Archiv für den Monat Dezember 2016

Die Weihnachtsgeschichte in der Kunstgeschichte – Kunsthistorikerin Dr. Martin Kitzing-Bretz mit einem Gemälde-Kaleidoskop

giotto_-_scrovegni_-_-17-_-_nativity_birth_of_jesusZu Weihnachten gehört die bildhafte Vorstellung von der Geburt Christi in der Krippe im Stall mit Maria und Joseph sowie Ochs und Esel. Eine solche mehr oder weniger kunstvoll gefertigte Krippen-Gruppierung findet sich zu Weihnachten in so manchen Haushalten und in fast jeder Kirche. Bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus bot die Kunsthistorikerin Dr. Martina Kitzing Bretz aus Löwenstein eine anspruchsvolle und hintergründige Darstellung der Weihnachtsgeschichte in der bildenden Kunst vom frühen Christentum bis zum 20. Jahrhundert.

Das erste von Kitzing-Bretz präsentierte Weihnachtsbild stammt von dem Florentiner Maler Giotto di Bondone (1267-1337), der als eigentlicher Begründer der italienischen Renaissance gilt. Es zeigt ein großartiges Freskengemälde in der Arena-Kapelle des Enrico Scrovegni in Padua (siehe oben; Abb. wikicommons/gemeinfrei) und machte das traditionelle Weihnachtsgeschehen in typischer Weise anschaulich: In einem Holzgestell, über dessen Dach jubilierende Engel zu sehen sind, beugt sich Maria voller Innigkeit über ihren neu geborenen Sohn, beide mit Heiligenschein versehen. Im Vordergrund abgewendet ein ziemlich unbeteiligter Joseph, umringt von Ochs und Esel sowie Schafen mit zwei Hirten am rechten Rand.

Den Künstlern in der Renaissance ging es nicht nur darum, das in den Evangelien berichtete Geschehen zu malen, sondern die Gläubigen dazu zu bringen, sich in das Weihnachtgeschehen zu versenken, dass Gott Mensch geworden ist. Ein solches (Altar-)Bild von der heiligen Familie gibt es etwa auch von Albrecht Dürer (1471-1528): Die heilige Familie ruht vor der Ruine eines vormals herrschaftlichen Hauses, das nun den Tieren als Unterstand dient. Das Gesicht Marias, tief in das Mysterium versunken, ist wie das des Christus-Kindes hell erleuchtet. In anderer Form bei  Rembrandt (1606-1669): In dem dunkel gehaltenen Bildgeschehen die spirituell durch eine  Lichtquelle aufbereitete Szene der Geburt Christi und im Hintergrund Joseph als Zimmermann.

Kitzing-Bretz verzichtete auf die Vorführung von den weit verbreiteten Bildern der heiligen Madonna, der Mutter Gottes mit dem Kind, sondern wollte in erster Linie das klassische Weihnachtsgeschehen aufzeigen. Dazu gehören Bilder, oft Altargemälde, von der „Anbetung der Könige“. Exemplarisch zeigte sie das grandiose Gemälde des Dekorationsmalers Giovanni Batista Tiepolo (1696-1770)  in der Sakristei von San Marco in Venedig: der neugeborene Jesus in Windeln angebetet von den Königen, begleitet von Heerscharen der Engel.

In der Bibel ist allerdings nirgends die Rede von Königen. Lediglich das Matthäus-Evangelium spricht von Magiern und Sterndeutern aus dem Osten, die in Jerusalem nach dem neugeborenen König der Juden fragen. Wie Kitzing-Bretz zeigte, wurde in den Anfängen der Ostkirche in Byzanz im 6. Jahrhundert die drei Magier Balthasar, Melchior und Caspar als Sterndeuter in orientalischer Kleidung und Mützen dargestellt. So bildet ein farbenprächtige Mosaik in der Kirche Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna die drei Magier ab, die mit ihren Gaben auf dem Weg zur Geburtsstätte sind. Ab dem 10. Jahrhundert wurden sie mit Kronen als Könige gekennzeichnet.

