Archiv für den Monat März 2015

Als Seelsorger Trost spenden außerhalb der Kirche – Flughafen- und Messepfarrer Dieter Kleinmann über spontane Hilfestellungen

2015-03-30_09akl

Flughafenpfarrer Dieter Kleinmann (Foto: Rolf Gebhardt)

Trost spenden – Seelsorge bieten. Das gehört zu den Grundaufgaben eines jeden Pfarrers, der sich ja auch in der Regel primär als Seelsorger versteht. Das gilt vielfach auch für Sonderpfarrämter. Aber was hat etwa ein „Flughafen- und Messe-Pfarrer“ zu tun. Ein solches Amt hat Dieter Kleinmann in Stuttgart inne, und darüber berichtete er bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

Am Tag nach dieser Vortragsveranstaltung steht für Kleinmann ein besonderer Gottesdienst an Dienstag, 31. März, 10.53 Uhr – exakt eine Woche nach der Flugzeugkatastrophe in den französischen Südalpen, als beim Absturz des Germanwings-Airbus A320 alle 150 Personen ums Leben kamen. Die Lufthansa und ihre Tochtergesellschaft haben sich für den Airport Stuttgart einen Gedenkgottesdienst gewünscht – für die Mitarbeiter und die zu dieser Zeit verfügbaren Piloten und Flugbegleiter, von denen ja viele ihre nun toten Kollegen von der Crew der Unglücksmaschine gekannt haben. Also ein stiller interner Gedenk- und Trost-Gottesdienst, zur Verarbeitung von Schock und Schmerz – Eine überraschende und schreckliche Brisanz für den Vortragstermin also.

Dieter Kleinmann, Jahrgang, 1953 in Stuttgart geboren, Pfarrer, Diplom-Volkswirt, FDP-Politiker. Nach dem Studium der Theologie und der Wirtschaftswissenschaften wurde er Gemeindepfarrer der Württembergischen Landeskirche, war lange Jahr Gemeinderat in Plüdershausen und Kreisrat im Landkreis Rottweil, von 1996 bis 2011 Landtagsabgeordneter. Seit 1. April 2012 ist Kleinmann in Doppelfunktion Pfarrer des Flughafens und der Messe Stuttgart im Auftrag der Kirchlichen Dienste der evangelischen Landeskirche Württemberg Wie Kleinmann darlegte, sind auf dem Flughafen in Stuttgart-Echterdingen, seit 1939 Flugfeld und heute sechstgrößter Airport Deutschlands („sogar mit 20 Millionen € Jahresgewinn“) 9500 Mitarbeiter/innen aus 95 Nationen von 250 Firmen beschäftigt und werden jährlich 9,75 Millionen Passagiere abgefertigt. Mit dem benachbarten (neuen) Gelände der Stuttgarter Messe, bei der es 270 ständige Beschäftigte und 100 Messetage im Jahr gibt, entsteht eine Begegnungsmöglichkeit mit jährlich 15 Millionen Menschen.

Zwar ist Kleinmanns Sonderpfarramt in erster Linie als Seelsorgestelle der Belegschaft von Flughafen und Messe gedacht, für die er in regelmäßigen Abständen Gottesdienste in einer eigenen, „nicht ganz leicht zu erreichenden Kapelle“ anbietet, aber natürlich ist er auch Ansprechpartner und Seelsorger für entsprechende Sorgen und Bedürfnisse von Passagieren und Messebesucher. Aus dem Kreis der Bediensteten kommen immer wieder Ratsuchende, meist mit privaten Problemen, die sich über seelische Not mal aussprechen wollen und Trost erhoffen von einem Pfarrer, auch wenn sie nicht unbedingt gläubig sind. „Es geht für sie darum, angehört zu werden, auf Verständnis zu stoßen“, wenngleich für  ausführliche Erläuterungen meist nicht genügend Zeit zur Verfügung steht, da die Beschäftigten für ihre Besuche meist nur ihre kurzen Arbeitspausen nutzen. Kleinmann: „ Aber da kommen nun mal Schicksale und Problemfälle zur Sprache, wie sie sich halt unserer modernen, vernetzten und multikultureller Gesellschaft in ungeahnter Vielfalt ergeben können.“ Und: „Da ist mitunter auch mein guter Draht zu Geschäftsführung und Betriebsrat hilfreich.“

