Archiv für den Monat Dezember 2014

2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Ein New York City U-Bahnzug fasst 1.200 Menschen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 4.900 mal besucht. Um die gleiche Anzahl von Personen mit einem New York City U-Bahnzug zu befördern wären etwa 4 Fahrten nötig.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – Intendant Axel Vornam über Geschichte und Selbstverständnis des Theaters

2014-12-15_24akl

Axel Vornam (Foto: Rolf Gebhardt)

Theater – Theater spielen – ist immer wieder ein Faszinosum. Wer könnte dazu besser Auskunft geben als der Intendant des Heilbronner Theater, Axel Vornam, der sein Referat bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus einleitete mit einem Schiller-Zitat: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Es waren Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe, die mit ihren Werken dem deutschen Theater die entscheidenden Impulse gaben. Diese Apologeten der geistesgeschichtlichen Epoche orientierten sich ideell und gestalterisch am Vorbild der antiken Dichtung. Denn, wie Vornam anschaulich darlege, hatte das „moderne“ Theater seine Ursprünge im antiken Griechenland mit den heute noch berühmten Tragödien von Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes rund 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Damals im griechischen „theatron“, einem Amphitheater, hätten bei alljährlichen einwöchigen Kultspielen etwa in Athen alle Stadtbürger Zeugen von theatralischen Darstellungen aus dem Geschehen der Friedens- und Kriegsgesellschaft werden können, so Vornam. Dabei seien auch aktuelle Ereignisse spontan zur Sprache gebracht worden – „eine praktische Übung in Demokratie vor dem Hintergrund einer patriarchalisch-autokratischen Herrschaftsform.“

Die Römer haben die griechische Theaterpraxis übernommen, doch dann war 1500 Jahre lang Theater-Pause, konstatierte Vornam. Wie bei Naturvölkern, die etwa im Schamanismus mythologische Welterklärungen oder die Götter zu verehren versuchten, gab es im Mittelalter sakrale Mysterienspiel. Allerdings machten sich in jenen anarchistischen Zeiten auch Gaukler in Straßentheatern und Narren an adligen Höfen bemerkbar. Doch erst in der Renaissance kann von einem Neubeginn des Theaters gesprochen werden, etwa mit Eröffnung des Globe Theatre um 1500 mit den sprachmächtigen Komödien und Dramen von William Shakespeare. Wie in der Antike gab es auf der Bühne mitten unter den Zuschauertribünen keine Dekorationen, und die Schauspieler, die in Alltagskleidung – also ohne Kostüme – agierten, mussten mitunter auch auf die vom Publikum lauthals vorgetragenen Kommentierung reagieren. „Schon in England wie in Griechenland ging es im Theaterspielen auch um die Hinterfragung des eigenen Menschseins“, meinte Vornam.

Dann kamen in Deutschland im späten 18. Jahrhundert Gottfried Ephraim Lessing mit „Nathan der Weise“, das dramatische Meisterwerk der Aufklärung, und die Dicht- und Theaterkunst der Klassik. Seitdem gab es bekanntermaßen unzählige großartige Dichtungen, Aufführungen und auch wegweisende Theaterbühnen wie das Wiener Burgtheater, das Berliner Theater und die Berliner Schaubühne. Theater-Geschichte schrieb auch das Meininger Hoftheater, das 1874 erstmals (erfolgreiche) Gastspielreisen einführte und mit künstlerischen Bühnendekorationen Furore machte.

In Meiningen hatte Vornam seine erste Regisseur-Anstellung (1985/88). 1956 in Castrop Rauxel geboren war Vornam 1967 mit Eltern nach Leipzig übergesiedelt, wo er während seiner Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann mit dem Studententheater Leipzig in Verbindung kam; er studierte 1980/85 Schauspiel-Regie an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Bevor Vormam 2008 Intendant in Heilbronn wurde, war er (2003/08) Intendant und Geschäftsführer am Theater Rudolstadt.

