Archiv für den Tag 16. November 2015

Der Bismarck-Mythos blühte auch in Heilbronn – Historiker Bernhard Müller über den Kult um den „Eisernen Kanzler“

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Das Bismarck-Denkmal in Heilbronn (Foto: wikicommons/gemeinfre/ P.Schmelzle)

„Bismarck“ gehört zweifellos zu den markantesten Namen der deutschen Geschichte. Otto von Bismarck prägte als preußische Ministerpräsident und vor allem als erster deutscher Reichskanzler Deutschlands Geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde er glorifiziert. Über den „Bismarck-Mythos“ in Deutschland und auch in Heilbronn referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Lokalhistoriker Studiendirektor i.R. Bernhard Müller: Gleichsam ein Beitrag zum „Bismarck-Jahr 2015“, wenngleich 200 Jahre nach Bismarcks Geburt diesmal sich nach Müllers Beobachtungen die entsprechenden Gedenkveranstaltungen überraschenderweise ziemlich in Grenzen gehalten habe.  „Der Blick auf Bismarck ist nüchterner und differenzierter geworden, und auch die gegenwärtigen Politiker wollen Bismarck nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen“, so Müller.

Viele kennen Bismarck als Denkmalsfigur. 197 Bismarck-Denkmäler gibt es laut Müller in Deutschland. Und auch Heilbonn kann ein stattliches Bismarck-Denkmal vorweisen. Wie Müller darlegte, hat unmittelbar, nachdem 1898 „Fürst Bismarck aus dem Leben geschieden“ war, ein enger Ausschuss honoriger Heilbronner Bürger mit Oberbürgermeister Hegelmaier an der Spitze, in der Heilbronner Zeitung in einer halbseitigen Anzeige an die Mitbürger verkündet, „der Begründer des Reichs, der Vater unserer Einheit, Deutschlands stolzer, ruhmgekrönter Sohn lebt nur noch in seinen Werken und in unserem Gedächtnis“ und für die baldige Errichtung eines Denkmal Bismarcks geworben, „dem großen Kanzler zur Ehre, der Stadt Heilbronn zur Zierde“.

Am 30. Juli 1903 war es dann so weit – die Einweihung des Denkmals für den „Eisernen Kanzler“, der ja auch schon zu Lebzeiten in Heilbronn legendäres Ansehen genossen hatte, am Westufer das Neckar neben der Brücke (am heutigen Kurt Schumacher-Platz: Ein 1,7 Tonnen schweres monumentales Denkmal-Ensemble in umgrenztem Gelände: Auf einem 5 m hohen Sockel steht die 4 m hohe Bronzefigur Bismarck im Militärmantel, gestützt auf einen Gehstock, und vor dem Standbild wachen zwei sphinxhafte Eckposten mit den Gesichtszügen der bekrönten und geflügelten Germania; eine fast an heidnische Kultstätten erinnernde Anlage.

Das Denkmal hat beide Weltkriege überstanden. Erst 1991 wurde es demontiert, generalüberholt, und 1995 erhielt das „neue“ Bismarck-Denkmal seinen neuen Platz im gerade errichteten Heilbronner Bismarck-Park an der Bismarck-Straße auf dem ehemaligen Gelände der alteingesessenen Firma Kuvert-Mayer vor drei neuen repräsentativen Wohn- und Geschäftshäusern.

Müller verwies im Bild auf ein noch mächtigeres und dominierenderes Bismarck-Denkmal, nämlich das noch heute erhaltene in Hamburg auf einem kleinen Hügel mit Blick auf das Hafengelände. In einer Denkmal-Beschreibung aus dem Jahre 1911 heißt es dazu: „So steht er in unserer Geschichte da, reckenhaft, fast übermenschlich, unerschütterlich, der Bahnbrecher und Behüter einer neuen Zeit. Er gehört zu den sechs Größten, welche unsere Geschichte vornehmlich bestimmt haben …“

Müller würdigte Wirken und Verdienste von Otto von Bismarck. Er wurde am 1. April 1815 auf dem Gut Schönhausen an der Elbe geboren, von seiner ehrgeizigen Mutter schon als Sechsjähriger auf ein Internat nach Berlin geschickt, wo  später auch Jura studierte. 1849 wurde er Abgeordneter des Preußischen Landtags, 1859 Gesandter am Zarenhof in St. Petersburg, 1862 preußischer Ministerpräsident, führte Kriege gegen Dänemark und Österreich, gründete 1867 den Norddeutschen Bund, mit Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer. 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg wurde Bismarck nach der Kaiserproklamation in Versailles und Gründung des Deutschen Reichs Reichskanzler und quasi zum nicht unumstrittenen Urheber des Sozialstaats und fast wider Willen zum Begründer deutscher Kolonien (ab 1884). Als er 1890 von dem jungen Kaiser Wilhelm II entlassen wurde, war das für einige überfällig, für andere und für Bismarck bedauerlich, wie eine berühmte Karikatur zeigte: „Der Lotse geht von Bord“.

Für Müller ging es vor allem darum, den Kult aufzuzeigen, der um Bismarck getrieben wurde, selbst mit Firmenreklame, so von Knorr. Der Bismarck-Mythos lebte insbesondere im und nach dem I. Weltkrieg und  in der Nazi-Zeit auf, wenngleich Bismarcks Rolle als ehrlicher Makler des Ausgleichs, als Vertreter eines „gesättigten“ Deutschlands und Friedenspolitikers mit einem komplexen System von Bündnissen, hierzu nicht passen wollte. Müller: „Bismarck, der ‚weiße‘ Revolutionär, beeindruckt und polarisiert bis heute.“