Archiv für den Monat Oktober 2015

Heilbronn bei Willkommenskultur gut aufgestellt – Integrationsbeauftragte Victoria Hepting: „Vielfalt ist unsere Zukunft“

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Die Heilbronner Integrationsbeauftragte Victoria Hepting (Foto: Rolf Gebhardt)

Angesichts der angespannten Problemsituation, die die politische wie mitunter auch die private Diskussion bestimmt, wie der ungezügelte Zustrom von mehr als einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr in Deutschland „zu schaffen“ ist und auch die humanitär und demografisch begründete  Willkommenskultur zum Teil in Misskredit geraten ließ, erscheint eine Veranstaltung etwas gewagt, die zum Thema hat: „Vielfalt ist unsere Zukunft – Willkommenskultur der Multikulti-Stadt Heilbronn“. Die Referentin Victoria Hepting, Integrationsbeauftragte der Stadt Heilbronn, die aufgrund ihrer Ausbildung (u.a. Masterstudium  in London) auch interkulturelle Kompetenz vorweisen kann, verstand es jedoch durchaus, die Aussage dieses Titels zu rechtfertigen.

Heilbronn ist tatsächlich eine Multikulti-Stadt. Gut 20 Prozent der Einwohner Heilbronns haben einen ausländischen Pass; der Anteil der Ausländer hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt. Jeder zweite Heilbronner hat einen Migrationshintergrund, ist Zuwanderer. Darunter versteht man Menschen, die oder deren Eltern im Ausland geboren und zugewandert sind; in der dritten Generation gelten sie als „Bio-Deutsche“. Der Anteil der Heilbronner Bürger mit Migrationshintergrund steigt, je jünger die Altersgruppe ist. Bei den Sechs- bis Zehnjährigen in Heilbronn haben laut Hepting bereits 69 Prozent – also mehr als zwei Drittel – einen Migrationshintergrund; in den Grundschulen Heilbronns liegt dementsprechend der Anteil der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund zwischen 27 und 92 Prozent (Dammschule).

So gesehen ist in Heilbronn genügend Nachwuchs da, um den durch die demografische Entwicklung der Einheimischen – deren Anteil bei Älteren und Hochaltrigen wächst überdurchschnittlich – bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung mittelfristig mehr als auszugleichen. Die Geburtenzahl der Ausländer und der Familien mit Migrationshintergrund ist verhältnismäßig deutlich höher als die der Deutschen. Insofern ist tatsächlich Vielfalt unsere  Zukunft. Es wächst eine Einwanderungsgeneration nach, die gemäß des Generationenvertrags (in einem sozialversicherungspflichtigen Job) die Renten sichern kann.

Dass die Bevölkerungszahl Heilbonns in den letzten Jahren von 120 000 auf 125 000 gestiegen ist (trotz Abwanderungen), liegt weniger am Zuzug (etwa aus dem Landkreis) oder von Flüchtlingen, sondern an legal zugewanderten Ausländern, und zwar von fast ausschließlich jüngeren Personen. Dazu zählen in erster Linie ausländische Studenten durch den Ausbau der Hochschule und des BildungsCampus sowie von ausländischen Fachkräften, die überwiegend von hiesigen Firmen im Ausland – mitunter über ausländische Niederlassungen – angeworben worden sind. Heilbronn steht in Baden-Württemberg und auch deutschlandweit mit an der Spitze, was der Anteil von Ausländern und Mitbürgern mit Migrationshintergrund betrifft. In Heilbronn sind über 140 Nationen vertreten.

Trotz des massiven Anstiegs des Flüchtlingsstroms sind in Heilbronn bisher in diesem Jahr mehr Ausländer auf legalem Wege zugezogen (5000) als Illegale. Allerdings, das machte auch Hepting deutlich, wird sich auch in Heilbronn die Zahl der Flüchtlinge zunehmend erhöhen. Nach dem  „Königsteiner Schlüssel“ (abhängig von Einwohnerzahl und Steueraufkommen) muss Baden-Württemberg im bundesweiten Verteilsystem 13 Prozent der Asylbegehrenden aufnehmen, und 1,2 Prozent davon (von den Landeserstaufnahmestellen) entfallen auf den Stadtkreis Heilbronn. Wie Hepting mitteilte, wird sich die Zahl der Flüchtlinge, die in Heilbronn ankommen werden, von zuletzt monatlich 120 auf 230 im Monat erhöhen. Es sei das erklärte Ziel der Stadt, sie in festen Gebäuden oder Hallen statt in Zelten und Wohncontainern unterzubringen.