Das im November 1982 eröffnete Theater am Berliner Platz – das erste feste Heilbronner Theater wurde 1844gebaut – zählt noch heute zu den best ausgestatteten Theatern in Deutschland. Der Zuschauerraum für die große Bühne hat über 700 Plätze, das Komödienhaus 315 Plätze und 120 Plätze gibt es für den intimeren Rahmen der bisherigen Kammerspiele, die in der neuen Spielzeit nach Vornams theaterpädagogischen Konzept zur BOXX, dem „Jungen Theater“, geworden ist, eine eigenständiges Sparte für junge und junggebliebene Zuschauer, so Vornam, der deutlich machte, dass das (subventionierte) Theater ausgetretene Pfade verlassen muss, um über dem im Schwinden begriffenen herkömmlichen Bildungsbürgertum breitere Interessentenkreise zu gewinnen. Immerhin  hat Heilbronn unter den kleineren Großstädten Deutschlands das beste Kulturangebot und das Theater mit jährlich 170 000 Besuchern zur Bevölkerungszahl eine überaus hohe Frequentierung.

Die letzte JS-Veranstaltung im alten Jahr wurde bereichert mit Weihnachtslieder-Beiträgen rund um die Kaffeepause von Lothar de Mattia (Klavier), Dr. Wolfgang Frey (Gitarre) und Waltraud Dietz (Querflöte).

Träume sind gut für die seelische Gesundheit – Psychotherapeut Joachim von Lübtow: Traumbotschaft erfordert Traumarbeit

2014-12-08_13akl

Psychotherapeut Joachim von Lübtow (Foto: Rolf Gebhardt)

Alle Menschen tun es, doch nicht alle nehmen es richtig wahr: „Wer bewusst träumt, hat mehr vom Schlaf und lebt gesünder“. Diese Ansicht vertrat der Psychotherapeut i.R., Joachim von Lübtow, der auch 20 Jahre lang Traumseminare geleitet hat, bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rieser-Haus und gab einfühlsame Tips zur persönlichen Traumdeutung.

„Wir Germanen sind die dümmsten Träumer“. Mit diesen Worten  provozierte Psychotherapeut von Lübtow gleich zu Anfang. Viele behaupten, sie träumen nie, weil sie sich nicht erinnern, und andere halten Träume für Trugbilder und Täuschungen, um die man sich nicht zu kümmern braucht, gemäß der Aussage: „Heute Nacht habe ich wieder so einen Quatsch geträumt.“ In anderen Ländern seien Träume Gesprächsthema am Frühstückstich und man sinne am Tag darüber nach. Träumen seien schon in der Antike große Bedeutung zugekommen; sie seien als göttliche Boshaften empfunden worden. Auch die Bibel kenne genügend Beispiele dafür, wo man sich nach Traumbotschaften ausrichte. Auch gebe es Völker, die Träume als Korrespondenz mit der Ahnenwelt betrachten.

Ein Traum ist im Grunde eine psychische Aktivität während des Schlafs, ein emotionales Schlaferlebnis mit lebhaften Bildern, intensiven Gefühlen und irrationalem Geschehen. Wie von Lübtow erklärte, träumt man mehrmals in der Schlafphase, schon bald nach dem Einschlafen, im leichten Schlaf, im Tiefschlaf, vor allem in der REM-Phase („rapid eye movements“, schnelle Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern), wobei man sich nach Erwachen gar nicht oder nur teilweise an Träume erinnert, am besten noch,wenn man aus dem Traumschlaf gerissen wird.

In der Traumforschung ist noch manches ungeklärt, meinte von Lübtow. Während Neurologen Träume empirisch-biologisch erklären und Trauminhalte als wirre Prozesse infolge zufälliger Nervenimpulse in bestimmten Hirnregionen abtun, sind Träume aus psychoanalytischer Sicht verschlüsselte Botschaften aus dem Unterbewussten, deren Deutung als therapeutisches Mittel zur Aufarbeitung verdrängter Probleme diene. Für von Lübtow spiegeln sich in Träumen bedeutsame persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, die sich in Bildern und Vorgängen niederschlagen, die sich zwar der Logik entziehen, aber dennoch abgeleitete Beziehungen zur Lebensrealität haben Wenn man diese aufarbeite, könnten sie einen wichtigen Beitrag zur Ordnung des Alltagslebens haben.

