Archiv für den Tag 21. März 2016

Der Islam ist keineswegs eine Einheitsfront – Der Orientalist Matthias Hofmann über die Gespaltenheit der islamischen Welt

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(Foto: Rolf Gebhardt)

Auf welch breites Interesse die Thematik Islam und Muslime stößt, zeigte sich auch bei der Veranstaltung der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit dem Orientalisten Matthias Hofmann, der schon mehrmals in Heilbronn referiert hatte und auch jetzt wieder 120 Zuhörer/innen anzog. Sein eigentliches Thema bezog sich zwar auf die alte Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten, doch mit Querverweisen und aktuellen Bezügen bis hin zu dem EU-Abkommen mit der Türkei fand sein sachlich-informativer als auch meinungsstarker Vortrag großen Anklang.

Der vom Mohammed (570-632), dem „Sendboten Gottes“, „gestiftete“ Islam ist mit 1,6 Milliarden Gläubigen nach dem Christentum die zweitgrößte Weltreligion. Seine Dominanz erstreckt sich, ausgehend von der arabischen Halbinsel, von Nordafrika bis südlich der Sahara über den Nahen Osten (so Türkei, Syrien, Irak), Teile Mittelasiens, über Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien bis nach Indonesien – völkerreichster islamischer Staat – und an die Grenzen Chinas. Im Gegensatz zur westlichen Welt kennen Muslime keine Trennung zwischen Staat und Religion, wird ihr Leben im Grunde von ihrem heiligen Buch, dem von Gott inspirierten Koran, bestimmt. Wie Hofmann erläuterte, sind dessen 114 Suren von Umfang, Stilistik und Inhalt unterschiedlich, zum Teil widersprüchlich, geprägt von den mekkanischen und der medinensischen Periode des Propheten. Das für uns Verbindende ist, dass der Koran Bezüge zum damals im Orient verbreiteten Juden- und Christentum aufweist und sich ebenso auf Adam und Abraham – bzw. dessen erstgeboren Sohn Ibrahim – bezieht und Jesus als Propheten – nicht aber als Gekreuzigten und Erlöser – anerkennt.

Nach dem Tod Mohammeds, der sich auch als Feldherr und Staatsmann hervorgetan hat, begann die Zeit der Kalifen. Die beiden ersten waren Schwiegerväter Mohammeds, der dritte ein Weggefährte  und der vierte Mohammeds Schwiegersohn und Vetter Ali. Auf diese „vier rechtsgeleiteten Kalifen“ beziehen sich die Sunniten, die laut Hofmann heute 85 Prozent der Muslime ausmachen, während die sich später abspaltenden – dem Heiligen- und Märtyrerkult zuneigenden – („Zwölfer“-)Schiiten (heute dominierend im Iran und auch in Irak) die Auffassung vertreten, dass nachfolgende Imame von diesem Ali abstammen sollen. Neben den Schiiten, acht bis zehn Prozent, gibt es laut Hofmann noch zahlreiche islamische Konfessionen wie Ibaditen (Oman), Alawiten (bestimmend in Syrien), Alewiten (meist Kurden) und Ismaeliten (Aga Khan). Hofmann erwähnte auch die Salafisten, vor Jahren in Deutschland bekannt geworden durch Koran-Verteilung, wobei er herausstellte, dass es einen friedliche, politischen und einen dschihadistisch-militanten Salafismus gibt.

Hofmann bemühte sich, die Angst vor dem Anspruch des Islam auf Weltherrschaft und vor der Scharia zu nehmen. Dafür sei der Islam viel zu sehr gespalten und verzweigt. Jedem Muslimen wird zugetraut, den Koran individuell richtig zu verstehen, meinte Hofmann. Es gibt zwar vielerlei Koranschulen, aber keine stringente islamische Theologie, geschweige denn ein verbindliches  Lehramt. Der Islam ist eine Gesetzesreligion mit religiösen Pflichten (den fünf Säulen: arabisches Glaubensbekenntnis, rituelles Gebete, Almosengebot, rituelles Fasten, Pilgerfahrt nach Mekka). Im sunnitischen Mehrheitsislam sind vier Rechtsschulen entstanden, wobei die der Hanbaliten, von der  fundamentalistischen Reformbewegung des Wahhabitismus in Saudi Arabien aufgenommen, einen kompromisslosen Traditionalismus von großer Frömmigkeit und Sturheit darstellt. Daneben gibt es in fast allen islamischen Ländern noch ein geordnetes staatliches Rechtswesen.

Hofmann erinnerte daran, dass islamische Kunst, Kultur und Wissenschaft vom 9.  bis 13. Jahrhundert eine Hochblüte hatte, der Islam aber gegen und nach dem Ende des Osmanischen Reiches unter der militanten Einflussnahme des Westens in seinem Selbstverständnis erschüttert wurde. Die zivilisatorische und militärische Überlegenheit des Westens sowie Interventionen haben zur Entstehung von Terroristengruppen geführt, so Al Qaida, Taliban, Mudschahedin, Hisbollah, Boko Haram bis IS. Als Kampf um die führende Regionalmacht seien – nach der „Arabellion“ – die Stellvertreterkriege zwischen Saudi Arabien (Sunniten) und dem wieder erstarkten Iran (Schiiten) in Syrien und Jemen zu sehen; jeweiliges Ziel: Islamischer Staat.  Noch besorgter zeigte sich Hofmann über die Großmachtpolitik der Türkei unter Präsident Erdogan, dem er ein Streben nach lebenslanger autoritärer Herrschaft zutraute und neben der Aufhebung der Presse- und Meinungsfreiheit auch eine militärische „Lösung“ der Kurden-Problematik.