender Frank Stroh erwartet Zunahme der Altersarmut

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Frank Stroh (Foto: Rolf Gebhardt)

Ein Gespenst geht um in unserer Gesellschaft: Altersarmut – Bedrohung oder schon Realität, vermeidbar oder unabdingbar? Zu diesem Thema referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Vorsitzende des VdK-Kreisverbands Heilbronn, Fank Stroh.

Warum zeigt sich für diese Problematik ausgerechnet der VdK kompetent, wo er doch gegründet wurde für die Interessenwahrnehmung von Kriegsversehrten, Kriegerwitwen, Kriegswaisen und dergleichen und eigentlich längst totgesagt wurde? „Der VdK hat sich längst zum größten Sozialverband Deutschlands fortentwickelt“, erklärte Stroh: Mit 1,7 Millionen Mitglieder bundesweit, davon 220 000 in Baden-Württemberg und 6300 im Kreisverband Heilbronn (Stadt und Land). Stroh, der auch dem VdK-Bezirksvorstand Nordwürttemberg angehört, war in seiner Berufslaufbahn u.a. Gewerkschaftssekretär der IG Metall-Verwaltungsstelle Neckarsulm und dann Pressesprecher des IG-Metall-Bezirksleiters Berthold Huber. Zudem war er vor 14 Jahren mit dem Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth Mitbegründer der Bürgerinitiative Region Heilbronn-Franken e.V. Laut Stroh befasst sich der VdK laufend mit Anliegen und Beratungen von Menschen mit sozialen Problemen und versteht sich so auch als sozialpolitisches Sprachrohr, nicht zuletzt im Hinblick auf die Herausforderungen durch den demografischen Wandel mit einem zunehmend wachsendem Bevölkerungsanteil der über 60Jährigen, insbesondere der Hochaltrigen.

Damit müssen die Sozialsysteme fertig werden, speziell das gesetzliche Rentensystem. Mit der grundlegenden Rentenreform 1957 wurde die bruttolohnbezogene dynamische Rentenversicherung eingeführt. Das ursprünglich angepeilte Ziel eines Rentenniveaus von 70 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts wurde jedoch nie erreicht, betonte Stroh. Vielmehr zeigt das Rentenniveau eine laufend sinkende Tendenz und ist inzwischen auf knapp unter 50 Prozent gefallen. Mit einer weiteren Absenkung auf 46 Prozent bis 2020 und auf 43 Prozent bis 2030 ist nach der derzeitiger Beschlusslage zu rechnen, erklärte Stroh.

Diesem Modell zugrunde liegt der Standardrentner, der 45 Jahre lang ein Entgelt im Höhe der aktuellen durchschnittlichen Bruttobezüge aller Versicherte erhalten hat. Danach ergibt sich eine Monatsrente von ca. 1300 Euro. Doch diese Bedingungen erfüllen nur 40 Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen, so Stroh. Das führt dazu, dass die Durchschnittsrente für Männer heute niedriger ist als 1100 € und bei Frauen etwa bei 750 liegt. Vergleichsweise erhalten Beamte, die nach wie vor 72 Prozent ihrer letzten Bezüge bekommen, im Schnitt 2500 € monatliche Pension.

Stroh verwies zudem auf die Anhebung der Regelaltersgrenzen seit Anfang 2012 in Stufen auf 67 Jahre und darauf, dass seit 2005 die Renten – abhängig von Jahr des Rentenbezugs – mit steigendem Anteil versteuert werden müssen, schrittweise bis zu 100 Prozent im Jahr 2040. Der Anspruch auf Grundsicherung, den vor allem viele alleinstehende Frauen wegen ihrer niedrigen Renten  hätten, werde wegen der hohen bürokratischen Hürden nur unzureichend wahrgenommen. Ein Erwerbstätiger mit Durchschnittseinkommen (ca. 30 000 €/Jahr) brauche Versicherungspunkte aus 27 Jahren, um eine Rente etwa in Höhe der Grundsicherung (aktuell 764 €) zu bekommen.

Da es heute unmöglich sei, mit der gesetzlichen Rente seinen Lebensstandards u sichern,  komme man nicht um frühzeitige private zusätzliche eigene Altersvorsorge herum, meinte Stroh als Botschaft für die jüngeren Berufstätigen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Riester-Rente habe sich als Flop erweisen, Betriebsrenten sind selten geworden und unterliegen zudem – wie Direktversicherungen – voll der Kranken- und Pflegeversicherung (18 Prozent), und überhaupt mache das niedrige Zinsniveau sichere Kapitalanlagen für die Alterssicherung unattraktiv.