„Der richtige Umgang mit Träumen trägt zur seelischen Gesundheit bei“, postulierte von Lübtow. Dazu gehöre, im Nachsinnen der Träume achtsam mit sich neu auftuenden Gefühlen, Empfindungen, Intuitionen und Symptomen umzugehen. Durch Träume werde der eigenen Gefühlswelt auf unterschiedliche Art Lebenswichtiges zugänglich, „was man nicht wissen will, aber wissen soll.“ Man solle den Mut haben, sich mit den Aussagen von Träumen auseinanderzusetzen und rechtzeitig eine Klärung zu suchen. Die Seele bedürfe einer emotionalen Rückmeldung, auch um persönliche Defekte und Defizite erkennen und möglichst beheben zu können. Eventuell solle man allerdings auch Abwehrmechanismen achten, um die Seele nicht zu überfordern.

Generell sieht von Lübtow in Träumen Botschaften an die Seele aus einer anderen Welt, und zwar solche, die es gut mit einem meinen, selbst in vermeintlichen Albträumen, als hilfreiche Anleitung zu einem sinnvollen Leben. Sie beschreiben eine subjektive Lebensqualität. Natürlich, so von Lübtow, gibt es Menschen, die sind – oder stellen sich – taub, während andere „das Gras wachsen hören, denen leicht etwas auf den Magen schlägt oder ihnen die Haare zu Berge stehen lässt“. Jeder Mensch habe seine eigene Art und Möglichkeit, mit Problemen und Erstarrungen fertig zu werden

Was ist, wenn ich das Gefühl habe, nicht zu träumen? Damit einem die Traumbotschaft nicht entgeht, bedarf es der Traumarbeit, rät von Lübtow. Man müsse bereit sein für Träume. Er empfiehlt, sich Papier und ein (leuchtendes) Schreibmittel ans Bett zu legen, um beim Aufwachen sofort Trauminhalte, auch wenn es nur unzusammenhängende Rudimente sind, aufzuschreiben, also   Traumtagebuch zu führen. Mitunter bedürfe es mehrtägiger Geduld, bis sich Träume wahrnehmen lassen. Aber auch gerade im Alter sei es hilfreich für sinnvolles Tun, aus der Auseinandersetzung mit Träumen zu lernen, gelassen Aufgaben mit dem einfachsten Anfang anzugehen, froh zu sein über geschenkte Lebenszeit und dankbar für das, was einem das Leben so alles eröffnet hat.

Wie Bachs Weihnachtsoratorium entstanden ist – Braunwarth über das Leben und Werk des bedeutendsten Kirchenmusikers

2014-12-01_01aakl

Hans Martin Braunwarth (Foto: Rolf Gebhardt)

Ohne Bach ist die deutsche Musikgeschichte kaum vorstellbar. Johann Sebastian Bach gilt als einer der größten Komponisten und ist zweifellos der bedeutendste protestantische Kirchenmusiker mit Orgelwerken, Passionen und Kantaten. Über Bachs Leben und Werk referierte der Heilbronner Kirchenmusiker und Orgelsachverständige Hans-Martin Braunwarth bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus und befasste sich näher, aus aktuellem Anlass, mit Bachs Weihnachtsoratorium.

