Archiv für den Monat Oktober 2016

Martin Luther stand als Reformator nicht allein da – Dekan i.R. Kunz über die Dauerbaustelle Kirche vor, mit und nach Luther

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Dekan i.R. Dieter Kunz (Foto: Rolf Gebhardt)

Exakt am Reformationstag 31. Oktober zum Beginn des Jubiläumsjahres „500 Jahre Reformation“  warteten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit einem wegweisenden Vortrag über „Reformationen vor, mit und nach Martin Luther“ auf. Kundiger Referent war der Heilbronner Dieter Kunz, der jahrzehntelang in der „Dauerbaustelle Kirche“ – so sein Thema – tätig war, auch als langjähriger Pfarrer der Heilbronner Friedensgemeinde und zuletzt als Dekan im Kirchenbezirk Göppingen, im Ruhestand auch noch als gefragter Dozent und gelegentlicher Kirchenkabarettist.

Martin Luther, so Kunz, war ein herausragender Mensch, ein großer Zweifler und Kämpfer, ein großes Sprachgenie und ein wortgewaltiger Prediger, aber auch mit den Irrtümern und Vorurteilen seiner Zeit behaftet, aber letztlich einer, der mit seiner Unerschrockenheit die abendländische Glaubenswelt spaltete und den Boden bereitete für maßgebliche Entwicklungen der Neuzeit, so dass er von der New York Times nicht zu Unrecht als „Mann des zweiten Jahrtausends“ gekürt wurde. Um sein Denken und Wirken besser zu verstehen, sei es jedoch angebracht, „den Teppich der Geschichte schichtweise zu lüften“, meinte Kunz, damit die Verknüpfungen erkennbar werden, die zum Erfolg der Reformation, die Luther ja nicht geplant hatte, führten.

Bereits im 12. und 13. Jahrhundert gab es religiöse Laienbewegungen, die sich gegen den Absolutheitsanspruch der Kirchenhierarchie mit ihrem Reichtums- und Machtstreben wandten und das Ideal der Besitzlosigkeit, Armut und Einfachheit praktizierten, so die brutal verfolgten Kartharer in Südfrankreich und die Anhänger von Petrus Waldes (1150-1218), die Waldenser, die bis heute noch als kirchliche Grüppchen in in Italien (und Südamerika) überlebten. Kunz verwies insbesondere auf den Begründer des Franziskanerorden, Franz von Assisi (1181-1226), der die Umkehr der Kirche zu ihren Wurzeln der Besitzlosigkeit, Mildtätigkeit und Nächstenliebe forderte und sich der radikalen Entsagung verschrieb. Oder Girolamo Savonarola (1452-1498), Prior des Dominikanerklosters in Florenz, der nach dem Sturz der Medici die Stadtherrschaft über Florenz übertragen bekam, jedoch wegen seiner Reformansätze von dem ganz weltlich lebenden Papst Alexander VI. exkommuniziert (und ganz Florenz dazu) und dem Scheiterhaufen übergeben wurde.

Der klassische Vorläufer von Luther war Kunz zufolge der böhmische Priester Jan Huss (1369-1415), der – wie Luther – Ablasswesen und Korruption, Habsucht, Unmoral und Heuchelei der Kirche anprangerte und umfassende Reformen mit der Bibel als Quelle der Wahrheit forderte, dann trotz freien Geleits beim Konstanzer Konzil 1415 als Ketzer verurteilt und verbrannt wurde, wie nachträglich auch noch der englische Reformator John Wyclif (1330-1384), der mit der Bibelübersetzung begonnen und Besitzstreben und Herrschaftsanspruch der Päpste angeprangert hatte. Auch der große Humanist Erasmus von Rotterdam (1467-1536) bereitete mit den Boden für Luthers Reformation.

Zur Durchschlagskraft von Luther als Reformator trugen eine Reihe von besonderen Umständen und Personen bei, erläuterte Kunz. Da war zum einen Johannes Gutenberg (1400-1468) mit der Erfindung der Buchdruckerkunst, die durch den Glaubensstreit einen gewaltigen Aufschwung nahm. Die massenhafte Verbreitung von Luthers 95 Thesen wider den Ablasshandel und seine nachfolgenden Schriften sowie die Bibelübersetzung machten die Reformationsanliegen in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt und populär, wesentlich unterstützt von den zahlreichen Luther-Porträts von Lukas Cranach d.Ä. (1478-1553), der wichtigste Propagandist der Reformation, dessen Werke unser Bild dieser bewegten Epoche prägen. Hinzu kam der geniale Künstler und Luther-Anhänger Albrecht Dürer (1471-1528).

