Archiv für den Tag 24. Oktober 2016

Wider die Diskriminierung von Sinti und Roma – Dr. Andreas Hoffmann-Richter prangert unbegründeten Antiziganismus an

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Dr. Andreas Hoffmann-Richter (Foto: Rolf Gebhardt)

Klischee und Wirklichkeit im Zusammenhang mit Sinti und Roma auseinander zu halten und aufzuklären war das Anliegen eines Vortrags von Dr. Andreas Hoffmann-Richter bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus. Der Referent ist Beauftragter für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma in Ulm, die von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) unterstützt wird; früher war er jahrelang ökumenischer Mitarbeiter bei der japanischen Mitgliedskirche der EMS für die diskriminierte Minderheit der Buraku.
„Sinti und Roma stellen die einzige nationale Minderheit in Baden-Württemberg dar“, hob Hoffmann-Richter eingangs hervor. Dies hat die Landesregierung festgelegt gemäß eines Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten, 1994 vom Ministerkomitee des Europarates beschlossen und 1995 von der Bundesregierung unterzeichnet. Nationale Minderheiten sind in deutschen Bundesländern ferner deutsche Staatsangehörige der Dänen, Sorben und Friesen. .
Gewöhnlich wird das Wortpaar Sinti und Roma benutzt, zumal die Interessenverbände seit 1982 im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg zusammengeschlossen sind und auch einen Landesverband in Mannheim haben. Sinti sind laut Hoffmann-Richter seit mehr als einem halben Jahrtausend in Deutschland ansässig, während man unter Roma eher Zuzügler aus dem südosteuropäischen Raum Mitte des 19. Jahrhunderts und in den letzten 60 Jahren als Roma-Gastarbeiter versteht. Wie Hoffmann-Richter auf Nachfrage erklärte, gibt es rund 120 000 Sinti und Roma in Deutschland (nach anderen Quellen 50 000 Sinti und 20 000 Roma) mit regionalen Schwerpunkten, je 40 000 in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg, meist ziemlich unauffällig.
Die Vorfahren der etwa acht Millionen in Europa beheimateten Sinti und Roma stammen aus der Region Sindh im Nordwesten des indischen Subkontinents, wo sie offenbar beim Einströmen arabischer und muslimischen Volksstämme vor über 1000 Jahren vertrieben wurden. Die Bezeichnung Roma (= Menschen) ist ein allgemeiner Sammelbegriff außerhalb des deutschen Sprachraums. Die den Sinti und Roma eigene Sprache, das Romanes, bezeugt noch ihre indoarische Herkunft und begründet ihre kulturelle Identität in der Mehrheitsgesellschaft. Die deutschen Sinti sind mit ihrem Deutsch zweisprachig und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.
Wie Hoffmann-Richter darlegte, mussten die Sinti und Roma die Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung machen, resultierend aus spezifischen Vorurteilen und negativen Stereotypen, die sich in den gängigen Klischees von „Zigeuner“ verkörperten: „Unberührbare“, fahrendes Volk, schmutzig und asozial, kriminell, abgekapselt im Familienclan lebend. Ihr „Umherziehen“ resultiere daraus, dass sie von Anfang an von einem Ort zum anderen vertrieben worden seien und so mittellos, diskriminiert und ausgegrenzt waren und sich mit Musik und gewissen unbeliebten Tätigkeiten den Lebensunterhalt verdienen mussten. Dabei seien sie eigentlich ebenso sesshaft wie das deutsche Staatsvolk, das sich überhaupt ja auch überwiegend aus zugewanderten Völkern mit unterschiedlichen Sprachen zusammensetze, so Hoffmann-Richter.
Schon im Mittelalter seien Sinti und Roma zunehmend unterdrückt, vertrieben und zum Teil als vogelfrei erklärt worden. Unzählige Edikte und Gesetze wurden gegen sie in Deutschland (und u.a. auch in Frankreich) gegen sie erlassen. Im deutschen Reich kam es nach Hoffmann-Richter zu einer systematischen Bekämpfung der Sinti und Roma, und in der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden sie neben den Juden als „Artfremde“ gesellschaftlich ausgegrenzt, „obwohl sie doch eigentlich ‚urarisch‘ sind.“ In den dem Zugriff der SS ausgesetzten Ländern Europas seien etwa eine halbe Million Sinti und Roma in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet worden.
Hoffmann-Richter beklagte, dass auch nach 1945 sich Städte und Dörfer der Rückkehr und Integration überlebender Sinti und Roma in offener Ablehnung widersetzten Sinti und Roma erfuhren über Jahrzehnte keine staatliche Anerkennung der gegen sie verübten Verbrechen und erst sehr spät bescheidene Entschädigungsleistungen. Bis heute gebe es einen „latenten Hass auf Zigeuner“. Diesem unbegründeten „Antiziganismus“ gelte es, durch Aufklärung Paroli zu bieten..
Hoffmann-Richter kritisierte die Rückführung von monatlich über 3200 Roma in sogenannte sichere Herkunftsländer wie Serbien und Kosovo, wo sie oft hilflos dem Elend ausgeliefert seien. Es sei unfassbar, dass die von der EU zugesagten Projektmittel von 17 Milliarden Euro für Sinti- und Roma-Programme von den betreffenden Ländern in Südosteuropa über 15 Milliarden nicht abgerufen wurden.