Was man für Rheuma hält ist meist nicht Rheuma – Mit Dr. Baldung Gärtner einer vielschichtigen Erkrankung auf der Spur

2016-10-17_13akl

Dr. Baldung Gärtner (Foto: Rolf Gebhardt)

Es gehört zum Programm der „Jungen Senioren“, dass auch immer wieder gesundheitliche Themen – Krankheiten – behandelt werden. Diesmal ging es im Hans-Rießer-Haus um Rheuua: „Die meisten Menschen, die Rheuma haben, vielmehr meinen, Rheuma zu haben, haben kein Rheuma.“ Dies stellte eingangs der Heilbronner Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie, Baldung Gärtner, in seinem Referat klar. Die landläufig als Rheuma beschriebenen Schmerzen an Gelenken, Sehnen und Muskeln seien zumeist auf eine rheumatische Erkrankung zurückzuführen.
In der Regel handelt es sich bei den angezeigten Schmerzen um Arthrose – Gelenkverschleiß, also um eine chronische Abnutzungserscheinung, erklärte Gärtner. Im Laufe des Lebens nehme halt der körperliche Verschleiß zu. Die mechanische Beanspruchung der Gelenke ist dann höher als ihre Belastbarkeit. Fehlbelastungen und Fehlstellungen können ein übriges bewirken. Erbliche Veranlagung kann Arthrose-Ausprägungen frühzeitig befördern. Am häufigsten tritt die Arthrose bei den Wirbelsäulengelenken auf, weil der mit dem Alter zunehmende Verschleißprozess der Bandscheiben zu zusätzlicher Belastung der Wirbelkörper führt, so dass Beschwerden vor allem Hals- und Lendenwirbelsäule auftreten. Häufig sind Arthrosen auch bei Hüft- und Kniegelenk.
Arthrosen entwickeln sich laut Gärtner auch aufgrund von Stoffwechselstörungen, was zu krankhaften Veränderungen in Gelenken – und auch Organen – führt. Man spricht dann von Gicht: im Körper ist mehr Harnsäue vorhanden als über die Nieren ausgeschieden werden kann. Schließlich kann eine Zustandsbeschreibung von Schmerzen am Bewegungsapparat auch psychisch bedingt sein, mit erhöhter Empfindlichkeit an bestimmten Schmerzdruckpunkten.
Wie der Facharzt darlegte, versteht man zwar unter Rheuma generell schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates, im eigentlichen Sinne jedoch eine durch Gelenkentzündung hervorgerufene chronische Erkrankung, meist ungeklärter Ursache, die zu Schmerzen und Anschwellen der Gelenke führt. Oft wird auch der Begriff rheumatoide Arthritis verwendet. Es handelt sich im Grunde um eine Autoimmun-Erkrankung: das Immunsystem greift körpereigenes Gewebe an, es kommt zu einer Entzündung der Innenhäute der Gelenke, die ziemlich schnell zerstört werden können. Während bei Arthrose Knochen auf Knochen reibt, geschieht bei Rheuma ein entzündlicher Zerstörungsprozess, wenn der Knorpel nicht mehr widerstandsfähig ist. Anhand von Patientenaufnahmen machte Gärtner die unterschiedlichen Ausprägungen von Arthrose und Rheuma der Gelenkverformungen und Deformationen an Fingern, Händen und Füßen deutlich, ebenso bei Knieschäden, wie sie sich im „Aufschnitt“ zeigen.
Im Vortrag ging es etwa um Bandscheibenvorfälle und Meniskusschäden und ihre medizinische Einordnung. Zum einen machte der Arzt klar, dass nicht alle schmerzhaften Erscheinung krankheitsbedingt sind, sondern auch dem Alter, dem Verschleiß, geschuldet sein können. Zum anderen müssten Gelenkveränderungen, die sich im Röntgenbild zeigen, nicht unbedingt mit Schmerzen verbunden sein. Sowieso sei die Auswertung von bildgebenden Verfahren nicht frei von Fehlerquoten. So könne es für einen ausgebildeten Rheumatologen mitunter Monate dauern, bis er zu einer sicheren Diagnose der vielschichtigen Rheuma-Erkrankung komme. Es wäre wünschenswert, wenn im Vorfeld der Hausarzt oder Internist die Krankengeschichte des Patienten ausreichend – mit Blutbild, Blutsenkung und ähnlichem – abgeklärt habe.
Natürlich ging der Facharzt auch auf Therapie-Optionen ein, auf konservative wie alternative. Oft biete sich ein Gelenkersatz an, doch sei das künstliche Gelenk kein Idealweg, sondern nur ein Ausweg und Operation keine unbedingte Gewähr für Besserung. Sinnvoll sei einen Entfernung des entzündliche Knorpel- und Gelenkinnhautgewebes, um ein Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Mit Medikamenten sei Rheuma nicht zu heilen, doch könne man den Entzündungsprozess und die Schmerzen mindern. Manche Arzneien seien aber mehr schädlich als nützlich. Empfehlenswert sei jedenfalls Heil-und Krankengymnastik sowie Bewegung im Wasser und Entspannungstraining. Mit Diätanleitungen sollte man Rheuma-Patienten nicht zusätzlich drangsalieren: „Die haben sowieso schon ein mühsames und beschwerliches Leben,“ so Gärtner.
Der Rheumatologe konfrontierte die „Jungen Senioren“ – überwiegend Frauen, wie ja überhaupt Frauen stärker als Männer von solchen Schmerzerkrankungen befallen sind – mit einem regelrechten Feuerwerk orthopädischen Wissens: informativ, lebendig und unterhaltsam, auch mit humorvollen wie sarkastischen Anmerkungen. Er räumte auch mit so manchen Vorurteilen und scheinbaren Gewissheiten auf.

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