Archiv für den Monat November 2014

Die anfängliche Kriegsbegeisterung verebbte rasch – Der Historiker Bernhard Müller über Heimatfront-Verhältnisse im I. Weltkrieg

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StD i.R. Bernhard Müller (Foto: Rolf gebhardt)

In der Erinnerungskultur an den Beginn des I. Weltkriegs vor 100 Jahren sollte man nicht nur an das Geschehen an den Kriegsfronten denken, sondern auch die Verhältnisse an der „Heimatfront“ im Blick haben. Über die Lebensumstände der Zivilbevölkerung und die Kriegswirtschaft in Deutschland informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus StD.i.R. Bernhard Müller, der als Historiker und Heimatforscher auch lokale Archivquellen erschloss.

Die „Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts“, als die der Ausbruch des I. Weltkriegs heute beurteilt wird, hatte nun einmal seinen Urgrund darin, dass Deutschland zu einer Großmacht aufgestiegen war und sich von hochgerüsteten Feinden umzingelt sah. Wie Müller in Erinnerung rief, lag der Kriegserklärung vom 1. August 1914 an Russland der Plan des Generalstabschefs Schlieffen zugrunde. In einem Blitzkrieg erst Frankreich niedergerungen und dann die freigewordenen Truppen an der Ostfront eingesetzt werden. Doch wie bekannt kam nach den Durchmarsch der deutschen Truppen durch Belgien, was die Engländer auf den Plan rief, der Vorstoß nach Frankreich alsbald an der Marne zum Stehen, was zu dem jahrelangen verheerenden Stellungskrieg führte, während Russland deutlich schneller als erwartet mobil machte und Ostpreußen überrannte, ehe dem deutsche Heer unter dem neuen Befehlshaber Hindenburg eine erfolgreiche Abwehr gelang.

Nachdem also der aus einer überholten Gedankenwelt stammende Schlieffenplan bereits in den ersten Kriegswochen gescheitert war, stand Deutschland praktisch ziemlich verloren da, denn „niemand war auf einen großen Krieg vorbereitet“, so Müller. Waren anfangs der deutschen Mobilmachung Massen von Kriegsfreiwilligen an die Front gezogen, zum Teil direkt von der Schulbank, so änderte sich das schnell, als bald zigtausend Tode gemeldet und auch die drei Lazarette in Heilbronn mit Verwundeten belegt wurden.

Laut Müller haben Historiker längst die Kriegsbegeisterung der Volksmassen im Herbst 1914 widerlegt. Die übermächtige Propaganda mit Sinngebungs- und Durchhalteparolen diente zunehmend zur Stabilisierung der bröckelnden inneren Front. Auch die Heilbronner Neckarzeitung unter ihrem Chefredakteur Theodor Heuss, nach 1945 der erste Bundespräsident, machte mit, und auch die Heilbronner Pfarrer machten sich in Predigten stark für den vaterländischen Verteidigungskrieg, wie Müller aus Archivarbeiten ermittelte. So wurden noch beträchtliche Sammelaktionen und freiwillige Hilfsdienste organisiert, auch in Heilbronn. Zu den „beliebtesten Liebesgaben“ für die Frontsoldaten gehörten Extra-Packungen der Firma Knorr.

Doch die Versorgung der 13 Millionen Kriegsteilnehmer strapazierte die deutsche Wirtschaft und ging zu Lasten der Zivilbevölkerung. Durch die Seeblockade infolge des britischen Handelsverbots war Deutschland ausgeschlossen von Importen, die ein Drittel der Lebensmittelversorgung ausmachten und auch wichtige Rohstoffe umfassten. Die Preise stiegen rasant. Rationierung und Zwangsbewirtschaftung waren an der Tagesordnung. Zunehmend machte sich Not und Elend breit. Öffentliche Kriegs- und Volksküchen wurden eingerichtet, es gab Notkochbücher. Es kam zu „Hungerkrawallen“; über 700 000 starben an Unterernährung.

