Archiv für den Tag 9. Februar 2015

Der lange Weg der Frauen ins Pfarramt – Pfarrerin Annette Prinz über den Bruch einer kirchlichen Männerdomäne

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Pfarrerin Anette Prinz (Foto: Rolf Gebhardt)

Eine Pfarrerin in einer evangelischen Kirchengemeinde ist heute keine Seltenheit mehr. Gemeinde-Pfarrerinnen sind längst in allen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Doch das ist erst eine Errungenschaft der letzten 50/60 Jahre. Über den langen Weg der Frauen ins evangelische Pfarramt berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Pfarrerin Annette Prinz von der Bonhoeffer-Gemeinde in Heilbronn-Sontheim und vordem Gemeindepfarrern in Ilsfeld-Auenstein..

Im kirchlichen Leben gilt zwar nicht mehr, „das Weib schweige in der Kirche“, aber doch noch die Vorstellung: Frauen füllen die Gottesdienst und erfüllen mehrheitlich den diakonischen Auftrag. Die Kirche ist eine Männerkirche und ein Frauenbetrieb. Frauen tragen die Kirche, Männer prägen sie. Ganz so stimmt es heute nicht mehr. Aber es dauerte fast 2000 Jahre in der Christenheit, bis sich im patriarchalischen Bild von Kirche etwas Grundsätzliches änderte, wie Annette Prinz darlegte.

Zwar stellte schon die hebräische Bibel zahlreiche markante Frauengestalten heraus, so Miriam, Debora, Sara, Hagar und Rebecca, und auch im Neuen Testament ist von Frauen die Rede, denen Jesu begegneten oder ihn begleiteten, bis Maria von Magdala, die erste am leeren Grab, ganz abgesehen von der (im Katholizismus hochverehrten) „Gottes-Mutter Maria“, und später die Apostolin Junia und andere Frauen in der christlichen Urgemeinde. Im Mittelalter gewannen ebenfalls einige Frauen religiösen Status, am bekanntesten wohl Hildegard von Bingen. Doch auf die Stellung im Klerus hatte dies keine Auswirkung. Zu Beginn der Reformation heirateten Nonnen Reformatoren, Luthers Frau Katharina von Bora wurde für Jahrhunderte zum Sinnbild einer Pfarrersfrau, und die von Luther getraute Elisabeth Cruciger, geb. von Meseritz, war die erste Liederdichterin der evangelischen Kirche. Immerhin verfassten im Zuge der Reformation Frauen auch Erbauungsbücher und einige sogar theologische Abhandlungen.

Erst Anfang des 20.Jahrhunderts wurden Frauen zum Theologiestudium zugelassen, nachdem es schon längst studierte Medizinerinnen gab. Doch das Kirchengesetz der Altpreußischen Union von 1927 beschränkte den Auftrag der Theologinnen – „Vikare“ – auf Zuarbeit und Entlastung des Pfarrers. Nach den Recherchen von Prinz wurden sie eingesetzt im Kindergottesdienst und in Bibelstunden, in der Schulung weiblicher Jugend und in Mädchenheimen. Theologiestudentinnen wurden zudem angehalten, noch Orgelspielen sowie Stenografie und Maschinenschreiben zu lernen.

Während des II. Weltkriegs durften einige Theologinnen dann Lücken füllen, die entstanden, weil Pfarrer zum Wehrdienst eingezogen waren. Prinz: „Im Krieg ließ man sie machen.“ Ab 1951, nachdem der Anspruch auf Gleichbehandlung von Mann und Frau in der in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland  verankert worden war, erhielten Frauen eine eingeschränkte Ordination, und ab 1963 durften Pfarrerinnen auch Pfarrstellen annehmen, aber nicht geschäftsführend. In manchen deutschen Landeskirchen galt gar noch bis 1973 für Frauen das Zölibat; bei Heirat mussten Pfarrrinnen, wie früher die Vikarinnen, aus dem Amt ausscheiden. In der Evangelischen Landeskirche Württemberg wurde 1968 die völlige Gleichstellung von Pfarrerinnen und Pfarrern erreicht, zuletzt 1992 in der Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Heute gibt es auch zahlreiche Frauen in kirchenleitenden Positionen. Nach der ersten Landesbischöfin Maria Jepsen in Hamburg 1992 kamen drei weitere: Margot Käßmann (Hannover), vorübergehend auch EKD-Vorsitzende, Bärbel Wartenberg-Potter (Lübeck) und Ilse Junkermann (Mitteldeutschland). In Württemberg ist eine von vier Prälaturen von einer Frau (Gabriele Wulz seit 2001 in Ulm) besetzt, auch gibt es einige Dekaninnen. Frauen fungieren auch als Direktorin im Oberkirchenrat (Margit Rupp) und Vorsitzend der Landessynode Inge Schneider).

Nach Ansicht von Annette Prinz geht inzwischen eine neue Angst vor Frauen in der Kirche um, sind  doch ein Drittel aller Pfarrstellen in Deutschland von Frauen besetzt, und Frauen sind derzeit im Theologiestudium in der Überzahl. Annette Prinz, die 1981 ihr Theologiestudium aufgenommen hatte und 1989 ins Vikariat eintrat, lebt als Mutter von drei „wohlerzogenen“ Kindern in einem „Pfarrhaushalt in umgekehrter Tradition“; ihr Ehemann fungiert als Hausmann.