Archiv für den Tag 20. April 2015

Proporz von Christen und Muslimen in Libanon – Pfarrerin Gunhild Riemenschneiders Erfahrungen von einem Kontaktstudium

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Pfarrerin Gunhild Riemenschneider (Foto: Rolf Gebhardt)

Das Miteinander von Christen und Muslimen – eine zunehmende Herausforderung in Deutschland und speziell in Heilbronn, wo fast jede(r) Zweite ausländische Wurzeln hat und der muslimische Bevölkerungsanteil laufend wächst. Die Heilbronner City-Pfarrerin Gunhild Riemenschneider, die auch Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung ist, konnte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus von einem Land berichten, von Libanon, das seit 1300 Jahren Erfahrungen hat in der Auseinandersetzung im Zusammenleben von Christen und Muslimen,

Pfarrerin Riemenschneider hat kürzlich ein dreimonatiges Kontaktstudium an der Theologischen Hochschule des Nahen Ostens in Beirut absolviert und kam dabei theoretisch, theologisch und sehr praksich in Begegnungen mit der sehr vielfältigen religiösen und ethnischen Zusammensetzung des Landes in Kontakt. Der Libanon war schon sehr früh ein christliches Land, hier soll bereits Jesus gewirkt haben, und hier entstanden einige der ersten christlich-orientalischen Kirchen.

Der 1944 unabhängig gewordene Staat Libanon, vordem französisches Mandatsgebiet, zählt etwa 4,5 Millionen Einwohner. Davon sind nach groben Schätzungen gut 40 Prozent Christen und über 55 Prozent Muslime. Es gibt 18 offiziell anerkannte Religionsgemeinschaften, davon vier muslimische, zwölf christliche sowie Drusen und Juden.Von den Christen zählt die überwiegende Mehrzahl zu den angestammten Maroniten, gefolgt von griechisch-orthodoxen Christen; zudem gibt es protestantische  Christen und römische Katholiken. Bei den Muslimen halten sich Sunniten und Schiiten etwa die Waage. Interessant ist, dass in der Landesverfassung von Anbeginn ein konfessioneller Proporz hinsichtlich der religiösen Zugehörigkeit in den demokratischen Institutionen festgeschrieben ist. So ist traditionell das Staatsoberhaupt ein maronitischer Christ, der Regierungschef Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit. Desweiteren ist eine Parität von Christen und Muslimen bei der Zusammensetzung von Kabinett und Parlament vorgeschrieben.

Wie Riemenschneider berichtete, ist Libanon heute ein Land, in dem sich die nahöstlichen Konflikte potenzieren, grenzt Libanon doch im Süden an Israel und im Osten und Norden an Syrien. Auch wenn Libanon immer wieder als „Schweiz des Nahen Ostens“ bezeichnet wurde, so ist es ein von Bürgerkriegen gezeichnetes Land. Nach Ende des israelisch-arabischen Krieges 1946 flüchteten viele Palästinenser in den Libanon, von denen bis heute noch viele in Lagern leben. Immer wieder kam es im Südlibanon zu Kämpfen der Hisbollah mit Israelis, die Bombenangriffe bis in die Hauptstadt Beirut flogen, aber auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen rechtsgerichteten Christen und linken Muslimen.

Nach Riemenschneiders Beobachtungen lebt man in der Millionenstadt Beirut zwar wie in einer westlichen Großstadt, doch gibt es auch hier – wie in den ganzen dicht besiedelten Land – immer wieder Attentate, Terroranschläge und Entführungen, meist ausgelöst durch Auseinandersetzungen zwischen syrischen und antisyrischen Allianzen, zwischen radikal-sunnitischen Brigaden und schiitischen Hisbollah, „Staat im Staat“, die ihre Hochburg in der Bekaa-Ebene haben, zwischen dem bis zu 3000 m hohen Libanon-Gerbirge und dem zu Syrien grenzenden Antilibanon.

Vor allem schwappt das Wüten der ISIS-Milizen (Islamischer Staat in Irak und Syrien) auf den Libanon über. So hat Libanon mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen (das entspräche  für Deutschland 25 Millionen Flüchtlinge), was hohe Belastungen und soziale Nöte mit sich bringt, zugleich auch Empfänglichkeit vor allem armer Palästinenser für Anwerbungen zur ISIS, von der sie sich Bezahlung und Würde versprechen. Überhaupt spiele Ehre in traditionellen Großfamilien eine große Rolle, so Riemenschneider, die in Fundamentalismus und Radikalität von Muslimen auch eine Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem Westens sieht.

Vielfach sei bei Muslimen noch mittelalterliches Denken vorherrschend, was die Verständigung entscheidend erschwere, erklärte Riemenschneider, für die daher Bildung der Schlüssel für einen notwendigen Transformationsprozess hin zu einer Trennung von Staat und Islam ist.  Erfreulich sei, dass christliche Schulen auch von muslimischen Schülern besucht würden, was zum Abbau von Feindbildern beitragen könne. Insgesamt sieht Riemenschneider aufgrund des starken Pluralismus in Libanon gute Chancen für beispielhafte interreligiöse und interkulturelle Verständigung..