Archiv für den Monat Oktober 2014

Im Alter wächst die Gefahr des Knochenschwunds – Orthopäde Dr. Jan Bachmann über Ursachen und Therapie von Osteoporose

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Dr. Jan Bachmann (Foto: Rolf Gebhardt)

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog war um seinen 80. Geburtstag davon betroffen und weiterhin sind es mindestens 2,5 Millionen Frauen über 50 und bestimmt eine Million Männer in Deutschland: von Osteoporose – in der Umgangssprache Knochenschwund. Über Ursachen und Therapiemöglichkeiten referierte der Orthopäde Dr. Jan Bachmann, niedergelassener Facharzt in Heilbronn, im Hans-Rießer-Haus bei den „Jungen Senioren“.

Dass dieses Veranstaltung einen Rekordbesuch von über 130 Besucher/innen erlebte, liegt daran, dass diese Krankheit insbesondere ältere Personen betrifft, vor allem Frauen nach den Wechseljahren, denn nach Aufhören der Regelblutung, wenn der Hormonschutz wegfällt, kommt es zu einer rapiden Abnahme der Muskelmasse (um 15 bis 20 Prozent), mit der Gefahr der Osteoporose. Aber auch ältere Männer sind durchaus dagegen nicht gefeit, besonders nach einer Prostata-Operationen. Wie Bachmann erklärte, sterben nun einmal mit zunehmendem Alter Muskelfasern ab und schwächen den Knochen, deren Innen- und Außenschicht brüchiger wird, ihre mechanische Belastbarkeit verringert sich, so dass sich das Sturz-Risiko erhöht –  mit der Folge von Frakturen, also Knochenbrüchen, zumeist Wirbelfrakturen und Oberschenkelhalsbrüchen.

Knochen  sind schließlich keine trockene Materie. Sie werden durchblutet, und in ihrem Inneren findet ständig ein Umbau statt, aber nur, wenn die Knochen ausreichend bewegt und versorgt werden. „Bewegte Muskeln halten Knochen fit“, so Bachmann. Osteoblasten bauen Knochen auf, Osteoklasten bauen Knochensubstanz ab, und dies überwiegt im Alter. Als Baustoffe brauchen Knochen und Muskeln Kalzium, und um Kalzium einzubauen gehört Vitamin D dazu, das von der Haut auf natürlichem Wege in der Sonne gebildet wird. Kalzium braucht der Muskel für die Kontraktion, das Blut zum Gerinnen. Sinkt der Kalziumspiegel im Blut, muss der Knochen das stabilisierende Mineral hergeben. Ein solches Absinken des Kalziumdepots im Knochen führt am ehesten zur Osteoporose.

Wen kann Osteoporose am ehesten erwischen? Laut Bachmann sind Warnsignale,  wenn Mutter oder Vater schon mal eine Hüftfraktur hatten, bei Untergewicht oder nach Diäten, wenn das Kalziumpolster aufgezehrt wird, bei Menschen mit Immobilität, Herzinsuffizienz oder auch höhergradiger Niereninsuffizienz, chronischer Hyponatriämie (erniedrigter Natriumspiegel), Altersdiabetes oder Schilddrüsenüberfunktion – generell bei latenter Sturzneigung. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente wie Betablocker und Schlafmittel begünstigen die Entwicklung zum Muskel- und Knochenschwund. Feststellen lässt sich das in der Laborkontrolle (Blutbild), exakter mit gezielten Röntgenaufnahmen und per Knochendichtemessung. Augenscheinlich ist eine Osteoporose, wenn Wirbelkörperverformungen, zu einer Verkürzung des Oberkörpers gekommen ist, der sogenannte Witwenbuckel bei älteren Frauen, verbunden mit akuten Rückenschmerzen.

Auf  jeden Fall sollte man es nicht auf einen ersten Sturzbuch ankommen lassen, sagte Bachmann. „Das ist ein Meilenstein“. Ein gebrochener Knochen kann in gewisser Zeit zwar unter günstigen Bedingungen durchaus wieder zusammenwachsen und belastbar sein wie vorher, doch die Wiederholungsgefahr eines Osteoporose-bedingten Sturzes und Knochenbruchs  besteht, das Risiko der Bewegungseinschränkung wächst, die Rekonvaleszenz wird schwieriger.

