„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – Intendant Axel Vornam über Geschichte und Selbstverständnis des Theaters

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Axel Vornam (Foto: Rolf Gebhardt)

Theater – Theater spielen – ist immer wieder ein Faszinosum. Wer könnte dazu besser Auskunft geben als der Intendant des Heilbronner Theater, Axel Vornam, der sein Referat bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus einleitete mit einem Schiller-Zitat: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Es waren Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe, die mit ihren Werken dem deutschen Theater die entscheidenden Impulse gaben. Diese Apologeten der geistesgeschichtlichen Epoche orientierten sich ideell und gestalterisch am Vorbild der antiken Dichtung. Denn, wie Vornam anschaulich darlege, hatte das „moderne“ Theater seine Ursprünge im antiken Griechenland mit den heute noch berühmten Tragödien von Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes rund 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Damals im griechischen „theatron“, einem Amphitheater, hätten bei alljährlichen einwöchigen Kultspielen etwa in Athen alle Stadtbürger Zeugen von theatralischen Darstellungen aus dem Geschehen der Friedens- und Kriegsgesellschaft werden können, so Vornam. Dabei seien auch aktuelle Ereignisse spontan zur Sprache gebracht worden – „eine praktische Übung in Demokratie vor dem Hintergrund einer patriarchalisch-autokratischen Herrschaftsform.“

Die Römer haben die griechische Theaterpraxis übernommen, doch dann war 1500 Jahre lang Theater-Pause, konstatierte Vornam. Wie bei Naturvölkern, die etwa im Schamanismus mythologische Welterklärungen oder die Götter zu verehren versuchten, gab es im Mittelalter sakrale Mysterienspiel. Allerdings machten sich in jenen anarchistischen Zeiten auch Gaukler in Straßentheatern und Narren an adligen Höfen bemerkbar. Doch erst in der Renaissance kann von einem Neubeginn des Theaters gesprochen werden, etwa mit Eröffnung des Globe Theatre um 1500 mit den sprachmächtigen Komödien und Dramen von William Shakespeare. Wie in der Antike gab es auf der Bühne mitten unter den Zuschauertribünen keine Dekorationen, und die Schauspieler, die in Alltagskleidung – also ohne Kostüme – agierten, mussten mitunter auch auf die vom Publikum lauthals vorgetragenen Kommentierung reagieren. „Schon in England wie in Griechenland ging es im Theaterspielen auch um die Hinterfragung des eigenen Menschseins“, meinte Vornam.

Dann kamen in Deutschland im späten 18. Jahrhundert Gottfried Ephraim Lessing mit „Nathan der Weise“, das dramatische Meisterwerk der Aufklärung, und die Dicht- und Theaterkunst der Klassik. Seitdem gab es bekanntermaßen unzählige großartige Dichtungen, Aufführungen und auch wegweisende Theaterbühnen wie das Wiener Burgtheater, das Berliner Theater und die Berliner Schaubühne. Theater-Geschichte schrieb auch das Meininger Hoftheater, das 1874 erstmals (erfolgreiche) Gastspielreisen einführte und mit künstlerischen Bühnendekorationen Furore machte.

In Meiningen hatte Vornam seine erste Regisseur-Anstellung (1985/88). 1956 in Castrop Rauxel geboren war Vornam 1967 mit Eltern nach Leipzig übergesiedelt, wo er während seiner Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann mit dem Studententheater Leipzig in Verbindung kam; er studierte 1980/85 Schauspiel-Regie an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Bevor Vormam 2008 Intendant in Heilbronn wurde, war er (2003/08) Intendant und Geschäftsführer am Theater Rudolstadt.

Das im November 1982 eröffnete Theater am Berliner Platz – das erste feste Heilbronner Theater wurde 1844gebaut – zählt noch heute zu den best ausgestatteten Theatern in Deutschland. Der Zuschauerraum für die große Bühne hat über 700 Plätze, das Komödienhaus 315 Plätze und 120 Plätze gibt es für den intimeren Rahmen der bisherigen Kammerspiele, die in der neuen Spielzeit nach Vornams theaterpädagogischen Konzept zur BOXX, dem „Jungen Theater“, geworden ist, eine eigenständiges Sparte für junge und junggebliebene Zuschauer, so Vornam, der deutlich machte, dass das (subventionierte) Theater ausgetretene Pfade verlassen muss, um über dem im Schwinden begriffenen herkömmlichen Bildungsbürgertum breitere Interessentenkreise zu gewinnen. Immerhin  hat Heilbronn unter den kleineren Großstädten Deutschlands das beste Kulturangebot und das Theater mit jährlich 170 000 Besuchern zur Bevölkerungszahl eine überaus hohe Frequentierung.

Die letzte JS-Veranstaltung im alten Jahr wurde bereichert mit Weihnachtslieder-Beiträgen rund um die Kaffeepause von Lothar de Mattia (Klavier), Dr. Wolfgang Frey (Gitarre) und Waltraud Dietz (Querflöte).

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