Archiv für den Monat März 2016

Der Islam ist keineswegs eine Einheitsfront – Der Orientalist Matthias Hofmann über die Gespaltenheit der islamischen Welt

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Auf welch breites Interesse die Thematik Islam und Muslime stößt, zeigte sich auch bei der Veranstaltung der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit dem Orientalisten Matthias Hofmann, der schon mehrmals in Heilbronn referiert hatte und auch jetzt wieder 120 Zuhörer/innen anzog. Sein eigentliches Thema bezog sich zwar auf die alte Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten, doch mit Querverweisen und aktuellen Bezügen bis hin zu dem EU-Abkommen mit der Türkei fand sein sachlich-informativer als auch meinungsstarker Vortrag großen Anklang.

Der vom Mohammed (570-632), dem „Sendboten Gottes“, „gestiftete“ Islam ist mit 1,6 Milliarden Gläubigen nach dem Christentum die zweitgrößte Weltreligion. Seine Dominanz erstreckt sich, ausgehend von der arabischen Halbinsel, von Nordafrika bis südlich der Sahara über den Nahen Osten (so Türkei, Syrien, Irak), Teile Mittelasiens, über Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien bis nach Indonesien – völkerreichster islamischer Staat – und an die Grenzen Chinas. Im Gegensatz zur westlichen Welt kennen Muslime keine Trennung zwischen Staat und Religion, wird ihr Leben im Grunde von ihrem heiligen Buch, dem von Gott inspirierten Koran, bestimmt. Wie Hofmann erläuterte, sind dessen 114 Suren von Umfang, Stilistik und Inhalt unterschiedlich, zum Teil widersprüchlich, geprägt von den mekkanischen und der medinensischen Periode des Propheten. Das für uns Verbindende ist, dass der Koran Bezüge zum damals im Orient verbreiteten Juden- und Christentum aufweist und sich ebenso auf Adam und Abraham – bzw. dessen erstgeboren Sohn Ibrahim – bezieht und Jesus als Propheten – nicht aber als Gekreuzigten und Erlöser – anerkennt.

Nach dem Tod Mohammeds, der sich auch als Feldherr und Staatsmann hervorgetan hat, begann die Zeit der Kalifen. Die beiden ersten waren Schwiegerväter Mohammeds, der dritte ein Weggefährte  und der vierte Mohammeds Schwiegersohn und Vetter Ali. Auf diese „vier rechtsgeleiteten Kalifen“ beziehen sich die Sunniten, die laut Hofmann heute 85 Prozent der Muslime ausmachen, während die sich später abspaltenden – dem Heiligen- und Märtyrerkult zuneigenden – („Zwölfer“-)Schiiten (heute dominierend im Iran und auch in Irak) die Auffassung vertreten, dass nachfolgende Imame von diesem Ali abstammen sollen. Neben den Schiiten, acht bis zehn Prozent, gibt es laut Hofmann noch zahlreiche islamische Konfessionen wie Ibaditen (Oman), Alawiten (bestimmend in Syrien), Alewiten (meist Kurden) und Ismaeliten (Aga Khan). Hofmann erwähnte auch die Salafisten, vor Jahren in Deutschland bekannt geworden durch Koran-Verteilung, wobei er herausstellte, dass es einen friedliche, politischen und einen dschihadistisch-militanten Salafismus gibt.

Hofmann bemühte sich, die Angst vor dem Anspruch des Islam auf Weltherrschaft und vor der Scharia zu nehmen. Dafür sei der Islam viel zu sehr gespalten und verzweigt. Jedem Muslimen wird zugetraut, den Koran individuell richtig zu verstehen, meinte Hofmann. Es gibt zwar vielerlei Koranschulen, aber keine stringente islamische Theologie, geschweige denn ein verbindliches  Lehramt. Der Islam ist eine Gesetzesreligion mit religiösen Pflichten (den fünf Säulen: arabisches Glaubensbekenntnis, rituelles Gebete, Almosengebot, rituelles Fasten, Pilgerfahrt nach Mekka). Im sunnitischen Mehrheitsislam sind vier Rechtsschulen entstanden, wobei die der Hanbaliten, von der  fundamentalistischen Reformbewegung des Wahhabitismus in Saudi Arabien aufgenommen, einen kompromisslosen Traditionalismus von großer Frömmigkeit und Sturheit darstellt. Daneben gibt es in fast allen islamischen Ländern noch ein geordnetes staatliches Rechtswesen.