Vorbeugung ist also angesagt. Und das bedeutet, so Bachmann, Bewegung, am besten sportliche; „gehen Sie raus aus dem Haus“, denn Bewegung stärkt die Knochen und schützt sie besser vor Brüchigkeit als Medikamente. Wichtig ist die Versorgung von Muskeln und Knochen mit Kalzium, „1000 Milligramm pro Tag sind vonnöten“, meinte Bachmann, und die bekommt man unter anderem mit einem Liter guten Mineralwasser plus Käse , Quark und anderen Milchprodukten. Die Therapie bietet auch geeignete Arzneimittel. An erster Stelle nannte Bachmann in seinem gut verständlichen Vortrag Bisphosphonate: Wirkstoffe , die die knochenabbauenden Zellen wirksam hemmen und damit die Kalzium-Freisetzung aus dem Knochen vermindern, damit das Frakturrisiko und Schmerzen. Bewegungsmangel und Mangelernährung sind – neben auslösenden Krankheiten – die entscheidenden Ursachen für die zur Volkskrankheit werdenden Osteoporose., so Bachmann.

Auch und gerade dem Alter wohnt ein Zauber inne – Adalbert Binder aufbauend und nachdenklich über Orientierung im Ruhestand

Adalbert Binder

Adalbert Binder (Foto: Rolf Gebhardt)

„Junge Senioren sind alle Frauen und Männer, die nicht mehr in den Zwängen des Arbeitslebens stehen …“ Sie sind – laut Definition der Initiative – gemeint, wenn sich die „Jungen Senioren Heilbronn“ im Winterhalbjahr montags nachmittags zu Vorträgen und Diskussionen im Hans-Rießer-Haus treffen. Sie haben also das Arbeits-, Berufs- und Erwerbsleben (durchweg) hinter sich, leben im Ruhestand. Etwas über „Orientierung im Ruhestand“ zu erfahren, kann zumindest nicht schaden, auch wenn diese Jungen Senioren nach ihrem Selbstverständnis sowieso „aufgeschlossen sind für die vielfältigen Probleme des Alltags, unserer Gesellschaft und unseres Glaubens.“

Hilfreich und weiterführend ist eines solche Orientierung insbesondere, wenn sie von einem in einschlägigen Kreisen so geschätzten Referenten kommt: Adalbert Binder, 79, Vorsitzender des Vereins „Senioren für Andere“ und sowieso seit über zwei Jahrzehnten bürgerschaftlich und ehrenamtlich tätig, so auch maßgeblich bei der Stadt-Land-Partnerschaft des des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Hohebuch. Für seinen vielseitigen ehrenamtlichen Einsatz ist er in diesem Jahr auch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden.

Für Binder ist es ein Ärgernis und verzeichnetes Bild, wenn im Zuge des demografischen Wandels die zunehmende Zahl der „Alten“ als Problem und Belastung der Gesellschaft hingestellt wird. „Die Alten waren noch nie so fit, gesund, abgesichert und zufrieden wie heute“, meinte Binder. Die Phase des Ruhestandes könne zur beglückendsten Lebensrolle werden, zum wertvollsten Abschnitt unseres Daseins. Wenn man sich frei machen könne von möglichen erlebten Enttäuschungen und man mit Mut, Zuversicht und Gelassenheit die im Ruhestand liegende Freiheit annehme. Andererseits könne aber auch das Leben in Erinnerungen tragend sein, wenn man auf ein erfülltes Leben zurückblicken und an aufgebaute Verbindungen anknüpfen könne. Schließlich werde das Leben – nach dem Philosophen Sören Kierkegaard – „vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“.

