Archiv für den Monat Dezember 2015

Schlaganfall – Durchblutungsstörung des Gehirns – Klinik-Chefarzt Dr. Christian Opherk: Auf jede Minute kommt es an

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Dr. Christian Opherk (Fotot: Rolf Gebhardt)

„Der hat auch a Schlägle kriegt“. Gemeint ist Schlaganfall. Davon wollen gerade ältere Männer, die am ehesten davon bedroht sind, möglichst nichts wissen, denn Schlaganfall kann so unvermutet kommen oder man ahnt, dass man diesbezüglich gefährdet ist. Über Schlaganfall – Ursachen, Erscheinungsformen, Therapiemöglichkeiten – informierte Privatdozent Dr. Christian Opherk die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

 

Opherk ist ist Chefarzt der Klinik für Neurologie der SLK Kliniken im Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn. Dazu gehören die Medizinischen Kliniken I und II sowie Gefäßschirurgie, Radiologie und Neuroradiologie, und neu hinzu kommt jetzt noch Neurochirurgie. „Daraus ist ersichtlich, dass Schlaganfall ein interdisziplinäres Thema ist,“ so Opherk. Er wartete gleich zu Beginn mit dem signifikanten Beispiel eines typischen Patienten auf: Ein 54jähriger Mann, „immer gesund gewesen“, zu hoher Blutdruck, nicht regelmäßig gemessen, Raucher, gelegentlich Herzstolpern. Beim Mittagessen fällt ihm die Gabel aus der Hand, innerhalb von wenigen Sekunden hochgradige Schwäche der linken Körperhälfte, verwaschene Sprache …

„In so einem Fall, wie überhaupt bei der Behandlung eines jeden Schlaganfalls, zählt jede Minute,“  stellte Opherk heraus. Jeder Schlaganfall sei ein Notfall, und da komme es unbedingt darauf an, schnellstens für Hilfe zu sorgen, sofort den Notarzt rufen, ab in die Klinik, am besten in eine mit einer Spezialeinrichtung namens Stroke-Unit wie in Heilbronn.

„Schlaganfall ist eine meist plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Gehirns mit neurologischen Ausfällen.“ So bringt es Opherk auf den Punkt. Verstopft ein Gefäß im Gehirn, weil (verschleppte) Blutgerinnsel aus Arterien – häufig aus der Halsschlagader – oder aus der linken Herzkammer ein Hirngefäß verengen oder verschließen, wird umliegendes Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, und Nervenzellen sterben ab. Der akute Sauerstoffmangel des entsprechenden Hirnanteils kann dazu führen, dass man nicht mehr richtig sprechen, gehen oder  sehen kann. Neben diesem „Hirninfarkt“, der etwa 80 Prozent aller Schlaganfälle ausmacht, gibt es noch die Hirnblutung, der eine geplatzte Hirnarterie oder Einriss der Arterienwand zugrunde liegt.

Schlaganfälle kommen oft „aus heiterem Himmel“. Dabei gibt es durchaus Risikofaktoren, an erster Stelle – wie für alle Gefäßerkrankungen – ein hoher Blutdruck und zu hohe Blutfettwerte. Auch wenn diese Werte mit dem Lebensalter sowieso zunehmen, ist laut Opherk ein Blutdruck von (möglichst unter) 140 (systolisch) und 90 (diastolisch) anzustreben und ein LDS-Cholesterinwert von unter 150. Ein Gesamtcholesterin zwischen 200 bis 250 sei vertretbar, wenn man sonst weitgehend gesund sei. Weiterhin „schlaganfallfördernd“ – und ja sowieso gesundheitsabträglich – sind Rauchen, Übergewicht, zu viel Alkoholkonsum (Opherk: „ein Viertel Wein täglich kann für Männer gesünder sein als gar kein Alkohol“), Stress und körperliche Inaktivität. Hinzu kommt Diabetes mellitus, jene Stoffwechselerkrankung, die zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führt. Überhaupt nimmt die Schlaganfallgefahr mit dem Alter zu; Schlaganfall ist für über 60Jährige die zweithöchste Todesursache und somit auch eine Volkskrankheit.

Häufige Vorboten für Schlaganfall, also einen drohenden Gefäßverschluss, sind vorübergehende neurologische Beschwerden wie Schwindel, Taubheitsgefühle, Durchblutungsstörungen des Sehnervs mit Gesichtsfeldeinschränkungen oder Doppelbildersicht. Bei Schlaganfall treten solche Symptome massiv auf. Bei Arterienverschluss entstehen Hirnnervenausfälle mit Koordinationsstörungen, Übelkeit und einseitigen Lähmungen. Art und Ausmaß der Störungen hängen sowohl vom befallenen Hirnareal als auch von noch vorhandenen intakten Gefäßen ab. Durch Sauerstoffausfall sterben im Gehirn in der Minute bis zu zwei Millionen Gehirnzellen ab. Deshalb kommt es nach Opherk darauf an, schnellstmöglich einen Schlaganfall zu diagnostizieren und zu behandeln, damit möglichst keine bleibenden Behinderungen auftreten. Bei einem verstopften Blutgefäß muss der Propf alsbald medikamentös aufgelöst werden, eingeschwemmte Blutgerinnsel können mit Spezialkathetern entfernt werden.

Wie Opherk darlegte, sind die nach international vereinbarten Schlaganfall-Behandlungsmethoden heute durchaus vielversprechend. Weniger als jeder zehnte Patient stirbt direkt an einem Schlaganfall. Doch besser sei es natürlich, einem Schlaganfall vorzubeugen durch einen gesunden und bewegungsaktiven Lebensstil.