Hier kommt die als vorbildlich geltende Heilbronner Willkommenskultur ins Spiel, um Zugangsbarrieren zu senken und Integration zu fördern: Das beginnt mit dem kostenfreien Kindergarten für alle mit der Möglichkeit von Sprachförderung und Ganztagesbetreuung. Wesentliche Förderangebote für lebenslanges Lernen kommen von der von der Dieter-Schwarz-Stiftung finanzierten Akademie für innovative Bildung und Management (AiM), u.a. mit Team-Teaching (Sprachlehrer, die Fachlehrer begleiten). 120 Eltern-Multiplikatoren stehen bereit, sowie 70 qualifizierte kulturelle Mittler in Beratungsstellen, die jeweils 40 Sprachen abdecken. Am wichtigsten ist auch Hepting zufolge eine gute Sprachschulung, um einen baldigen Ausbildungs- bzw. Berufseinstieg zu ermöglichen und die Fremden hier heimisch werden zu lassen.

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Paul Tillich – Erneuerer der protestantischen Theologie – Pfarrer Matthias Treiber würdigt den Deutsch-Amerikaner als Grenzgänger

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Der Deutsch-Amerikaner Paul Tillich, der als einer der weltweit einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts gilt, ist am 22. Oktober 1965 79jährig in Chicago gestorben – ein Anlass, zum 50. Todestag diesen Theologieprofessor und Religionsphilosophen bei den „Jungen Senioren“ zu würdigen. Dies tat aktuell Matthias Treiber, Pfarrer der Matthäus-Gemeinde in Heilbronn-Sontheim, zugleich Pressepfarrer der Gesamtkirchengemeinde und des Kirchenbezirks Heilbronn sowie kompetenter Betreiber des Internet-Blogs http://www.junge-senioren-heilbronn.de. Für Treiber ist Tillich „ein Theologe für heute und morgen“, dessen Schriften ihn dazu angeregt haben, seine Theologiestudium in Tübingen und Hamburg fortzusetzen und über den er gerne promoviert hätte, wenn ihm nicht landeskirchlich zu einem zusätzlichen Journalistik-Studium geraten worden wäre.

Paul Tillich wurde am 20. August 1886 in einem Pfarrhaus in Starzeddel (im heutigen Landkreis Guben) geboren, studierte Theologie und Philosophie an den Universitäten von Berlin, Tübingen und Halle, promovierte in Breslau mit einer Arbeit über Schelling, wurde Pfarrer in Berlin und meldete sich zu Beginn des Weltkriegs als Militärpfarrer. Der Krieg wurde – mit dem Zusammenbruch der bürgerlichen Kultur – für ihn zum Umbruch und Aufbruch. Er begab sich in eine Hochschulkarriere und schloss sich gleichzeitig den Religiösen Sozialisten an. Doch schon im April 1933 wurde ihm als ziemlich erstem nichtjüdischem deutschen Hochschulprofessor die Lehrerlaubnis entzogen. Noch im gleichen Jahr emigrierte er mit seiner zweiten Frau Hannah nach New York, wo ihm Freunde zu einer Anstellung am Union Theological Seminary verhalfen, wo er fast 20 Jahre lehrte. Auch wenn ihm die englische Sprache zeitlebens schwer fiel, publizierte er alsbald in Englisch, wechselte zwischen der philosophischen und theologischen Fakultät, gewann aber zunehmend Ansehen und Einfluss und wurde zu seiner Emeritierung 1955 mit der höchsten akademischen Würde Amerikas ausgezeichnet. Danach konnte er sich die Universitäten in Harvard und Chicago zu Lehrtätigkeiten aussuchen. Im Paul Tillich Park im Bundesstaat Indiana, wo seine Urne beigesetzt wurde, erinnert eine Büste an den großen Denker, der 1962 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und der 1965 anlässlich des 40jährigen Bestehens des Nachrichtenmagazins „Time“ im Waldorf-Astoria-Hotel den Festvortrag gehalten hatte.