Luther wäre wohl nie der große Reformator geworden ohne seinen kongenialen Uni-Kollegen Philipp Melanchthon (1497-1560), im Gegensatz zu dem stämmigen und impulsiven Luther schmächtig und diplomatisch, ein hochbegabter Altsprachler, der den Lehren Luthers die systematische Gestalt gab, so das Augsburger Bekenntnis formulierte, und das mittelalterliche Bildungswesen reformierte.

Kunz würdigte auch noch die andere Reformatoren, Bugenhagen und Brenz einerseits und Zwingli und Calvin andererseits. Er ging auch auf Luthers Gegenpole Kaiser und Papst ein wie auf wohlgesonnene Landesherren. Schließlich verwies Kunz darauf, wie aus der evangelischen Lehre sich bis heute  ein zersplitterter Protestantismus entwickelte mit Lutheranern und Reformierten, Anglikanern, Methodisten, Baptisten und unzähligen Freikirchen, dem das geschlossene – wenn auch brüchige – System der römisch-katholischen Kirche von Papst und Vatikan gegenübersteht. Kunz:“Die Kirche bleibt im Umbau.“

Wider die Diskriminierung von Sinti und Roma – Dr. Andreas Hoffmann-Richter prangert unbegründeten Antiziganismus an

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Dr. Andreas Hoffmann-Richter (Foto: Rolf Gebhardt)

Klischee und Wirklichkeit im Zusammenhang mit Sinti und Roma auseinander zu halten und aufzuklären war das Anliegen eines Vortrags von Dr. Andreas Hoffmann-Richter bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Der Referent ist Beauftragter für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma in Ulm, die von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) unterstützt wird; früher war er jahrelang ökumenischer Mitarbeiter bei der japanischen Mitgliedskirche der EMS für die diskriminierte Minderheit der Buraku.
„Sinti und Roma stellen die einzige nationale Minderheit in Baden-Württemberg dar“, hob Hoffmann-Richter eingangs hervor. Dies hat die Landesregierung festgelegt gemäß eines Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten, 1994 vom Ministerkomitee des Europarates beschlossen und 1995 von der Bundesregierung unterzeichnet. Nationale Minderheiten sind in deutschen Bundesländern ferner deutsche Staatsangehörige der Dänen, Sorben und Friesen. .
Gewöhnlich wird das Wortpaar Sinti und Roma benutzt, zumal die Interessenverbände seit 1982 im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg zusammengeschlossen sind und auch einen Landesverband in Mannheim haben. Sinti sind laut Hoffmann-Richter seit mehr als einem halben Jahrtausend in Deutschland ansässig, während man unter Roma eher Zuzügler aus dem südosteuropäischen Raum Mitte des 19. Jahrhunderts und in den letzten 60 Jahren als Roma-Gastarbeiter versteht. Wie Hoffmann-Richter auf Nachfrage erklärte, gibt es rund 120 000 Sinti und Roma in Deutschland (nach anderen Quellen 50 000 Sinti und 20 000 Roma) mit regionalen Schwerpunkten, je 40 000 in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg, meist ziemlich unauffällig.
Die Vorfahren der etwa acht Millionen in Europa beheimateten Sinti und Roma stammen aus der Region Sindh im Nordwesten des indischen Subkontinents, wo sie offenbar beim Einströmen arabischer und muslimischen Volksstämme vor über 1000 Jahren vertrieben wurden. Die Bezeichnung Roma (= Menschen) ist ein allgemeiner Sammelbegriff außerhalb des deutschen Sprachraums. Die den Sinti und Roma eigene Sprache, das Romanes, bezeugt noch ihre indoarische Herkunft und begründet ihre kulturelle Identität in der Mehrheitsgesellschaft. Die deutschen Sinti sind mit ihrem Deutsch zweisprachig und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.
Wie Hoffmann-Richter darlegte, mussten die Sinti und Roma die Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung machen, resultierend aus spezifischen Vorurteilen und negativen Stereotypen, die sich in den gängigen Klischees von „Zigeuner“ verkörperten: „Unberührbare“, fahrendes Volk, schmutzig und asozial, kriminell, abgekapselt im Familienclan lebend. Ihr „Umherziehen“ resultiere daraus, dass sie von Anfang an von einem Ort zum anderen vertrieben worden seien und so mittellos, diskriminiert und ausgegrenzt waren und sich mit Musik und gewissen unbeliebten Tätigkeiten den Lebensunterhalt verdienen mussten. Dabei seien sie eigentlich ebenso sesshaft wie das deutsche Staatsvolk, das sich überhaupt ja auch überwiegend aus zugewanderten Völkern mit unterschiedlichen Sprachen zusammensetze, so Hoffmann-Richter.
Schon im Mittelalter seien Sinti und Roma zunehmend unterdrückt, vertrieben und zum Teil als vogelfrei erklärt worden. Unzählige Edikte und Gesetze wurden gegen sie in Deutschland (und u.a. auch in Frankreich) gegen sie erlassen. Im deutschen Reich kam es nach Hoffmann-Richter zu einer systematischen Bekämpfung der Sinti und Roma, und in der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden sie neben den Juden als „Artfremde“ gesellschaftlich ausgegrenzt, „obwohl sie doch eigentlich ‚urarisch‘ sind.“ In den dem Zugriff der SS ausgesetzten Ländern Europas seien etwa eine halbe Million Sinti und Roma in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet worden.
Hoffmann-Richter beklagte, dass auch nach 1945 sich Städte und Dörfer der Rückkehr und Integration überlebender Sinti und Roma in offener Ablehnung widersetzten Sinti und Roma erfuhren über Jahrzehnte keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen und erst sehr spät bescheidene Entschädigungsleistungen. Bis heute gebe es einen „latenten Hass auf Zigeuner“. Diesem unbegründeten „Antiziganismus“ gelte es, durch Aufklärung Paroli zu bieten..
Hoffmann-Richter kritisierte die Rückführung von monatlich über 3200 Roma in sogenannte sichere Herkunftsländer wie Serbien und Kosovo, wo sie oft hilflos dem Elend ausgeliefert seien. Es sei unfassbar, dass die von der EU zugesagten Projektmittel von 17 Milliarden Euro für Sinti- und Roma-Programme von den betreffenden Ländern in Südosteuropa über 15 Milliarden nicht abgerufen wurden.