Auf den großen Flughäfen sind Pfarrstellen in erster Linie auch zur Betreuung von Flüchtlingen und „Abschiebehäftlingen“ eingerichtet. Hierfür ist Stuttgart zwar nicht unbedingt ein Brennpunkt, aer darum geht es öfter auch hier, ebenso um spontane Hilfe für verzweifelter Zwangsprostituierte aus Südosteuropa. Kleinmann zeigte mehr oder weniger drastische Fälle auf, mit denen er konfrontiert worden ist, öfter nach nächtlichen Anrufen aus der Flughalle. Da geht es auch mal um tagelange Begleitung und Hilfestellung, auch Unterstützung von Menschen mit psychischen Problemen oder von desolaten Passagieren, für die eine Verbindung mit nahen Angehörigen hergestellt werden muss. Wichtig ist Kleinmann zudem, dass sein „ansprechender und recht neutraler“ Andachtsraum immer offen ist und täglich genutzt wird, auch immer wieder von Muslimen zum Gebet.

Wie interessant Person und Thema war, zeigte sich auch darin, dass an diesem Nachmittag auch der ehemalige Dekan und Heilbronner Ruhestandspfarrer Wilhelm Scheytt, bei dem Kleinmann 1987 Vikar in Sulz/Neckar war, gekommen war sowie der Heilbronner Alt-OB Helmut Himmelsbach „als alter Bekannter“ und der 90jährige Heilbronner Alt-Dekan Gerhard Simpfendörfer aus Wüstenrot mit Gattin, die sich auch eine Woche zuvor den Vortrag „unseres ehemaligen Wüstenroter Försters“ Sieghart Brenner angehört hatten.

Forstwirtschaft der Nachhaltigkeit verpflichtet – Förster Sieghart Brenner über die wichtigen Funktionen des Ökosystems Wald

2015-03-23_05akl

(Foto: Rolf Gebhardt)

