Archiv für den Tag 17. November 2014

Christus in der Kunst ist viel mehr als Kruzifix – Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz mit Beispielen aus den Epochen

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Christus als Guter Hirte – frühchristliches Gemälde in den Domitilla Katakomben (Foto: wikipedia/gemeinfrei)

„Christus in der Kunst“. Da denkt man eigentlich wohl zuerst an ein Kruzifix, den ans Kreuz geschlagenen Jesus Christus, wie man ihn in in vielen Kirchen und auf Altarbildern sehen kann. Dass das Christus-Bild in der Kunst weitaus vielseitiger ist und im Laufe der Epochen der Kunstgeschichte unterschiedliche Ausprägungen hatte, darüber informierte die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing-Bretz sachverständig und anschaulich bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus am Beispiel exemplarisch ausgewählter Kunstwerke. Das beliebte Motiv des „lieben Jesulein“, im Arm der „Gottesmutter“ Maria, kam hier nicht vor, denn es ging ja um Christus.

Angefangen hat die Christus-Darstellung in der Kunst mit der römischen Katakomben-Malerei. So zeigte Kitzing-Bretz eine frühe Malerei aus einer unterirdischen Grabkammer bei Rom, Christus symbolisierend als „guten Hirten“ gemäß biblischer Erzählung: Ein Schaf auf den Schultern tragend und zwei zu seinen Füßen – in seiner Wirkungsweise also gleichnishaft.  Wie die Kunsthistorikerin zu berichten wusste, hat man sich im 3. und 4. Jahrhundert und mitunter auch noch später auf vorgefundene Motive aus der griechischen Antike bezogen. Bei einer heidnischen Statue von der Akropolis mit einem  jungen Mannes, der ein Lamm trägt, ist die Ähnlichkeit erkennbar.

Hatte man sich anfangs in der Christus-Darstellung wohl an das Bildnis des griechischen schönen Jugend-Gott Apollo angelehnt, so erscheint in der Kunstepoche des frühen Mittelalters Christus vornehmlich als älterer Mann mit Bart und langem Haar, als Patokrator, angelehnt an den Kaiser-Kult: reif, ernst und würdig, die Weisheit des Alters verkörpernd und seinem Vater – Gott, wie man sich ihn vorstellte, – ähnlich. Damalige Christus-Bilder sind auch zu sehen im Zusammenhang mit dem Bilderstreit infolge der Konzile von Nizäa und stammen aus dem byzantinischen Raum.

Kiztng-Bretz präsentierte weitere Bilder aus Ostrom, nachdem Kaiserin Theodora das Bilderverbot aufgehoben hatte, an die Menschwerdung Christi erinnernd, wie auf dem Mosaik aus dem 13. Jahrhundert aus der Hagia Sophia in Konstantinopel in der Dreiheit mit den beiden Fürbittern Maria und Johannes dem Täufer: Christus, den Betrachter nicht mehr anschauend, im Blick entrückt, melancholisch – ein Mensch, der Leiden erlebt hat..Die Leidenserfahrung Christi bestimmt dann auch streckenweise die abendländische Christus-Kunst, charakteristisch ein monumentales goldfarbenes Kreuz im Kölner Dom mit der stilsierten Christus-Passion. In der Gotik, so Kitzing-Bretz, sollte der menschliche, leidende und von Schmerzen geplagte Christus auch Trost spenden für die  Menschen mit eigenen Leidenserfahrungen, nicht zuletzt in den Zeiten der Pest.

In der Renaissance wiederum, im15./16.Jahrhundert, herrschte eher eine optimistische  Aufbruchstimmung mit einer Wiederbesinnung auf das Wissen der Antike: Zum einen Christus als Weltenherrscher, mit höfischem  zum anderen Christus mit menschlich-alltäglichem Antlitz, einen neuen Naturalismus bezeugend. Die Kunsthistorikerin führte hier Werke von Leonardo da Vinci, Robert Campin, Lucas Cranach und auf Albrecht Dürers Passionsbilder an und verwies auch das ganz zu Beginn gezeigte „Themenbild“ von Rembrandt, der in der Bilderfeindlichkeit des Calvinismus Christus in der verallgemeinernden Typisierung eines jungen sephardischen Juden darstellte. Aus der Barockzeit sind großartige Altarbilder und wunderbare farbenfrohe Deckengemälde erhalten, die Christus in himmlich-physischer Erhöhung darstellen.

Der Expressionismus brachte eine veränderte Form- und Farbensprache in die darstellende Kunst. Kennzeichnend hier Christus-Bilder von George Rouault und Emil Nolde. Kitzing-Bretz führte darüber hinaus die Christus-Darstellungen der Neuzeit bis in die Gegenwart, gekennzeichnet durch Abstraktion und Verfremdung mit der Absicht von Gesellschaftskritik bis Provokation. Ein Seherlebnis stellt da das „letzte Abendmahl“ von Andy Warhol dar, eine Fotografie des weltberühmten kolossalen Wandgemäldes von Leonordo da Vinci, gefiltert durch das Medium des Siebdrucks , mit einem rötlichen Farbtonschleier. Und zum Schluss ein weiteres Abendmahl-Bild von dem Aserbeidschaner Maredov, der die zwölf Apostel, aufgeteilt in vier Dreier-Gruppen, als Menschen zeigt mit Downsyndrom, alle in hellgrauen Tunikafarben. „Der moderne Christus-Glaube erhält in der modernen Kunst einen meditativen Charakter“, so Kunsthistorikern Kitzing-Bretz.