Archiv für den Monat April 2015

Kirchentag Stuttgart: … damit wir klug werden – Landeskirche-Beauftragter Pfarrer Wolfgang Kruse bietet Wegweisung

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Wolfgang Kruse (Foto: DEKT)

Deutscher Evangelischer Kirchentag vom 3. bis 7. Juni 2015 in Stuttgart. Gerade liegt das über 600 Seiten starke Programmheft vor, das rund 2500 Veranstaltungen aufzeigt.  Als „Wegweiser“ durch dieses Riesenangebot des protestantischen Großereignisses machte der Beauftragte der Evangelischen  Landeskirche Württemberg für diesen Kirchentag, Pfarrer Wolfgang Kruse, in einer Präsentation im Hans-Rießer-Haus die „Jungen Senioren“ noch neugieriger auf den Stuttgarter Kirchentag. Beim vorigen Kirchentag 2013 in Hamburg hatte Kruse im dortigen Kirchentagsbüro bereits Erfahrungen für eine solche Großorganisation sammeln können. Wolfgang Kruse und seine Frau Anne-Kathrin Kruse hatten ihre beruflichen Anfänge in Heilbronn, bekleideten ehedem auch gemeinsam das Pfarramt in Bad Wimpfen, dann fast zehn Jahre das Pfarramt der deutschen Gemeinden in London; Frau Kruse ist seit 2012 Dekanin des Kirchenbezirks Schwäbisch Hall.

Es ist dies nun der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag. Diese Institution ist eigentlich so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. Das Ende der 40er Jahr markierte überall das Bemühen um einen Neuanfang nach dem Schrecken des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. So wurde die Deutsche Evangelische Woche 1949 in Hannover zum Wurzelgrund des Kirchentags und der pommersche Gutsbesitzer D. Dr. Reinold von Thadden-Triglaff (Mitglied der Bekennenden Kirche) dessen Gründer und erster Präsident  (bis 1963). Sein Sohn, der Historiker Prof. Rudolf von Thadden, ist heute noch Ehrenmitglied des Kirchentagspräsidiums. Dem Präsidiumsvorstand gehören an: Prof. Andreas Barner als Kirchentagspräsident Stuttgart 2015 sowie die Züricher Theologieprofessorin Christina Aus der Au (Kirchentagspräsidentin Berlin-Wittenberg 2017) und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (Kirchentagspräsident Dortmund 2019).

Wie Kruse weiter darlegte, fand der erste Kirchentag in Stuttgart bereits 1952 statt – mit der Losung „Wählt das Leben“, 40 000 Dauerteilnehmern und 200 000 bei der „Hauptversammlung“. Der zweite Kirchentag in Stuttgart 1969 mit Präsident Richard Freiherr von Weizsäcker,war unter der Losung „Hungern nach Gerechtigkeit“ ein politischer, ja der politischste (u.a. gegen Atombewaffnung und Apartheid) und stellte Kirchentage vorübergehend etwas in Frage (Evangelikale begründeten „Gemeindetag unter dem Wort“, heute „Christustag“). Kirchentage sahen aber von Anfang an christlichen Glauben verankert zwischen Frömmigkeit und Weltverantwortung. Nach 1969 wurde auch der eingeforderten Laien-Beteiligung mit neuen Formen Rechnung getragen, etwa mit Anwälten des Publikums und Feierabendmahl. Dann 1999 in Stuttgart der 28. Kirchentag mit der Losung „Ihr seid das Salz der Erde“, dem eindrucksvollen „Salzberg“ und 98 000 Dauerteilnehmern, wo erstmals das Kirchentagsgeschehen die ganze Stadt prägte.