Unser heimischer Wald – wie sehr schätzen wir ihn als Naturlandschaft und Ökosystem. Er ist halt viel mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Was es mit Wald und Forstwirtschaft auf sich hat, darüber unterrichtete ein „Förster mit Leib und Seele“ die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus: Sieghart Brenner. Nach Ausbildung in 15 Forstämtern und Fachhochschule war der im Allgäu und in Hohenlohe aufgewachsene Brenner von 1972 bis 2004 Revierförster im Forstamt Löwenstein.
Der heute 71jährige war auch stets gesellschaftspolitisch engagiert. Gewerkschaftlich für seine Kollegen, kommunalpolitisch insgesamt 28 Jahre im Kreistag, viele Jahre Gemeinderat und Kirchengemeinderat, und noch heute ist er im Vorstand des Naturfreunde Heilbronn und Vorsitzender der Heilbronner SPD-Senioren. „Ich hatte das schönste Forstrevier der Welt“, schwärmt Brenner noch heute von seinen zuletzt 1000 Hektar Wald zwischen Vorderbüchelberg und Hößlinsülz und insbesondere von seinem alten Forsthaus Joachimstal auf einer Waldlichtung bei Wüstenrot, 1778 zwar als Bauernhaus erbaut, doch bald von der königlich-württembergischen Forstverwaltung als Standort für ihre Revierhüter erworben, nun nach längerem Leerstand seit 2006 Museumsforsthaus im Hohenloher Freilandmuseum Schwäbisch Hall-Wackersdorf.
Charakteristisch für die Forstwirtschaft ist das Thema Nachhaltigkeit. Erstmals verwendet wurde der Begriff 1713 von dem sächsischen Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz in seinem Buch „Waldbau und Ökonomie“: Im Interesse nachfolgender Generationen soll nicht mehr Holz genutzt werden als nachwächst. Diesem Grundsatz ist auch die Forstwirtschaft der Region verpflichtet, wie Brenner am Beispiel von einem Hektar Dauerwald erklärte. Bei einem durchschnittlichen Holzvorrat von 400 bis 500 Festmeter Holz und einem jährlichen Zuwachs von gut zehn Festmeter werden gemäß der regelmäßigen Forsterhebungen alle fünf bis zehn Jahre etwa 90 Prozent (45 bis 90 Festmeter) „geerntet“, davon höchstens sechs Starkbäume, je fünf Prozent bleiben als Sicherheitsreserve und Totholz, laut Brenner „für die Biovielfalt unerlässlich“.
Hauptaufgabe eines Försters ist dir Waldbau durch mäßige und pflegerische Eingriffe auf ganzer Fläche mit schonender und angepasster Holzernteverfahren zum Schutz von Bestand, Bodenvegetation, Tierwelt und Nachhaltigkeit aller Wald-Funktionen. Auch wenn in unserer Gegend eigentlich Eiche und Buche primär vorkommen, sollte der Schwerpunkt auf Mischwald mit Baumarten der natürlichen Waldgesellschaften liegen, im Landkreis Heilbronn mit 71 Prozent Laubwald (22 Prozent Buche, 23 Prozent Eiche, neun Prozent Bergahorn) und 29 Prozent Nadelwald (zwölf Prozent Fichte, sechs Prozent Douglasie). so Brenner.
Nachdrücklich plädierte der Förster für Naturverjüngung, sei sie doch besser, naturgemäßer und kostengünstiger als Pflanzung. Doch zu viele Rehe gefährdeten die natürliche Verjüngung. Um eine Wildbestandsregulierung komme der Forstmann nicht herum. „Naturnaher Wald bedingt weniger Wild“, so Brenner,. Nach wie vor gilt die Verbissbelastung als zu hoch. Deshalb müsse an Bewegungsjagden festgehalten werden. Immerhin habe sich die Rehwildstrecke im Heilbronner Staatswald je 100 Hektar bei zwölf geschossenen Tiere pro Jahr eingependelt. Was den allgemeinen Waldzustand betreffe, so gehöre zwar das „Waldsterben“ der Vergangenheit an, doch von einem „gesunden Wald“ könne nicht durchgängig die Rede sein, denn gemäß Überwachungsprogramm lasse Nadel- bzw. Blattverlust und Kronenzustand bei 40 Prozent der Bäume Schäden erkennen, durch wärmere Temperaturen, zu wenig oder saurem Regen, aber auch durch Schädlingsbefall.
Zur naturnahen Forstwirtschaft gehören heute auch Sorgfalt und Regeln bei der Walderschließung für die Holzernte und Holzbringung durch befestigte Wege und ein permanentes Rückegassennetz. Der Einsatz von Vollerntern und Tragschleppern mit Raupenketten oder Bogiebändern trage zur Bodenschonung bei.
Das Ökosystem Wald zeichnet sich schließlich nicht nur durch eine riesige Artenvielfalt von Pflanzen und Pilzen, Säugetieren, Nagern und Vögeln sowie unzähligen Käfer- und Insektenarten aus. Der Wald ist ein wichtiger Klimafaktor, unser größter Kohlenstoffspeicher, schützt das Grundwasser, ist Schutz gegen Überschwemmungen und Erosion. Vor allen wissen wir die Erholungsfunktion des Waldes – das Walderlebnis – zu schätzen. Dass die faszinierende Natur des Waldes erschlossen und bewahrt wird, das ist dar ureigene Anliegen jedes Försters, versicherte Sieghart Brenner.

