Roma, ungeliebtes ethnisches Minderheitsvolk – Eine Geschichte der Stigmatisierung, Diskriminierung und Verfolgung

Photographs from Antep Museum

„The Gypsy Girl“ – Mosaic of Zeugma from Gaziantep Museum of Archeology (wikicommos/gemeinfrei)

„Roma – Zigeuner: ein ungeliebtes Volk“. So lautete der Titel der Veranstaltung der „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Doch der angekündigte Referent Martin Rill, ein Sachverständiger für deutsch-rumänische Beziehungen, war aus besonderen Umständen nicht erschienen, und so musste erstmals in der über 25 jährigen Geschichte der „Jungen Senioren“ eine Veranstaltung ausfallen (wenngleich sich bei obligatorischen Kaffee und Gebäck lebhafte Gespräche entwickelten). Um dieses für die Besucher/innen interessante Thema nicht unter den Tisch fallen zu lassen, soll hier aus verschiedenen kompetenten Quellen (u.a. wissenschaftliches Sonderheft „Sinti und Roma“ als Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ und Veröffentlichungen von Roma-Verbänden) eine thematische Darstellung geboten werden.

Das Wort „Zigeuner“ stellt seit Jahrhunderten eine – auf das byzantinische Griechisch zurückgehende Fremdbezeichnung für Minderheiten mit auffälligen von der Mehrheitsbevölkerung abweichenden Eigenschaften und Verhalten. Die betroffenen Menschen empfinden dieses Wort als verletzend und  beleidigend, diskriminierend und rassistisch. Es geht um die Bevölkerungsgruppe der Roma und Sinti, deren Vorfahren im 9. bis 11. Jahrhundert aus ihre Urheimat im indischen Punjab – einem Gebiet in nordwestlichen Indien und östlichen Pakistan (Sinti nach der indischen Provinz Sindh) – bei arabischen Eroberungszügen verschleppt und als Sklaven und Soldaten gegen die oströmischen Legionen ins Feld geschickt und zumeist nach Südosteuropa verbracht wurden. Zum Teil kamen sie auch im Rahmen der Völkerwanderung vor 1000 Jahren über Persien, Armenien und das griechisch besiedelte Kleinasien nach Europa. Hauptniederlassungsgebiete wurden Griechenland und  Rumänien, auch Bulgarien, Transsylvanien, die Walachei, Serbien, Bosnien, ferner Ungarn und Slowakei, mit Abwanderungen bis nach Finnland und vor allem nach Deutschland, wo ihr Auftauchen seit Anfang des 15. Jahrhunderts bezeugt ist.

Die „Roma“ (= Mensch) – so ihre heute international gängige Selbstbezeichnung – gaben ihre kulturelle Eigenständigkeit und ihre familiären Gepflogenheiten nie auf und bleiben bei ihrer eigenständigen Sprache, dem aus dem Sanskrit stammende Romanes.  Aus der Leibeigenschaft befreit bestritten sie ihren Lebensunterhalt vielfach mit Gold- und Kunstschmiedearbeiten, Musikinstrumentenbau und Waffenherstellung, auch als Hufschmiede, Scherenschleifer und Kesselflicker oder als Musiker und Schausteller, wobei sie ihr Handwerk meist umherziehend betrieben. Von einem nomadisierenden oder fahrenden Volk – einer „zigeunerischen Lebensform“ – kann heute kaum noch die Rede sein. Die ehemaligen „Landfahrer“ sind heute fast ausnahmslos sesshaft, fristen aber insbesondere in den Balkan- und osteuropäischen Ländern als „Randgruppen“ in armseligen Siedlungen ein verfemtes Dasein und werden oft als Kriminelle, Asoziale, Analphabeten und Verwahrloste abgestempelt („Sie sind schmutzig, betteln, stehlen, betrügen.“).

Die Roma erlebten in Europa eine lange Verfolgungsgeschichte, gipfelnd in der Nazi-Diktatur, unter deren Rassengesetze eine halbe Million Sinti und Roma starben, rund 25 000 aus dem Deutschen Reich, die überwiegende Mehrheit aus den ihm angegliederten Ostgebieten. Bereits 1936 kamen die ersten „Zigeunerhäftlinge“ nach Dachau, 1940/43 wurden über 120 000 Sinti und Roma in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Selbst nach diesem “vergessenen Völkermord“ wurden die Roma vor allem während und nach den Balkan-Kriegen im ehemaligen Jugoslawien Opfer von Vertreibungen und ethnischen Säuberungen.

Die Roma stellen heute in Europa die größte ethnische Minderheit mit etwa zehn Millionen Mitglieder dar sowie die jüngste Bevölkerungsgruppe. In Deutschland leben schätzungsweise etwa 120 000 Roma, von denen gut die Hälfe deutsche Staatsbürger sind, zudem noch etwa 200 umherziehenden Familien mit einem „Zigeunerkönig“. In den letzten Jahren ergab sich eine zunehmende Anzahl von Asylsuchenden und Arbeitsimmigranten aus Albanien und Bosnien, Mazedonien, Kosovo und Serbien, leiden doch (nicht nur) dort Roma unter behördlicher Diskriminierung und rassistischen Übergriffen. In einer Reihe von westeuropäischen Ländern sind größere Kommunen verpflichtet zur Einrichtung von Durchreiseplätze für  Roma-Familien; sie sind meist staatenlos oder verfügen nur über Geburtsurkunden aus südosteuropäischen Ländern.  Als wichtigste gesellschaftliche Förderung gilt ein besserer Zugang zu Bildungsmöglichkeiten.

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