Wichtig ist für Binder eine positive Lebenseinstellung,“sich nicht hängen lassen“, nicht der Vergangenheit nachtrauern oder sie als Last mitschleppen, einen neuen Aufbruch wagen, nach neuen Ufern streben. Aus eigener Erfahrung könne er nur beglückt feststellen, dass ein freiwilliges Engagement, in der Familie oder im Ehrenamt, mit anderen und für andere, neue Kräfte entfache und neue Horizonte erschließe. „Mitmenschliche Kontakte, Austausch und Wertschätzung erfahren, machen froh und sind ein Lebensgewinn.“ Aber auch die Freude an kleinen Erfolgen in der Alltagsbewältigung, die körperliche Erfahrung  etwa in sportlicher Bewegung oder auf Spaziergängen, das Erleben von Kultur oder der Natur bereichere das Leben gerade auch im Alter.

Biologisches und kalendarisches Alter klafft heutzutage oft um etliche Jahre auseinander. Die meisten „Alten“ fühlen sich jünger als sie sind.  Aber mit dem Alter ist auch unvermeidlich ein körperlicher und auch geistiger Abbau bis hin zur Demenz verbunden. Beschwerden treten ein, oft auch chronische Schmerzleiden. Und unausweichlich kommt der Abschied vom Leben., oft verbunden mit einer Leidensphase. Wenn dann aktuell ein politischer Vorstoß für eine Sterbehilfe-Reform ins Gespräch kommt und Abgeordnete selbstbestimmten Suizid erleichtern wollen, stößt das bei Binder auf nachdrückliche Ablehnung, Denn er ist Mitgründer der Initiative „Selbst bestimmen“ des klinischen Ethikkomitees Heilbronn und unentwegter Berater  für „Patientenrechte am Ende des Lebens“: Gesundheitsvollmacht, Patientenverfügung, selbstbestimmtes Sterben. Binder: „Die palliative Versorgung ist heute so weit, dass niemand mit Schmerzen sterben muss.“

Schmerzlich gedachte Binder – nach fast 70 Jahren Frieden – dem Beginn des I. Weltkriegs vor 100 Jahren und des II. Weltkriegs vor 75 Jahren, mit insgesamt 65 Millionen Kriegstoten, des Progroms  am 9. 11. 1938 mit der Zerstörung von 1400 Synagogen und der Bombardierung Heilbronns am 4. Dezember durch 264 Flugzeuge mit 6535 Toten. Und er sang das hohe Lied der tapferen Mütter in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Schließlich zitierte Binder das 1942 von dem Freiheit- und Sinn-suchenden Dichter Hermann Hesse geschriebene berühmte Gedicht „Stufen“ („Wie jede Blume welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe“), dem er etwas zweckentfremdet den Titel seines Referats entliehen hat: „Jedem Alter wohnt ein Zauber inne.“

Zwischen Hochverbundenheit und Gleichgültigkeit – Dekan Otto Friedrich interpretierte die EKD-Studie zur Kirchenmitgliedschaft

Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Otto Friedrich (Foto:Archiv / Rolf Gebhardt)

Der Start zur neuen Programmrunde 2014/15 der „Jungen Senioren Heilbronn“ mit wiederum 25 geplanten Veranstaltungen erfolgte im Hans-Rießer-Haus unter dem etwas sperrigen Titel: „Engagement und Indifferenz“. So wissenschaftlich ist die jüngste Erhebung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Kirchenmitgliedschaft überschrieben.

Diese „erklärungsbedürftige Studie“ hatte sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich für seinen Eröffnungsvortrag ausgesucht und gleich die zutage tretende mangelnde Verbundenheit einer wachsenden Zahl von Kirchenmitgliedern mit dem Wort Gleichgültigkeit – „im Wortsinne“ – erklärt. Wie Friedrich erläuterte, zeitigt die repräsentative EKD-Mitgliederbefragung eine zunehmende Kluft zwischen hoch engagierten Gemeindemitgliedern und Menschen, die sich von der Kirche verabschiedet haben, für die Kirche keine Bedeutung mehr hat. Noch nie in den vorangegangenen vier in Zehnjahreszeiträumen vorgenommenen Ermittlungen war sowohl der Anteil der „kaum“ oder „nicht“ mit der Kirche verbundenen Mitgliedern (32 Prozent) wie der „sehr“ und „ziemlich“ kirchenverbundenen Mitgliedern (43 Prozent) so hoch und das Mittelfeld („etwas verbunden“) so niedrig: Also eine Polarisation von Hochverbundenen und Gleichgültigen.  Offensichtlich gäbe es eine Entwicklung hin zu einer verbreiteten Konfessionslosigkeit wie damals in der DDR: „Im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft verflüchtigt sich der Glaube.“