Mit Erneuerbaren Energien gegen Klimawandel – Ulrich Koring und Georg Dukiewicz stellen Bürger-Energie-Genossenschaft vor

2015-03-16_11akl

Georg Dukiewicz (Foto: Rolf Gebhardt)

2015-03-16_18akl

Ulrich Koring (Foto: Rolf Gebhardt)

Ohne Energie läuft nichts – Energie brauchen wir alle. Mit der Nutzung von Kernenergie und fossilen Energiequellen hat die Menschheit eine gefährliche Entwicklung eingeschlagen. Nach dem Schock der unsäglichen Reaktorkatastrophe von Fukushima hat Deutschland eine Energiewende eingeleitet. Was wir brauchen, ist eine nachhaltige, saubere und dezentrale Energieversorgung, die zugänglich und erschwinglich für alle ist. Dies ist die Überzeugung von Ulrich Koring und Georg Dukiewicz, die vor den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus die Notwendigkeit der Energiewende darlegten und „ihre“ Bürger-Energie-Genossenschaft „Energeno“ vorstellten.

Ulrich Koring, Pfarrer der evangelischen Nikolai-Kirchengemeinde in Heilbronn und gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der Energeno, ist seit jeher gesellschaftspolitisch engagiert und sieht sich in der Verpflichtung, dazu beizutragen, „die Schöpfung zu bewahren“, also die Lebensgrundlage unserer Erde, die als einziger Planet mit einer Atmosphäre ausgestattet ist, die ideale Bedingungen für die Entstehung und Erhaltung von Leben bietet. Die Erde ist ein lebendiger Planet, auf dem sich das Klima naturgegeben stetig, aber äußerst langsam, verändert. Doch seit gut 100 Jahren hat sich die globale Durchschnittstemperatur um rund ein Grad erhöht, und Klimaforscher meinen, dass sie sich in den nächsten 100 Jahren um mindestens zwei Grad erhöhen wird, ja ein Anstieg um vier Grad zu befürchten ist, mit unabsehbaren Folgen, wenn nichts dagegen getan wird.

Denn zu dem sich verschärfenden Klimawandel trägt der Mensch bei, durch die Art seiner Energieerzeugung. Mit der Nutzung von Jahrmillionen alten fossilen Brennstoffen – vor allem Kohle, aber auch Erdöl und Erdgas – werden große Mengen von Kohlendioxid und anderen (kohlenstoffhaltigen) Treibhausgasen freigesetzt, die den natürlichen Treibhauseffekt negativ beeinflussen. Das geschieht auch durch die Vernichtung von Wäldern (als Kohlenstoffspeicher) durch Brandrodung und Kahlschlag. Wird das klimatische Gleichgewicht mit Temperaturanstieg gestört, kommt es vermehrt zu Extremwetter, Schmelzen von Gletscher, Auftauen von Tundra, Abbrechen riesiger Eispanzer in Arktis und Antarktis und so zu einem Anstieg des Meeresspiegels.

Aus der Erkenntnis dieser Zusammenhänge und weil die an sich von Treibhausgasen freie Kernenergie wegen ihrer Radioaktivität einen unendlichen Gefahrenherd darstellt, wurde Koring ein glühender Verfechter erneuerbarer Energien und 2010 einer von 47 Gründer der Energeno Heilbronn-Franken eG. „Weil unsere Gewohnheiten nicht zu den Auswirkungen unseres Tuns passen, wollen wir Möglichkeiten schaffen, auf der Bürgerebene eine umweltverträgliche Energiewende mitzugestalten,“ so Koring. Dieses Anliegen unterstreicht auch Dukiewicz. Als Bezirksvorsitzender der Naturfreunde Heilbronn sowieso auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit fokussiert, ist er, neben Hartmut Ehrmann, ehrenamtlicher Vorstand der Energeno, die inzwischen über 430 Mitglieder zählt. „Mit einer Einlage von mindestens 100 Euro kann jeder dabei sein, erneuerbare Energien und Energieeinsparung zum Wohle des Klimaschutzes zu fördern“, so Dukiewicz. Und Gewinnbeteiligung gibt es auch; zuletzt wurden 4,5 Prozent Dividende ausgeschüttet. Bei einem Einlagenkapital von gut zwei Millionen Euro werden Projekte mit einem Umsatzvolumen von fünf Millionen Euro betrieben, gemanagt von Projektleiter Daniel Knoll. Inzwischen verfügt Energeno über ein Dutzend Standorte von Photovoltaikanlagen. Wurden anfangs Dächer von kirchlichen Einrichtungen mit Solaranlagen bestückt, so sind mittlerweile auch weitere Mietflächen hinzugekommen. So ist Energeno auch bei der Aufbaugilde, dem Heilbronner Tierheim und der neuen Gaffenberg-Halle mit solarer Stromnutzung präsent. In der Planungsphase befindet sich eine Freiflächen-Photovoltaikanlage in Kirchardt bei der verfüllten Erddeponie und dem Lärmschutzwall an der Autobahn, Überregional wird ein Solargroßprojekt in Süd-Brandenburg auf der Konversionsfläche eines ehemaligen Sägewerks in Rückersdorf am Bahndamm betrieben; die Stromgewinnung entspricht hier dem Verbrauch von 455 Privathaushalten. Daneben kümmert sich Energeno um energieeffiziente Beleuchtung. So können durch moderne Lichtsteuerung bei der Papier-Union jährlich 230 000 kWh eingespart werden. Auch die Nutzung von Windkraft hat die Energeno im Visier, die „neue Energie für alle“ zu ihrem Leitbild erkoren hat.

