Archiv für den Monat November 2015

Wirtschaftswachstum und/oder Wohlergehen – Der Ökonom Helmut Hertel macht sich stark für nachhaltigeres Wirtschaften

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Helmut Hertel (Foto: Rolf Gebhardt)

Uns in Deutschland geht es doch recht gut. Wir leben auf einem im historischen und internationalen Vergleich sehr hohen Wohlstandsniveau – dank einer nach wie vor wachsenden Wirtschaft. Dass der Zusammenhang von Wachstum und Wohlstand gar nicht so selbstverständlich ist, unbegrenztes Wachstum gar unsere Lebensqualität gefährden kann, darüber referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Diplom-Wirtschaftsingenieur Helmut Hertel aus Ludwigsburg, der reiche Erfahrungen im Entwicklungsdienst – im In- und Ausland – vorweisen kann.

Unter Wirtschaftswachstum versteht man in der Volkswirtschaft die prozentuale Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also die Summe an Gütern und Dienstleistungen, die in einem Land in einem Jahr produziert werden. Doch eine solche Orientierung an materiellem Wirtschaftswachstum ist für Hertel unzureichend, denn das Bruttoinlandsprodukt beinhaltet nur materiell und finanziell bewertbare Leistungen. Wichtige Aspekte, die ebenfalls für das Wohlergehen einer Gesellschaft wichtig sind, werden ausgeblendet, in erster Linie unbezahlte Tätigkeiten außerhalb des Erwerbslebens, also die vielen unbezahlten Leistungen, etwa einer Hausfrau und Mutter oder die vielseitige ehrenamtliche Betätigung in Vereinen, Organisation und im privaten Bereich. Ganz abgesehen davon, dass auch der „informelle Sektor“, also Wirtschaftstätigkeiten, die nicht vom Fiskus erfasst werden, wie sie in nicht so entwickelten Ländern eine wichtige Rolle spielen und hierzulande als „Schwarzarbeit“ gebrandmarkt werden, keine Berücksichtigung findet.

Angesichts dieser Einsichten hat sich so etwas wie eine globale Bewegung zur Neuvermessung des gesellschaftlichen Wohlergehens mit neuen Indikatoren formiert. Hertel verwies auf den von der Internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2011 vorgestellten „Better-Life-Index“ und die Glücksforschung von „Hapiness-Ökonomen“. Internationales Aufsehen erregte der kleine Himalaya-Staat Bhutan mit einer offiziellen wirtschaftlichen Orientierung am „Glück“ seiner noch nicht einmal eine Million Einwohner, doch mit dem allmählichen Verlust der Abgeschlossenheit hat sich auch dieses buddhistische Königreich zivilisatorische Schwierigkeiten eingehandelt.

Aussagekräftig ist laut Hertel der Human Development Index (HDI) der Vereinen Nationen, der beispielsweise die Verwirklichungschancen des Menschen in den Mittelpunkt stellt, so die Dimensionen „langes und gesundes Leben“, Zugang zu Bildung“ und materieller Lebensstandard“. Auf einer Messzahl von 0 bis 1 kommt hier Deutschland weltweit auf Platz neun. Einen anderen Ansatz stellt der „Ökologische Fußabdruck“ dar, der die Biokapazität unseres Planeten dem tatsächlichen Verbrauch durch den Menschen gegenüber stellt. Als Messgröße wird der „globale Hektar“ herangezogen, also das arithmetische Mittel der weltweiten biologischen Produktivität pro Hektar. Da zeigt sich die ernüchternde Bilanz, dass wir 2,5 Erden benötigten, wenn alle Menschen weltweit so lebten wie wir in Deutschland, und noch einmal zwei weitere Erden, wenn es weltweit nach dem „way of Life“ der US-Amerikaner ginge.

Hier zeigt sich, wie die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, die Tragfähigkeit unseres Globus überstrapaziert wird. Schon 1972, so Hertel, hat der „Club of Rom“ jenen alarmierenden Bericht veröffentlicht, der befand, dass die herrschenden Produktions- und Lebensweisen industrialisierter Gesellschaften nicht tragbar sind und die natürlichen Ressourcen erschöpfen. Diese Erkenntnis ist inzwischen Allgemeingut, und so hat auch der Deutsche Bundestag 2011 eine Enquete-Kommission eingesetzt mit dem verheißungsvollen Titel „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wachstum und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“.

