Archiv für den Monat Januar 2017

Türkei, wichtiger und schwieriger EU-Partner – Orientalist Matthias Hofmann erläuterte Beziehungskomplexe und Innenansicht

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Großes Interesse an den Vorträgen der „Jungen Senioren“ (Foto: Rolf Gebhardt)

Die Türkei steht immer wieder im Fadenkreuz deutscher Innen- wie Außenpolitik. Seit über 100 Jahren bestehen besondere Beziehungen zur Türkei, die für die deutsche Industrie ein bevorzugtes Absatz- und Investitionsland ist und für deutsche Touristen – bis vor kurzem – beliebtes Reiseland. Die Hälfte der 4,5 Millionen Muslime in Deutschland haben türkische Wurzeln. Hintergründe und Einschätzungen zu aktuellen Ereignissen in der Türkei bot den „Jungen Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Orientalist und Historiker Matthias Hofmann in einer betont neutralen Darstellung, mitunter auch mit passenden Querverweisen und Vergleichen, auch mit sarkastischen Untertönen.

Die Türkei ist eines der ältesten NATO-Mitglieder (seit 1952) und verfügt über eine Armee, die deutlich die deutsche an Personal, Ausrüstung und Kampfstärke übertrifft, so Hofmann, der als Reserveoffizier zehn Jahre lang landeskundlicher Referent der Bundeswehr, auch monatelang in Afghanistan, war. Wichtig für das Verständnis der türkischen Situation sei das Verhältnis zu Europa: 1963 kam es nach vierjährigem Bemühen zu einem Assoziierungsabkommen mit Aussicht auf mögliche Mitgliedschaft; der entsprechende Antrag erfolgte 1987. 1995/96 trat die Türke der Zollunion bei, und 1999 gewährte die EU der Türkei den Status als Beitrittskandidat. 2005 wurden offizielle Beitrittsverhandlungen aufgenommen.

Bundeskanzlerin Merkel habe sich hingegen nur für eine privilegierte Partnerschaft ausgesprochen, zeigte sich aber angesichts des unkontrollierbaren Flüchtlingszustrom  konzilianter, durch den  Abschluss des (umstrittenen) Flüchtlingsdeals mit der Türkei, die im Zug des Syrien-Konflikts 2,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Die meisten sind in Grenznähe in Lagern untergebracht. Die Türkei möchte laut Hofmann für die Flüchtlinge eine Pufferzone in der Nordregion von Syrien einrichten, womit sie Zugang und Kontrolle hätte zur sich entwickelnden autonomen Kurden-Region.

Europa könnte nach Ansicht von Hofmann ein großen Interessen haben an einem Türkei-Beitritt. Schließlich habe sich die Türkei – ein bedeutender Wirtschaftspartner mit hohen Wachstumsraten – zu einer dominanten regionalen Macht entwickelt, in strategisch entscheidender Position im Nahost-Konflikt, mit besten Verbindungen zur Kaukasus-Region, Zentralasien und zur arabischen Welt.

Zur akuten Frage, ob die Türkei zu Europa gehöre, erklärte Hofmann, dass zwar nur drei Prozent der Landesfläche zum europäischen Kontinent gehöre. Aber das sei ebenso wenig ein Hindernis wie die vorherrschende Religion des Islam, denn die EU sie ja von ihrem Ansatz her eine Wirtschafts- und keine Wertegemeinschaft und zeichne sich mehr durch kulturelle und regionale Vielfalt aus als durch Homogenität, auch im politischer Richtung. Die Türkei könnte aber mit derzeit fast 80 Millionen Einwohnern – bei einem Bevölkerungswachstum von jährlich einer Million – mittelfristig Deutschland als Leader-Nation Konkurrenz machen. Was die gefühlte Überfremdungsangst beträfe, so wäre sie wenig real. In der überwiegend großstädtischen Bevölkerung gäbe es einen recht hohen Bildungsstand und einen ziemlich moderaten Islam bei meist geringer Bindung. Türkische Kopftuchträgerinnen könne man nicht verdammen. Frauen mit Kopftüchern seien auch früher in Deutschland weit verbreitet gewesen (Stichwort: „unter der Haube“).