Und jetzt der vierte Stuttgarter Kirchentag 2015. Die Losung ist dem Vers 12 von Psalm 90 in Lutherscher Übersetzung entlehnt (Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden): „…. damit wir klug werden“. Zudem gibt es für die über 80 Bibelarbeiten an den einzelnen Tagen noch jeweils andere „kluge“ Bibeltexte. Wieder ist die ganze Stadt einbezogen, diesmal aber nicht das Messegelände, wenngleich ja ein Kirchentag auch eine „evangelische Messe“ ist. Von der Liederhalle über Rotebühlplatz, Marktplatz und Schlossplatz bis Bad Cannstatt mit Kurhaus, Straßenbahnwelt und ehemaligem Güterbahnhof, Cannstatter Wasen (Markt der Möglichkeiten) sowie dem Neckarpark mit Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Porsche- und Carl-Benz-Arena reichen die Veranstaltungsorte, bis in einzelne Kirchengemeinden im Umfeld. 200 000 Besucher werden allein am Mittwoch zum „Abend der Begegnung“ in der City erwartet. Dort gibt es drei zentrale   Eröffnungsgottesdienste und 480 „Vesperstände“ (auch vom Süddistrikt des Heilbronner Kirchenbezirks) mit Infos aus sieben Regionen. Insgesamt sind rund 100 000 Dauerteilnehmer angemeldet, darunter die Hälfte aktive Teilnehmer.

Wie Kruse ausführte, gibt es drei Hauptpodienreihen (Gesellschaft verantwortet Wirtschaft, Mensch, Technik, Demokratie; Schuld und Versöhnung) sowie eine Unzahl thematischer und geistiger Angebote sowie Zentren (u.a. „Älterwerden“ im Neubau Liederhalle am Berliner Platz), neun Open-Air-Bühnen, Gottesdienste, Konzerte (u.a. Wise Guys), (Kirchen-)Kabaretts und auch ein breites regionales Kulturprogramm. Und schließlich Sonntagmorgen: Schlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen.

Proporz von Christen und Muslimen in Libanon – Pfarrerin Gunhild Riemenschneiders Erfahrungen von einem Kontaktstudium

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Pfarrerin Gunhild Riemenschneider (Foto: Rolf Gebhardt)

Das Miteinander von Christen und Muslimen – eine zunehmende Herausforderung in Deutschland und speziell in Heilbronn, wo fast jede(r) Zweite ausländische Wurzeln hat und der muslimische Bevölkerungsanteil laufend wächst. Die Heilbronner City-Pfarrerin Gunhild Riemenschneider, die auch Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung ist, konnte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus von einem Land berichten, von Libanon, das seit 1300 Jahren Erfahrungen hat in der Auseinandersetzung im Zusammenleben von Christen und Muslimen,

Pfarrerin Riemenschneider hat kürzlich ein dreimonatiges Kontaktstudium an der Theologischen Hochschule des Nahen Ostens in Beirut absolviert und kam dabei theoretisch, theologisch und sehr praksich in Begegnungen mit der sehr vielfältigen religiösen und ethnischen Zusammensetzung des Landes in Kontakt. Der Libanon war schon sehr früh ein christliches Land, hier soll bereits Jesus gewirkt haben, und hier entstanden einige der ersten christlich-orientalischen Kirchen.

Der 1944 unabhängig gewordene Staat Libanon, vordem französisches Mandatsgebiet, zählt etwa 4,5 Millionen Einwohner. Davon sind nach groben Schätzungen gut 40 Prozent Christen und über 55 Prozent Muslime. Es gibt 18 offiziell anerkannte Religionsgemeinschaften, davon vier muslimische, zwölf christliche sowie Drusen und Juden.Von den Christen zählt die überwiegende Mehrzahl zu den angestammten Maroniten, gefolgt von griechisch-orthodoxen Christen; zudem gibt es protestantische  Christen und römische Katholiken. Bei den Muslimen halten sich Sunniten und Schiiten etwa die Waage. Interessant ist, dass in der Landesverfassung von Anbeginn ein konfessioneller Proporz hinsichtlich der religiösen Zugehörigkeit in den demokratischen Institutionen festgeschrieben ist. So ist traditionell das Staatsoberhaupt ein maronitischer Christ, der Regierungschef Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit. Desweiteren ist eine Parität von Christen und Muslimen bei der Zusammensetzung von Kabinett und Parlament vorgeschrieben.

