Archiv für den Monat April 2016

Für Muslime bestimmt der Glaube das Leben -Gemeindepfarrer Ralf Rohrbach-Koop lässt sich vom Islam auch faszinieren

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Pfarrer Ralf Rohrbach-Koop (Foto: Rolf Gebhardt)

„Jenseits von Vorurteilen und Verklärungen, Verzerrung und Verbrechen – was mich am Islam ernsthaft fasziniert: Eine gewagte Offenheit.“ So der Titel des Referats des Untereisesheimer Gemeindepfarrers Ralf Rohrbach-Koop bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Er war sich bewusst, dass er mit seinem Versuch einer überwiegend positiven Bewertung des Islam „gegen den Mainstream“, wo in einer Mehrheitsgesellschaft Islamkritik auf offene Ohren stößt, „leicht die Finter verbrennen kann und in die Ecke der Gutmenschen gesteckt werden könnte.“
Rohrbach-Koop, verheiratet mit einer Oberärztin, stammt aus einer frommen Familie im pietistisch-freikirchlichen Umfeld in Nordhessen und hat ein „umfängliches“ Studium der Theologie mit Dialog-Seminaren absolviert. Eng verbunden mit der Basler Mission ist er auch Bezirksbeauftragter für Ökumene, Mission und Entwicklung sowie der evangelische Koordinator der kirchlichen Partnerschaft Heilbronn mit Sabah, einer Provinz des muslimischen Staates Malaysia auf Borneo..
So manche Erfahrung und Erkenntnis mit dem Islam hat Rohrbach-Koop auch im Umgang mit muslimischen Mitbürgern, Nachbarn und Bekannten in seiner Gemeinde gewonnen, aber auch im Stuttgarter Osten und in Hamburg-Wilhelmsdorf – gemäß seiner Devise: “Nicht übereinander reden, sondern miteinander sprechen.” Wer etwa einen Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter muslimischen Glaubens habe, werde wohl schnell seine Islamphobie verlieren.
Leicht enttäuscht registrierte Rohrbach-Koop, dass im Auditorium kein einziger Muslim vertreten war. Auf den Hinweis, dass die Schuld nicht bei dem Veranstalter zu suchen sei, zumal der Termin öffentlich angekündigt war, meinte er, dass es bei den Muslimen zweifellos eine Scheu und Schwellenangst gebe, öffentliche und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Fremdheitsgefühl und Angstbesessenheit sei beiderseits – bei Einheimischen und zugewanderten Muslimen – anzutreffen. Deshalb warb er für ein “kritisch-konstruktives Miteinander von Verbündeten”.
Was Rohrbach-Koop am Islam am meisten beeindruckt, ist “die innere Dynamik der Frömmigkeit – die faszinosa muslimika”, die Hochachtung der heiligen Schrift, die Nähe zu Offenbarungsquellen des Glaubens. In vielen Teilen des Koran sei die Beziehung zur Bibel, zum Juden- und Christentum, nicht zu übersehen, so die Wertschätzung alttestamentarischer Gestalten wie auch von Jesus und Maria, wobei der Islam zwar den Kreuzes- und Erlösertod negiere, der Jungfrauengeburt aber voll vertraue. Und: “Alle drei monotheistischen Religionen bekennen sich zu Gott als den Schöpfer und Erbarmer, sind also gewissermaßen Glaubensgeschwister.” Für uns Christen sei jedoch die Göttlichkeit von Jesus Christus entscheidend – “den Juden ein Ärgernis, den anderen ein Gräuel.”
Gewalt und Verbrechen, die im Namen einer Religion begangen werden, bezeichnete Rohrbach-Koop als Machwerk von Teufel und Hölle. Ehrenmorde seien nicht auf Religion begründet, sondern auf Stammestraditionen. Wer die Rolle der Frau im Islam verurteile, sollte vorher mal Muslimas befragen.
Für Rohrbach-Koop ist jedem Menschen eine Gottesbeziehung angeboren. So sei in muslimischen Ländern jedes Kind von klein auf muslimisch gläubig und wachse ganz selbstverständlich geborgen in diesem den Alltag prägenden und strukturierenden Glauben auf: “Muslime haben ein Mindestgerüst an Frömmigkeit, an das man sich anlehnen kann, das dem Leben Richtung gibt.”
Angesichts der Fülle überwiegend schlechter Nachrichten aus dem islamischen Umfeld meinte Rohrbach-Koop, dass der Islam ähnlich breitgefächert und pluralistisch ist wie das Christentum, das in Deutschland vorwiegende und zunehmend liberal auftrete, aber auch ausgeprägt fromme, bibeltreue, pietistische, evangelikale und sektiererisch-esoterische Ausprägungen habe, und in Afrika und Lateinamerika fänden charismatische und pfingstlerische Kirchen den größten Zulauf.
Angesprochen auf die jüngste Behauptung aus dem politischen Raum, der Islam sei eigentlich keine Religion, sondern eine Ideologie wie etwa Kommunismus oder Nationalsozialismus, weil er nach der Staatsmacht, der islamischen Republik, und gar einer muslimischen Verfassung strebe, sagte Rohrbach-Koop, auch im Nachbeben der Reformation hätten sich ähnliche Tendenzen eingestellt. Er erinnerte an die dogmatisch-gewaltsame Theokratie in Genf unter dem Reformator Calvin, vom Papsttum und der Ketzerverfolgung im Mittelalter ganz abgesehen. Aber auch der Islam sei in der Lage (zu versetzen), Aufklärung und Demokratie anzunehmen und auch zu historisch-kritischer Betrachtung des Koran.