Hofmann erinnerte daran, dass islamische Kunst, Kultur und Wissenschaft vom 9.  bis 13. Jahrhundert eine Hochblüte hatte, der Islam aber gegen und nach dem Ende des Osmanischen Reiches unter der militanten Einflussnahme des Westens in seinem Selbstverständnis erschüttert wurde. Die zivilisatorische und militärische Überlegenheit des Westens sowie Interventionen haben zur Entstehung von Terroristengruppen geführt, so Al Qaida, Taliban, Mudschahedin, Hisbollah, Boko Haram bis IS. Als Kampf um die führende Regionalmacht seien – nach der „Arabellion“ – die Stellvertreterkriege zwischen Saudi Arabien (Sunniten) und dem wieder erstarkten Iran (Schiiten) in Syrien und Jemen zu sehen; jeweiliges Ziel: Islamischer Staat.  Noch besorgter zeigte sich Hofmann über die Großmachtpolitik der Türkei unter Präsident Erdogan, dem er ein Streben nach lebenslanger autoritärer Herrschaft zutraute und neben der Aufhebung der Presse- und Meinungsfreiheit auch eine militärische „Lösung“ der Kurden-Problematik.

Am Willen und Wohl des Patienten orientiert – Klinik-Seelsorger Adriano Paoli über das klinische Ethikkomitee der SLK

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Klinikseelsorger Adriano Paoli (Foto: Rolf Gebhardt)

Wenn man vermeintlich „noch mitten im Leben steht“, fällt es nicht leicht, sich mit dem letzten Lebensabschnitt auseinanderzusetzen, „das Ende zu bedenken“. Wie ist es, wenn ich etwa mal krankheitsbedingt in eine Situation komme, wo ich mich nicht mehr richtig artikulieren kann und hilflos dem medizinischen Betrieb ausgesetzt bin? Nicht zuletzt in einem solchen Fall ist es gut zu wissen, dass es bei den SLK-Kliniken Heilbronn ein klinisches Ethikkomitee gibt. Über dessen Funktion und Arbeitsweise informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Klinik-Seelsorger am SLK-Klinikum Heilbronn, Adriano Paoli, Pastoralreferent und zudem Master für Angewandt Ethik im Gesundheits- und Sozialwesen.

Paoli ist einer der drei Klinikseelsorger, die dem klinischen Ethikkomitee für die vier SLK-Kliniken Am Gesundbrunnen, Am Plattenwald, Brackenheim und Möckmühl angehören, zudem unter anderem noch zehn Ärzte und sieben Pflegefachkräfte. Diese SLK-Institution „dient der Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in allen Bereichen des Klinikalltags“. Das klinischen Ethikkomittee hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, Mitarbeiter entsprechend zu schulen und ethische Strukturen in den Kliniken aufzubauen. Damit soll eine stetige Verbesserung eines humanen Umgangs mit den Kranken erreicht und eine situationsgerechte „der Würde des Menschen verpflichtete“ Umgebung geschaffen werden. Laut Paoli kommt hierbei eine wichtige Stellung auch der Ethikvisite auf der medizinischen Intensivstation zu, wie generell auch Maßnahmen, die der Verbesserung der Kommunikation mit Patienten und Angehörigen dienen,

Als eine wesentliche Aufgabe des Ethikkomitees sieht Paoli die klinische Ethikberatung in Form eines „ethischen Konzils“. Mit dessen Hilfe wird versucht, in schwierigen Situationen im Konsens mit allen Beteiligten zu einer Entscheidung über die weitere Behandlung zu gelangen, welche sich am Willen und Wohl des Patienten und dessen Wertvorstellungen orientiert. Ein solches ethisches Konsil kann von jedem in der Versorgung und Betreuung eines Patienten eingebunden Mitarbeiters angefordert werden, aber auch von dem Patienten selbst oder dessen Angehörigen. Da es bei solchen zentralen Entscheidungen in der Regel auch um die Frage der Zeit geht, müssen sie unter Heranziehung geschulter Moderatoren innerhalb von 45 Minuten gefällt werden.