Pfarrer Treiber überraschte seine Zuhörerschaft gleich zu Anfang seines Referats mit einem Bild von Tillich auf der Titelseite der „Time“, was ihn ja auch als „deutsch-amerikanischen Grenzgänger“ auswies. Die Grenze war laut Treiber überdies ein Lebensthema von Tillich, denn „die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis, denn hier werden Freiheit und Bedrohung unentrinnbar erfahren“, so Tillich; es gehe um Überschreiten von Grenzen zum Absoluten.

Und da nähert man sich Gott, denn im Verständnis von Tillich kann Gott nur jenseits der Welt sein, als Urgrund des Seins, „Gott ist das Sein selbst“. Laut Treiber ist für Tillich Gott kein Wesen,denn dann wäre er eine Existenz und endlich. Ein heilig Ding wäre zu wenig, eine Idee zu abstrakt. Gott ist auch kein Patriarch, der ethische Forderungen stellt, sonst wäre er ein Götze. Eins werden mit dem Gott des Seins manifestiert sich in der Liebe – „Gott ist die Liebe“. Gott ist geoffenbart in Jesus, den Christus.es ist das Paradox der christlichen Botschaft, dass das Absolute in einem Menschen sichtbar geworden ist, doch ist auch diese Offenbarung nur in Symbolen auszudrücken.
Die Erbsünde, entmoralisiert verstanden, ist für den Menschen bedingt durch den Umstand, dass er stets verschiedene Möglichkeiten der Entscheidung hat. Das ist für ihn Freiheit und Schicksal zugleich, macht ihn aber unvollkommen und unerlöst. Doch in der Rechtfertigung – die auch von Tillich hochgeschätzte Lehre Martin Luthers – wird jeder Mensch ohne sein Zutun als vollkommen mit allen Fehlern „angenommen“.

Wie Treiber darlegte, gilt Tillich auch als ein Erneuerer der protestantischen Theologie. Und da kommt das „protestantische Prinzip“ ins Spiel. Dank Christus kann alles kritisiert werden, auch die Religion, denn sie ist unvollkommen. Also gilt es, die überkommenen biblischen Werte und Begriffe „in Achtung der katholischen Substanz“ unter den heutigen Umständen verständlich zu machen, um Antworten auf Fragen zu finden, die sich aus konkreten Situationen ergeben. Deshalb ist für Treiber Paul Tillich „ein Theologe für heute und morgen“. „Es gilt, gesprächsfähig zu bleiben, auch gegenüber anderen Regionen und Kulturen, und auch gegenüber der Jugendkultur und ihren Fragen,“ gab Treiber den „jungen Senioren“ mit auf den Weg.

„Du sollst Dir kein Bildnis machen . . .“ – Dekan Friedrich analysiert Bilderverbot in den monotheistischen Religionen

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Dekan Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Angesichts der gegenwärtigen Bilderflut in der faszinierenden Vielfalt ihrer  medialen Gestaltung erscheint das Bilderverbot in den monotheistischen Religionen ziemlich obskur. Zur Eröffnung der neuen Veranstaltungsreihe der „Jungen Senioren Heilbronn“ im Winterhalbjahr 2015/16 im Hans-Rießer-Haus hat sich der Heilbronner Dekan Otto Friedrich diesem strittigen Thema angenommen und einen tiefgründigen Überblick über die Entwicklung des Kunstverständnisses seit den Zeiten des Alten Testaments dargeboten.

