Das langsame Entschwinden der Demenz-Kranken – Dekan Friedrich: Von der Würde des Menschen jenseits seiner Selbstbestimmung

Otto Friedrich (Foto: Rolf Gebhardt)

Dekan Otto Friedrich (Foto: Archiv)

Mit einem leidvollen Kapitel, aber auch einer tröstlichen Aussage begann die neue Reihe 2016/17 der Heilbronner „Jungen Senioren“, die fast schon traditionell von dem Heilbronner Dekan Otto Friedrich eröffnet wurde. Er hatte sich ein Thema ausgesucht, mit dem er und die meisten Zuhörer/innen schon irgendwie konfrontiert wurden: Demenz – eine Krankheit, von der mit zunehmendem Alter immer mehr Menschen betroffen sind, bei über 90Jährigen jeder Dritte.

Dekan Friedrich berichtete eingangs über seinen persönlichen Erfahrungshintergrund von fast acht Jahren mit seiner dement gewordenen Mutter. Seine Eltern waren seit 1948 über 55 Jahr verheiratet. Sein Vater hatte nach mehreren orthopädischen Operationen einen in hohem Maße von seiner Frau geleisteten großen Pflegebedarf, ehe er gut 80jährig selig verstarb.

Dann fing es bei Friedrichs Mutter an mit Gedächtnis-, Konzentrations- und Bewegungseinschränkungen, sie konnte bald nicht mehr selbst kochen, und als sie Essen auf Rädern organisiert bekam, wusste sie bald danach nicht mehr, was es gab.In ihrer Selbstwahrnehmung behauptetes sie auch noch mit 85, glücklicherweise immer noch einen klaren Kopf zu haben, und bei einer Untersuchung vom medizinischen Dienst konnte sie sich so positiv in Szene setzen, dass ihr lediglich Pflegestufe Null bescheinigt wurde. Doch da sie immer weniger aß und trank, musste sie dehydriert in eine Klinik eingeliefert werden und kam darauf ins Heim, aus der sie ihr Sohn „sofort herausholen soll“, wie sie nachdrücklich verlangte. Sie lebte dann noch viereinhalb Jahre in einer Wohngruppe für Demenzerkrankte, mit angepasster Betreuung, fühlte sich rundum gut versorgt, bis ihre Kräfte immer mehr nachließen und sie friedlich verstarb.

Mit viel Mitgefühl und Verständnis las Dekan Friedrich jenes Buch, das für gewisse Furore gesorgt hat: „Langsames Entschwinden – Vom Leben mit einem Demenzkranken“. Darin schildert die Literaturwissenschaftlerin Inge Jens (u.a. Herausgeberin der Werke Thomas Mann) das Abgleiten ihres Mannes in eine Welt, zu der sie keinen Zugang hatte: Walter Jens (1923-2013), berühmter Altphilologe, Schriftsteller und Literaturprofessor in Tübingen, Christ und Pazifist, war ein Mann, der – wie seine Frau konstatierte – vom und mit dem Wort lebte, und – nachdem sich seine Demenz-Erkrankung 2004 manifestierte – keinen vernünftigen Satz mehr formulieren konnte.

Er wusste alsbald nichts mehr von der Welt und von seinen Lebenswerk, erkannte Besucher nicht mehr und war nur noch glücklich im ländlichen Umfeld einer lieben resoluten Betreuerin. Für Inge Jens, die 65 Jahre mit Walter Jens verheiratet war und sich „im Wir gut aufgehoben fühlte“, war er „nicht mehr mein Mann“: „Den Mann, den ich geliebt habe, gibt es nicht mehr – aber er ist und bleibt ein Mensch.“ Sein Dasein entglitt ihm, er siechte dahin, wollte aber weiter leben, „hat die von ihm früher propagierte Sterbehilfe nicht geschafft“, und er erlebte einen glücklichen Tod.

Dekan Friedrich ha natürlich auch erkundet, wie die medizinische Wissenschaft das Phänomen Demenz charakterisiert: Es umfasst Defizite in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Betroffen davon sind Kurzzeitgedächtnis, Merkfähigkeit, Denkvermögen, Sprache, Motorik und mitunter auch die Persönlichkeitsstruktur. Demente Personen verlieren die Fähigkeit, sich zu orientieren, Gegenstände und oft auch Personen zu identifizieren und wiederzuerkennen, sind zu keiner Entscheidung fähig, werden apathisch.

Anzeichen für eine beginnende Demenz kann können Wortfindungsstörungen sein, zunehmende Vergesslichkeit, verlangsamte Bewegungen, auch depressive Stimmungen, Interessenverluste, nachlassende Eigeninitiative. Die weitaus häufigste Erscheinungsformen von Demenz ist Alzheimer. Eine beginnenden Demenz lässt sich bei oberflächlichen Kontakten oft nicht wahrnehmen, da Betroffene ihren Zustand überspielen und die äußere Fassade wahren wollen. Dabei wäre es wichtig, von Anfang an dagegen anzugehen, mit Gedächtnistraining, gezielte Bewegungsübungen, Biografieaufarbeitung und vor allem sozialen Kontakten. Ein wirklich helfendes Medikament gegen Demenz gibt es (noch) nicht, wenngleich Demenz im Grunde auf Durchblutungsstörungen im Gehirn beruht.

Für Dekan Friedrich steht jedenfalls fest, dass auch ein Mensch, der sich durch Krankheit aus der realen Welt verabschiedet hat, so im hohen Maß pflege- und betreuungsbedürftig ist und vielleicht dennoch widerborstig, aus biblischer und reformatorischer Sicht stets seine menschliche Würde behält – auch an den Grenzen seiner Selbstbestimmung. „In der christlichen Auferstehung ist jedem Menschen die Verheißung neuen Lebens  gegeben,“ so der Dekan. Und so sollen wir auch dem dementen Menschen in Würde und Achtung begegnen.

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