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: die aktuelle politische Entwicklung in der Türkei. Mitte Juni 2016 in den Schulferien  die Nachricht vom Militärputsch in der Türkei, der laut Hofmann von Anfang an dilettantisch und hoffnungslos war und ja auch schnell misslang,bzw. brutal niedergeschlagen wurde. Wer dahinter stecke, darüber wollte sich Hofmann kein Urteil erlauben. Jedenfalls wurde unverzüglich der in den USA lebende Prediger und Führer der Hizmet-Bewegung verantwortlich gemacht, wegen staatlicher  Unterwanderung durch Parallelstrukturen, seine mutmaßlichen Anhänger in Verwaltung, Justiz, Schul- und Universitätswesen – bislang 87 000 Personen – aus dem Staatsdienst entlassen und zum Teil verhaftet.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan könne nun als Retter der türkischen Demokratie dastehen und Kämpfer gegen den Terrorismus. So habe er mit seiner AKP-Partei (für Gerechtigkeit und Aufschwung) am 23. Januar 2017 im Parlament mit erforderlicher Dreifünftel-Mehrheit den Beschluss für eine auf ihn zugeschnittenes Präsidialsystem erreicht (Hofmann: „eine ähnliche  Regierungsform  wie in den USA“), das im April mit einem Referendum abgesegnet werden müsse.

Hofmann zeigte nicht unbedingt Verständnis für die die Türkei verärgernde Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags, zumal das deutsche Kaiserreich mit Verantwortung für diesen Völkermord trage. Hingegen bemängelte er unzureichende Kritik an der massiven Bekämpfung mit den kurdischen Volksgruppen in der Südost-Türkei, aber auch an der deutschen Kriegsausrüstung für die kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Nordirak („eigentlich eine von der Türkei beanspruchte Provinz“) mit möglicher Unterstützung der verbotenen Untergrundbewegung der kurdischen PKK.

Wie in Heilbronn die Reformation zustande kam – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über Lachmann und Riesser

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Prof.Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Die „Jungen Senioren“ können jetzt die Namensgeber besser zuordnen für den Veranstaltungsort Hans-Rießer-Haus und den dortigen Lachmann-Saal. Der Priester und Reformator Johann Lachmann (1491-1539) und sein kongenialer Mitstreiter, Bürgermeister Hans Riesser (1488-1552), waren die Apologeten für die Reformation Heilbronn. Darüber referierte der Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, Prof. Dr. Christhard Schrenk.

In  Heilbronn wie auch generell in deutschen Landen war es im 16. bis ins 17.Jahrhundert um das kirchliche Leben  nicht zum Besten bestellt. Die niedere wie die hohe Geistlichkeit lebten alles andere als vorbildlich und tugendsam.Die Zeit war reif für Veränderungen. Dafür war auch die Bürgerschaft und der Rat der Stadt Heilbronn aufgeschlossen. Da bedurfte es nur eines Anstoßes, bis die reformatorischen Vorstellungen eines Martin Luther in Heilbronn fruchtbar werden konnten.

Wie Schrenk darlegte, wurde so Johann Lachmann zum Heilbronner Reformator. Er stammte aus einer angesehenen Heilbronner Familie; sein Vater war Glocken- und Geschützgießer sowie Ratsmitglied. Nach Besuch der Lateinschule ging Johann Lachmann schon als 14jähriger an die Universität Heidelberg, wurde Bakkalaureus der Rechte (1507) und Magister der Künste (1508);  1514 wurde ihm vom Würzburger Domkapitel die Pfarrverweserschaft in Heilbronn übertragen.