Mit dem immer mehr zur Materialschlacht ausartenden Krieg musste die Wirtschaft verstärkt auf Kriegsproduktion ausgerichtet werden. Die Kriegsfinanzierung erfolgte im wesentlichen durch die die zum Teil zwangsweise Zeichnung von Anleihen. Um dem Rohstoffmangel zu begegnen, wurde eine Abgabepflicht für Haushaltsgegenstände mit kriegswichtigen Materialien eingeführt. Das Haber-Bosch-Verfahren ermöglichte die Produktion von chemischen Ersatzstoffen. Der Industrielle und Intellektuelle Walter Rathenau, Sohn des AEG-Gründers, unterstützte den ratlosen Erich von Falkenhayn schon 1914 durch die Einführung einer Kriegsrohstoffabteilung, aus der Dutzende von kriegswichtigen Betrieben entstanden bzw. gelenkt wurden, die stattliche Kriegsprofite erzielten.

Bernhard Müllers Fazit: „Der erste Weltkrieg ist mehr als Ypern und Verdun; er war auch Schrittmacher für eine Art Sozialstaat und Wegbereiter einer Staats- und Gemeinwirtschaft.“ Auch wenn sich im Laufe des Krieges zunehmend Kriegsgegner und Friedenswillige zu Wort meldeten, könne keineswegs der späteren Dolchstoßlegende Glauben geschenkt werden, dass die Heimatfront  mit demokratischen Bestrebungen verantwortlich sei für die Weltkriegs-Niederlage Deutschlands.

Christus in der Kunst ist viel mehr als Kruzifix – Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz mit Beispielen aus den Epochen

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Christus als Guter Hirte – frühchristliches Gemälde in den Domitilla Katakomben (Foto: wikipedia/gemeinfrei)

„Christus in der Kunst“. Da denkt man eigentlich wohl zuerst an ein Kruzifix, den ans Kreuz geschlagenen Jesus Christus, wie man ihn in in vielen Kirchen und auf Altarbildern sehen kann. Dass das Christus-Bild in der Kunst weitaus vielseitiger ist und im Laufe der Epochen der Kunstgeschichte unterschiedliche Ausprägungen hatte, darüber informierte die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz sachverständig und anschaulich bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus am Beispiel exemplarisch ausgewählter Kunstwerke. Das beliebte Motiv des „lieben Jesulein“, im Arm der „Gottesmutter“ Maria, kam hier nicht vor, denn es ging ja um Christus.

Angefangen hat die Christus-Darstellung in der Kunst mit der römischen Katakomben-Malerei. So zeigte Kitzing-Bretz eine frühe Malerei aus einer unterirdischen Grabkammer bei Rom, Christus symbolisierend als „guten Hirten“ gemäß biblischer Erzählung: Ein Schaf auf den Schultern tragend und zwei zu seinen Füßen – in seiner Wirkungsweise also gleichnishaft.  Wie die Kunsthistorikerin zu berichten wusste, hat man sich im 3. und 4. Jahrhundert und mitunter auch noch später auf vorgefundene Motive aus der griechischen Antike bezogen. Bei einer heidnischen Statue von der Akropolis mit einem  jungen Mannes, der ein Lamm trägt, ist die Ähnlichkeit erkennbar.

Hatte man sich anfangs in der Christus-Darstellung wohl an das Bildnis des griechischen schönen Jugend-Gott Apollo angelehnt, so erscheint in der Kunstepoche des frühen Mittelalters Christus vornehmlich als älterer Mann mit Bart und langem Haar, als Patokrator, angelehnt an den Kaiser-Kult: reif, ernst und würdig, die Weisheit des Alters verkörpernd und seinem Vater – Gott, wie man sich ihn vorstellte, – ähnlich. Damalige Christus-Bilder sind auch zu sehen im Zusammenhang mit dem Bilderstreit infolge der Konzile von Nizäa und stammen aus dem byzantinischen Raum.

Kiztng-Bretz präsentierte weitere Bilder aus Ostrom, nachdem Kaiserin Theodora das Bilderverbot aufgehoben hatte, an die Menschwerdung Christi erinnernd, wie auf dem Mosaik aus dem 13. Jahrhundert aus der Hagia Sophia in Konstantinopel in der Dreiheit mit den beiden Fürbittern Maria und Johannes dem Täufer: Christus, den Betrachter nicht mehr anschauend, im Blick entrückt, melancholisch – ein Mensch, der Leiden erlebt hat..Die Leidenserfahrung Christi bestimmt dann auch streckenweise die abendländische Christus-Kunst, charakteristisch ein monumentales goldfarbenes Kreuz im Kölner Dom mit der stilsierten Christus-Passion. In der Gotik, so Kitzing-Bretz, sollte der menschliche, leidende und von Schmerzen geplagte Christus auch Trost spenden für die  Menschen mit eigenen Leidenserfahrungen, nicht zuletzt in den Zeiten der Pest.