Nach offizieller Lesart ist zwar nach wie vor wirtschaftliches Wachstum unabdingbar, um ausreichende Arbeitsplätze zu schaffen und das Sozialsystem zu finanzieren. Hertel hielt dem entgegen, dass es weniger  auf quantitatives, sondern auf qualitatives Wachstum ankommt. Dazu gehört aber eine Verringerung der sozialen Ungleichgewichte, der Einkommens- und Vermögensunterschiede, sowie ein Bekenntnis zu nachhaltigem Konsum. Entschieden geht es auch darum, die drohende Klimaerwärmung zu bannen, in der Hoffnung, dass der just an diesem Tage beginnende UN-Klimagipfel in Paris nachhaltig Weichen stellt – die vielleicht letzte Chance, unsere Erde vor dem Kollaps zu bewahren: „Alle müssen mitziehen“, so Hertel.

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Erkenntnis aus Schweigen und Meditation – Pfarrer i.R. Peter Goes: Intensiver leben durch Achtsamkeit und Entschleunigung

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Pfarrer i.R. Peter Goes (Foto: Rolf Gebhardt)

Intensiver leben! Leben wir nicht intensiver denn je durch die Wahrnehmung der uns gebotenen unendlich vielen Möglichkeiten, Anforderungen und Angebote? Für Pfarrer i.R. Peter Goes, zuletzt Klinikseelsorger an der SLK Heilbronn, leben wir heutzutage in dieser so schnelllebigen, brodelnden und lauten Welt eher oberflächlich anstatt intensiv. Wir man intensiver leben kann, dafür hatte Goes in einem Referat bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus praktikable Ratschläge parat: Intensiver leben durch Achtsamkeit und Entschleunigung im Alltag.

„In der Stille liegt Kraft und Erkenntnis.“ So ein Tip des erfahrenen Seelsorgers. Anhand eines Impulspapiers machte dies Goes gleich zu Anfang deutlich: Ein in der Einsamkeit lebender Mönch bat einen ihn besuchenden neugierigen Wanderer, in eine tiefe Zisterne zu schauen, aus der er gerade Wasser geschöpft hatte. Der Wanderer: „Ich sehe nichts“. Als er nach einer kurzen Weile wieder in das – beruhigte – Wasser der Zisterne sah, meinte er, „oh, jetzt sehe ich mich selber!“ Die  Antwort des einsam lebenden Mönchs: „Das ist die Erfahrung der Stille. Man sieht sich selber!“

Für Goes heißt das Schlüsselwort „Achtsamkeit“. „Das ist mehr als Aufmerksamkeit oder Geistesgegenwart. Es ist Beseeltheit, weckt Sehnsucht und verleiht Zauber.“ Goes mahnte zu aufmerksamerem und zugleich gelasseneren Umgang mit sich selbst, mit anderen und überhaupt mit Umwelt und Gegebenheiten: „Man muss nicht immer alles machen und können wollen und nicht jeder Versuchung erliegen – man soll sich nicht überfrachten, man muss nicht immer perfekt funktionieren.“  Achtsamkeit sei eine bestimmte innere Haltung, ein Lebensprinzip. Es beinhalte Selbstachtung und achtsames Zusammenleben mit den Mitmenschen, um uns ein Stück zu befreien von Leistungs- und Termindruck und von allem, was einem so im Alltag zu schaffen macht.

Wie kommt man zu einer achtsamen Lebensweise? Achtsamkeit lässt sich mit der traditionellen Vorstellungswelt des Buddhismus in Verbindung bringen, mit in Asien praktizierten Übungen zum Leben im Gewahrsein des Hier und Jetzt, der Wertschätzung des gegenwärtigen Moments, meinte Goes. Und dazu gehört zuerst eine Entschleunigung, eine Absage an ein turbulentes Leben sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zur Entspannung, zur Vertiefung in die Stille beim Schweigen und in Meditation. Dafür bedürfe es keiner größeren Anstrengung. Meditative Entspannung lasse sich bei fast jeder Gelegenheit praktizieren, bedürfe keiner besonderen Technik der Körperhaltung, nur der äußeren Ruhe und wirke allein schon durch bewusste Atmung.

Und so übte Pfarrer Goes mit den „Jungen Senioren“ entspannende Atmungsmeditation ein: „Schenken Sie Ihrem Atem-Rhythmus Aufmerksamkeit, ohne ihn zu beeinflussen, lassen Sie es zu, wenn er flacher oder tiefer wird. Ihre Atmung hat ihren eigenen Rhythmus, spüren Sie dem nach.“ Die Gedanken können und sollen abschweifen, zur Ruhe kommen, am besten an nichts denken. Bei tiefen Atemzügen ist zu spüren, wie die Luft in den Körper ein- und ausströmt, wie man bei Ausatmen ein  Gefühl der Entspannung empfindet – „Ballast abwerfend, hilfreich und heilsam“.

