Russische Weihnacht ist mehr als Fest der Liebe – Dr. Matthias Schwarzer über die Innerlichkeit des orthodoxen Kirchenlebens

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Dr. Matthias Schwarzer (Fotos: Rolf Gebhardt)

Rußland ist mehr als Oligarchie und Nationalismus, Alkoholrausch und Armut. Da gibt es auch die „russische Seele“ – und  und „russische Weihnacht“. Die vermittelte Dr. Matthias Schwarzer den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus in Bild, Wort und Tondokumenten. Gleichzeitig gab der frühere Leiter der Jugendmusikschule Heilbronn und heutige musikwissenschaftliche Referent des Stadtarchivs Heilbronn einen Einblick in das russisch-orthodoxe Christentum.

Viel Zeit braucht man für einen Gottesdienst nach orthodoxem Ritus, normalerweise zwei Stunden, an hohen Feiertage wie an Weihnachten aber schon mal vier Stunden. Und man muss die ganze Zeit über stehen, denn Stühle und Bänke gibt es in einer orthodoxen Kirche nicht. Schwarzer entführte die Zuhörer/innen in die Moskauer Hauptkirche, die Christ-Erlöser-Kirche. Wer dort zur nationalen Hauptmesse an Heiligabend um 23 Uhr noch einen Platz bekommen will, muss mindesten schon drei Stunden vorher da sein. Zu den 3000 Gläubigen im Kircheninneren versammeln sich etwa noch doppelt so viele draußen vor den Kirchentoren. Aber dieser Gottesdienst, zelebriert vom Moskauer Patriarchen und auch besucht von den russischen Spitzenpolitikern, wird auch im Fernsehen übertragen, so dass Millionen Russen diese Weihnachtsmesse am Bildschirm miterleben können.

Weihnachten ist für Russen das zweitgrößte religiöse Fest, nach Ostern. Es ist für sie mehr als ein „Fest der Liebe“, es ist ein Fest der Seele und der Sinne. Im Osten wie im Westen steht zu Weihnachten natürlich die Geburt Jesu im Mittelpunkt, doch die russische Weihnachtsmesse ist – wie eigentlich alle orthodoxen Gottesdienste – mit viel mehr religiöser Liturgie und Feierlichkeit aufgeladen, die aus einer tiefen innerlichen Frömmigkeit gespeist wird, meinte Schwarzer.

Der Gottesdienst ist geprägt von Buntheit und vielerlei Liedgut – gregorianische und kanonische Gesänge, gesungene Psalmen – und Lichterprozessionen, duftenden Weihrauchkesseln und blumengeschmückten Kerzen sowie Ikonenkult als Gebetszustand und Glaubensgegenstand. In beeindruckender Pracht die hohen Kleriker in kostbaren Brokatgewändern und vergoldeten Bischofsmützen. Das verbindende Element zu Gemeinde und Volk bildet der Chor, der die Gläubigen in die gemeinsamen Gesänge einstimmt und zu Gemeinschaftsgefühl verhilft.

Schwarzer machte deutlich, dass in Rußland das eigentliche Weihnachtsfest ja erst am 7. Januar gefeiert wird, da Russland die Umstellung auf den weltweit gebräuchlichen Gregorianischen Kalender nicht mitgemacht und am Julianischen Kalender festhielt, wobei sich ein Rest von jährlich elf Minuten ergibt, der sich inzwischen zu einer Differenz von 13 Tagen ausgewirkt hat. Dem voraus geht für orthodoxe Christen eine 40tägige Fastenzeit, denn nur nach einer körperlichen und geistigen Reinigung können Gläubige mit reinem Herzen Gottes Sohn empfangen. Generell ist Enthaltsamkeit angesagt. Es gibt viel Suppe, Brei und Kohlgemüse zum Essen, denn man soll auf Fleisch und Milchprodukte verzichten, in dieser Zeit montags, mittwochs und freitags bis zur Abendmesse auch auf Fisch, Pflanzenöl und Wein. Das eigentliche Weihnachtsfestmal findet am Weihnachtstag nach der Frühmesse im Familienkreis statt.

Die weihnachtliche Festzeit geht laut Schwarzer bis zum 12. Januar,  Heilige Drei Könige, die Taufe des Herrn, die Nachfestzeit gar bis 19. Januar; in diesen zwölf Nächten ist auch Mummenschanz angesagt. Zwar gibt es auch in Rußland Weihnachtsbäume und weihnachtlichen Schmuck, doch Weihnachtsgeschenke vom Weihnachtsmann sind eher nicht üblich. Süßigkeiten und kleine Aufmerksamkeiten bringt höchstens direkt am Neujahrstag (1. Januar)  „Väterchen Frost“, wie überhaupt dann die zu dieser Zeit meist vorherrschende trockene Kälte nach dem unwirtlichen Spätherbst von den Russen geschätzt wird und die Fastenzeit, zumindest früher, auch Überblick über die Wintervorräte geben sollte.

Der 7. Januar ist in Rußland erst seit 1991 wieder offizieller Weihnachtsfeiertag, denn seit der Oktoberrevolution 1917 war die orthodoxe Kirche an den Rand gedrängt.Schon seit Peter dem Großen war die Kirchenverwaltung eingeschränkt, die Mehrheit der gläubigen Bevölkerung aber blieb unberührt von Säkularisierung, nachdem die russische Orthodoxie seit 988 ein selbstständiges Patriarchat bildete. Nach dem Zusammenbuch des Kommunismus und der Sowjetunion ist die russische Orthodoxie in ihrer ganzen byzantinischen Pracht wieder hergestellt und ein tragendes Element des russischen Nationalismus.

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