Der Heilbronner Christophorus und seine Symbolik – Der Initiator Siegfried Krüger reflektierte über Deutungen der Heiligenlegende

2015-03-13_003aakl

Siegfried Krüger und der Heilbronner Christophorus (Bild: Rolf Gebhardt)

Der „Heilbronner Christophorus“ – nahezu jeder Heilbronner kennt die Skulptur am Südportal der Kilianskirche. Was es mit diesem Christophorus auf sich hat, was er bedeuten soll und warum und wieso er hier aufgestellt worden ist, darüber konnte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus niemand besser Auskunft geben als Siegfried Krüger, der „Initiator“ dieses Christophorus.

Siegfried Krüger, bis 1997 40 Jahre als Diplom-Ingenieur im Dienste der Deutschen Bundesbahn, kam – wie er berichtete – vor 40 Jahren erstmals mit dem Phänomen Christophorus in Berührung. 1975 sollte er als Kirchengemeinderat in der Martin-Luther-Kirche eine Bild-Mediation zum Christophorus bei einem Abendmahlgottesdienst halten. Seitdem beschäftigte er sich mit der Christophorus-Legende und stieß bei Ausflügen und Reisen immer wieder auf Christophorus-Bilder und -Skulpturen. Ab 1984 verfolgte Krüger die Idee, die Christophorus-Legende in Heilbronn zu visualisieren, was zur Gründung des Förderkreises für christliche Kunst in der Kilianskirche führte, mit 18 namhaften Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft. Auf dem Wege zur Realisierung des Projekts konnte nach einer Spendensammlung im Zuge einer Ausschreibung in einem engeren Wettbewerb unter vier Künstlern Jürgen Goertz aus Angelbachtal mit dem Auftrag betraut werden. Nachdem zuerst die Abweichung zwischen Entwurf und Realisation zu groß empfunden worden war, entstand die heute allseits anerkannte – 1988 eingeweihte – Form des Heilbronner Christophorus, jene charakteristische Bronze-Figur mit den Marmor-Wellen.

Wer war Christophorus? Als Märtyrer soll er um 250 in Lykien in der heutigen Türkei unter Kaiser Decius enthauptet worden sein. Wie Krüger berichtete, ist bereits im 5. Jahrhundert die Legende von Christophorus entstanden, ein eindrucksvoller Riese namens Offerus, der mit seiner Stärke dem mächtigsten Herrn dienen wollte. So begab er sich erst in den Dienst des Königs, dann des Teufels, doch da dieser Kreuze am Wegesrand fürchtete, begann Offerus den gekreuzigten Christus als mächtigsten Herrn zu suchen,  nach dem Rat eines Einsiedlers als Träger über einen Strom.