Wie Riemenschneider berichtete, ist Libanon heute ein Land, in dem sich die nahöstlichen Konflikte potenzieren, grenzt Libanon doch im Süden an Israel und im Osten und Norden an Syrien. Auch wenn Libanon immer wieder als „Schweiz des Nahen Ostens“ bezeichnet wurde, so ist es ein von Bürgerkriegen gezeichnetes Land. Nach Ende des israelisch-arabischen Krieges 1946 flüchteten viele Palästinenser in den Libanon, von denen bis heute noch viele in Lagern leben. Immer wieder kam es im Südlibanon zu Kämpfen der Hisbollah mit Israelis, die Bombenangriffe bis in die Hauptstadt Beirut flogen, aber auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen rechtsgerichteten Christen und linken Muslimen.

Nach Riemenschneiders Beobachtungen lebt man in der Millionenstadt Beirut zwar wie in einer westlichen Großstadt, doch gibt es auch hier – wie in den ganzen dicht besiedelten Land – immer wieder Attentate, Terroranschläge und Entführungen, meist ausgelöst durch Auseinandersetzungen zwischen syrischen und antisyrischen Allianzen, zwischen radikal-sunnitischen Brigaden und schiitischen Hisbollah, „Staat im Staat“, die ihre Hochburg in der Bekaa-Ebene haben, zwischen dem bis zu 3000 m hohen Libanon-Gerbirge und dem zu Syrien grenzenden Antilibanon.

Vor allem schwappt das Wüten der ISIS-Milizen (Islamischer Staat in Irak und Syrien) auf den Libanon über. So hat Libanon mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen (das entspräche  für Deutschland 25 Millionen Flüchtlinge), was hohe Belastungen und soziale Nöte mit sich bringt, zugleich auch Empfänglichkeit vor allem armer Palästinenser für Anwerbungen zur ISIS, von der sie sich Bezahlung und Würde versprechen. Überhaupt spiele Ehre in traditionellen Großfamilien eine große Rolle, so Riemenschneider, die in Fundamentalismus und Radikalität von Muslimen auch eine Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem Westens sieht.

Vielfach sei bei Muslimen noch mittelalterliches Denken vorherrschend, was die Verständigung entscheidend erschwere, erklärte Riemenschneider, für die daher Bildung der Schlüssel für einen notwendigen Transformationsprozess hin zu einer Trennung von Staat und Islam ist.  Erfreulich sei, dass christliche Schulen auch von muslimischen Schülern besucht würden, was zum Abbau von Feindbildern beitragen könne. Insgesamt sieht Riemenschneider aufgrund des starken Pluralismus in Libanon gute Chancen für beispielhafte interreligiöse und interkulturelle Verständigung..

Eine Kränkung ist wie eine Ohrfeige für die Seele – Pfarrer i.R. Peter Goes mit praktischen Tipps über einen gelassenen Umgang

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Peter Goes (Foto: Archiv / Rolf Gebhardt)

Wohl jeder hat schon so etwas erlebt: Kränkungen. Über dieses existenziell berührende Thema referierte der Heilbronner Pfarrer i.R.Peter Goes bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus, auch mit anschaulichen Beispielen nicht zuletzt aus langjähriger Erfahrung als ehemaliger Klinikseelsorger, und er gab hilfreiche Tipps für einen gelassenen Umgang mit Kränkungen.

„Eine Kränkung ist eine Ohrfeige für die Seele.“ Mit dieser Begriffsdefinition von einer bekannten Psychotherapeutin näherte sich Goes diesem durch Kränkungen entstehenden Sachverhalt, wenn einem also, meist ziemlich unvorbereitet, von anderen Menschen eine solche seelische Verletzung angetan wird: etwa durch überzogene bzw. ungerechtfertigte Kritik oder Anschuldigung, durch Ablehnung oder Nichtbeachtung. Man fühlt sich innerlich verletzt, nicht wertgeschätzt, entwertet, gedemütigt, erniedrigt, enttäuscht, unfair behandelt. Man erleidet Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel. Die so hervorgerufene seelische Verletzung kann zu psychosomatischen Beschwerden führen bis hin zur Verbitterungsstörung, machte Goes deutlich, ja auch Ausdruck finden in körperlichen Symptomen: Anspannung, Unruhe, Beklemmung, Schwindel, Herzstörungen, Bluthochdruck. Goes: „Kränkungen machen krank,“ denn Kränkungen gehen quasi ins Mark und an die Nieren, können neben seelischen Schmerzen auch körperliche Beschwerden verursachen, Wenn man „sauer“ ist, vermag man sich selber zu vergiften, durch Übersäuerung des Körpers.