Wie Oikocredit Welt und Geld bessern will – Bildungsreferentin Christina Alff informierte über ethisches Investment

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Christina Alff (Foto: Rolf Gebhardt)

„Geld regiert die Welt“ heißt es im Blick auf das Wesen unserer vom Kapitalismus geprägten Wirtschaft .Manchen Menschen ist da unwohl  bei dem Gedanken, was mit Geld und Kapitalanlage so alles geschehen kann: Wettrüsten, Drogenhandel, Umweltzerstörung. Doch Geld kann auch positive Beiträge leisten: „Ethisches Investment“. Auf diesem Gebiet tätig ist die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Was es damit auf sich hat, darüber informierte die Oikocredit-Bildungsreferentin Dr. Christina Alff die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

 

Die Wurzeln von Oikocredit liegen im „sozialen Evangelium“ des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), das eine gerechte, partizipatorische und nachhaltige Gesellschaft anstrebt. So fragten sich auf der ÖRK-Generalversammlung 1968 im schwedischen Uppsala engagierte Kirchenmitglieder, ob es nicht für die Kirchen einen anderen Weg geben könnte, als ihre Gelder auch in „Sünden-Aktien“ zu investieren, die (damals) den Vietnamkrieg und die Apartheid unterstützen.

Sieben Jahre später wurde die EDCS gegründet, die Vorläuferin von Oikocredit, die Kirchen und kirchliche Organisationen in Richtung eines ethischen Investitionsinstruments ausrichten sollte, die den Interessen der Armen dient. Zahlreiche Kirchen traten dem damaligen EDCS bei, doch die eingebrachten Investitionsmittel hielten sich in bescheidenen Grenzen, denn die Kirchen glaubten es ihren Mitgliedern nicht zumuten zu können, das ihnen anvertraute und in Rücklagen gesteckte Geld in eine so unsichere Anlage wie „Armenkredit“ zu investieren.

„Es lohnt sich, in Menschen zu investieren, auch und gerade in jene, die als nicht bankfähig gelten.“ Davon ist Christina Alff überzeugt – aus Erfahrung. Denn die promovierte Geografin, die auch tropische Landwirtschaft studiert hat, blickt auf viele Jahre Auslandsaufenthalte zurück und ist nebenberuflich Trainerin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Beispiel Indien: Da lernte Alff, was Toilette mit Würde zu tun hat. Die Häfte der dortigen Bevölkerung von 1,2 Milliarden Einwohnern hat keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, Da können kleine Kredite für dringende Bedürfnisse allerhand ausrichten. Frauen in südindischen Dörfern, die sich traditionsgemäß bei Dunkelheit in die Büsche schlagen mussten, war es das Risiko eines eingeräumten Minikredits von umgerechnet 140 € für eine vor Ort hergestellte Toilette (mit Dreinage) wert, und in freiwilligen Solidarhaftungsgemeinschaften schafften sie die Rückzahlung. Ebenso gut klappte es mit Solaranlagen für saubere und sichere Lichtquellen, die heute – aus Mikrokrediten finanziert – in etlichen kleinen Produktionsfabriken hergestellt werden.

