Sich viel bewegen, ohne zu viel zu belasten – Der Orthopäde Dr. Jürgen Kußmann über Gelenkverschleiß und Behandlung

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Jeder möchte gerne bis ins hohe Alter mobil, beweglich und beschwerdefrei sein. Doch mit 70 ist man halt keine 30 mehr. Denn so mit 30 Lebensjahren setzt der menschliche Alterungsprozess ein, ist auch unser Haltungs- und Bewegungssystem einem zunehmenden Verschleiß unterworfen. Was es mit dieser unvermeidlichen biologisch-anatomischen Tatsache des Gelenkverschleißes auf sich hat, mit ihren Auswirkungen, zur Arthrose führenden Beschwerden, und wie man diesem Alterungsprozess begegnen bzw. ihn verlangsamen kann, darüber informierte der Orthopäde Dr. Jürgen Kußmann die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Der Verschleißprozess kündigt sich durch Schmerzen und Funktionseinbußen an den betroffenen Gelenken an. Gelenke sind passgenaue Verbindungsstellen zwischen Knochen. Wie Kußmann erläuterte, besitzt jedes Gelenk einen Gelenkkopf und eine Gelenkpfanne, die von Knorpel überzogen sind. Der Gelenkknorbel ist in der Lage, Stoßwirkungen zwischen den knöchernen Gelenkteilen abzupuffern. Die Stabilität des Gelenks wird gewährleistet durch die Gelenkkapsel, die straffe Umhüllung eines Gelenks, mit einer äußeren Schicht von Bindegewebe und einer feinen Gelenkinnenhaut, die elastische Fasern, Gefäße und Nerven enthält und Gelenkflüssigkeit in den Gelenkspalt absondert und so den  Knorpel ernährt, also Gelenkschmiere produziert.

Zusätzlichen Halt in ungünstigen Belastungssituationen bekommen die meisten Gelenke durch Bänder, die der Gelenkkapsel aufgelagert oder mit ihr verflochten sind (so am Kniegelenk). Vielfach sorgen auch noch Schleimbeutel für eine günstigere Druckverteilung an mechanisch beanspruchten Stellen. Typischerweise gibt es Kugelgelenke (Hüft- und Schultergelenk) und Scharniergelenke (Ellenbogengelenk). Ein Gelenk muss nicht nur beweglich, sondern auch tragfähig sein,und diese Beweglichkeit und Stabilität ist nicht nur abhängig von den knöchernen Bestandteilen, sondern auch von den umgebenden Geweben. Von der das Gelenk umspannenden Muskulatur werden die Gelenkkörper gegeneinander bewegt.

Störungen der Gelenkfunktionen werden angezeigt durch Schmerzen in im Bereich von Gelenken. Der Anlaufschmerz, der beim Wechsel aus der Ruhelage in die Bewegung auftritt, ist typisch für die Arthrose, konstatierte Dr. Kußmann. Es schmiergelt in den Gelenken, Knochen reiben auf Knochen, blank, und verursachen zunehmende Belastungs- und Bewegungsschmerzen, einhergehend mit Bewegungseinschränkung bis hin zum Funktionsverlust des Gelenks. Gelenkverschleiß zeigt sich auch in der Verformung der knöchernen Gelenkkörper. Eine Gelenkspiegelung – Arthroskopie – kann endgültige Auskunft geben über das Ausmaß des Gelenkverschleißes. Ist ein Gelenkverschleiß erst einmal eingetreten, so ist eine ursächliche Behandlung dieser krankhaften Veränderungen nicht mehr möglich. Gegebenenfalls sind orthopädische Hilfsmittel zur Verbesserung der Tragfähigkeit es Gelenkes oder auch zur Verbesserung der sonst geschädigten Gelenkführung angezeigt.

Der künstliche Gelenkersatz – Prothese – gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Therapieverfahren der modernen Orthopädie. In Deutschland werden jährlich jeweils mehr als 100 000 künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt. Dr. Kußmann machte jedoch darauf aufmerksam, dass die Lebensdauer eines solchen Gelenkersatzes begrenzt ist und Neuersätze infolge des bereits geschädigten Umfelds schwieriger und risikoreicher sind, insbesondere im hohen Alter.

Wichtig ist daher, so Kußmanns ultimativer Rat, den Bewegungsapparat schon frühzeitig so zu trainieren, dass er auch in späteren Lebensjahrzehnten „gut geschmiert“ ist, denn die unersätzliche Gelenkschmiere wird nur gebildet durch ein bewegtes Gelenk. Ruhe tut also der hauchdünnen Knorpelschicht der Gelenke keineswegs gut. Eine starke Muskulatur stärkt und schützt die Gelenke, stützt die Bänder, stabilisiert den Knorpel. Doch ebenso schädlich wie Bewegungsarmut ist Überbelastung und Fehlbelastung, was auf Dauer zu Verletzungen des Knorpels führt. Man sollte also abrupte Stoß-, Stauch- und Drehbewegungen vermeiden, ebenso das Abrollen über die Ferse beim Gehen und Laufen. Deshalb Kußmanns Empfehlung: „Sich viel bewegen, aber Belastungen vermeiden!“ Gelenkbelastend ist auch Übergewicht, meist im Verein mit ungesunder Ernährung. Medikamente können zwar Schmerzen lindern, Arthrose aber nicht vermeiden oder beheben.

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