Eines Nachts wollte ein Kind über das Wasser gebracht werden, doch dabei wurde Offerus die Last so schwer, „als trüge ich die ganze Welt.“ Darauf antwortete das Kind, wie nach der Legende in der Inschrift bei der Heilbronner Skulptur festgehalten. „’Du trägst den Herrn der Welt, Christus,‘ und tauchte Offerus unter das Wasser, taufte ihn und gab ihm den Namen Christophorus, das heißt Christusträger.“ Weiter heißt es: „So ist Christophorus das Sinnbild geworden für jeden Menschen, der aufrichtig nach dem Großen sucht. Er wird ihn zuletzt finden in dem gewaltlosen Christus.Wo einer zum Christusträger wird, beginnt das Leben neu zu blühen.“

Laut Krüger wurde Mitte des 5.Jahrhunderts von Bischof Eulalius von Chalcedon in Kleinasien eine Kirche zu Ehren des heiligen Christophorus geweiht. Die Darstellung des Christophorus, der Christus auf den Schultern trägt, lasse sich seit 1150 nachweisen. Krüger. „Das Bild des Christusträgers ist also nicht aus der Legende heraus entstanden, sondern die Legende hat sich aus dem Bild entwickelt.“ Christophorus wurde im 15. Jahrhundert einer der 14 Nothelfer der Kirche, doch – so Krüger – der heilige Christophorus hat im katholisch-kirchlichen Bereich seine Bedeutung nahezu verloren, denn beim Zweiten Vatikanischen Konzil von 1969 hat sich die katholische Kirche von diesem historisch nicht eindeutig nachweisbaren Heiligen distanziert und seinen Namen aus dem liturgischen Festkalender gestrichen. Auch wenn seither die Verehrung vor allem im Profanraum stattfindet, änderte das nichts an der jahrhundertelangen Beliebtheit dieser Heiligenfigur, der man Krüger zufolge in Europa an über 3000 Orten begegnet, auch als Patron.

Krüger verwies in diesem Zusammenhang auch auf ein Fenster von Wolf-Dieter Kohler in der  Markuskirche Stuttgart, mit einer Christus über die Opfer der Sintflut tragenden Maria. Auffallend ist für Krüger auch, dass in den zur Christophorus-Figur korrespondierenden Fenstern der Kilianskirche der Glaskünstler Prof. Crodel die Arche Noah und die Taufe Jesu dargestellt hat. Und: Die evangelische Kommunität der Schwestergemeinschaft der Christusträgerinnen vom Hergershof  haben bei der jüngsten Autobahnkapelle nahe der großen Kochertalbrücke eine aus Holz geschnitzte 2,20 m hohe Christophorus-Figur erstellen lassen – „als Zuspruch, Hoffnung und Herausforderung“.

Konstanzer Konzil – Weltereignis des Mittelalters – Matthias Hofmann berichtete über Kirchenspaltung und Ketzerprozesse

400px-Die_Imperia_in_Konstanz_am_Bodensee

Die Imperia-Statue in Konstanz (Foto: wikicommons/Alecto Love (lizenzfrei)

„Das Konstanzer Konzil 1414-1418 – Weltereignis des Mittelalters“. Als „Tip des Tags“ kündigte  die „Heilbronner Stimme“ diese Veranstaltung der „Jungen Senioren“ an – mit einem Bildnis der Statue „Imperia“, die satirisch an das Konzil von Konstanz erinnert: Die barbusige Kurtisane hält in ihren hochgestreckten Händen zwei Figuren mit Kaiserkrone und Papstmitra. Der Bildhauer Peter Lenk hatte diese zehn Meter hohe und 18 Tonnen schwere Skulptur mit Freunden in einer Nacht- und Nebel-Aktion im April 1993 im Konstanzer Hafengelände installiert, sehr zum Unwillen von Kommunalpolitikern und Behörden. Doch diese gaben ihren Widerstand alsbald auf, und so wurde die Skulptur auf dem Pegelturm im Hafen zum bekannten Wahrzeichen der Stadt Konstanz.