Goes empfahl noch eine weitere Achtsamkeitsübung: „Mantra“. Die ständiges Wiederholung eines Mantra – eines bestimmten Wortes, eines kurzen Textes, eines Gedichts, eines Liedverses oder eines Gebets – könne zu einer heilsamen inneren Ruhe führen und zur Gedanken-Klärung.Auch dies sei eine Form der Meditation, eine Übung zur Konzentration und Versenkung, zur Erfahrung von Ruhe und Gelassenheit. Dazu könne auch längeres bewusstes Schweigen verhelfen. Goes zitierte eine Reihe berühmter Denker und Dichter, die die Hochachtung von Stille und Schweigen etwa als „Fundament allen Denkens“ oder „Begegnung mit dem universellen Bewusstsein“ charakterisieren.

Im Grunde, so Goes, kommt es immer wieder auf einen selbst an, auf die eigene Selbsteinschätzung und Selbstachtung, was einem wert und wichtig ist. Um so seinem Selbst gewiss zu werden, helfe der Gedanke daran, was ein guter Freund einem bei einer Geburtstagslaudatio entgegenbringen könne. Darüber sollte man sich mal selbst Notizen machen, über seinen Lebensweg und seine Persönlichkeitswahrnehmung.

Zum Schluss wies Goes noch hin auf die von einer Psychotherapeutin empfohlenen „fünf Stufen  der Haltung“: Wollen, Entschleunigen, Reinigen, Reduzieren, Liebe. Und Peter Goes wäre nicht der Neffe des Dichterpfarrers Albrecht Goes, wenn er nicht auch noch ein eigenes treffendes Gedicht hätte zum Besten gegeben können: aus seinem Lyrik-Bändchen „Viel Leben drängt ans Licht“.

Der Bismarck-Mythos blühte auch in Heilbronn – Historiker Bernhard Müller über den Kult um den „Eisernen Kanzler“

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Das Bismarck-Denkmal in Heilbronn (Foto: wikicommons/gemeinfre/ P.Schmelzle)

„Bismarck“ gehört zweifellos zu den markantesten Namen der deutschen Geschichte. Otto von Bismarck prägte als preußische Ministerpräsident und vor allem als erster deutscher Reichskanzler Deutschlands Geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde er glorifiziert. Über den „Bismarck-Mythos“ in Deutschland und auch in Heilbronn referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Lokalhistoriker Studiendirektor i.R. Bernhard Müller: Gleichsam ein Beitrag zum „Bismarck-Jahr 2015“, wenngleich 200 Jahre nach Bismarcks Geburt diesmal sich nach Müllers Beobachtungen die entsprechenden Gedenkveranstaltungen überraschenderweise ziemlich in Grenzen gehalten habe.  „Der Blick auf Bismarck ist nüchterner und differenzierter geworden, und auch die gegenwärtigen Politiker wollen Bismarck nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen“, so Müller.

Viele kennen Bismarck als Denkmalsfigur. 197 Bismarck-Denkmäler gibt es laut Müller in Deutschland. Und auch Heilbonn kann ein stattliches Bismarck-Denkmal vorweisen. Wie Müller darlegte, hat unmittelbar, nachdem 1898 „Fürst Bismarck aus dem Leben geschieden“ war, ein enger Ausschuss honoriger Heilbronner Bürger mit Oberbürgermeister Hegelmaier an der Spitze, in der Heilbronner Zeitung in einer halbseitigen Anzeige an die Mitbürger verkündet, „der Begründer des Reichs, der Vater unserer Einheit, Deutschlands stolzer, ruhmgekrönter Sohn lebt nur noch in seinen Werken und in unserem Gedächtnis“ und für die baldige Errichtung eines Denkmal Bismarcks geworben, „dem großen Kanzler zur Ehre, der Stadt Heilbronn zur Zierde“.

Am 30. Juli 1903 war es dann so weit – die Einweihung des Denkmals für den „Eisernen Kanzler“, der ja auch schon zu Lebzeiten in Heilbronn legendäres Ansehen genossen hatte, am Westufer das Neckar neben der Brücke (am heutigen Kurt Schumacher-Platz: Ein 1,7 Tonnen schweres monumentales Denkmal-Ensemble in umgrenztem Gelände: Auf einem 5 m hohen Sockel steht die 4 m hohe Bronzefigur Bismarck im Militärmantel, gestützt auf einen Gehstock, und vor dem Standbild wachen zwei sphinxhafte Eckposten mit den Gesichtszügen der bekrönten und geflügelten Germania; eine fast an heidnische Kultstätten erinnernde Anlage.

