Luthers Judenhetze und die politischen Folgen – Pfarrerin Sibylle Biermann-Rau in einem Buch um Aufarbeitung bemüht

2014-11-10_08akl

Pfarrerin Sybille Biermann-Rau (Foto: Rolf Gebhardt)

„An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen“ . So lautet der Titel eines Buches, das Sibylle Biermann-Rau, Pfarrerin der württembergischen Landeskirche (derzeit Gemeindepfarrerin in Albstadt), geschrieben hat. Unter diesem Thema referierte die Tochter des unvergessenen Heilbronner Kirchenmusikdirektors Hermann Rau im Hans-Rießer-Haus vor über 100 „Jungen Senioren“ über Luthers Judenfeindlichkeit und ihre Wirkungsgeschichte im Dritten Reich sowie über die Reaktionen in der evangelischen Kirche auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten.

Die Veranstaltung war exakt terminiert: Genau am 10.November, 531 Jahre nach Luthers Geburt und 76 Jahre nach der Zerstörung der Heilbronner Synagoge, die zu den schönsten jüdischen Gotteshäusern gehörte, in der deutschlandweiten Pogrom-Nacht, als hunderte von Synagogen in Brand gesteckt, geschändet und demoliert, 7000 jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört, 26 000 jüdische Männer verhaftet und 91 Juden ermordet wurden.

Judenfeindlichkeit war bei den Christen m ganzen Mittelalter verbreitet, stellte Biermann-Rau grundsätzlich heraus. Martin Luther habe dagegen anfangs in seiner 1523 erschienenen Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ noch „die Wahrnehmung der Juden als Menschen“ dargelegt und auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen. Seine damalige Entfernung vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus sei allerdings in der Hoffnung erfolgt, „wenn man mit den Juden freundlich handelt und sie aus der Heiligen Schrift säuberlich unterweist, so sollten von ihnen viele rechte Christen werden.“ Doch da eine breite Bekehrung der Juden zur Reformation nicht stattfand, weckte dies Luthers Zorn über die Juden mit pauschalen Vorwürfen und Vorurteilen.

Das Juden-Thema war laut Biermann-Rau ein Grundmuster der Theologie Luthers. In allen Phasen seines Wirkens äußerte er sich zur Judenfrage, in Vorlesungen über die Psalmen,in vielen Predigten, Briefen und Tischrede, insbesondere in seinen fünf großen „Judenschriften“.  Luther hielt zwar am – die Geschichte der Juden erzählenden – Alten Testament fest, habe aber die Schriften so umgeordnet, dass es gerade auf das Kommen des Messias Jesus Christus hinführe.

Bereits Luthers umfangreiche Schrift von 1543 „Von den Jüden und ihren Lügen“ gilt heute in der hemmungslosen Dämonisierung der Juden als „Saat der Gewalt“.Luther fordert: „Erstens soll man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken… Und das sollte man unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren tun.“ Wie Biermann-Rau nachwies, hatten Luthers judenfeindliche Äußerungen und Ratschläge zu Gewaltmaßnahmen gegenüber Juden direkte Auswirkungen in der Zeit des Nationalsozialismus, wo Luther als „größter Antisemit seiner Zeit“ herausgestellt wurde, wenngleich der Begriff Antisemitismus, mit dem der Judenhass pseudowissenschaftlich umkleidet wurde, erst im späten 19. Jahrhundert salonfähig geworden ist. Aber die Nazis, insbesondere der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“, Gauleiter Julius Streicher, bezog sich immer wieder auf Martin Luthers späte Judenschriften, selbst vor dem Nürnberger Tribunal 1948.

Nach Biermann-Raus Recherchen waren auch viele Pfarrer der Nazizeit von Luthers Judenhass geprägt, und selbst die „Bekennende Kirche“ war nicht frei davon. Als Gegensatz dazu schilderte Biermann-Rau das mutige Auftreten der Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz, die wegen dauerndem Gewissenskonflikt 45jährig 1938 in Pension ging, eine Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ herausgab und das Schweigen der Amtskirche wiederholt anprangerte. Eine positive Ausnahme war auch Bonhoeffer, und Proteststimmen gegen die Judenpolitik der Nazis sind auch von Helmut Gollwitzer, Karl Barth und Paul Schneider überliefert. Der württembergische Bischof Theophil Wurm, in der frühen Nachkriegszeit die protestantische Führungsperson, schrieb 1944: “Unser Volk empfindet vielfach die Leiden, die es durch die feindlichen Fliegerangriffe erleiden muss, als Vergeltung für das, was den Juden angetan worden ist.”

Nach Biemann-Raus Einschätzung ist Luthers Judenhetze und die politischen Folgen auch bis heute öffentlich von der Kirche noch nicht richtig aufgearbeitet. Am wichtigsten erscheint ihr die landelskirchliche Erklärung “Verbundenheit mit dem jüdischen Volk” von 1988. Darin heißt es u.a.: “Wir bekennen unser Versagen als Kirche in der Zeit der Judenverfolgung. Als lutherische Kirche distanzieren wir uns von den judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers.”

Immerhin: Gab es vor 80 Jahren 500 000 Juden in Deutschland, sind es heute wieder 200 000.

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