Was man für Rheuma hält ist meist nicht Rheuma – Mit Dr. Baldung Gärtner einer vielschichtigen Erkrankung auf der Spur

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Dr. Baldung Gärtner (Foto: Rolf Gebhardt)

Es gehört zum Programm der „Jungen Senioren“, dass auch immer wieder gesundheitliche Themen – Krankheiten – behandelt werden. Diesmal ging es im Hans-Rießer-Haus um Rheuua: „Die meisten Menschen, die Rheuma haben, vielmehr meinen, Rheuma zu haben, haben kein Rheuma.“ Dies stellte eingangs der Heilbronner Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie, Baldung Gärtner, in seinem Referat klar. Die landläufig als Rheuma beschriebenen Schmerzen an Gelenken, Sehnen und Muskeln seien zumeist auf eine rheumatische Erkrankung zurückzuführen.
In der Regel handelt es sich bei den angezeigten Schmerzen um Arthrose – Gelenkverschleiß, also um eine chronische Abnutzungserscheinung, erklärte Gärtner. Im Laufe des Lebens nehme halt der körperliche Verschleiß zu. Die mechanische Beanspruchung der Gelenke ist dann höher als ihre Belastbarkeit. Fehlbelastungen und Fehlstellungen können ein übriges bewirken. Erbliche Veranlagung kann Arthrose-Ausprägungen frühzeitig befördern. Am häufigsten tritt die Arthrose bei den Wirbelsäulengelenken auf, weil der mit dem Alter zunehmende Verschleißprozess der Bandscheiben zu zusätzlicher Belastung der Wirbelkörper führt, so dass Beschwerden vor allem Hals- und Lendenwirbelsäule auftreten. Häufig sind Arthrosen auch bei Hüft- und Kniegelenk.
Arthrosen entwickeln sich laut Gärtner auch aufgrund von Stoffwechselstörungen, was zu krankhaften Veränderungen in Gelenken – und auch Organen – führt. Man spricht dann von Gicht: im Körper ist mehr Harnsäue vorhanden als über die Nieren ausgeschieden werden kann. Schließlich kann eine Zustandsbeschreibung von Schmerzen am Bewegungsapparat auch psychisch bedingt sein, mit erhöhter Empfindlichkeit an bestimmten Schmerzdruckpunkten.
Wie der Facharzt darlegte, versteht man zwar unter Rheuma generell schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates, im eigentlichen Sinne jedoch eine durch Gelenkentzündung hervorgerufene chronische Erkrankung, meist ungeklärter Ursache, die zu Schmerzen und Anschwellen der Gelenke führt. Oft wird auch der Begriff rheumatoide Arthritis verwendet. Es handelt sich im Grunde um eine Autoimmun-Erkrankung: das Immunsystem greift körpereigenes Gewebe an, es kommt zu einer Entzündung der Innenhäute der Gelenke, die ziemlich schnell zerstört werden können. Während bei Arthrose Knochen auf Knochen reibt, geschieht bei Rheuma ein entzündlicher Zerstörungsprozess, wenn der Knorpel nicht mehr widerstandsfähig ist. Anhand von Patientenaufnahmen machte Gärtner die unterschiedlichen Ausprägungen von Arthrose und Rheuma der Gelenkverformungen und Deformationen an Fingern, Händen und Füßen deutlich, ebenso bei Knieschäden, wie sie sich im „Aufschnitt“ zeigen.