Im christlichen Orient wurde die Weihnachtgeschichte auch anders dargestellt als im Abendland, nämlich die Jesus-Geburt nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle. Zwar verlässt der Evangelist den Hirten durch einen Engel verkünden, „ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“, doch von einem Stall ist keine Rede (ebenso wenig von Ochs und Esel). Damals gab es im Nahen Osten keine hölzernen Ställe oder Futtertraufen. Die Hirten suchten Zuflucht in Höhlen. Und so dürfte Jesus das Licht der Welt in einer Höhle oder Grotte erblickt haben,(auch die Geburtskirche in Bethlehem wurde errichtet über der vermuteten Geburtsstätte Jesu, ausgemacht als Geburtsgrotte), wie es auch in der Ostkirche oft darstellt wurde, Maria mit dem Kind auf einer Art Matratze liegend. Dem Florentiner Sandro Botticelli (1445-1510) gelang es, in einem mythologischen Bild byzantinische und abendländische Tradition zusammenzuführen, indem er eine Geburtshöhle in felsigem Terrain malt; im unteren Teil des Bildes werden Dichter von drei Engeln umarmt, dargestellt in den Farben der theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung.

Die Kunsthistorikerin Kitzing-Bretz schloss ihre künstlerische Bilderschau der Weihnachtsgeschichte  mit einem farbintensiven Gemälde des französischen Malers Paul Gaugin (1848-1903), der – auf seiner Suche nach dem Paradies – die Geburt des Gottessohns in eine exotische Hütte in der Südsee verlegt: eine eingeborene Maria langgestreckt auf einer Liege und neben sich den winzigen Knaben.

Einblicke in die Welt von Strafgefangenen – Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel über die Justizvollzugsanstalt Heilbronn

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Gefängnispfarrer Jochen Stiefel vor interessierten Zuhörern. (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Welt hinter Gittern – wie geht es zu im Knast? Davon hat wohl jeder gewisse Vorstellungen, doch Genaueres wissen die wenigsten. Dabei gibt es mitten Stadt- und Wohngebiet Heilbronn, in der Steinstraße, ein 3,5 Hektar großes abgeschlossenes Gelände, in der die Justizvollzugsanstalt Heilbronn untergebracht ist. Über sie und ihre Bediensteten und Gefangenen berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der dortige evangelische Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel. Dieses Kirchenamt im Strafvollzug und in der Resozialisierung hat der in Leonberg wohnende Pfarrer erst seit wenigen Jahren inne. 15 Jahre lang war er Gemeindepfarrer in der Württembergischen Landeskirche und dann an einer Berufsschule in Stuttgart Mitte für Metallberufe, „auch eine handfeste multikulturelle Männerwelt und gute Vorbereitung für eine Haftanstalt mit straffällig gewordenen Männern in der Regel zwischen 25 und 35 Jahren“.

17 Justizvollzugsanstalten (eine nur für Frauen) gibt es in Baden-Württemberg. Eine davon ist die JVA Heilbronn. Das Hauptgebäude, eine vierflügelige Anstalt, wurde bereits 1867/70 erbaut, war im Krieg auch mal Lazarett. Im Laufe von 150 Jahren gab es immer mal Um- und Neubauten. So kamen 1979 eine Sporthalle und 1982 ein Sportplatz hinzu, 2009 ein neues Wirtschaftsgebäude und anstelle des abgerissenen ein neues Haftgebäude für 60 Strafgefangene, erst kürzlich fertig gestellt.

Die JVA, für die 150 Vollzugskräfte im Dreischichtbetrieb sowie zahlreiche andere Fachkräfte tätig sind, hat eine Kapazität für 263 Strafgefangene im geschlossenen Vollzug, generell Einzelhafträume (7,5 qm), und war im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 257 Strafgefangenen belegt. Hinzu kommt der offene Vollzug, wobei die JVA Heilbronn mit der Staatsdomäne Hohreinhof in Talheim einzigartig in Deutschland für 30 Männer Plätze im Weinbau und in der Milchwirtschaft anbieten kann. Schließlich gibt es noch ein  Freigängerheim in der Steinstraße.

