Martin Luther stand als Reformator nicht allein da – Dekan i.R. Kunz über die Dauerbaustelle Kirche vor, mit und nach Luther

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Dekan i.R. Dieter Kunz (Foto: Rolf Gebhardt)

Exakt am Reformationstag 31. Oktober zum Beginn des Jubiläumsjahres „500 Jahre Reformation“  warteten die „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus mit einem wegweisenden Vortrag über „Reformationen vor, mit und nach Martin Luther“ auf. Kundiger Referent war der Heilbronner Dieter Kunz, der jahrzehntelang in der „Dauerbaustelle Kirche“ – so sein Thema – tätig war, auch als langjähriger Pfarrer der Heilbronner Friedensgemeinde und zuletzt als Dekan im Kirchenbezirk Göppingen, im Ruhestand auch noch als gefragter Dozent und gelegentlicher Kirchenkabarettist.

Martin Luther, so Kunz, war ein herausragender Mensch, ein großer Zweifler und Kämpfer, ein großes Sprachgenie und ein wortgewaltiger Prediger, aber auch mit den Irrtümern und Vorurteilen seiner Zeit behaftet, aber letztlich einer, der mit seiner Unerschrockenheit die abendländische Glaubenswelt spaltete und den Boden bereitete für maßgebliche Entwicklungen der Neuzeit, so dass er von der New York Times nicht zu Unrecht als „Mann des zweiten Jahrtausends“ gekürt wurde. Um sein Denken und Wirken besser zu verstehen, sei es jedoch angebracht, „den Teppich der Geschichte schichtweise zu lüften“, meinte Kunz, damit die Verknüpfungen erkennbar werden, die zum Erfolg der Reformation, die Luther ja nicht geplant hatte, führten.

Bereits im 12. und 13. Jahrhundert gab es religiöse Laienbewegungen, die sich gegen den Absolutheitsanspruch der Kirchenhierarchie mit ihrem Reichtums- und Machtstreben wandten und das Ideal der Besitzlosigkeit, Armut und Einfachheit praktizierten, so die brutal verfolgten Kartharer in Südfrankreich und die Anhänger von Petrus Waldes (1150-1218), die Waldenser, die bis heute noch als kirchliche Grüppchen in in Italien (und Südamerika) überlebten. Kunz verwies insbesondere auf den Begründer des Franziskanerorden, Franz von Assisi (1181-1226), der die Umkehr der Kirche zu ihren Wurzeln der Besitzlosigkeit, Mildtätigkeit und Nächstenliebe forderte und sich der radikalen Entsagung verschrieb. Oder Girolamo Savonarola (1452-1498), Prior des Dominikanerklosters in Florenz, der nach dem Sturz der Medici die Stadtherrschaft über Florenz übertragen bekam, jedoch wegen seiner Reformansätze von dem ganz weltlich lebenden Papst Alexander VI. exkommuniziert (und ganz Florenz dazu) und dem Scheiterhaufen übergeben wurde.

Der klassische Vorläufer von Luther war Kunz zufolge der böhmische Priester Jan Huss (1369-1415), der – wie Luther – Ablasswesen und Korruption, Habsucht, Unmoral und Heuchelei der Kirche anprangerte und umfassende Reformen mit der Bibel als Quelle der Wahrheit forderte, dann trotz freien Geleits beim Konstanzer Konzil 1415 als Ketzer verurteilt und verbrannt wurde, wie nachträglich auch noch der englische Reformator John Wyclif (1330-1384), der mit der Bibelübersetzung begonnen und Besitzstreben und Herrschaftsanspruch der Päpste angeprangert hatte. Auch der große Humanist Erasmus von Rotterdam (1467-1536) bereitete mit den Boden für Luthers Reformation.

Zur Durchschlagskraft von Luther als Reformator trugen eine Reihe von besonderen Umständen und Personen bei, erläuterte Kunz. Da war zum einen Johannes Gutenberg (1400-1468) mit der Erfindung der Buchdruckerkunst, die durch den Glaubensstreit einen gewaltigen Aufschwung nahm. Die massenhafte Verbreitung von Luthers 95 Thesen wider den Ablasshandel und seine nachfolgenden Schriften sowie die Bibelübersetzung machten die Reformationsanliegen in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt und populär, wesentlich unterstützt von den zahlreichen Luther-Porträts von Lukas Cranach d.Ä. (1478-1553), der wichtigste Propagandist der Reformation, dessen Werke unser Bild dieser bewegten Epoche prägen. Hinzu kam der geniale Künstler und Luther-Anhänger Albrecht Dürer (1471-1528).

Luther wäre wohl nie der große Reformator geworden ohne seinen kongenialen Uni-Kollegen Philipp Melanchthon (1497-1560), im Gegensatz zu dem stämmigen und impulsiven Luther schmächtig und diplomatisch, ein hochbegabter Altsprachler, der den Lehren Luthers die systematische Gestalt gab, so das Augsburger Bekenntnis formulierte, und das mittelalterliche Bildungswesen reformierte.

Kunz würdigte auch noch die andere Reformatoren, Bugenhagen und Brenz einerseits und Zwingli und Calvin andererseits. Er ging auch auf Luthers Gegenpole Kaiser und Papst ein wie auf wohlgesonnene Landesherren. Schließlich verwies Kunz darauf, wie aus der evangelischen Lehre sich bis heute  ein zersplitterter Protestantismus entwickelte mit Lutheranern und Reformierten, Anglikanern, Methodisten, Baptisten und unzähligen Freikirchen, dem das geschlossene – wenn auch brüchige – System der römisch-katholischen Kirche von Papst und Vatikan gegenübersteht. Kunz:“Die Kirche bleibt im Umbau.“

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