Schatzkammer Salzbergwerk und Monuments Men – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über Nazi-Auslagerungen

2015-01-19_13aklDie mitteleuropäische Kunstwelt wäre um einiges ärmer, wenn nicht im II. Weltkrieg wertvolle Kulturgüter in den Salzbergwerken Heilbronn und Kochendorf bombensicher gelagert und unmittelbar nach dem Krieg von amerikanischen Kunstexperten ausgelagert und repatriiert worden wären. Prof. Dr. Christhard Schrenk, seit 1992 Leiter des Stadtarchivs Heilbronn, vermittelte den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus einen spannenden Überblick über die „Schatzkammer Salzbergwerk“.

Der Name des Weltstars George Clooney steht heute fast symbolisch für diese ganze Thematik. Gegen Ende des Krieges hatte der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, einen Befehl erlassen, historische Monumente und Kulturgüter im Feindesland zu respektieren und möglichst zu schützen. Zu diesem Zweck wurde ein Truppe namens „Monuments, Fine Arts and Archives“gegründet, die sich von ursprünglich 15 Mann bis auf 400 Kunstexperten in Uniform und schließlich in Offiziersrang entwickelte. Über deren Einsatz hat der texanische Öl-Millionär Robert Edsel jahrelang recherchiert und ein Buch mit Briefen und Tagebüchern von diesen Kunstschützern geschrieben, das 2009 unter dem deutschen Titel „Monuments Men. Die Jagd nach Hitlers Raubkunst“ erschien und für das George Clooney die Filmrechte erwarb. Clooneys Film „Monuments Men“ war ein Höhepunkt der Berlinale 2014. In gewisser Weise Pate stand bei diesem Filmereignis auch eine von Direktor Schrenk 2002 erschienene Schrift „Geheime Kulturgut-Sammelstelle – über die Salzbergwerke Heilbronn und Kochendorf 1942 – 1947“.

Bereits im Frühjahr 1942, noch vor der Katastrophe von Stalingrad, erging von Nazi-Führern der geheime Befehl, wertvolle deutsche und erbeutete Kulturgüter an einen bombensicheren Ort unterzubringen. Kochendorf war das erste Bergwerke, das für eine solche Einlagerung ab Mai 1942 genutzt wurde, zuerst für Akten der Stadt Stuttgart, und dann fand der Landeskonservator diese Salzbergwerke bestens geeignet für die sichere Lagerung von Kulturgütern aller Art. In geheimer Kommandosache wurden sie an den Wochenenden in einem guten Dutzend Salzkammern untergebracht. Doch schon 1944 wurde die Einlagerung der Schätze in Kochendorf gestoppt, da die unterirdischen Räumlichkeiten für ein Konzentrationslager und für Rüstungsproduktion genutzt werden sollten.

Die Wiederentdeckung der Salzbergwerk-Schatzkammer erfolgte im Mai 1945 durch die Monuments Men, deren Anführer der Restaurator und Museumsfachmann George Scout war, im Film gespielt von George Clooney. Jüngster Monument Man war Harry Ettlinger, der am 7. Mai 1945 , dem Tag der deutschen Kapitulation, Dolmetscher für Captain James Rorimer wurde (er war später Direktor des Metropolitan Museums of Arts und starb 1966). Schrenk, seit 20 Jahre auf den Spuren der Monuments Men, „entdeckte“ Ettlinger im Karlsruher Archiv als Heinz Ludwig Chaim Ettlinger, 1938 in die USA ausgewandert. Er wohnt in New Jersey, arbeitete als Ingenieur bei einer Rüstungsfirma und ist der einzige noch lebende Monument Man. Im Film wurde er nachgespielt und bekam auf der Berlinale und in Medien diverse Auftritte.

Rorimer hatte in Paris von einer Rose Valland Aufzeichnungen über Nazi-Lagerstätten von Kunstgütern erhalten. Ab Mai machten sich Rorimer und Ettlinger dran, 40 000 Kisten aus den Depots Kochendorf und Heilbronn zu bestimmen. Nur ein ganz geringer Teil wurde als Raubgut konfisziert., alles andere den rechtmäßigen Besitzern zugänglich gemacht.  Als erstes wurden die Glasfenster des Straßburger Münsters als Freundschaftsgeste an die Franzosen übergeben. Gefunden wurden die badischen Kronjuwelen, ein Rubens-Porträt und die Stuppacher Madonna, aber auch auch Patente, Lizenzen und andere Dokumente etwa von Bosch und Daimler-Benz. Dieses Knowhow trug laut Schrenk ebenso zum Wirtschaftsaufschwung bei wie zahlreiche Privatgegenstände bis hin zu Einmachgläsern. In den Bergwerksstollen hatten allein 240 Stuttgarter Bürger ihr gut registriertes Hab und Gut sichern lassen. Insgesamt stellten die Kunstschutztruppen unter Georg Stout über fünf Millionen Kulturgüter sicher, so in Neuschwanstein die Rothschild-Sammlung.

Und wie war das mit den Schätzen der Heilbronner Kilianskirche, wollten „Junge Senioren“ von Schrenk wissen. Die geschnitzten Heiligenfiguren und Skulpturen des Seyfer-Altars waren in 18 Kisten in Kochendorf ausgelagert, „überwinterten“ in der Öhringer Stiftskirche, bis man sich in Heilbronn nach intensivem „Kunststreit“ dafür entschied, den spätgotischen Hans-Seyfer-Altar von 1498 nach alten Fotos in Werktreue nachzubilden (statt Neuschöpfung). Die Flügeltafeln des Altars hatten die Luftangriffe in einer Backstein-Ummauerung der zerstörten Kirche überstanden, während die Gehäuse verbrannt waren.

Die heutigen Südwestdeutschen Salzwerke AG (SWS), Heilbronn, gehören zu den größten Salzproduzenten in Europa mit Förderstätten in Heilbronn, Berchtesgaden und Bad Reichenhall; Kochendorf ist nur noch Besucherbergwerk. Von den 1800 Abbaukammern (200 m lang, 15 m breit, 10 und 20 m hoch) werden einige als Untertagearchiv (UTA) genutzt. Wichtigste Vorteile als Lagerstätten: Erdbebensicher,  ungezieferfrei, frei von Elektrosmog, trocken, gleichbleibende Temperatur um 20 Grad; Nachteil: schwierig erreichbar.

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