So ein „Gefängnis“ ist eine nach außen abgeschlossene innere Welt für sich, machte Stiefel deutlich. Das sei insbesondere  für Untersuchungshäftlinge eine immense Umstellung, 23 Stunden am Tag in der Zelle eingesperrt zu sein,.Verurteilte Straftäter hingegen sind grundsätzlich zu einer angemessenen Arbeit verpflichtet. Stiefel berichtete über deren Tagesablauf: 6.00 Uhr Aufschluss mit Lebenskontrolle, 6.23 Uhr Abrücken zur Arbeit, 9.00-9.20 Uhr Vesperpause im Betrieb, 11.41Uhr Einrücken zur Mittagspause, dann Essensausgabe, 12.40 Uhr Geschirr-Rückgabe, Abrücken  zur Arbeit, 15.00 Uhr Arbeitsende, Hofgang mit Möglichkeit zum Duschen, ab 17 Uhr Freizeit (zahlreiche Angebote für Sport, Spiele und Musik), 20 Uhr Einschluss, 22 Uhr Nachtruhe.

Es stehen ausreichende Arbeitsplätze zur Verfügung, allein 80 in den Eigenbetrieben (Küche, Metzgerei, Bäckerei). Weitere Plätze gibt es in Versorgungs- und Montagebetrieben, in Schlosserei, Schreinerei, Elektrowerkstatt, Textilverarbeitung bis hin zur Bücherei, zudem in der Arbeitstherapie. Für geeignete  Gefangene gibt es Ausbildungsplätze als Metallbauer,Tischler, Fachlagerist, in der Medientechnologie sowie in der Druck- und Papierverarbeitung, berufliche Fortbildungen als geprüfter Schweißer und für Gabelstapler-Führerschein. Pro Arbeitsstunde erhalten Strafgefangene ein Entgelt zwischen 1,12 und 1,85 €. Für jeden Gefangenen-Arbeitstag überweist die Anstalt 3,76 € für Arbeitslosenversicherung. Möglich ist auch die Teilnahme an einem Hauptschulkurs in Vollzeitunterricht., an Elementar- und Auffrischungskurs, EDV-Grundlagenkurs und Bewerbungstraining, auch an Deutsch-Unterricht für Zuwanderer.

Wie Stiefel anmerkte, haben ein Gutteil der Strafgefangenen eine Zuwanderungsgeschichte. Das trifft in erster Linie zu bei Verurteilung wegen Eigentumsdelikten (Diebstahl, Betrug, Raub, Erpressung), auf die 27 Prozent aller Straftaten entfallen. Wegen Mord und Totschlag sind 15 Prozent verurteilt, wegen Sexualdelikte zehn Prozent (Stiefel: „Die sind unter Mitgefangenen diskriminiert und gefährdet“), acht Prozent wegen Körperverletzung. Die meisten Straftäter – 30 Prozent – „sitzen“ jedoch wegen Verurteilung im Rahmen des Betäubungsgesetzes, erklärte Stiefel, und das seien oft die hoffnungslosesten Fälle: „Drehtüreffekt“. Trotz aller Therapiebemühungen sei hier die Rückfallquote sehr hoch.

Außer Suchtberatung und Motivationsgruppen für Drogenabhängige gibt es Behandlungsprogramme für Sexualstraftäter und Gewaltstraftäter. Sozialdienst, ärztliche und psychologische Betreuung ist selbstverständlich, ebenso der kirchliche Dienst, zu dem neben einem evangelischen und katholischen Geistlichen neuerdings auch ein Imam hinzugezogenen wird. Laut Stiefel findet der seelsorgerische Beistand – auf Antrag – durchaus guten Anklang, zumal der Pfarrer zur Verschwiegenheit verpflichtet ist.