Als deutsche Christen schuldig wurden an Juden -Schuldekan i.R. Dieter Petri referiert über den Antisemitismus im 3. Reich

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Dieter Petri (Foto: Rolf Gebhardt)

9. November 2015. An diesem Tag spricht bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Schuldekan i.R. Dieter Petri aus Bietigheim-Bissingen über „Christen und Juden im 3. Reich“. 77 Jahre zuvor, in der in die Geschichte eingegangenen „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Deutschland die meisten jüdischen Gotteshäuser – 191 Synagogen – in Brand gesteckt und 26 000 Juden verhaftet und viele später in Konzentrationslager gebracht.

Pfarrer Petri beginnt seinen Vortrag mit einem Bild, das die Heilbronner Synagoge an der Allee zwischen Postamt und Hallenbad zeigt und im nächsten Bild das Skelett der großen Kuppel der Synagoge: „um 5 Uhr des 10. November 1938 steht die Heilbronner Synagoge in Flammen, um 7 Uhr auch die Kuppel. Die Feuerwehr beschränkt sich auf den Schutz der umliegenden Gebäude.“ Die 1877 im klassisch-maurischen Stil fertiggestellte Synagoge für die damals 900 jüdischen Mitbürger in Heilbronn war nicht nur eins der schönsten Bauwerke in Heilbronn, sondern galt auch als Höhepunkt der neo-orientalischen Stilphase im Synagogenbau; die Heilbronner Synagoge, von einer gewaltigen Kuppel mit zwölf Rundbogenfenstern überwölbt, wurde vom Staat Israel 1988 auf einer Sonderbriefmarke verewigt.

Dieter Petri versucht in seinem Referat der Frage nachzugehen: „Wie konnte es dazu kommen, dass im Namen des deutschen Volkes sechs Millionen europäische Juden ermordet wurden?“  Einen latenten bis aggressiven Antisemitismus gab es im christlichen Europa seit vielen Jahrhunderten, selbst schon bei den Kirchenvätern in Nordafrika, so Anklageschriften von Augustinus gegen die Juden als Christus-Mörder. Laut Petri hatte der Reformator Martin Luther 1523 in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen, doch als die von ihm gewünschte breite Bekehrung der Juden – er kannte eigentlich keinen Juden – nicht stattfand, in verschiedenen „Judenschriften“ Judenhetze betrieben.

Eine allgemeine Judenfeindschaft aus gesellschaftlichen Gründen machte sich all die Zeit breit.

Im Nationalsozialismus bekam der Antisemitismus zunehmend eine rassische Note, und die Nazis nahmen allzu gern die Formulierung des preußischen Historiker Heinrich von Treitschke auf: „Die Juden sind unser Unglück, obwohl gerade in Deutschland Juden in Kultur, Politik und Wissenschaft eine mitprägende Rolle gespielt haben. In einer pseudowissenschaftlichen Lehre wurden Juden als minderwertige Menschen betrachtet, und so richtete sich der Judenhass auch auf solche Juden, die getauft waren; seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte im Zuge der „Judenemanzipation“ ein ziemlich umfangreicher Glaubensübertritt von Juden stattgefunden, die sich so als Deutsche assimilieren wollten. Petri verweist diesbezüglich auf das Parteiprogramm der NSDAP von 1920: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Bluts ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Petri mache deutlich, dass auch die Christen in Deutschland anfällig für diese Rassenideologie waren, speziell die evangelische Kirche, verkörpert von den „Deutschen Christen“, denen Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 einen großen Aufschwung brachte. So wurden nicht nur Pfarrer jüdischer Abstammung abgelehnt, sondern auch Nichtarische aus der Kirche gewiesen. Petri streut in diesem Zusammenhang die Anekdote ein, dass aufgrund dieser wiederholten Aufforderung des Pfarrers Christus vom Kreuz steigt und den Gottesdienst verlässt . . .

Immerhin, so schränkt  Petri ein, gelang die von den Nazis geplante Gleichschaltung der evangelischen  Kirche nicht vollständig, was er insbesondere am Widerstand der „Bekennenden Kirche“  festmachte: „Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe.“ (1936) Neben Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller und Paul Schneider hebt Petri auch die mutige Bußpredigt des württembergischen Pfarrers Julius von Jan am Bußtag 1938 (worauf er abgestraft und des Landes verwiesen wurde) hervor. Die evangelische Kirche aber beteiligte sich nicht am Widerstand gegen Hitler und rief auch nicht dazu auf. Petri kritisiert auch eine unzureichende kirchliche Aufarbeitung nach dem Krieg. In dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 habe sich die Evangelische Kirche in einem halbherzigen Schritt solidarisch mit den Schuldigen erklärt, aber geschwiegen zur Judenvernichtung, der „Shoa“.

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