Das Denkmal hat beide Weltkriege überstanden. Erst 1991 wurde es demontiert, generalüberholt, und 1995 erhielt das „neue“ Bismarck-Denkmal seinen neuen Platz im gerade errichteten Heilbronner Bismarck-Park an der Bismarck-Straße auf dem ehemaligen Gelände der alteingesessenen Firma Kuvert-Mayer vor drei neuen repräsentativen Wohn- und Geschäftshäusern.

Müller verwies im Bild auf ein noch mächtigeres und dominierenderes Bismarck-Denkmal, nämlich das noch heute erhaltene in Hamburg auf einem kleinen Hügel mit Blick auf das Hafengelände. In einer Denkmal-Beschreibung aus dem Jahre 1911 heißt es dazu: „So steht er in unserer Geschichte da, reckenhaft, fast übermenschlich, unerschütterlich, der Bahnbrecher und Behüter einer neuen Zeit. Er gehört zu den sechs Größten, welche unsere Geschichte vornehmlich bestimmt haben …“

Müller würdigte Wirken und Verdienste von Otto von Bismarck. Er wurde am 1. April 1815 auf dem Gut Schönhausen an der Elbe geboren, von seiner ehrgeizigen Mutter schon als Sechsjähriger auf ein Internat nach Berlin geschickt, wo  später auch Jura studierte. 1849 wurde er Abgeordneter des Preußischen Landtags, 1859 Gesandter am Zarenhof in St. Petersburg, 1862 preußischer Ministerpräsident, führte Kriege gegen Dänemark und Österreich, gründete 1867 den Norddeutschen Bund, mit Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer. 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg wurde Bismarck nach der Kaiserproklamation in Versailles und Gründung des Deutschen Reichs Reichskanzler und quasi zum nicht unumstrittenen Urheber des Sozialstaats und fast wider Willen zum Begründer deutscher Kolonien (ab 1884). Als er 1890 von dem jungen Kaiser Wilhelm II entlassen wurde, war das für einige überfällig, für andere und für Bismarck bedauerlich, wie eine berühmte Karikatur zeigte: „Der Lotse geht von Bord“.

Für Müller ging es vor allem darum, den Kult aufzuzeigen, der um Bismarck getrieben wurde, selbst mit Firmenreklame, so von Knorr. Der Bismarck-Mythos lebte insbesondere im und nach dem I. Weltkrieg und  in der Nazi-Zeit auf, wenngleich Bismarcks Rolle als ehrlicher Makler des Ausgleichs, als Vertreter eines „gesättigten“ Deutschlands und Friedenspolitikers mit einem komplexen System von Bündnissen, hierzu nicht passen wollte. Müller: „Bismarck, der ‚weiße‘ Revolutionär, beeindruckt und polarisiert bis heute.“

Als deutsche Christen schuldig wurden an Juden -Schuldekan i.R. Dieter Petri referiert über den Antisemitismus im 3. Reich

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Dieter Petri (Foto: Rolf Gebhardt)

9. November 2015. An diesem Tag spricht bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Schuldekan i.R. Dieter Petri aus Bietigheim-Bissingen über „Christen und Juden im 3. Reich“. 77 Jahre zuvor, in der in die Geschichte eingegangenen „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Deutschland die meisten jüdischen Gotteshäuser – 191 Synagogen – in Brand gesteckt und 26 000 Juden verhaftet und viele später in Konzentrationslager gebracht.

Pfarrer Petri beginnt seinen Vortrag mit einem Bild, das die Heilbronner Synagoge an der Allee zwischen Postamt und Hallenbad zeigt und im nächsten Bild das Skelett der großen Kuppel der Synagoge: „um 5 Uhr des 10. November 1938 steht die Heilbronner Synagoge in Flammen, um 7 Uhr auch die Kuppel. Die Feuerwehr beschränkt sich auf den Schutz der umliegenden Gebäude.“ Die 1877 im klassisch-maurischen Stil fertiggestellte Synagoge für die damals 900 jüdischen Mitbürger in Heilbronn war nicht nur eins der schönsten Bauwerke in Heilbronn, sondern galt auch als Höhepunkt der neo-orientalischen Stilphase im Synagogenbau; die Heilbronner Synagoge, von einer gewaltigen Kuppel mit zwölf Rundbogenfenstern überwölbt, wurde vom Staat Israel 1988 auf einer Sonderbriefmarke verewigt.