In der Renaissance wiederum, im15./16.Jahrhundert, herrschte eher eine optimistische  Aufbruchstimmung mit einer Wiederbesinnung auf das Wissen der Antike: Zum einen Christus als Weltenherrscher, mit höfischem  zum anderen Christus mit menschlich-alltäglichem Antlitz, einen neuen Naturalismus bezeugend. Die Kunsthistorikerin führte hier Werke von Leonardo da Vinci, Robert Campin, Lucas Cranach und auf Albrecht Dürers Passionsbilder an und verwies auch das ganz zu Beginn gezeigte „Themenbild“ von Rembrandt, der in der Bilderfeindlichkeit des Calvinismus Christus in der verallgemeinernden Typisierung eines jungen sephardischen Juden darstellte. Aus der Barockzeit sind großartige Altarbilder und wunderbare farbenfrohe Deckengemälde erhalten, die Christus in himmlich-physischer Erhöhung darstellen.

Der Expressionismus brachte eine veränderte Form- und Farbensprache in die darstellende Kunst. Kennzeichnend hier Christus-Bilder von George Rouault und Emil Nolde. Kitzing-Bretz führte darüber hinaus die Christus-Darstellungen der Neuzeit bis in die Gegenwart, gekennzeichnet durch Abstraktion und Verfremdung mit der Absicht von Gesellschaftskritik bis Provokation. Ein Seherlebnis stellt da das „letzte Abendmahl“ von Andy Warhol dar, eine Fotografie des weltberühmten kolossalen Wandgemäldes von Leonordo da Vinci, gefiltert durch das Medium des Siebdrucks , mit einem rötlichen Farbtonschleier. Und zum Schluss ein weiteres Abendmahl-Bild von dem Aserbeidschaner Maredov, der die zwölf Apostel, aufgeteilt in vier Dreier-Gruppen, als Menschen zeigt mit Downsyndrom, alle in hellgrauen Tunikafarben. „Der moderne Christus-Glaube erhält in der modernen Kunst einen meditativen Charakter“, so Kunsthistorikern Kitzing-Bretz.

Luthers Judenhetze und die politischen Folgen – Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau in einem Buch um Aufarbeitung bemüht

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Pfarrerin Sybille Biermann-Rau (Foto: Rolf Gebhardt)

„An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen“ . So lautet der Titel eines Buches, das Sibylle Biermann-Rau, Pfarrerin der württembergischen Landeskirche (derzeit Gemeindepfarrerin in Albstadt), geschrieben hat. Unter diesem Thema referierte die Tochter des unvergessenen Heilbronner Kirchenmusikdirektors Hermann Rau im Hans-Rießer-Haus vor über 100 „Jungen Senioren“ über Luthers Judenfeindlichkeit und ihre Wirkungsgeschichte im Dritten Reich sowie über die Reaktionen in der evangelischen Kirche auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten.

Die Veranstaltung war exakt terminiert: Genau am 10.November, 531 Jahre nach Luthers Geburt und 76 Jahre nach der Zerstörung der Heilbronner Synagoge, die zu den schönsten jüdischen Gotteshäusern gehörte, in der deutschlandweiten Pogrom-Nacht, als hunderte von Synagogen in Brand gesteckt, geschändet und demoliert, 7000 jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört, 26 000 jüdische Männer verhaftet und 91 Juden ermordet wurden.

Judenfeindlichkeit war bei den Christen m ganzen Mittelalter verbreitet, stellte Biermann-Rau grundsätzlich heraus. Martin Luther habe dagegen anfangs in seiner 1523 erschienenen Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ noch „die Wahrnehmung der Juden als Menschen“ dargelegt und auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen. Seine damalige Entfernung vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus sei allerdings in der Hoffnung erfolgt, „wenn man mit den Juden freundlich handelt und sie aus der Heiligen Schrift säuberlich unterweist, so sollten von ihnen viele rechte Christen werden.“ Doch da eine breite Bekehrung der Juden zur Reformation nicht stattfand, weckte dies Luthers Zorn über die Juden mit pauschalen Vorwürfen und Vorurteilen.

