Archiv für den Tag 20. Oktober 2014

Auch und gerade dem Alter wohnt ein Zauber inne – Adalbert Binder aufbauend und nachdenklich über Orientierung im Ruhestand

Adalbert Binder

Adalbert Binder (Foto: Rolf Gebhardt)

„Junge Senioren sind alle Frauen und Männer, die nicht mehr in den Zwängen des Arbeitslebens stehen …“ Sie sind – laut Definition der Initiative – gemeint, wenn sich die „Jungen Senioren Heilbronn“ im Winterhalbjahr montags nachmittags zu Vorträgen und Diskussionen im Hans-Rießer-Haus treffen. Sie haben also das Arbeits-, Berufs- und Erwerbsleben (durchweg) hinter sich, leben im Ruhestand. Etwas über „Orientierung im Ruhestand“ zu erfahren, kann zumindest nicht schaden, auch wenn diese Jungen Senioren nach ihrem Selbstverständnis sowieso „aufgeschlossen sind für die vielfältigen Probleme des Alltags, unserer Gesellschaft und unseres Glaubens.“

Hilfreich und weiterführend ist eines solche Orientierung insbesondere, wenn sie von einem in einschlägigen Kreisen so geschätzten Referenten kommt: Adalbert Binder, 79, Vorsitzender des Vereins „Senioren für Andere“ und sowieso seit über zwei Jahrzehnten bürgerschaftlich und ehrenamtlich tätig, so auch maßgeblich bei der Stadt-Land-Partnerschaft des des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Hohebuch. Für seinen vielseitigen ehrenamtlichen Einsatz ist er in diesem Jahr auch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden.

Für Binder ist es ein Ärgernis und verzeichnetes Bild, wenn im Zuge des demografischen Wandels die zunehmende Zahl der „Alten“ als Problem und Belastung der Gesellschaft hingestellt wird. „Die Alten waren noch nie so fit, gesund, abgesichert und zufrieden wie heute“, meinte Binder. Die Phase des Ruhestandes könne zur beglückendsten Lebensrolle werden, zum wertvollsten Abschnitt unseres Daseins. Wenn man sich frei machen könne von möglichen erlebten Enttäuschungen und man mit Mut, Zuversicht und Gelassenheit die im Ruhestand liegende Freiheit annehme. Andererseits könne aber auch das Leben in Erinnerungen tragend sein, wenn man auf ein erfülltes Leben zurückblicken und an aufgebaute Verbindungen anknüpfen könne. Schließlich werde das Leben – nach dem Philosophen Sören Kierkegaard – „vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“.

Wichtig ist für Binder eine positive Lebenseinstellung,“sich nicht hängen lassen“, nicht der Vergangenheit nachtrauern oder sie als Last mitschleppen, einen neuen Aufbruch wagen, nach neuen Ufern streben. Aus eigener Erfahrung könne er nur beglückt feststellen, dass ein freiwilliges Engagement, in der Familie oder im Ehrenamt, mit anderen und für andere, neue Kräfte entfache und neue Horizonte erschließe. „Mitmenschliche Kontakte, Austausch und Wertschätzung erfahren, machen froh und sind ein Lebensgewinn.“ Aber auch die Freude an kleinen Erfolgen in der Alltagsbewältigung, die körperliche Erfahrung  etwa in sportlicher Bewegung oder auf Spaziergängen, das Erleben von Kultur oder der Natur bereichere das Leben gerade auch im Alter.

Biologisches und kalendarisches Alter klafft heutzutage oft um etliche Jahre auseinander. Die meisten „Alten“ fühlen sich jünger als sie sind.  Aber mit dem Alter ist auch unvermeidlich ein körperlicher und auch geistiger Abbau bis hin zur Demenz verbunden. Beschwerden treten ein, oft auch chronische Schmerzleiden. Und unausweichlich kommt der Abschied vom Leben., oft verbunden mit einer Leidensphase. Wenn dann aktuell ein politischer Vorstoß für eine Sterbehilfe-Reform ins Gespräch kommt und Abgeordnete selbstbestimmten Suizid erleichtern wollen, stößt das bei Binder auf nachdrückliche Ablehnung, Denn er ist Mitgründer der Initiative „Selbst bestimmen“ des klinischen Ethikkomitees Heilbronn und unentwegter Berater  für „Patientenrechte am Ende des Lebens“: Gesundheitsvollmacht, Patientenverfügung, selbstbestimmtes Sterben. Binder: „Die palliative Versorgung ist heute so weit, dass niemand mit Schmerzen sterben muss.“

Schmerzlich gedachte Binder – nach fast 70 Jahren Frieden – dem Beginn des I. Weltkriegs vor 100 Jahren und des II. Weltkriegs vor 75 Jahren, mit insgesamt 65 Millionen Kriegstoten, des Progroms  am 9. 11. 1938 mit der Zerstörung von 1400 Synagogen und der Bombardierung Heilbronns am 4. Dezember durch 264 Flugzeuge mit 6535 Toten. Und er sang das hohe Lied der tapferen Mütter in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Schließlich zitierte Binder das 1942 von dem Freiheit- und Sinn-suchenden Dichter Hermann Hesse geschriebene berühmte Gedicht „Stufen“ („Wie jede Blume welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe“), dem er etwas zweckentfremdet den Titel seines Referats entliehen hat: „Jedem Alter wohnt ein Zauber inne.“