Dieter Petri versucht in seinem Referat der Frage nachzugehen: „Wie konnte es dazu kommen, dass im Namen des deutschen Volkes sechs Millionen europäische Juden ermordet wurden?“  Einen latenten bis aggressiven Antisemitismus gab es im christlichen Europa seit vielen Jahrhunderten, selbst schon bei den Kirchenvätern in Nordafrika, so Anklageschriften von Augustinus gegen die Juden als Christus-Mörder. Laut Petri hatte der Reformator Martin Luther 1523 in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen, doch als die von ihm gewünschte breite Bekehrung der Juden – er kannte eigentlich keinen Juden – nicht stattfand, in verschiedenen „Judenschriften“ Judenhetze betrieben.

Eine allgemeine Judenfeindschaft aus gesellschaftlichen Gründen machte sich all die Zeit breit.

Im Nationalsozialismus bekam der Antisemitismus zunehmend eine rassische Note, und die Nazis nahmen allzu gern die Formulierung des preußischen Historiker Heinrich von Treitschke auf: „Die Juden sind unser Unglück, obwohl gerade in Deutschland Juden in Kultur, Politik und Wissenschaft eine mitprägende Rolle gespielt haben. In einer pseudowissenschaftlichen Lehre wurden Juden als minderwertige Menschen betrachtet, und so richtete sich der Judenhass auch auf solche Juden, die getauft waren; seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte im Zuge der „Judenemanzipation“ ein ziemlich umfangreicher Glaubensübertritt von Juden stattgefunden, die sich so als Deutsche assimilieren wollten. Petri verweist diesbezüglich auf das Parteiprogramm der NSDAP von 1920: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Bluts ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Petri mache deutlich, dass auch die Christen in Deutschland anfällig für diese Rassenideologie waren, speziell die evangelische Kirche, verkörpert von den „Deutschen Christen“, denen Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 einen großen Aufschwung brachte. So wurden nicht nur Pfarrer jüdischer Abstammung abgelehnt, sondern auch Nichtarische aus der Kirche gewiesen. Petri streut in diesem Zusammenhang die Anekdote ein, dass aufgrund dieser wiederholten Aufforderung des Pfarrers Christus vom Kreuz steigt und den Gottesdienst verlässt . . .

Immerhin, so schränkt  Petri ein, gelang die von den Nazis geplante Gleichschaltung der evangelischen  Kirche nicht vollständig, was er insbesondere am Widerstand der „Bekennenden Kirche“  festmachte: „Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe.“ (1936) Neben Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller und Paul Schneider hebt Petri auch die mutige Bußpredigt des württembergischen Pfarrers Julius von Jan am Bußtag 1938 (worauf er abgestraft und des Landes verwiesen wurde) hervor. Die evangelische Kirche aber beteiligte sich nicht am Widerstand gegen Hitler und rief auch nicht dazu auf. Petri kritisiert auch eine unzureichende kirchliche Aufarbeitung nach dem Krieg. In dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 habe sich die Evangelische Kirche in einem halbherzigen Schritt solidarisch mit den Schuldigen erklärt, aber geschwiegen zur Judenvernichtung, der „Shoa“.

Als Palästina für Pietisten das gelobte Land war – Pfarrer Kadelbach über den christlich-jüdischen Wettlauf nach Jerusalem

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Pfr.i.R. Ulrich Kadelbach (Foto: Rolf Gebhardt)

Seit 1948 ist Israel ein souveräner sowie wirtschaftlich, militärisch und politisch mächtiger „jüdischer“ Staat im Nahen Osten. Kaum zu glauben, dass weniger als 100 Jahre vorher im damaligen Palästina noch mehr schwäbische Christen als Juden siedelten, vielfach deutsch gesprochen wurde und kaum hebräisch. Mit dieser Zeit und Situation wurden die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus vertraut gemacht von Pfarrer i.R. Ulrich Kadelbach, der vor 30 Jahren Gemeindepfarrer in Heilbronn war, dann von 1986 bis 1998 Nahostreferent im Evang. Missionswerk in Süddeutschland (EMS) in Stuttgart, zuständig für die Partnerschaften mit Kirchen in Israel/Palästina, Jordanien und im Libanon sowie die Schneller-Schulen.

