Die Ukraine hat eine tausendjährige Geschichte – Diakonie-Chef Karl-Friedrich Bretz über die wechselvolle Nationenwerdung

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Karl-Friedrich Bretz (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Ukraine – permanenter Krisenherd im Ost-West-Konflikt. Eigentlich wissen wir wenig über das – nach Russland – zweitgrößte Land Europas, der uns entfernungsmäßig näher liegt als etwa Portugal. Über die Nationenwerdung der Ukraine informierte bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus Karl Friedrich Bretz, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Heilbronn, Bretz, der Theologie sowie politische und auch diakonische Wissenschaften studierte, hat sich während des Studiums bereits mit der Geschichte dieser „unbekannten Nation“ beschäftigt.
Alles fing an mit der „Kiewer Rus“ um 8. und 9. Jahrhundert. Das Gebiet um die heutige ukrainische Hauptstadt Kiew war der erste ostslawische Staat und somit auch der mittelalterliche Vorläufer sowohl von Russland als auch der Ukraine, wenngleich die Gründung wahrscheinlich auf die Zuwanderung von Wikingern zurückgeht. Moskau entstand erst im 12. Jahrhundert, und in dieser Zeit gab es auch die erste Erwähnung von Ukraina, ein altostslawisches Wort für Grenzland, zur Abschottung zum „wilden Feld“ im Süden, den von von turkstämmigen Reiternomaden bewohnten Steppen. Nach der Blütezeit der Kiewer Rus im 10. und 11. Jahrhundert, die auch die orthodoxe Christianisierung mit sich brachte, kam es 1237/40 zur Invasion der Mongolen.
Danach entwickelte sich erst recht eine wechselvolle Geschichte, wie Bretz auch anhand von Kartenmaterial darlegte. Im 14. Jahrhundert fielen die südwestlichen Gebiet mit Galizien an das polnisch-litauische Großreich, wenngleich sich eigene Fürstentümer bildeten, auch ab dem 16. Jahrhundert im polnischen Herrschaftsbereich. Der Osten jenseits des Dnjepr gehörte zum Großfürstentum Russland, das auch die unter osmanischer Oberhoheit lebenden Krimtataren unterwarfen; die Halbinsel Krim wurde im 18.Jahrhundert von russischen Kaiserreich annektiert.
Im westlichen Territorium dominierten die römisch-katholischen polnischen Adligen die orthodox gebliebenen leibeigenen Bauern, die zunehmend aus der Knechtschaft in die großen Steppen flohen und zusammen mit den dortigen slawischen Kosaken kam es zu Aufständen gegen die polnische Oberschicht. 1654 unterstellten sich die Kosaken im Vertrag von Perejaslaw sich der Oberherrschaft des russischen Zaren und und wurden Teil des russischen Kaiserreichs.
Im Zuge der polnischen Teilung Ende des 18. Jahrhunderts fiel der Westen (Galizien und Bukowina) an das Habsburger Reich, der Osten an Russland, das in mehreren russisch-türkischen Kriegen dieses Gebiet den dem Osmanischen Reich zugehörigen Krim-Tataren abgerungen hatte. In der Zeit zwischen polnischer Teilung und russischer Revolution sprach man von einem dreieinigen russischen Volk, den Großrussen, Weißrussen und Kleinrussen, den Ukrainern.
Wie Bretz darlegte, entstand nach der Februar-Revolution 1917 und nach der deutsch-österreichischen Besetzung Ende des I. Weltkriegs vorübergehend eine erste Ukrainische Volksrepublik. Doch schon 1919 wurde die Ostukraine von Polen besetzt. Zentral-, Süd-und Ost-Ukraine fielen an die Russische Sowjetrepublik, und mit der Gründung der Sowjetunion im Dezember 1922 wurde die Ukrainische SSR gegründet. Zwangskollektivierungen unter Stalin führten zu Hungersnöten mit Millionen Toten. Im II. Weltkrieg wurde die polnische Westukraine von der Sowjetunion annektiert, von 1941bis 44 kam die Ukraine unter deutscher Besatzung zum Reichskommissariat und war Schauplatz von Massenmorden.
Nach Einmarsch der Roten Armee entstand am 24. Oktober 1945 die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, die auch Gründungsmitglied der Vereinten Nationen war, so Bretz. Somit war die Ukraine erstmals in einem Staat (der Sowjetunion) vereint. 1954 wurde in Erinnerung an den Vertrag von Perejaslaw 300jähriges Ukraine-Jubiläum gefeiert und die Krim aus der Russischen in die Ukrainische Sowjetrepublik überführt. Mit Auflösung der Sowjetunion erhielt die Ukrainer Ende 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit.
Bretz ging bewusst nicht auf die aktuelle politische Situation in der Ukraine ein, stellte aber heraus, dass sich die Ukraine seitdem schwer tat und tut, ihre nationale Identität und ihre internationale Rolle zwischen westlicher und östlicher Orientierung zu finden, zumal die stark industrialisierte Ost-Ukraine und insbesondere die Krim einen hohen Russen-Anteil haben und die russische Sprache lange Zeit dominierte. So gelte die Ukraine als instabiler Staat mit ausgeprägter Korruption, starken Oligarchen und rückläufiger Wirtschaftsleistung seit der Unabhängigkeit. Aber auch so ein junger Staat mit immerhin tausendjähriger Nationalgeschichte habe Anspruch auf die Respektierung seiner noch jungen Grenzen, wenngleich in einem modernen Europa Grenzen durchlässiger und keine ideologische Abgrenzungen sein sollten, so Bretz.

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