Archiv für den Tag 18. Januar 2016

Die Zerstörung Heilbronns und der Wiederaufbau – Stadtarchiv-Direktor Prof. Christhart Schrenk über Kriegsende und Neubeginn 

 

 

2016-01-18_04akl.jpg

Prof.Dr.Christhart Schrenk (Foto: Rolf Gebhart)

 

Auch nach 70 Jahren Frieden – die längste Friedensperiode der deutschen Geschichte – kann auch  „die Zeit davor“ noch ganz lebendig werden., so bei dem Vortrag von Prof. Dr. Christhart Schrenk „Heilbronn 1945 – Kriegsende und Neubeginn“ bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.  Und bei den von dem Direktor des Stadtarchivs Heilbronn gezeigten aufrüttelnden authentischen Bildern und kurzen Filmsequenzen wurden bei vielen, die als Kinder das Geschehen noch hautnah miterlebt hatten, schmerzvolle und auch sentimentale Erinnerungen wach.

Der entscheidendste Tag für Heilbronn war zweifellos der 4. Dezember 1944: Die totale Zerstörung der Heilbronner Altstadt. Schrenk ließ dieses schreckliche Ereignis noch einmal Revue passieren: In den frühen Abendstunden startete die britische Royal Air Force den Luftangriff. Von „Mosquito“-Schnelbombern abgeworfene Leuchtbomben – „Christbäume“ – markierten farblich die Ziele für 274 Lancester-Fernbomber, die innerhalb einer halben Stunde über 1200 Tonnen Spreng- und Brandbomben abwarfen und die Heilbronner Innenstadt in ein Flammenmeer verwandelten. Flächenbrände entstanden, ein Feuersturm raste durch die engen Gassen und Straßen. In  Kellern und Luftschutzbunkern starben die Menschen an Kohlenmonoxyd-Vergiftung; unter und zwischen den Trümmern lagen verkohlte Leichen. Im Gedenkbuch der Stadt werden 6530 Tote registriert.

Wie Schrenk darlegte, war dieser Luftangriff gedacht zur Demoralisierung der Bevölkerung. Doch erreicht wurde eher das Gegenteil, denn die Nazi-Behörden waren schnell mit Hilfeleistungen für die Überlebenden und Geschädigten zur Stelle. Gräber am Köpferhang wurden ausgehoben, die Opfer identifiziert und nebeneinander bestattet; später wurde daraus der Ehrenfriedhof.

Die Heilbronner hatten überdies schon zuvor Luftangriffe erlebt. Der Bombenkrieg hatte bereits am 17. Dezember 1940 Heilbronn erreicht (zwei Tote). Im Februar 1943 überflogen Royal Air Force und US-Luftwaffe die Stadt. 1944 gab es bei einem Luftangriff am 10. September 279 Tote, im Oktober forderten  Bombenabwürfe aus 10 000 m Höhe von einzelnen über Richtstrahl gesteuerten Jagdfliegern 37 Opfer. Später, am 21. Januar 1945, führte ein Luftangriff am Wartberg zu 133 Toten. Insgesamt kamen durch diese Luftangriffe, ohne 4. Dezember 1944, 540 Menschen zu Tode.

Ende Februar 1945 warfen US-Flugzeuge Kapitulationsaufrufe und Passierscheine für Deserteure ab. US-Truppen, die über den Rhein gekommen waren, rüsteten sich zum Vorstoß auf Heilbronn: Die 100. US-Infanterie-Division unter General  Burres mit 9000 Mann. Als sie am 2. April von Frankenbach aus Heilbronn beschossen, sprengten in der Nacht deutsche Soldaten die  Flussbrücken. NS-Kreisleiter Richard Drauz hatte die Verteidigung bis zum Äußersten befohlen.

Es dauerte bis zum 5. April, bis die Amerikaner im Schutz von künstlichem Nebel mit Panzern über Pontonbrücken beim Götzenturm über den Neckar gelangen konnten. Es kam zu heftigen Kämpfen beim Salzwerk und der Zuckerfabrik, bei Knorr und Brauerei Cluss – „Festungsstationen“. Nach blutigen Häuserkämpfen in der Kernstadt war Heilbronn am 12. April vollständig von US-Truppen besetzt. Kreisleiter Drauz hatte sich bereits am 4. April abgesetzt. Auf der Flucht sah er an der Schweinsbergstraße weiße Fahnen an einem Haus und ließ die vier Bewohner erschießen. (Drauz wurde am 4. 12. 1946 von einem US-Militärgericht in Landsberg wegen der Ermordung von US-Kriegsgefangenen zum Tode verurteilt und durch Erhängen hingerichtet.) 400 Tote hatte der Kampf um Heilbronn gebracht. Insgesamt hatte Heilbronn fast 11 000 Kriegstote zu beklagen.

Die US-Militärregierung unter Major Harry M.  Montgomery bemühte sich sofort um Ruhe und Ordnung und  setzte am 13. April den 1933 aus dem Amt enthobenen Oberbürgermister Emil Beutinger wieder als Stadtoberhaupt ein; Sitz Cäcilienstraße 60. Spätere Oberbürgermeister waren Paul Metz (1946-48) und Paul Meyle (1948-67). Zum „Ehrendienst“ Trümmerräumen (1,5 Millionen Kubikmeter) wurden alle Männer von 16 und 55 Jahren für zwölf Tage verpflichtet. Gemeinsam wurde die Lebensmittelverteilung eingeleitet (Bezugsscheine; Carepakete, Quäkerspeise), Wasser- und Gasleitungen instand gesetzt. Schnell erblühte auch wieder das Kulturwesen, die Schulen wurden wieder aufgebaut. 1947 gab es wieder eine Neckarbrücke. Da noch viele Menschen in Elendsunterkünften sowie in Kellern, Weinberg- und Gartenhäusern hausten, musste  neuer Wohnraum geschaffen und überhaupt der Stadtaufbau neu geplant werden. Schrenk stellte heraus, dass  die erste Nachkriegszeit durch ein eindrucksvolles solidarisches Miteinander gekennzeichnet war.