„Zionismus – christlich-jüdischer Wettlauf nach Jerusalem.“ So heißt das neueste Buch von Ulrich Kadelbach, und so lautete auch sein Referat, wobei er vor allem einen reichen Bilderbogen von den Wirkungsstätten der frühen Siedler, deren Gebäude vielfach noch heute erhalten sind, darbot, und bei weitem nicht all die Verästelungen und Hintergründe dieser Geschichtsepoche wie in seinem mit umfangreichen Quellen recherchierten und verständlich geschriebenen Buch aufzeigen konnte.

„Die erwachende christliche Sehnsucht nach dem Heiligen Land entsprang schon dem Pietismus im 18. Jahrhundert und der aus ihm hervorgegangenen Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert. Mit der Befreiung Palästinas durch Ibrahim Pascha 1831/32 begann der unaufhaltsame Zustrom von Europäern: Siedler, Handwerker, Pilger, Touristen, Mönche, Nonnen, Diakonissen und Missionare.“ So Kadelbach. Dass der Gedanke für den „Aufbruch in die wahre Heimat des Christen“ virulent wurde, dafür sorgten weit verbreitete Bücher wie „Heimweh“ von Heinrich Stilling oder  schwärmerische Schriften wie „Glaubens- und Hoffnungsblicke des Volkes Gottes in der antichristlichen Zeit“ von Johann Jakob Friedrich, Pfarrer in Winzerhausen bei Beilstein. Das Wunschziel Jerusalem – dort gab es damals so viele Missionare wie nirgendwo – war unter „messsianisch“ geprägten Christen in Württemberg (in Erwartung der nahenden Endzeit) so motivierend, dass schon König Friedrich 1807 die Auswanderung grundsätzlich verbieten ließ.

Ein wichtiger Meilenstein in der Siedlungsgeschichte Palästinas bildete die Bewegung der Templer, fußend auf der 1854 in Ludwigsburg entstandenen „Gesellschaft für die Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem“, die den aufgeklärten „verderblichen“ Zeitgeist anprangerte, sich von der  Landeskirche lossagte und im Heiligen Land das irdische Gottesreich begründen wollte, verstand man sich doch – anstelle der „unfähigen“ Juden – als „das wahre Volk Gottes“, das dem kommenden Messias im gelobten Land entgegenlebt. Die Templer schufen ein vorbildliches Gemeinwesen (u.a. mit Siedlungen in Jerusalem und Jaffa), das nur Gleichgesinnnten offen stand.

Bereits 1841, nachdem Palästina wieder unter die Herrschaft Konstantinopels gekommen war, hatten die preußischen Protestanten und die englischen Anglikaner ein gemeinsames Bistum in Jerusalem gegründet. 1860 kam es zur Gründung des Syrischen Waisenhauses durch Johann Ludwig Schneller mit zeitweise über 400 Schülern. Es war der erste größere Gebäudekomplex außerhalb der ummauerten Altstadt von Jerusalem. Nach 1945 wurde die Anlage laut Kadelbach vom israelischen Militär übernommen. Nach wie vor gibt es noch zwei Schneller-Schulen (im Libanon und in Jordanien), die wie von Anfang an Wert legen auf Berufsausbildung.1898 stiftete  Kaiser Wilhelm II bei seinem Jerusalem-Besuch den deutschen Protestanten die Erlöserkirche.

Die aufgeflammte Israel-Begeisterung der Christen brachte zunehmend auch die Juden in Zugzwang. Gerade die in Deutschland auf Assimilation ausgerichtete  „Judenemanzipation“ beflügelte eine jüdische Nationalbewegung. Insbesondere Theodor Herzels Buch „Der Judenstaat“ (1896) veränderte das Bewusstsein vieler Tausend assimilierter Juden und verhalf dem Zionismus zum Durchbruch. Nach den Pionierleistungen der christlichen Siedler taten sich die jüdischen Siedler mit der landwirtschaftlichen Erschließung Palästinas anfangs schwer. Doch mit massiver finanzieller Unterstützung aus Europa, so seit 1883 durch Baron Edmond de Rothschild, konnten Juden in Palästina, zur Provinz Syrien des klammen osmanischen Reichs gehörend, ihre Positionen kräftig ausbauen. Kadelbach: Gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Palästina neben 250 000 Arabern etwa 25 000 Christen und 5000 Juden verschoben sich die Größenverhältnisse später drastisch zu Gunsten jüdischer Kolonisten, die vor allem aus Südosteuropa kamen.