Angesprochen für Ideen zur Selbsthilfe werden in erster Linie Frauen, so Alff, denn diese fühlen sich für Haushalt und Familie verantwortlich, bleiben ortstreu, während die Männer in jenen armen Gegenden oft Familie und Heimat verlassen. Alff konnte mit einer Reihe von erfolgreichen Beispielen aufwarten, wo mit der Einräumung von Mikrokrediten kreativen Dorffrauen zu rentablen Existenzgründungen zur Sicherung der familiären Einkommensbasis verholfen worden ist und sie es so realisieren helfen, dass es ihren Kindern mal besser gehen soll.

In Bolivien verhalf Oikocredit 49 Kooperativen mit 120 Familienbetrieben zum gewinnbringenden Anbau von Bio-Kakao. Anderswo gab es Kleinkredit für die Anschaffung einer Milchkuh (Alff: Holsteiner Schwarzbunte), aus deren Milcherlös die Anschaffung von eigenem Land und eines Pickup resultierte. Eine kleine Holzwerkstatt machte Karriere mit Mitteln für die Herstellung von Tischkickerspielen. Im afrikanischen Sambia engagierte sich Oikocredit gar mit einer Finanzbeteiligung an einer  ökologischen Aquakultur zur Züchtung von Buntbarschen, nachdem dieses an sich wasserreiche Land solche wichtigen Eiweißträger selbst in Form von Trockenfisch aus China importierte.

Die Geschäftsidee von Oikocredit ist die Spekulation auf nachhaltige selbstbestimmte Entwicklung in den armen Ländern durch Kredite zu fairen Bedingungen mit langen Laufzeiten und zahlbaren Zinsen. 40 Jahre nach der Gründung weist Oikocredit eine Bilanzsumme von einer Milliarde € auf mit 900 Millionen € Projektfinanzierungsportfolio bei über 800 Partnerorganisationen. Die Zentrale ist in den Niederlanden, In Deutschland gibt es acht Förderkreise, von denen Baden-Württemberg mit fast 7000 Mitgliedern und 120 Millionen € Investitionen der größte ist. Ab 300 € kann man sich beteiligen, und durchweg gab es zwei Prozent Dividende, was für die Nachhaltigkeit und die hohe Rückzahlungsquote der Mikrokredite spricht.

Gärten, Parks und Grünanlagen früher und heute – Annette Geisler machte die Geschichte der Heilbronner Gartenkultur lebendig

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Annette Geisler (Foto: Rolf Gebhardt)

Heilbronn war und ist nicht nur eine bedeutende Handels- und Industriestadt, sondern auch eine  „grüne Stadt“, und das nicht nur infolge der Landesgartenschau 1985 und im Vorfeld der Bundesgartenschau 2019. Heilbronn zeichnet sich seit dem ausgehenden Mittelalter durch eine ausgeprägte Gartenkultur aus. Über die Geschichte der Gärten, Parks und Grünanlagen in Heilbronn berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus die Bibliothekarin des Heilbronner Stadtarchivs, Annette Geisler, die die 100 Zuhörer/innen mit charmanten Beschreibungen und eindrucksvollen Bildern wieder einmal begeistern konnte.

„Alles, was man sieht, ist fruchtbar. Das nächste sind Weinberge,und die Stadt selbst liegt in einer grünen Masse von Gärten. Der Anblick bietet einen ruhigen, breiten, hinreichenden Genuss.“ So zitierte Geisler den deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, als dieser bei seinem Heilbronn-Besuch zu seinem 48. Geburtstag im August 1897 beim Blick vom Wartberg dieses schöne Lob für die Stadt im Tal notierte. In der Heilbronner Kernstadt waren viele Grünanlagen und gepflegte Privatgärten zu erkennen und im Umfeld ausgedehnte Obst- und Gemüsegärten vor den grünen Wäldern im Osten und Süden. Der Wartberg war im 19. Jahrhundert – wie zeitgenössische Bilder zeigen – eine große Parkanlage der klassischen Gartenkunst, mit exotischen Bäumen, fast ohne Rebflächen, dem Wartbergturm, einer repräsentativen Gaststätte (1845 „neuer Wartberg“ anstelle des „alten Wartberg“ von 1792) und kleinen Pavillons, „wo auch poussiert und manche Heilbronner Ehe gestiftet wurde“, wie Annette Geisler anmerkte.

