Archiv für den Tag 18. April 2016

Wie Oikocredit Welt und Geld bessern will – Bildungsreferentin Christina Alff informierte über ethisches Investment

2016-04-18_03akl.jpg

Christina Alff (Foto: Rolf Gebhardt)

„Geld regiert die Welt“ heißt es im Blick auf das Wesen unserer vom Kapitalismus geprägten Wirtschaft .Manchen Menschen ist da unwohl  bei dem Gedanken, was mit Geld und Kapitalanlage so alles geschehen kann: Wettrüsten, Drogenhandel, Umweltzerstörung. Doch Geld kann auch positive Beiträge leisten: „Ethisches Investment“. Auf diesem Gebiet tätig ist die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Was es damit auf sich hat, darüber informierte die Oikocredit-Bildungsreferentin Dr. Christina Alff die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus.

 

Die Wurzeln von Oikocredit liegen im „sozialen Evangelium“ des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), das eine gerechte, partizipatorische und nachhaltige Gesellschaft anstrebt. So fragten sich auf der ÖRK-Generalversammlung 1968 im schwedischen Uppsala engagierte Kirchenmitglieder, ob es nicht für die Kirchen einen anderen Weg geben könnte, als ihre Gelder auch in „Sünden-Aktien“ zu investieren, die (damals) den Vietnamkrieg und die Apartheid unterstützen.

Sieben Jahre später wurde die EDCS gegründet, die Vorläuferin von Oikocredit, die Kirchen und kirchliche Organisationen in Richtung eines ethischen Investitionsinstruments ausrichten sollte, die den Interessen der Armen dient. Zahlreiche Kirchen traten dem damaligen EDCS bei, doch die eingebrachten Investitionsmittel hielten sich in bescheidenen Grenzen, denn die Kirchen glaubten es ihren Mitgliedern nicht zumuten zu können, das ihnen anvertraute und in Rücklagen gesteckte Geld in eine so unsichere Anlage wie „Armenkredit“ zu investieren.

„Es lohnt sich, in Menschen zu investieren, auch und gerade in jene, die als nicht bankfähig gelten.“ Davon ist Christina Alff überzeugt – aus Erfahrung. Denn die promovierte Geografin, die auch tropische Landwirtschaft studiert hat, blickt auf viele Jahre Auslandsaufenthalte zurück und ist nebenberuflich Trainerin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Beispiel Indien: Da lernte Alff, was Toilette mit Würde zu tun hat. Die Häfte der dortigen Bevölkerung von 1,2 Milliarden Einwohnern hat keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, Da können kleine Kredite für dringende Bedürfnisse allerhand ausrichten. Frauen in südindischen Dörfern, die sich traditionsgemäß bei Dunkelheit in die Büsche schlagen mussten, war es das Risiko eines eingeräumten Minikredits von umgerechnet 140 € für eine vor Ort hergestellte Toilette (mit Dreinage) wert, und in freiwilligen Solidarhaftungsgemeinschaften schafften sie die Rückzahlung. Ebenso gut klappte es mit Solaranlagen für saubere und sichere Lichtquellen, die heute – aus Mikrokrediten finanziert – in etlichen kleinen Produktionsfabriken hergestellt werden.

Angesprochen für Ideen zur Selbsthilfe werden in erster Linie Frauen, so Alff, denn diese fühlen sich für Haushalt und Familie verantwortlich, bleiben ortstreu, während die Männer in jenen armen Gegenden oft Familie und Heimat verlassen. Alff konnte mit einer Reihe von erfolgreichen Beispielen aufwarten, wo mit der Einräumung von Mikrokrediten kreativen Dorffrauen zu rentablen Existenzgründungen zur Sicherung der familiären Einkommensbasis verholfen worden ist und sie es so realisieren helfen, dass es ihren Kindern mal besser gehen soll.

In Bolivien verhalf Oikocredit 49 Kooperativen mit 120 Familienbetrieben zum gewinnbringenden Anbau von Bio-Kakao. Anderswo gab es Kleinkredit für die Anschaffung einer Milchkuh (Alff: Holsteiner Schwarzbunte), aus deren Milcherlös die Anschaffung von eigenem Land und eines Pickup resultierte. Eine kleine Holzwerkstatt machte Karriere mit Mitteln für die Herstellung von Tischkickerspielen. Im afrikanischen Sambia engagierte sich Oikocredit gar mit einer Finanzbeteiligung an einer  ökologischen Aquakultur zur Züchtung von Buntbarschen, nachdem dieses an sich wasserreiche Land solche wichtigen Eiweißträger selbst in Form von Trockenfisch aus China importierte.

Die Geschäftsidee von Oikocredit ist die Spekulation auf nachhaltige selbstbestimmte Entwicklung in den armen Ländern durch Kredite zu fairen Bedingungen mit langen Laufzeiten und zahlbaren Zinsen. 40 Jahre nach der Gründung weist Oikocredit eine Bilanzsumme von einer Milliarde € auf mit 900 Millionen € Projektfinanzierungsportfolio bei über 800 Partnerorganisationen. Die Zentrale ist in den Niederlanden, In Deutschland gibt es acht Förderkreise, von denen Baden-Württemberg mit fast 7000 Mitgliedern und 120 Millionen € Investitionen der größte ist. Ab 300 € kann man sich beteiligen, und durchweg gab es zwei Prozent Dividende, was für die Nachhaltigkeit und die hohe Rückzahlungsquote der Mikrokredite spricht.