Archiv für den Tag 30. November 2015

Wirtschaftswachstum und/oder Wohlergehen – Der Ökonom Helmut Hertel macht sich stark für nachhaltigeres Wirtschaften

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Helmut Hertel (Foto: Rolf Gebhardt)

Uns in Deutschland geht es doch recht gut. Wir leben auf einem im historischen und internationalen Vergleich sehr hohen Wohlstandsniveau – dank einer nach wie vor wachsenden Wirtschaft. Dass der Zusammenhang von Wachstum und Wohlstand gar nicht so selbstverständlich ist, unbegrenztes Wachstum gar unsere Lebensqualität gefährden kann, darüber referierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Diplom-Wirtschaftsingenieur Helmut Hertel aus Ludwigsburg, der reiche Erfahrungen im Entwicklungsdienst – im In- und Ausland – vorweisen kann.

Unter Wirtschaftswachstum versteht man in der Volkswirtschaft die prozentuale Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also die Summe an Gütern und Dienstleistungen, die in einem Land in einem Jahr produziert werden. Doch eine solche Orientierung an materiellem Wirtschaftswachstum ist für Hertel unzureichend, denn das Bruttoinlandsprodukt beinhaltet nur materiell und finanziell bewertbare Leistungen. Wichtige Aspekte, die ebenfalls für das Wohlergehen einer Gesellschaft wichtig sind, werden ausgeblendet, in erster Linie unbezahlte Tätigkeiten außerhalb des Erwerbslebens, also die vielen unbezahlten Leistungen, etwa einer Hausfrau und Mutter oder die vielseitige ehrenamtliche Betätigung in Vereinen, Organisation und im privaten Bereich. Ganz abgesehen davon, dass auch der „informelle Sektor“, also Wirtschaftstätigkeiten, die nicht vom Fiskus erfasst werden, wie sie in nicht so entwickelten Ländern eine wichtige Rolle spielen und hierzulande als „Schwarzarbeit“ gebrandmarkt werden, keine Berücksichtigung findet.

Angesichts dieser Einsichten hat sich so etwas wie eine globale Bewegung zur Neuvermessung des gesellschaftlichen Wohlergehens mit neuen Indikatoren formiert. Hertel verwies auf den von der Internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2011 vorgestellten „Better-Life-Index“ und die Glücksforschung von „Hapiness-Ökonomen“. Internationales Aufsehen erregte der kleine Himalaya-Staat Bhutan mit einer offiziellen wirtschaftlichen Orientierung am „Glück“ seiner noch nicht einmal eine Million Einwohner, doch mit dem allmählichen Verlust der Abgeschlossenheit hat sich auch dieses buddhistische Königreich zivilisatorische Schwierigkeiten eingehandelt.

Aussagekräftig ist laut Hertel der Human Development Index (HDI) der Vereinen Nationen, der beispielsweise die Verwirklichungschancen des Menschen in den Mittelpunkt stellt, so die Dimensionen „langes und gesundes Leben“, Zugang zu Bildung“ und materieller Lebensstandard“. Auf einer Messzahl von 0 bis 1 kommt hier Deutschland weltweit auf Platz neun. Einen anderen Ansatz stellt der „Ökologische Fußabdruck“ dar, der die Biokapazität unseres Planeten dem tatsächlichen Verbrauch durch den Menschen gegenüber stellt. Als Messgröße wird der „globale Hektar“ herangezogen, also das arithmetische Mittel der weltweiten biologischen Produktivität pro Hektar. Da zeigt sich die ernüchternde Bilanz, dass wir 2,5 Erden benötigten, wenn alle Menschen weltweit so lebten wie wir in Deutschland, und noch einmal zwei weitere Erden, wenn es weltweit nach dem „way of Life“ der US-Amerikaner ginge.

Hier zeigt sich, wie die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, die Tragfähigkeit unseres Globus überstrapaziert wird. Schon 1972, so Hertel, hat der „Club of Rom“ jenen alarmierenden Bericht veröffentlicht, der befand, dass die herrschenden Produktions- und Lebensweisen industrialisierter Gesellschaften nicht tragbar sind und die natürlichen Ressourcen erschöpfen. Diese Erkenntnis ist inzwischen Allgemeingut, und so hat auch der Deutsche Bundestag 2011 eine Enquete-Kommission eingesetzt mit dem verheißungsvollen Titel „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wachstum und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“.

Nach offizieller Lesart ist zwar nach wie vor wirtschaftliches Wachstum unabdingbar, um ausreichende Arbeitsplätze zu schaffen und das Sozialsystem zu finanzieren. Hertel hielt dem entgegen, dass es weniger  auf quantitatives, sondern auf qualitatives Wachstum ankommt. Dazu gehört aber eine Verringerung der sozialen Ungleichgewichte, der Einkommens- und Vermögensunterschiede, sowie ein Bekenntnis zu nachhaltigem Konsum. Entschieden geht es auch darum, die drohende Klimaerwärmung zu bannen, in der Hoffnung, dass der just an diesem Tage beginnende UN-Klimagipfel in Paris nachhaltig Weichen stellt – die vielleicht letzte Chance, unsere Erde vor dem Kollaps zu bewahren: „Alle müssen mitziehen“, so Hertel.