„Alle drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – beziehen sich auf das alttestamentliche ‚Bilderverbot‘, wie es festgeschrieben erscheint, im 2. Gebot des Dekalogs, der 10 Gebote.“ So machte der Dekan gleich zu Beginn die Brisanz klar, und er verwies auf die radikale Befolgung im fundamentalistischen Islam in jüngster Zeit, mit der Zerstörung von „Welterbe“-Stätten wie der Buddha-Statue Bamivan in Afghanistan (2001) durch die Taliban und der antiken Denkmäler in Palmyra in Syrien durch ISIS (2015) sowie die islamischen Attacken gegen Mohammed-Karikaturen, gipfelnd im Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“.

Nach Friedrichs Rückblick hielt sich das Judentum weitgehend an die „Exodus“-Vorschrift: „Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Abbild, weder von dem, was oben im Himmel, noch was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Und nach islamischem Verständnis ist mit dem unbedingten Bekenntnis der Einheit Gottes die Abbildbarkeit des Schöpfers und die von Lebewesen unvereinbar: Aus Furcht, dass ein Bild oder eine Skulptur zum Gegenstand der Anbetung wird, denn im Islam ist nur Allah anbetungswürdig. Friedrich zeigte auf, wie in der islamischen Kunst das Vermeiden bildlicher Darstellungen zu einer überragenden Rolle von Schrift (Kalligraphie) wurde, in Verbindung mit der  großen Bedeutung des Wortes gleichsam als Träger der Offenbarung, ferner von Ornamentik für die islamische Architektur.

Dekan Friedrich wies nach, dass das alttestamentarische Bilderverbot keineswegs gegen das menschliche Gestalten und auch nicht gegen die Kunst gerichtet sein kann und im Neuen Testament sowieso aufgehoben sei. Er zitierte hier den Schweizer Theologen und Literaten Kurt Marti: „Mit Christus wird alle Kunst grundsätzlich profan, das heißt, sie tritt völlig in den Dienst des Menschen.“ Mit der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion sei zwangsläufig eine neue Kunst entstanden, die repräsentieren musste. Friedrich ging auch auf den Bilderstreit dre Ostkirche im 8. Jahrhundert ein, was schließlich zur Unterscheidung von „Urbild“ und „Abbild“ führte und das Instrument des Ikonenschreibens hervorbrachte: der Urheber Gott führt dem Künstler die Hand.

In der von Rom bestimmten Westkirche seien die Bilder von Anfang an wesentlich pragmatischer  gesehen worden, gemäß der Aussage von Gregor dem Großen: „Was für die Gebildeten die Schrift ist für die Ungebildeten das Bild.“ So entstand ausgangs des Mittelalters eine wahre Bildersucht in Kirchenräumen und ein mit Aberglauben durchsetztem und Ablasswesen verbundenem Bilderkult.

Aus dieser Entwicklung muss laut Friedrich auch das Ansinnen der Entmachtung der Bilder im Zuge der Reformation verstanden werden, als Zwingli und Calvin für eine rigoroses Verbannung der Bilder aus der Kirche eintraten und selbst die Darstellung des Kruzifix als Götzenbild auslegten. Martin Luther hingegen, wiewohl auf den Vorrang des Wortes pochend, habe eine differenziertere Haltung zu den Bildern gehabt und sich ausgesprochen für Bilder, die nützlich sind, weil sei dem „Zeugnis“ und dem „Gedächtnis“ dienen. So sei schon früh nach der Reformation eine protestantische Kunst entstanden, die von dieser didaktischen Funktion geprägt wurde.

Eine neue Ära der Kunst zog Friedrich zufolge herauf mit der „Erfindung des Gemäldes“ in der niederländischen Kunst und in den gestalterischen Innovationen der italienischen Renaissance,  quasi „die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion“. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sei festzustellen, dass die Kunst getrennt von der Kirche ihren eigenen selbstständigen Weg nimmt. Heute, so Friedrich, ist die Frage nicht mehr, ob es Kunst in der Kirche geben darf. Er bekräftigte die Aussage der landeskirchlichen Kunstpreis-Ausschreibung, dass Bilder „auch Geheimnisse wahren und feste Sehgewohnheiten hinterfragen. Kunst kann Gegensätzliches und Widersprüchliches zusammenbringen und Unaussprechliches ausdrücken.“.