Für Friedrich ist insbesondere ein Traditionsabbruch erkennbar. Die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation, die christliche Erziehung in der Familie breche weg. Bei immer mehr jungen Leuten, Jugendlichen und Kindern fehle es an Kenntnis von Religion und Kirche. Die Zahl der Taufen ist alljährlich deutlich niedriger als die der Konfirmationen und erst recht der Sterbefälle.

Für den Dekan ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, jene Elterngeneration zu erreichen, der Glaube und Religion wenig bis nichts bedeute. Das beginne im Kindergarten, setze sich im schulischen Religionsunterricht und in der Kinderkirche sowie anderen kirchlich-kulturellen Angeboten fort. Immerhin sei es erstaunlich, dass gewisse kirchliche Veranstaltungen – Konzerte, Vorträge – auch im hohen Maße von kirchlich fernstehenden Personen wahrgenommen würden. Überdies bste4he auch bei nur gelegentlichen Kirchgängen eine hohe Anspruchshaltung. Das gelte  für besondere kirchliche Anlässe wie die feierliche Inszenierung von Kasualien („stets eine große Chance, andere zu erreichen“), für Weihnachsfeiern und auch für aufbauende Predigten. Die hohen Erwartungen an die Diakonie könnten die kirchlichen Möglichkeiten gar überfordern.

Wie aus der Studie auch herauszulesen ist, besteht auch bei „indifferenten“ Kirchenmitgliedern das Bedürfnis, dass das Profile der Kirche öffentlich wahrgenommen wird, ihre ethische Dimension. Gleichzeitig verbreitere sich die religiöse Vielfalt, also unterschiedliche Glaubensauffassungen und flexiblere Gemeindeformen. Friedrich möchte aber deshalb nicht Milieukirchen das Wort reden. Für ihn ist nach wie vor die Ortskirche der Gemeindemittelpunkt, „für alle da“. Andererseits fände er es  sinnvoll, wenn sich Gemeindepfarrer vermehrt bei öffentlichen Gelegenheiten sehen lassen und sich so auch gegenüber Nichtkirchgängern als „Vertreter der Kirche“ zu erkennen geben würden.

In einer regen Diskussion ging es vor allem um religiöser Erziehung in der Familie und um Vermittlungsprobleme. Der Landessynodale Frieder Veigel meinte, man dürfe sich nicht damit zufrieden geben, dass nur 24 Prozent der Gemeindeglieder zur Kirchenwahl gingen, auch wenn diese württembergische Quote als überdurchschnittlich hoch eingeschätzt werde. „Unser Profil, der Glaube an den auferstandenen Herrn“, müsse geschärft werden. Demgegenüber beklagte eine Zuhörerin, dass sich die Kirche noch immer allen fortschrittlichen Erkenntnissen verweigere und an 2000 Jahre alten Glaubenszeugnissen festhalte. Wie könne man Andersgläubigen verständlich machen, „was für eine komische Religion wir haben, wo der allgewaltige Gott seinen eingeborenen Sohn dem Kreuzestod opfert, damit den Gläubigen ihre Sünden vergeben werden.“

Dekan Friedrich antwortete, dass es Sache der Theologen sei, die alten Glaubensüberzeugungen in verständlicher Weise auszulegen. Er stimmte auch dem Einwurf zu, dass auch konfessionslose Mitmenschen durchaus eine tragbare ethische und humanitäre Grundauffassung haben könnten.