Bevorzugtes Naherholungsgebiet der Heilbronner war viele Jahrzehnte die Allee, hat Geisler recherchiert. Entlang der Ostseite der Altstadt wurden die Stadtmauern abgerissen und der Stadtgraben aufgeschüttet und darauf ab 1846 eine 800 m lang und 45 m breite Grünanlage mit Bäumen, Hecken, Büschen, Rasen und Blumenbeeten angelegt sowie auch Kinderspielplätze – eine beliebte Promenade für jung und alt. Und auch heute präsentiert sich die Allee (wieder) als ein stattlicher grüner Boulevard, der dem Auto-, Stadtbahn-, Rad- und Fußgängerverkehr gerecht wird.

Wichtige Impulse zur Verschönerung des mitunter durch die Industrialisierung beeinträchtigten Stadtbilds gingen von Heilbronner Bürgern aus, die 1846 eine Verschönerungskommission als Aktiengesellschaft gründeten, woraus 1863 der Verschönerungsverein wurde (heute Verkehrsverein). Dieser bemühte sich nicht nur um die chausseeartige Gestaltung der Allee sowie um einen freien Platz – begrünt und planiert – vor dem Bollwerksturm, sondern setzte auch die städtische Vorschrift durch, dass Neubauten an bestehenden Straßen mit Vorgärten angelegt werden sollten. Der Verschönerungsverein war 1887 der größte Heilbronner Verein mit 681 Mitgliedern, darunter alle Heilbronner Ärzte, Apotheker, Buch- und Musikalienhändler sowie 64 alleinstehende Damen. Er machte sich vor allem verdient um den Schweinsbergturm und die Köpferbrunnenanlage im Heilbronner Stadtwald, kümmerte sich aber auch um die „Begrünung düsterer Winkel“.

Wie Annette Geisler aufzeigte, wies das historische Heilbronn eine Reihe von großzügigen privaten Gartenanlagen bzw. Parks auf, neben großen Biergärten die Parks der Unternehmerdynastie Rauch/Feyerabend/Mertz sowie Cluss zwischen Neckar und Rosenberg, oder noch früher der riesige Sommergarten der Deutschordenskommende in Sontheim mit schnurgeraden Beeten und Wegen.

Vorläufer des Heilbronner Stadtgartens war der 1817 begründete Braunhardtsche Garten, in dem auch das erste „Harmonie“-Gebäude und ein „Aktientheater“ entstand, neben tausenden Blumen, Gehölzen, Sträuchern und Blumen auch Musikpavillon, Gartencafé und Wasserspiele. Als 1972 unter dem so beliebten Park eine Tiefgarage angelegt wurde, mussten für die Wurzeln der mächtigsten Bäume aufwändige Schächte gebaut werden: Deshalb gelten hier Flügelnuss, Trompetenbaum und Ahorn als die teuersten Bäume Deutschlands. Eine 450 jährige Privatgeschichte weist das verträume Trappenseegelände auf, dem sich der vielseitige Volkspark Pfühlpark mit Rosarium, Seen, Liegewiesen und Spielplätzen anschließt.

Heilbronn kann sich seit dem frühen 19. Jahrhundert großer Gärtnereien rühmen, die führend waren in der Rosenkultur und bei der Einführung neuer Blumen (Geranien, Hortensien, Dahlien, Azaleen, Magnolien). Und heute kann sich Heilbronn rühmen mit 50 000 Stadtbäumen – wichtige Funktion für Luft und Klima.

Hier im Anhang finden Sie 25  Bilder von Heilbronner Parkanlagen aus den vergangenen Jahrhunderten:

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Roma, ungeliebtes ethnisches Minderheitsvolk – Eine Geschichte der Stigmatisierung, Diskriminierung und Verfolgung

Photographs from Antep Museum

„The Gypsy Girl“ – Mosaic of Zeugma from Gaziantep Museum of Archeology (wikicommos/gemeinfrei)

„Roma – Zigeuner: ein ungeliebtes Volk“. So lautete der Titel der Veranstaltung der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Doch der angekündigte Referent Martin Rill, ein Sachverständiger für deutsch-rumänische Beziehungen, war aus besonderen Umständen nicht erschienen, und so musste erstmals in der über 25 jährigen Geschichte der „Jungen Senioren“ eine Veranstaltung ausfallen (wenngleich sich bei obligatorischen Kaffee und Gebäck lebhafte Gespräche entwickelten). Um dieses für die Besucher/innen interessante Thema nicht unter den Tisch fallen zu lassen, soll hier aus verschiedenen kompetenten Quellen (u.a. wissenschaftliches Sonderheft „Sinti und Roma“ als Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ und Veröffentlichungen von Roma-Verbänden) eine thematische Darstellung geboten werden.