 

Russische Weihnacht ist mehr als Fest der Liebe – Dr. Matthias Schwarzer über die Innerlichkeit des orthodoxen Kirchenlebens

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Dr. Matthias Schwarzer (Fotos: Rolf Gebhardt)

Rußland ist mehr als Oligarchie und Nationalismus, Alkoholrausch und Armut. Da gibt es auch die „russische Seele“ – und  und „russische Weihnacht“. Die vermittelte Dr. Matthias Schwarzer den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in Bild, Wort und Tondokumenten. Gleichzeitig gab der frühere Leiter der Jugendmusikschule Heilbronn und heutige musikwissenschaftliche Referent des Stadtarchivs Heilbronn einen Einblick in das russisch-orthodoxe Christentum.

Viel Zeit braucht man für einen Gottesdienst nach orthodoxem Ritus, normalerweise zwei Stunden, an hohen Feiertage wie an Weihnachten aber schon mal vier Stunden. Und man muss die ganze Zeit über stehen, denn Stühle und Bänke gibt es in einer orthodoxen Kirche nicht. Schwarzer entführte die Zuhörer/innen in die Moskauer Hauptkirche, die Christ-Erlöser-Kirche. Wer dort zur nationalen Hauptmesse an Heiligabend um 23 Uhr noch einen Platz bekommen will, muss mindesten schon drei Stunden vorher da sein. Zu den 3000 Gläubigen im Kircheninneren versammeln sich etwa noch doppelt so viele draußen vor den Kirchentoren. Aber dieser Gottesdienst, zelebriert vom Moskauer Patriarchen und auch besucht von den russischen Spitzenpolitikern, wird auch im Fernsehen übertragen, so dass Millionen Russen diese Weihnachtsmesse am Bildschirm miterleben können.

Weihnachten ist für Russen das zweitgrößte religiöse Fest, nach Ostern. Es ist für sie mehr als ein „Fest der Liebe“, es ist ein Fest der Seele und der Sinne. Im Osten wie im Westen steht zu Weihnachten natürlich die Geburt Jesu im Mittelpunkt, doch die russische Weihnachtsmesse ist – wie eigentlich alle orthodoxen Gottesdienste – mit viel mehr religiöser Liturgie und Feierlichkeit aufgeladen, die aus einer tiefen innerlichen Frömmigkeit gespeist wird, meinte Schwarzer.

Der Gottesdienst ist geprägt von Buntheit und vielerlei Liedgut – gregorianische und kanonische Gesänge, gesungene Psalmen – und Lichterprozessionen, duftenden Weihrauchkesseln und blumengeschmückten Kerzen sowie Ikonenkult als Gebetszustand und Glaubensgegenstand. In beeindruckender Pracht die hohen Kleriker in kostbaren Brokatgewändern und vergoldeten Bischofsmützen. Das verbindende Element zu Gemeinde und Volk bildet der Chor, der die Gläubigen in die gemeinsamen Gesänge einstimmt und zu Gemeinschaftsgefühl verhilft.

Schwarzer machte deutlich, dass in Rußland das eigentliche Weihnachtsfest ja erst am 7. Januar gefeiert wird, da Russland die Umstellung auf den weltweit gebräuchlichen Gregorianischen Kalender nicht mitgemacht und am Julianischen Kalender festhielt, wobei sich ein Rest von jährlich elf Minuten ergibt, der sich inzwischen zu einer Differenz von 13 Tagen ausgewirkt hat. Dem voraus geht für orthodoxe Christen eine 40tägige Fastenzeit, denn nur nach einer körperlichen und geistigen Reinigung können Gläubige mit reinem Herzen Gottes Sohn empfangen. Generell ist Enthaltsamkeit angesagt. Es gibt viel Suppe, Brei und Kohlgemüse zum Essen, denn man soll auf Fleisch und Milchprodukte verzichten, in dieser Zeit montags, mittwochs und freitags bis zur Abendmesse auch auf Fisch, Pflanzenöl und Wein. Das eigentliche Weihnachtsfestmal findet am Weihnachtstag nach der Frühmesse im Familienkreis statt.

Die weihnachtliche Festzeit geht laut Schwarzer bis zum 12. Januar,  Heilige Drei Könige, die Taufe des Herrn, die Nachfestzeit gar bis 19. Januar; in diesen zwölf Nächten ist auch Mummenschanz angesagt. Zwar gibt es auch in Rußland Weihnachtsbäume und weihnachtlichen Schmuck, doch Weihnachtsgeschenke vom Weihnachtsmann sind eher nicht üblich. Süßigkeiten und kleine Aufmerksamkeiten bringt höchstens direkt am Neujahrstag (1. Januar)  „Väterchen Frost“, wie überhaupt dann die zu dieser Zeit meist vorherrschende trockene Kälte nach dem unwirtlichen Spätherbst von den Russen geschätzt wird und die Fastenzeit, zumindest früher, auch Überblick über die Wintervorräte geben sollte.

Der 7. Januar ist in Rußland erst seit 1991 wieder offizieller Weihnachtsfeiertag, denn seit der Oktoberrevolution 1917 war die orthodoxe Kirche an den Rand gedrängt.Schon seit Peter dem Großen war die Kirchenverwaltung eingeschränkt, die Mehrheit der gläubigen Bevölkerung aber blieb unberührt von Säkularisierung, nachdem die russische Orthodoxie seit 988 ein selbstständiges Patriarchat bildete. Nach dem Zusammenbuch des Kommunismus und der Sowjetunion ist die russische Orthodoxie in ihrer ganzen byzantinischen Pracht wieder hergestellt und ein tragendes Element des russischen Nationalismus.