Das Ethikkomitee verfügt darüber hinaus über eine Vielzahl von Arbeitsgruppen, welche sich mit ethisch brisanten Themen des klinischen Alltags befassen und für das Ethikkomitee Verbesserungsvorschläge für den klinischen Alltag erarbeiten. Da kann es sich um adäquate Standortsbestimmung des Krankheitszustandes des Patienten handeln, um die Festlegung von Therapiezielen und Behandlungskonzepten. Es reicht bis zur Arbeitsgruppe Sterbekultur mit der Einrichtung eines Palliativzimmers. Der Ethikvisite kommt zumeist auch ein palliativer Charakter zu, gilt es doch bei Krankheitssituationen im Endstadium,  dem aktuellen, erklärten oder mutmaßlichen Willen des Patienten gerecht zu werden.

Um hier Schwierigkeiten zu vermeiden und möglichst Eindeutigkeit herzustellen, empfiehlt Paoli nachdrücklich die frühzeitige Entscheidung für eine Patientenverfügung, die immer wieder – nach Lebenserfahrung – neu justiert werden kann. Darüber hinaus sollte in einer Vorsorgevollmacht eine „Person des Vertrauens“ eingesetzt werden, die in uneindeutigen Situationen der Verbindlichkeit  der Patientenverfügung gegenüber den Ärzten Gehör verschaffen könnte. Patientenverfügung wie Vorsorgevollmacht bedürfen der schriftlichen Form, nicht aber der notariellen Beglaubigung.

Um eine Patientenverfügung richtig abfassen zu können, sollte man kompetente Beratung nutzen, rät Paoli dringend. So hat das Klinische Ethikkomitee die „Initiative Selbst bestimmen“ eingerichtet. Hier stehen speziell geschulte, engagierte Beraterinnen und Berater ehrenamtlich für  Einzelgespräche zur Verfügung, wobei sich klären lässt, wie man durch eine Patientenverfügung und eine Gesundheitsvollmacht effektive Vorsorge für ein selbst bestimmtes Leben bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit treffen kann. Entsprechende Gesprächstermine vermittelt das Klinikum am Gesundbrunnen wie auch das Seniorenbüro Heilbronn des Vereins Senioren für andere. Als Beratungsgebühr wird ein Kostenbeitrag von 5 € verlangt.

Der Ethiker Paoli: „Die Medizin kann mehr als der Patient wohl wünscht. Jeder hat ein Recht zu leben, aber nicht die Pflicht zur Lebensverlängerung, wenn er sich krankheitsbedingt in auswegloser Lage befindet.“.

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Enkeltrick: „Hallo Oma, ich brauch‘ Geld“ -Interaktives Theater- und Präventionsprojekt zum Schutz vor Trickbetrügern

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Warnung vor dem Enkeltrick in einem Theaterstück (Foto: Rolf Gebhardt)

Der Kreis der „Jungen Senioren“ war eigentlich die richtige Zielgruppe und das ideale Publikum für das kriminalpräventive Theaterstück „Hallo Oma, ich brauch‘ Geld“, das im Hans-Rießer-Haus über die Bühne ging. Die Zahl der über 60Jährigen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Sie stehen heute auch vermehrt im Fokus von Trickbetrügern, denn die Senioren verfügen zum Teil über ein erhebliches Geldvermögen und haben andererseits Schwierigkeiten, betrügerische Maschen zu durchschauen.

In der Zeitung liest man immer wieder Meldungen über ältere Menschen, die auf Trickbetrüger hereingefallen sind. Der hiesigen Kriminalpolizei werden allmonatlich ein halbes Dutzend solcher  Fälle gemeldet, doch die wenigsten Anzeigen führen zu Festnahmen. Schutz vor Betrügern ist deshalb das Ziel eines Präventionsprojekts des Polizeipräsidiums Heilbronn gemeinsam mit der Sozialstiftung der Kreissparkasse Heilbronn, die den Großteil der Finanzierung trägt, und dem Kreisseniorenrat Heilbronn, der sich um Organisation und Termine kümmert. Die theatermäßige Umsetzung „Hallo Oma, ich brauch‘ Geld“ stammt von dem Ludwigsburger Theaterpädagogen Allan Mathiasch, der zusammen mit den Kollegen Uta Baltus und Felix Beck die ganze Sache in Szene setzt. Nach der Premiere am 2. November 2015 bei der Kreissparkasse „Unter der Pyramide“  folgten vier weitere Veranstaltungen, und für 2016 sind weitere zehn Termine fest eingeplant.