Das Wort „Zigeuner“ stellt seit Jahrhunderten eine – auf das byzantinische Griechisch zurückgehende Fremdbezeichnung für Minderheiten mit auffälligen von der Mehrheitsbevölkerung abweichenden Eigenschaften und Verhalten. Die betroffenen Menschen empfinden dieses Wort als verletzend und  beleidigend, diskriminierend und rassistisch. Es geht um die Bevölkerungsgruppe der Roma und Sinti, deren Vorfahren im 9. bis 11. Jahrhundert aus ihre Urheimat im indischen Punjab – einem Gebiet in nordwestlichen Indien und östlichen Pakistan (Sinti nach der indischen Provinz Sindh) – bei arabischen Eroberungszügen verschleppt und als Sklaven und Soldaten gegen die oströmischen Legionen ins Feld geschickt und zumeist nach Südosteuropa verbracht wurden. Zum Teil kamen sie auch im Rahmen der Völkerwanderung vor 1000 Jahren über Persien, Armenien und das griechisch besiedelte Kleinasien nach Europa. Hauptniederlassungsgebiete wurden Griechenland und  Rumänien, auch Bulgarien, Transsylvanien, die Walachei, Serbien, Bosnien, ferner Ungarn und Slowakei, mit Abwanderungen bis nach Finnland und vor allem nach Deutschland, wo ihr Auftauchen seit Anfang des 15. Jahrhunderts bezeugt ist.

Die „Roma“ (= Mensch) – so ihre heute international gängige Selbstbezeichnung – gaben ihre kulturelle Eigenständigkeit und ihre familiären Gepflogenheiten nie auf und bleiben bei ihrer eigenständigen Sprache, dem aus dem Sanskrit stammende Romanes.  Aus der Leibeigenschaft befreit bestritten sie ihren Lebensunterhalt vielfach mit Gold- und Kunstschmiedearbeiten, Musikinstrumentenbau und Waffenherstellung, auch als Hufschmiede, Scherenschleifer und Kesselflicker oder als Musiker und Schausteller, wobei sie ihr Handwerk meist umherziehend betrieben. Von einem nomadisierenden oder fahrenden Volk – einer „zigeunerischen Lebensform“ – kann heute kaum noch die Rede sein. Die ehemaligen „Landfahrer“ sind heute fast ausnahmslos sesshaft, fristen aber insbesondere in den Balkan- und osteuropäischen Ländern als „Randgruppen“ in armseligen Siedlungen ein verfemtes Dasein und werden oft als Kriminelle, Asoziale, Analphabeten und Verwahrloste abgestempelt („Sie sind schmutzig, betteln, stehlen, betrügen.“).

Die Roma erlebten in Europa eine lange Verfolgungsgeschichte, gipfelnd in der Nazi-Diktatur, unter deren Rassengesetze eine halbe Million Sinti und Roma starben, rund 25 000 aus dem Deutschen Reich, die überwiegende Mehrheit aus den ihm angegliederten Ostgebieten. Bereits 1936 kamen die ersten „Zigeunerhäftlinge“ nach Dachau, 1940/43 wurden über 120 000 Sinti und Roma in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Selbst nach diesem “vergessenen Völkermord“ wurden die Roma vor allem während und nach den Balkan-Kriegen im ehemaligen Jugoslawien Opfer von Vertreibungen und ethnischen Säuberungen.

Die Roma stellen heute in Europa die größte ethnische Minderheit mit etwa zehn Millionen Mitglieder dar sowie die jüngste Bevölkerungsgruppe. In Deutschland leben schätzungsweise etwa 120 000 Roma, von denen gut die Hälfe deutsche Staatsbürger sind, zudem noch etwa 200 umherziehenden Familien mit einem „Zigeunerkönig“. In den letzten Jahren ergab sich eine zunehmende Anzahl von Asylsuchenden und Arbeitsimmigranten aus Albanien und Bosnien, Mazedonien, Kosovo und Serbien, leiden doch (nicht nur) dort Roma unter behördlicher Diskriminierung und rassistischen Übergriffen. In einer Reihe von westeuropäischen Ländern sind größere Kommunen verpflichtet zur Einrichtung von Durchreiseplätze für  Roma-Familien; sie sind meist staatenlos oder verfügen nur über Geburtsurkunden aus südosteuropäischen Ländern.  Als wichtigste gesellschaftliche Förderung gilt ein besserer Zugang zu Bildungsmöglichkeiten.