Das Juden-Thema war laut Biermann-Rau ein Grundmuster der Theologie Luthers. In allen Phasen seines Wirkens äußerte er sich zur Judenfrage, in Vorlesungen über die Psalmen,in vielen Predigten, Briefen und Tischrede, insbesondere in seinen fünf großen „Judenschriften“.  Luther hielt zwar am – die Geschichte der Juden erzählenden – Alten Testament fest, habe aber die Schriften so umgeordnet, dass es gerade auf das Kommen des Messias Jesus Christus hinführe.

Bereits Luthers umfangreiche Schrift von 1543 „Von den Jüden und ihren Lügen“ gilt heute in der hemmungslosen Dämonisierung der Juden als „Saat der Gewalt“.Luther fordert: „Erstens soll man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken… Und das sollte man unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren tun.“ Wie Biermann-Rau nachwies, hatten Luthers judenfeindliche Äußerungen und Ratschläge zu Gewaltmaßnahmen gegenüber Juden direkte Auswirkungen in der Zeit des Nationalsozialismus, wo Luther als „größter Antisemit seiner Zeit“ herausgestellt wurde, wenngleich der Begriff Antisemitismus, mit dem der Judenhass pseudowissenschaftlich umkleidet wurde, erst im späten 19. Jahrhundert salonfähig geworden ist. Aber die Nazis, insbesondere der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“, Gauleiter Julius Streicher, bezog sich immer wieder auf Martin Luthers späte Judenschriften, selbst vor dem Nürnberger Tribunal 1948.

Nach Biermann-Raus Recherchen waren auch viele Pfarrer der Nazizeit von Luthers Judenhass geprägt, und selbst die „Bekennende Kirche“ war nicht frei davon. Als Gegensatz dazu schilderte Biermann-Rau das mutige Auftreten der Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz, die wegen dauerndem Gewissenskonflikt 45jährig 1938 in Pension ging, eine Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ herausgab und das Schweigen der Amtskirche wiederholt anprangerte. Eine positive Ausnahme war auch Bonhoeffer, und Proteststimmen gegen die Judenpolitik der Nazis sind auch von Helmut Gollwitzer, Karl Barth und Paul Schneider überliefert. Der württembergische Bischof Theophil Wurm, in der frühen Nachkriegszeit die protestantische Führungsperson, schrieb 1944: “Unser Volk empfindet vielfach die Leiden, die es durch die feindlichen Fliegerangriffe erleiden muss, als Vergeltung für das, was den Juden angetan worden ist.”

Nach Biemann-Raus Einschätzung ist Luthers Judenhetze und die politischen Folgen auch bis heute öffentlich von der Kirche noch nicht richtig aufgearbeitet. Am wichtigsten erscheint ihr die landelskirchliche Erklärung “Verbundenheit mit dem jüdischen Volk” von 1988. Darin heißt es u.a.: “Wir bekennen unser Versagen als Kirche in der Zeit der Judenverfolgung. Als lutherische Kirche distanzieren wir uns von den judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers.”

Immerhin: Gab es vor 80 Jahren 500 000 Juden in Deutschland, sind es heute wieder 200 000.

Die schillernde Persönlichkeit des Robert Mayer – Annette Geisler vom Stadtarchiv über den Entdecker des Energieerhaltungssatz

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Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

„Mensch Mayer“ – unter diesem Motto steht eine Sonderausstellung im Haus der Stadtgeschichte Heilbronn im Otto-Rettenmaier-Haus. Unter diesem Aspekt stellte auch die Stadtarchiv-Bibliothekarin und Kuratorin Annette Geisler ihr Referat über Robert Mayer, der als Erster den Energieerhaltungssatz – ein physikalisches Grundgesetz – formulierte, bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. In einem zweistündigen spannenden Vortrag, unterbrochen von einer 20minütigen Kaffeepause „zur Erhaltung der Energie“, vermochte die charmante Referentin, deren illustrierten Ausführungen fast 100 Zuhörer/innen geradezu gebannt folgten, die wechselvolle Biografie und der mit vielen bekannten Heilbronner Namen verbundene Familiengeschichte der schillernden Persönlichkeit Robert Mayers anhand von zugestandenermaßen mitunter „indiskreten“ Archivunterlagen und Nachlässen unterhaltsam, anschaulich und nachdenkenswert darzustellen.