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März in Eisenach als jüngstes von acht Kindern des Stadtmusikers Johann Ambrosius Bach geboren. Er war noch keine zehn Jahre, als er als Waisenkind dastand und von seinem ältesten Bruder Johann Christoph, der Organist in Ohrdruf war, aufgenommen wurde. Sein musikalisches Talent kam schon früh zum Durchbruch. Mit 15 erhielt er ein Stipendium an der Schule des Michaelikloster zu Lüneburg, von wo er sich des öfteren zu Fuß in die „Musikhauptstadt“ Hamburg aufmachte. Bereits mit 18 Jahren bekam er eine Anstellung als Organist in Arnstadt, dann – nach ausgedehnten Bildungsurlaub bei Dietrich Buxtehude in Lübeck –  eine in Mühlhausen und ab Juli 1708 beim Herzog in Weimar als Schloss-Organist und (ab 1714) Hofkonzertmeister. In diesen neun Weimarer Jahren entstanden die meisten seiner 150 Orgelwerke. Es folgten sechs Jahr am fürstlichen Hof von Köthen. Hier entstanden u.a. die sechs „Brandenburgischen Konzerte“ , und hier heiratete Bach 1721 die Sängerin Anna Wülcken, nachdem seine erste Ehefrau, die 1707 geehelichte entfernte Cousine Maria Barbara, gestorben war.

Wie Braunwarth darlegte, verbrachte Bach ab 1723 die meiste Zeit seines Lebens in Leipzig als Thomaskantor und Musikdirektor. Hier war er verantwortlich für die musikalischen Darbietungen in allen vier Kirchen der Stadt und hatte für jeden Sonntagsgottesdienst eine Kantate zu komponieren und ihre Aufführung zu leiten. Es war für Bach keine leichte Zeit. Immer wieder geriet er in Streit; er wurde gerügt wegen fremdartigen Harmonien beim Orgelspiel in den Gottesdiensten, und er litt wegen der Arbeit mit schlechten Schülern sowie unzureichenden Musikern und Sängern. Für Bach war es eine intensive Schaffensperiode, die ihm im Alter ziemlich zusetzte, zumal er ein Augenleiden bekam, erblindete und bald darauf nach einem Schlaganfall am 28. Juli 1750 verstarb.

Bach gilt als Vollender des musikalischen Barocks. Er verstand sich zwar in erster Linie als Kirchenmusiker, doch da im Zuge der Aufklärung sich die Musik von den Fürstenhöfen und Kirchen zunehmend auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit ausbreitete, leitete Bach auch Konzerte im „Zimmermann’schen Caffee-Hauß“. Wie Braunwarth verständlich machte, speiste sich aus solchen Kompositionen sowie aus Gelegenheits- und Huldigungskantaten auch das berühmte Weihnachtsoratorium, deren Melodien ehemals ganz andere Motive und Texte zugrunde lagen, mitunter gar frivole oder militärische. Für die zur Weihnachtszeit 1734/35 geplante Aufführung der sechs Kantaten des Riesenwerks nutzte Bach also das damals ziemlich gängige „Parodieverfahren“, unterlegte schon existierenden Vokalwerken neue passende Texte. So entstanden die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums, für die Braunwarth Musikbeispiele per CD vorführte:

Kantate I zum Weihnachtsfest: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“. II zum zweiten Weihnachtsfeiertage: Und es waren Hirten in derselben Gegend“. III zum (damaligen) dritten Weihnachtsfeiertage: „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“. IV zum Neujahrstage: „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“. V zum Sonntag nach Neujahr: „Ehre sei dir, Gott, gesungen“. VI zum Fest der Erscheinung: „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“.

Braunwarth verwies darauf, dass das Weihnachtsoratorium am 4. Advent in der Kilianskirche vom Heinrich-Schütz-Chor aufgeführt wird. Die einzelnen Kantaten erklingen in sechs Gottesdiensten in verschiedenen Heilbronner Kirchen: 25. 12. 2014 Deutschordensmünster, 26. 12. Nikolaikirche, 28. 12. Wichernkirche, 31. 12. Bonhoefferkirche, 4. 1. 2015. Christuskirche, 6. 1. Kilianskirche.

Johann Sebastian Bach als der berühmteste Vertreter einer großen thüringischen Musikerfamilie des 17.18.Jahrhunderts (vier seiner Söhne erreichten als Musiker ebenfalls Bedeutung) wurde zu Lebzeiten zwar als Orgelvirtuose geschätzt, seine Kompositionen wurden aber oft nicht recht verstanden. Bachs Meisterwerke haben bis in die Gegenwart eher an Wertschätzung gewonnen.