Einblicke in die Welt von Strafgefangenen – Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel über die Justizvollzugsanstalt Heilbronn

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Gefängnispfarrer Jochen Stiefel vor interessierten Zuhörern. (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Welt hinter Gittern – wie geht es zu im Knast? Davon hat wohl jeder gewisse Vorstellungen, doch Genaueres wissen die wenigsten. Dabei gibt es mitten Stadt- und Wohngebiet Heilbronn, in der Steinstraße, ein 3,5 Hektar großes abgeschlossenes Gelände, in der die Justizvollzugsanstalt Heilbronn untergebracht ist. Über sie und ihre Bediensteten und Gefangenen berichtete bei den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der dortige evangelische Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel. Dieses Kirchenamt im Strafvollzug und in der Resozialisierung hat der in Leonberg wohnende Pfarrer erst seit wenigen Jahren inne. 15 Jahre lang war er Gemeindepfarrer in der Württembergischen Landeskirche und dann an einer Berufsschule in Stuttgart Mitte für Metallberufe, „auch eine handfeste multikulturelle Männerwelt und gute Vorbereitung für eine Haftanstalt mit straffällig gewordenen Männern in der Regel zwischen 25 und 35 Jahren“.

17 Justizvollzugsanstalten (eine nur für Frauen) gibt es in Baden-Württemberg. Eine davon ist die JVA Heilbronn. Das Hauptgebäude, eine vierflügelige Anstalt, wurde bereits 1867/70 erbaut, war im Krieg auch mal Lazarett. Im Laufe von 150 Jahren gab es immer mal Um- und Neubauten. So kamen 1979 eine Sporthalle und 1982 ein Sportplatz hinzu, 2009 ein neues Wirtschaftsgebäude und anstelle des abgerissenen ein neues Haftgebäude für 60 Strafgefangene, erst kürzlich fertig gestellt.

Die JVA, für die 150 Vollzugskräfte im Dreischichtbetrieb sowie zahlreiche andere Fachkräfte tätig sind, hat eine Kapazität für 263 Strafgefangene im geschlossenen Vollzug, generell Einzelhafträume (7,5 qm), und war im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 257 Strafgefangenen belegt. Hinzu kommt der offene Vollzug, wobei die JVA Heilbronn mit der Staatsdomäne Hohreinhof in Talheim einzigartig in Deutschland für 30 Männer Plätze im Weinbau und in der Milchwirtschaft anbieten kann. Schließlich gibt es noch ein  Freigängerheim in der Steinstraße.

So ein „Gefängnis“ ist eine nach außen abgeschlossene innere Welt für sich, machte Stiefel deutlich. Das sei insbesondere  für Untersuchungshäftlinge eine immense Umstellung, 23 Stunden am Tag in der Zelle eingesperrt zu sein,.Verurteilte Straftäter hingegen sind grundsätzlich zu einer angemessenen Arbeit verpflichtet. Stiefel berichtete über deren Tagesablauf: 6.00 Uhr Aufschluss mit Lebenskontrolle, 6.23 Uhr Abrücken zur Arbeit, 9.00-9.20 Uhr Vesperpause im Betrieb, 11.41Uhr Einrücken zur Mittagspause, dann Essensausgabe, 12.40 Uhr Geschirr-Rückgabe, Abrücken  zur Arbeit, 15.00 Uhr Arbeitsende, Hofgang mit Möglichkeit zum Duschen, ab 17 Uhr Freizeit (zahlreiche Angebote für Sport, Spiele und Musik), 20 Uhr Einschluss, 22 Uhr Nachtruhe.

Es stehen ausreichende Arbeitsplätze zur Verfügung, allein 80 in den Eigenbetrieben (Küche, Metzgerei, Bäckerei). Weitere Plätze gibt es in Versorgungs- und Montagebetrieben, in Schlosserei, Schreinerei, Elektrowerkstatt, Textilverarbeitung bis hin zur Bücherei, zudem in der Arbeitstherapie. Für geeignete  Gefangene gibt es Ausbildungsplätze als Metallbauer,Tischler, Fachlagerist, in der Medientechnologie sowie in der Druck- und Papierverarbeitung, berufliche Fortbildungen als geprüfter Schweißer und für Gabelstapler-Führerschein. Pro Arbeitsstunde erhalten Strafgefangene ein Entgelt zwischen 1,12 und 1,85 €. Für jeden Gefangenen-Arbeitstag überweist die Anstalt 3,76 € für Arbeitslosenversicherung. Möglich ist auch die Teilnahme an einem Hauptschulkurs in Vollzeitunterricht., an Elementar- und Auffrischungskurs, EDV-Grundlagenkurs und Bewerbungstraining, auch an Deutsch-Unterricht für Zuwanderer.

Wie Stiefel anmerkte, haben ein Gutteil der Strafgefangenen eine Zuwanderungsgeschichte. Das trifft in erster Linie zu bei Verurteilung wegen Eigentumsdelikten (Diebstahl, Betrug, Raub, Erpressung), auf die 27 Prozent aller Straftaten entfallen. Wegen Mord und Totschlag sind 15 Prozent verurteilt, wegen Sexualdelikte zehn Prozent (Stiefel: „Die sind unter Mitgefangenen diskriminiert und gefährdet“), acht Prozent wegen Körperverletzung. Die meisten Straftäter – 30 Prozent – „sitzen“ jedoch wegen Verurteilung im Rahmen des Betäubungsgesetzes, erklärte Stiefel, und das seien oft die hoffnungslosesten Fälle: „Drehtüreffekt“. Trotz aller Therapiebemühungen sei hier die Rückfallquote sehr hoch.

Außer Suchtberatung und Motivationsgruppen für Drogenabhängige gibt es Behandlungsprogramme für Sexualstraftäter und Gewaltstraftäter. Sozialdienst, ärztliche und psychologische Betreuung ist selbstverständlich, ebenso der kirchliche Dienst, zu dem neben einem evangelischen und katholischen Geistlichen neuerdings auch ein Imam hinzugezogenen wird. Laut Stiefel findet der seelsorgerische Beistand – auf Antrag – durchaus guten Anklang, zumal der Pfarrer zur Verschwiegenheit verpflichtet ist.

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