Im Vortrag ging es etwa um Bandscheibenvorfälle und Meniskusschäden und ihre medizinische Einordnung. Zum einen machte der Arzt klar, dass nicht alle schmerzhaften Erscheinung krankheitsbedingt sind, sondern auch dem Alter, dem Verschleiß, geschuldet sein können. Zum anderen müssten Gelenkveränderungen, die sich im Röntgenbild zeigen, nicht unbedingt mit Schmerzen verbunden sein. Sowieso sei die Auswertung von bildgebenden Verfahren nicht frei von Fehlerquoten. So könne es für einen ausgebildeten Rheumatologen mitunter Monate dauern, bis er zu einer sicheren Diagnose der vielschichtigen Rheuma-Erkrankung komme. Es wäre wünschenswert, wenn im Vorfeld der Hausarzt oder Internist die Krankengeschichte des Patienten ausreichend – mit Blutbild, Blutsenkung und ähnlichem – abgeklärt habe.
Natürlich ging der Facharzt auch auf Therapie-Optionen ein, auf konservative wie alternative. Oft biete sich ein Gelenkersatz an, doch sei das künstliche Gelenk kein Idealweg, sondern nur ein Ausweg und Operation keine unbedingte Gewähr für Besserung. Sinnvoll sei einen Entfernung des entzündliche Knorpel- und Gelenkinnhautgewebes, um ein Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Mit Medikamenten sei Rheuma nicht zu heilen, doch könne man den Entzündungsprozess und die Schmerzen mindern. Manche Arzneien seien aber mehr schädlich als nützlich. Empfehlenswert sei jedenfalls Heil-und Krankengymnastik sowie Bewegung im Wasser und Entspannungstraining. Mit Diätanleitungen sollte man Rheuma-Patienten nicht zusätzlich drangsalieren: „Die haben sowieso schon ein mühsames und beschwerliches Leben,“ so Gärtner.
Der Rheumatologe konfrontierte die „Jungen Senioren“ – überwiegend Frauen, wie ja überhaupt Frauen stärker als Männer von solchen Schmerzerkrankungen befallen sind – mit einem regelrechten Feuerwerk orthopädischen Wissens: informativ, lebendig und unterhaltsam, auch mit humorvollen wie sarkastischen Anmerkungen. Er räumte auch mit so manchen Vorurteilen und scheinbaren Gewissheiten auf.

Das langsame Entschwinden der Demenz-Kranken – Dekan Friedrich: Von der Würde des Menschen jenseits seiner Selbstbestimmung

Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Dekan Otto Friedrich (Foto: Archiv)

Mit einem leidvollen Kapitel, aber auch einer tröstlichen Aussage begann die neue Reihe 2016/17 der Heilbronner „Jungen Senioren“, die fast schon traditionell von dem Heilbronner Dekan Otto Friedrich eröffnet wurde. Er hatte sich ein Thema ausgesucht, mit dem er und die meisten Zuhörer/innen schon irgendwie konfrontiert wurden: Demenz – eine Krankheit, von der mit zunehmendem Alter immer mehr Menschen betroffen sind, bei über 90Jährigen jeder Dritte.

Dekan Friedrich berichtete eingangs über seinen persönlichen Erfahrungshintergrund von fast acht Jahren mit seiner dement gewordenen Mutter. Seine Eltern waren seit 1948 über 55 Jahr verheiratet. Sein Vater hatte nach mehreren orthopädischen Operationen einen in hohem Maße von seiner Frau geleisteten großen Pflegebedarf, ehe er gut 80jährig selig verstarb.