Für Stroh ist es ein Unding, dass in dem reichen Deutschland das Rentenniveau im Vergleich der 34 OECD-Länder im unteren Drittel liegt. Die Einkommens- und Vermögensentwicklung vergrößere zunehmend die Schere zwischen Arm und Reich; die untere Hälfte der Einkommensbezieher verfüge nur über ein Prozent des gesamten Privatvermögens. Stroh: „Es gilt, diesem sozialen Sprengstoff durch ein gerechteres Steuersystem zu begegnen und bedrohlicher Altersarmut und Pflegenotstand durch Sicherung und Ausbau einer solidarischen Gesellschaft.“

„Du bist einzigartig . . . in deiner Geschichte“ – Peter Goes theologisch und psychologisch auf der Spur nach dem Lebenssinn

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Peter Goes (Foto: Rolf Gebhardt)

Wer hätte nicht schon mal über den Sinn seines Lebens, über die Sinnhaftigkeit seines Tun und Handelns, nachgedacht oder etwa auch mehr oder weniger verzweifelt geklagt, dass das doch alles keinen Sinn habe. Der Mensch ist offenbar ein Wesen auf der Suche nach dem Sinn. Dem Sinn des Lebens auf der Spur – wissenschaftlich und theologisch – ist seit langem Pfarrer i.R. Peter Goes, und seine Einsichten und Erkenntnisse vermittelte er den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.
Ist es der Sinn des Lebens, einfach nur glücklich zu sein? Sinn – Lebenssinn – ist doch wohl mehr als Glück, über das Peter Goes vor Jahresfrist bei den „Jungen Senioren“ „sinnvoll“ referiert und erläutert hatte, wie man Glück anstreben und erreichen kann. Auf der Spurensuche nach dem Sinn im Leben begab sich Peter Goes, der Theologie in Tübingen, Basel und Bonn studiert hatte, natürlich in theologische Gefilde, gibt es doch in allen Weltreligionen – zuvorderst im Christentum – Vorstellungen, Regeln und Definition vom Sinn des Lebens im göttlichen Heil. Doch neben Antworten aus der Bibel hat Peter Goes auch sozio-kulturelle und psychologische Erklärungen parat, hat er doch auch ein Zusatzstudium am C.G.-Jung-Institut in Zürich absolviert, der Forschungsstätte für analytische Psychologie und Psychotherapie. In der für ihn prägenden Begegnung mit den Werken des Schweizer Geisteswissenschaftlers Carl Gustav Jung (1875-1961) entdeckte Goes die Psychosomatik in ihrer Bedeutung für therapeutische Heilungsprozesse, was ihm nicht zuletzt auch als Klinikseelsorger hilfreich – und oft auch sinnführend für Patienten –war.
Denn – so Peter Goes: „Nichts Schlimmeres gibt es als eine Sinnkrise, das totale Gefühl der Sinnlosigkeit, der Sinnleere.“ Das hat Goes selbst wiederholt erlebt – an Krankenbetten, wenn Schwerverletzte oder chronisch Kranke verzweifelt danach fragen, was für ein Sinn das Leben nun noch für sie hat. Oder wenn vom Tode naher geliebter Verwandten betroffene oder durch existentielle Lebensschicksale aus der Bahn geworfene Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Im Sinn-Verlust, im Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, entstehen laut Goes Krankheitssymptome, was zur Depression und Verzweiflung führen kann, bis hin zum Suizid. Wenn einer psychisch krank ist, ist er Einsichten, Liebe, Freuden und Hoffnungen nicht mehr zugänglich.
Damit es nicht so weit kommen muss, sollte die Sinnfrage positiv angegangen werden, meinte Goes. Am Anfang könnte eine Sinn-Analyse stehen, die Frag nach den tragenden Grundlagen. Für viele Menschen ist Beruf und Arbeit maßgeblich für die eigene Identität. Doch wer im Job keinen Sinn sieht, geht lustlos und ohne Engagement seiner Aufgabe nach und fühlt sich unglücklich, wie Goes aus seelsorgerischen Gesprächen erlebte. Auch familiäre, eheliche und andere die Seele bedrängende Probleme können den Lebenssinn in Frage stellen. Dann gilt es, die Krise als Chance zu nutzen. Es reicht nicht aus, die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Auch gute Entlohnung, hohes Einkommen, ja selbst Reichtum und Besitz(streben) machen nicht den Sinn des Lebens aus.
„Es muss einem daran gelegen sein, aus der Sinnentleerung herauszukommen, gegebenenfalls aus dem Hamsterrad des Alltagstrotts“, so Goes. Dazu gibt es immer wieder Möglichkeiten und Handreichungen, doch in erster Linie liegt es bei einem selbst, den Sinn des eigenen Lebens zu ergründen und zu erkennen. Man muss sich nicht nach anderen ausrichten wollen, auch mal Nein sagen können, gemäß seinen spezifischen Talenten und Interessen den eigenen Weg finden. Nach Ansicht von Goes sollt man sich eher vor Reizüberflutung schützen, Freude an sinnlichen Momenten, an Naturerlebnissen, Stimmungen und Atmosphären haben. Nicht zuletzt besteht für Goes sinnerfülltes Leben in sinnerfüllten Beziehungen, im Erleben persönlicher Wertschätzung.
Diese Erkenntnisse hat Peter Goes auch aus der Lektüre von Schriften bedeutender Geister und persönlichen Begegnungen etwa auf Buchmessen. Da zeigt sich auch die Verwandtschaft von Peter Goes – als Neffe wie auch geistig – zu dem geschätzten Theologen und Schriftsteller Albrecht Goes (1908-200), denn auch Peter Goes ist Autor von Lyrik-Büchern. So liegt es nahe, dass er den Sinn auch poetisch fasst, etwa in dem Gedicht „Du bist einzigartig“: Du bist einzigartig / in deinem Fühlen / in deinen Tränen / in deinen Träumen / in deiner Freude / in deinem Lächeln / in deinen Gedanken / in deiner Geschichte / und trägst deinen / einzigen Auftrag / der Schöpfung in dir.