Der Historiker Matthias Hofmann präsentierte den rund 140 „Jungen Senioren“ einen spannenden und facettenreichen Bericht über das Geschehen rund um das Konzil von Konstanz, das einzige auf deutschem Boden, das zudem am längsten dauerte und die größte Zahl an Teilnehmern aus der gesamten christlichen Welt vereinte. Denn vor 600 Jahren herrschte ein religiöses Chaos in Europa und es ging ums Ganze, war doch die katholische Kirche vom Zerfall bedroht und ihre Glaubwürdigkeit schwer erschüttert. Die Doktrin des Papstes von Rom von der päpstlichen Vorherrschaft über jede weltliche Macht stieß unter anderem auf den Widerstand des französischen Königs, so dass er Avignon zu einer Papst-Residenz erhob. Gab es schon früher bei Papst-Wahlen immer wieder Konflikte und Zerwürfnisse, so sorgte erst recht die Kirchenspaltung, das Abendländische Schisma, ab 1378 mit einem Papst in Rom und Gegenpapst in Avignon für Rechtsunsicherheit. Nachdem auch das Konzil von Pisa 1409 die Wahl eines neuen Papstes (Alexander V.) die beiden anderen Päpste – Gregor XII. (Rom) und Benedikt XIII. (Avignon) – nicht zum Rücktritt bewegen konnte, gab es drei Päpste, von denen jeder den Anspruch erhob, der rechtmäßige Nachfolger auf dem Stuhl Petri zu sein, beschloss dich der deutsche König (und spätere Kaiser) Sigismund zusammen mit dem 1410 in Bologna für den verstorbenen Alexander zum Papst gewählten neapolitanischen Adligen Johannes XXIII (kurz nachdem er die Priesterweihe erhalten hatte), ein neuerliches Kirchenkonzil auf neutralem Boden einzuberufen, also in Konstanz, damals Reichsstadt und Bischofsstadt, mit Gastgeber Fürstbischof Otto III. von Hachberg.

Am 5. November 1414 zog Papst Johannes mit großem Gefolge in Konstanz an, noch vor König Sigismund, der am m 8. November in Aachen noch zum römischen König gekrönt wurde. Doch nachdem ab Januar 1314 auch die anderen Kongregationen nach Konstanz kamen, verlor Johannes den Rückhalt; suchte sein Heil in der Flucht und wurde gefangen genommen. (Laut Hofmann: Da dieser Johannes XXIII von der katholischen Kirche als Gegenpapst angesehen wird, konnte sich 1958 Angelo Giuseppe Roncalli erneut den Namen Johannes XXIII. geben.)

König Sigismund konnte durchsetzen, dass nach den fünf „kirchlichen Nationen“ und nicht, wie bisher üblich, nach Köpfen abgestimmt wird, um eine Majorisierung durch die italienischen Bischöfe zu verhindern, und zum anderen das Primat des Konzils gegenüber dem Papst. Dadurch war es möglich, die beiden Päpste auszuschalten und am 11. November 1417 einen neuen Papst zu wählen, Martin V., der das Konzil am 22. April 1418 mit der 44. Sitzung abschloss.

Konnte so das westliche Schisma beendet werden, so lastet dem Konzil mit den Ketzerprozessen ein noch lange nachwirkendes Versagen in Glaubensfragen an. Dem aufmüpfigen Prager Theologen Jan Hus, der die Verweltlichung und Verlotterung der Kirche in Predigten und Schriften geiselte, war zwar freies Geleit nach Konstanz versprochen worden, dennoch wurde ihm der Prozess gemacht, er zum Tode verurteilt und am 6. Juli 2015 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Weggefährte Hieronymus von Prag ereilte am 30. Mai 1416 das gleiche Schicksal. Auch die Thesen des bereits 1384 verstorbenen radikalen englischen Kirchenkritikers John Wyclif wurden verurteilt.

Die damals im Mittelpunkt stehende etwa 6000 Einwohner zählende Stadt Konstanz beherbergte während des Konzils mehr als zehnmal so viele Gäste: 33 Kardinäle, 346 Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe, 2150 weltliche Repräsentanten und über 500 Vertreter von Mönchsorden, allesamt mit zahlreichen Begleitern und Pferden – und schließlich auch 700 registrierte „Hübschlerinnen“.