Dann fing es bei Friedrichs Mutter an mit Gedächtnis-, Konzentrations- und Bewegungseinschränkungen, sie konnte bald nicht mehr selbst kochen, und als sie Essen auf Rädern organisiert bekam, wusste sie bald danach nicht mehr, was es gab.In ihrer Selbstwahrnehmung behauptetes sie auch noch mit 85, glücklicherweise immer noch einen klaren Kopf zu haben, und bei einer Untersuchung vom medizinischen Dienst konnte sie sich so positiv in Szene setzen, dass ihr lediglich Pflegestufe Null bescheinigt wurde. Doch da sie immer weniger aß und trank, musste sie dehydriert in eine Klinik eingeliefert werden und kam darauf ins Heim, aus der sie ihr Sohn „sofort herausholen soll“, wie sie nachdrücklich verlangte. Sie lebte dann noch viereinhalb Jahre in einer Wohngruppe für Demenzerkrankte, mit angepasster Betreuung, fühlte sich rundum gut versorgt, bis ihre Kräfte immer mehr nachließen und sie friedlich verstarb.

Mit viel Mitgefühl und Verständnis las Dekan Friedrich jenes Buch, das für gewisse Furore gesorgt hat: „Langsames Entschwinden – Vom Leben mit einem Demenzkranken“. Darin schildert die Literaturwissenschaftlerin Inge Jens (u.a. Herausgeberin der Werke Thomas Mann) das Abgleiten ihres Mannes in eine Welt, zu der sie keinen Zugang hatte: Walter Jens (1923-2013), berühmter Altphilologe, Schriftsteller und Literaturprofessor in Tübingen, Christ und Pazifist, war ein Mann, der – wie seine Frau konstatierte – vom und mit dem Wort lebte, und – nachdem sich seine Demenz-Erkrankung 2004 manifestierte – keinen vernünftigen Satz mehr formulieren konnte.

Er wusste alsbald nichts mehr von der Welt und von seinen Lebenswerk, erkannte Besucher nicht mehr und war nur noch glücklich im ländlichen Umfeld einer lieben resoluten Betreuerin. Für Inge Jens, die 65 Jahre mit Walter Jens verheiratet war und sich „im Wir gut aufgehoben fühlte“, war er „nicht mehr mein Mann“: „Den Mann, den ich geliebt habe, gibt es nicht mehr – aber er ist und bleibt ein Mensch.“ Sein Dasein entglitt ihm, er siechte dahin, wollte aber weiter leben, „hat die von ihm früher propagierte Sterbehilfe nicht geschafft“, und er erlebte einen glücklichen Tod.

Dekan Friedrich ha natürlich auch erkundet, wie die medizinische Wissenschaft das Phänomen Demenz charakterisiert: Es umfasst Defizite in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Betroffen davon sind Kurzzeitgedächtnis, Merkfähigkeit, Denkvermögen, Sprache, Motorik und mitunter auch die Persönlichkeitsstruktur. Demente Personen verlieren die Fähigkeit, sich zu orientieren, Gegenstände und oft auch Personen zu identifizieren und wiederzuerkennen, sind zu keiner Entscheidung fähig, werden apathisch.

Anzeichen für eine beginnende Demenz kann können Wortfindungsstörungen sein, zunehmende Vergesslichkeit, verlangsamte Bewegungen, auch depressive Stimmungen, Interessenverluste, nachlassende Eigeninitiative. Die weitaus häufigste Erscheinungsformen von Demenz ist Alzheimer. Eine beginnenden Demenz lässt sich bei oberflächlichen Kontakten oft nicht wahrnehmen, da Betroffene ihren Zustand überspielen und die äußere Fassade wahren wollen. Dabei wäre es wichtig, von Anfang an dagegen anzugehen, mit Gedächtnistraining, gezielte Bewegungsübungen, Biografieaufarbeitung und vor allem sozialen Kontakten. Ein wirklich helfendes Medikament gegen Demenz gibt es (noch) nicht, wenngleich Demenz im Grunde auf Durchblutungsstörungen im Gehirn beruht.

Für Dekan Friedrich steht jedenfalls fest, dass auch ein Mensch, der sich durch Krankheit aus der realen Welt verabschiedet hat, so im hohen Maß pflege- und betreuungsbedürftig ist und vielleicht dennoch widerborstig, aus biblischer und reformatorischer Sicht stets seine menschliche Würde behält – auch an den Grenzen seiner Selbstbestimmung. „In der christlichen Auferstehung ist jedem Menschen die Verheißung neuen Lebens  gegeben,“ so der Dekan. Und so sollen wir auch dem dementen Menschen in Würde und Achtung begegnen.