Geboren wurde Julius Robert Mayer am 25. November 1814 in der Rosengasse, wo der Vater Christian Jakob von der Kaufmannsfamilie Rauch einen geräumigen Gebäudekomplex erworben und seine Apotheke „Zur Rose“ eingerichtet hatte (bereits 1892 abgerissen). Wie Annette Geisler darlegte, genoss er und seine beiden älteren Brüder eine liebevolle und freiheitliche Erziehung. Robert zeigte sich schon als Kind an naturkundlichen Erscheinungen interessiert, war jedoch an der humanistischen Schule ein schlechter Schüler, „der mit anderen Maßstäben zu messen war“.

Ab 1831 studierte er an der Landesuniversität Tübingen Medizin, wurde 1837/38 mit anderen Kommilitonen wegen öffentlich die Farben tragen einer von ihm mitgegründeten unerlaubte Studentenverbindung für ein Jahr suspendiert, nutzte die Zeit zu Reisen und Studienzwecken, und promovierte dann doch zum Doctor medicinae et chirurgiae. Über Verwandt hatte er Kontakte nach Rotterdam, lernte Holländisch, und nach einen Zwischenaufenthalt in Paris musterte er 28jährig als Sanitätsoffizier auf der holländischen Dreimastbark „Java“ zur Fahrt nach Niederländisch Indien (Indonesien) an. Auf dieser Reise machte er als Kolonialarzt (bei Aderlässen) und durch Beobachtung der Meereswellen die überraschende Entdeckung. dass Bewegung und Wärme Erscheinungsformen des gleichen Phänomens und der gleichen Einheit sind, der „Kraft“ (Energie), eine Erkenntnis, die heute längst zum klassischen Unterrichtsstoff gehört.

Nach Heilbronn zurückgekehrt ließ er sich zum Oberamtswundarzt wählen, heiratete Wilhelmine geborene Closs (1816-1899) und wohnte in einem dreistöckigen Haus am Kirchhöfle. Bewegend schilderte Annette Geisler, wie Mayer seine Forschungen ausbaute, sie allerdings in den „falschen“ Fachzeitschriften (erstmals 1842) veröffentlichte. Die Nichtbeachtung sowie die Flucht seiner radikal-demokratischen Brüder und der Tod von zwei seiner Kinder trieb ihn im Delirium am 28. Mai 1850 zu einem Suizid-Versuch (Fenstersturz). Ein knappes Jahr später praktizierte er zwar wieder als Stadtarzt, doch seine manisch-depressiven Krankheitserscheinungen mehrten sich; er wurde Patient in der „Staatsirrenanstalt“ Winnenthal und in der Heilanstalt Kennenburg, zu Hause verständnisvoll gestützt von seiner Frau und Schwägerin Emma Closs, geb. Knorr.

Schließlich erfuhr Mayer doch noch zahlreiche öffentliche Anerkennungen und Ehrungen, auch aus England, wo ihm vorübergehend James Prescott Joule den Entdeckerruhm streitig machte, und er erhielt vom württembergischen König den Personaladel. Bei einem Kongress in Innsbruck stellte er allerdings seinen Lehrsatz „Nichts entsteht aus Nichts“ in Frage, versteifte sich entgegen des Darwinismus auf einen Schöpfergott und riskierte seinen wissenschaftlichen Ruf: verkannt als irrer Provinzarzt,  in der Welt der Physik nicht ernst genommen  – „ein genialer Spinner“.

Am 20. März 1878 starb der „größte Sohn der Stadt Heilbronn“, dessen Grabmal im „Alten Friedhof“ zu finden ist. 1892 wurde er mit einem Denkmal gewürdigt, das heute wieder auf  dem ursprünglichen Platz am Marktplatz vor dem Rathaus steht. Nach ihm ist auch das Robert-Mayer-Gymnasium benannt, gibt es eine Robert-Mayer-Sternwarte und einen Robert-Mayer-Schulpreis. Und just im Anschluss an die Veranstaltung der „Jungen Senioren“ wurde als Höhepunkt des Mayer-Jubiläumsjahres in einem Festabend in der Harmonie eine offizielle 90-Cent-Sonderbriefmarke „Julius Robert von Mayer“, und der bekannte Wissenschaftler Ranga Yogeschwar würdigte Mayers Verdienste. Eingeladen waren auch über 30 Mayer-Nachkommen aus dem In- und Ausland, zurückgehend auf Mayers 1843 geborene älteste Tochter Elise.