Leben Sie getröstet, dann sind Sie ganz bei Trost – Heilbronner Prälat Harald Stumpf über die ökumenische Jahreslosung 2016

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Prälat Harald Stumpf beim Vortrag vor den „Jungen Senioren“ (Foto: Rolf Gebhardt)

Bei den „Jungen Senioren“ ist es guter Brauch, dass nach den Weihnachtsferien der Heilbronner Prälat den Programmteil zu Beginn des neuen Jahres eröffnet. Prälat Harald Stumpf tat dies nun im zweiten Jahr hintereinander mit der Auslegung der Jahreslosung, die für 2016 lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66.13)

Die Jahreslosung hat nichts – wie vielfach vermutet – mit den Herrnhuter Losungen zu tun, wie Stumpf einleitend klarstellte. Gleichwohl würdigte der Prälat das Herrnhuter Losungsbüchlein als bedeutendes Bindeglied für viele Millionen Christen in aller Welt, gleichsam als geistliches Pendant zu dem weltlichen „Millionen-Seller“ Ikea-Katalog, der in 33 Sprachen gedruckt wird, die Herrnhuter Losungen in 45 Sprachen. Erstmals gab Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, „seine“ Losungen am 3. Mai 1728 auf den Weg, seit 1731 in gedruckter Form. Die Jahreslosung dagegen ist laut Stumpf eng verbunden mit dem Bibelleseplan eines Landpfarrers aus Kurhessen, der 1852 die Bibel in Abschnitte für tägliche Lektüre einteilte, aber dennoch nicht alle wesentlichen Teile von Altem und Neuem Testament im Jahresplan unterbringen konnte. Nach verschiedenen Versuchen war es Otto Riethmüller, dem Leiter des evangelischen Reichsverbands weiblicher Jugend, vorbehalten, für 1930 die erste Jahreslosung zu präsentieren: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht.“ Für 1934 einigten sich die Mitglieder eines Textplanungsausschusses auf eine Passage im Petrusbrief: „Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“. Die auch auf Plakaten verbreiteten „gelben Sprüche“ – 500 000 Exemplare – missfielen jedoch den braunen Machthabern, die sie „zur Abwehr theologischer Angriffe gegen Partei und Staat“ verboten. Nach dem Krieg gab es eine Neubelebung bis hin zur ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen mit 24 Trägern (u.a. evangelisches und  katholisches Bibelwerk nebst Freikirchen), die seit 1969 die Herausgabe von Jahreslosungen für jeweils vier Jahre im voraus für den gesamten deutschsprachigen christlichen Raum verantwortet.

„Die ökumenische Jahreslosung 2016 lenkt nun unseren Blick auf die mütterliche Seite Gottes“, so der Prälat. Sie drücke die Grunderfahrung einer bleibenden Sehnsucht aus, wie sie entsprechende sinnbildliche Illustrationen – auch aus der Tierwelt – erfahren habe, die Stumpf zeigte, und er fügte hinzu: „Als Vater von vier Kindern, einem Pflegekind und als stolzer Großvater von drei Enkelkindern kann ich mit einem gewissen Recht behaupten: Mütter sind beim Trösten nicht zu toppen.“ Auch wenn heute Väter und Mütter vielfach das Miteinander in Familie und Beruf gemeinsam gestalteten und sich nicht auf traditionelle Rollenzuweisungen festlegen lassen, seien neun Monate im Mutterleib und die körperliche Nähe und Wärme in den ersten Lebensmonaten praktisch nicht wettzumachen. Stumpf ergänzte dazu ein Zitat des französischen Philosophen Albert Camus: “Die Mutter ist die erste Quelle der Liebe“ sowie ein altes Sprichwort „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mutter“.

Stumpf wies nach, dass der Prophet Jesaja erstmals von Gott wie von einer Mutter geredet habe, dass er tröstet wie eine Mutter ihr Kind: „Was ihr von einer eigenen frühen Kindheit kennt, das dürft ihr auch von Gott erwarten.“ Überhaupt sei das Alte Testament voll von Trostgeschichten; auch Klagepsalmen seien letztendlich solche. Gott spende Trost dem gepeinigten, verspotteten und verzagten Volk Israel, das so ermutigt werde und neue Perspektiven erhalte. Genauso könne und dürfe ein Mensch, dem Trost zugesprochen werde, neue Luft aufnehmen, aufatmen und Hoffnung haben. Trost und Trösten sei aber nicht allein Gott und Mutter vorbehalten, jedermann sei dazu aufgerufen und in der Lage. „Aus gutem Grund: Bleiben Sie ganz bei Trost, dann leben Sie getröstet und bei Gott“. So beendete Prälat Stumpf sein Referat mit guten Wünschen für das begonnene Jahr.

In der Diskussion kam selbstverständlich die natürliche Bindung zur Mutter zur Sprache. Eine solche Mutter-Sehnsucht reiche mitunter bis ins hohe Alter, wenn etwa eine hochbetagte Pflegebedürftige nur noch einen Satz formuliere, „meine Mutter ist tot“. Allerdings kamen auch Beispiele mit mentalen Mangelerfahrungen, ohne Mutter-Trost, allenfalls Vertröstungen, von Beziehungsarmut, „kriegsbeschädigten“ Müttern, die nicht viel Zeit und Sinn für Kinder hatten so wie „moderne bewusste“ Mütter – „als Kinder halt nebenher liefen“.

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