Die inzwischen wohl bekannteste Betrugsmasche ist der sogenannte Enkeltrick, der jetzt auch gleich zu Anfang dargestellt wurde: Da wird aus dem Telefonbuch eine Person mit einem „älteren“ Vornamen herausgesucht und dann telefonisch angesprochen:“Rate mal, wer da spricht“ und aus der möglichen Reaktion gibt sich dann der Betrüger als Enkel oder sonstigen Verwandten aus. In diesem Falle als der Peter, der mehrere Jahre in Spanien war, gut verdient hat und jetzt dabei ist, sich ganz in der Nähe eine teure Wohnung zu leisten. Ein Freund kümmert sich darum, kann aber die vom Makler angesichts des umkämpften Wohnungsmarktes dringend geforderte Dreimonatsmiete-Kaution nicht aufbringen. Die gütige Dame möge diesem Menschen, der in nächster Zeit bei ihr vorbei komme, doch diese 1800 Euro vorstrecken. Sie bekomme sie heute Abend ganz bestimmt wieder zurück, wenn sein Zug aus Hamburg in Heilbronn einträfe und er sie bei einem Wiedersehenstreff besuche.

Die für eine ähnlichen Nachspielszene gewonnene „junge Seniorin“ zeigte sich auf der Bühne jedoch recht clever, ging vermeindlich auf den „Enkeltrick“ ein, meldete sich aber unmittelbar bei der Polizei, um diese in den Fall einzubinden. Auch zwei weitere „junge Senioren“ erwiesen sich  bei anderen initiierten Wohnungsbesuchen durchaus aufmerksam und kritisch: Als ein sommerlich bekleidete Frau mit eingegipstem Arm darum bat, ihre Telefonnummer für einen nicht angetroffenen Nachbarn aufzuschreiben; der Hilfreiche merkte zwar alsbald, dass sein auf dem Tisch gelegenes Portemonnaie nicht mehr da war, nicht aber, dass zwischenzeitlich ein zweiter Mann in seine Wohnung gekommen und hinter seinem Rücken sich der Geldbörse bemächtigt hatte. Im anderen Fall sollte der Herr für einen Nachbarn ein wertvolles Päckchen übernehmen, die Annahme quittieren, danach 20 Euro Versandkosten zahlen – doch nicht mit ihm

In einem Fall wird eine ältere Frau, die gerade einen größeren Betrag am Bankautomaten abgehoben hat, von einer Bankmanagerin besucht, mit der Bitte das Geld zurückzugeben, da Falschgeld im Umlauf sei und man sie vor Unannehmlichkeiten bewahren wolle. Sie könne sich morgen früh den Betrag plus Prämie gegen ausgestellter Quittung am Bankschalter wieder abholen. Oder: Wie man mit einer tollen Gewinnbenachrichtigung abgezockt werden soll . . .

„Belogen, betrogen und abgezockt werden Senioren immer wieder“, so Harald Pfeifer, Erster Polizeihauptkommissar beim Polizeipräsidium Heilbronn, Referat Prävention,. Er riet den  „jungen Senioren“, weiter aufmerksam, vorsichtig und kritisch zu sein, und wenn sie wirklich mal auf ein Täuschungsmanöver hereingefallen sind, dies nicht verschämt zu verschweigen, sondern der Polizei zu melden (110). Die ebenfalls anwesenden KSK-Repräsentanten – Pressesprecher Joachim Schmutz, Stiftungsgeschäftsführer Mathias Bastin und Filialdirektorin Evelyn Krämer – zeigten sich ganz angetan von der eindringlichen Darstellung weitverbreiteter Betrugsmanöver, die ja in sehr vielen Fällen mit Bankaktionen zu tun haben.