Besonders schmerzlich empfindet man es, so Goes, wenn einem Kränkungen von vertrauten Personen zugefügt werden, von einem nahestehenden Personen, denen man vertraut und denen man sich geöffnet hat und von denen man sich plötzlich ausgenutzt und hintergangen fühlt. Schlimm ist es, wenn Kränkungen nicht verstehbar sind, wenn sich Ohnmachtgefühle einstellen, von den Launen eines eigentlich geschätzten Menschen beschädigt oder Opfer eines gemeinen Menschen geworden zu sein. Kränkungen kommen ja nicht nur im persönlichen Umfeld vor, sondern mitunter auch im Berufsleben, wenn der Chef zu hohe bis unerreichbare Ansprüche stellt, Leistungen in Frage zieht, oder durch beleidigende Bemerkungen missgünstiger Kollegen oder unverschämter Kunden. Goes wies auch auf das Phänomen des Mobbing hin, am Arbeitsplatz und heute vermehrt in der Schule und bei Jugendlichen untereinander, vor allem auch via sozialer Netzwerke im Internet.

Wenn man sich also in seinem Selbstwertgefühl herabgesetzt sieht, wenn die eigene menschliche Würde und Identität angegriffen ist, die innere Balance, Lebensfreude und Liebesfähigkeit verloren zu gehen drohen – wie verhält man sich dann. Enttäuschung und Vertrauensverlust, Unzufriedenheit und Verbitterung kann sich laut Goes sowohl in Selbstmitleid wie in Aggression niederschlagen. Doch weder eingeschnappt sein, zu schmollen, sich zurückziehen kann ebenso wenig die Lösung sein wie verbal zurückzuschlagen, auszurasten und Rachepläne schmieden, meinte Goes. Er erinnerte an die Aussage des Philosophen Sören Kierkegaard, dass das Leben zwar rückblickend verstanden wird, aber vorwärts bewältigt werden muss. Auch wenn einem wiederholt Kränkungen angetan worden sind, gilt es, eventuell lebenslang sich festsetzende Beschädigungen zu vermeiden, sich um Abstand zu bemühen, die Kontrolle über das eigene Ich zurückzugewinnen, sich weder im Negativen noch im Hass zu verlieren. Goes konnte als Theologe passende Beispiele aus biblischen Geschichten heranziehen, aber auch eine Reihe ganz praktischer Leitgedanken und Regeln anbieten.

Gut ist es immer, wenn man zu Selbstkritik und Selbstreflektion fähig ist, wenn es einem gelingt, die Motive des Kränkenden auszuloten, die Kränkungshandlung zu hinterfragen. Natürlich kann es hilfreich sein, vergeben zu können, wenngleich das nicht Verzeihen und Vergessen bedeuten muss, aber ein solcher Prozess kann einen auch überfordern oder sich als unmöglich erweisen, wenn Kränkungen anonym erfolgen. Wichtig ist für Goes, dass man sich innerlich mit sich selbst aussöhnt, sich seiner Selbst – seines Wertes – gewiss wird, inneren Frieden findet und einen Schussstrich zieht.

Peter Goes, der ja Neffe des Dichterpfarrers Albrecht Goes ist, gab den 130 Zuhörer/innen noch ein eigenes Gedicht mit auf den Weg. „Seinlassen. Ich möchte mich dem fließenden Strom überlassen, den Winden, der Sonne am Meer und den Dingen, wie sie an mein Ufer geschwemmt werden. Beschwörungen loslassen, Haben und Rechthaben, Wollen und Klammern, Gekränktheit, vergebliche Zwänge. Und immer wieder Abschied nehmen von Menschen und Dingen, mich selbst als einen Tropfen im Strom des Lebendigen fühlen.“