Laut Schrenk gab es damals in Heilbronn eine Vielzahl von Priestern, allein 15 an der Kilianskirche, die sich die Pfründe teilten. Zwei davon gehörten der Stadt. Davon ging eine zurück auf eine Prädikantenstiftung von 1426 der verwitweten Heilbronner Patrizierin Anna Mettelbach. Dieses damit verbundene Predigeramt – unabhängig vom Würzburger Bischof – wurde 1521 vom Rat der Stadt mit Lachmann besetzt. Lachmann, der im gleichen Jahr noch das Doktorat erwarb, erwies sich als populärer Prediger, der sich zunehmend hingezogen zeigte für die Lutherschen Lehren.

Antirömische Stimmung ging einher mit dem Bauernkrieg, von dem auch Heilbronn berührt wurde. Aus der Prädikatur heraus, dem höchsten geistlichen Amt in der Stadt, wirkte Lachmann maßgeblich vermittelnd ein. Lachmann richtete 1525 drei christliche Ermahnungen an die Bauernschaften (von Luther gab es zwei Sendschreiben an die Bauern). Mit seinem entschlossenen Auftreten für die aktuell Schwachen, so Schrenk, gewann Lachmann an Achtung und Zulauf.

Nach Luthers Vorbild vermählte sich Lachmann 1526 mit der Heilbronner Bürgerstochter Barbara Wissborn. Darüber beklagte sich der Würzburger Bischof ebenso vergebens wie über die Predigten von der verworfenen und verbotenen lutherischen Lehre. Mit dem Lateinlehrer Kaspar Grätter, dem späteren Hofprediger in Stuttgart, stellte Lachmann den Heilbronner Katechismus auf, den zweitältesten der evangelischen Kirche (nach Brenz und noch vor Luther). Weiterer Markstein auf dem Wege zur erneuerten Kirche war die Einführung des Heiligen Abendmahls in beiderlei Gestalt.  Auseinandersetzungen zwischen den Alt- und Neugläubigen blieben jedoch nicht aus.

Da ergab sich der glückliche Umstand, dass als Nachfolger des Konrad Erer 1528 der neugläubige Bürgersohn Hans Riesser zum Bürgermeister gewählt wurde. Seinem politischen  Durchsetzungsvermögen ist es laut Schrenk zu verdanken, dass die Reformation in Heilbronn zunehmend Gestalt annahm. Riesser machte sich als Vertreter der Stadt im Glaubensstreit im Reich stark für die Sache der Reformation, so bei der Speyrer Protestation 1929 und 1530 beim Augsburger Reichstag, für den Lachmann m Auftrag des Rats der Stadt mit der Confessio Heilbronnensis Glaubensbekenntnis und Rechtfertigung der kirchlichen Neuordnung in Heilbronn entwarf. Nach Schrenks Angaben galt die die Reformation in Heilbronn spätestens 1531 beendet, als der Rat der Stadt die Bürgerschaft an vier Plätzen zusammenrief und beschließen ließ, die Heilige Messe abzuschaffen und nur noch evangelisch  zu predigen.

Schrenk zeigte auf, dass das reichsstädtische HeilbronnerTerritorium damals 65 Quadratkilometer umfasste mit ca. 6500 Einwohnern sowie von 2500 Einwohnern bewohnte reichsstädtische Dörfer. Zum kirchlichen Leben gehörten auch drei Klöster: das Franziskaner- bzw. Barfüßer-Kloster, das Klarakloster und das Karmeliterkloster vor den Toren der Stadt sowie die Kommende des Deutschordens (Deutschhof). In den kirchlich-gesellschaftlichen Umbruch fiel der Bau des Kiliansturms (1513-1129) durch Hans Schweiner. Der einzigartige Figurenreichtum des Turms drückte den Antiklerikalismus der vorreformatorischen Zeit aus, und die Figur des gewappneten Heilbronner Bürgers („Kiliansmännle“) auf der Turmspitze zeugte vom reichsstädtisch-bürgerschaftliche Selbstverständnis der Stadt Heilbronn, so Stadtarchiv-Direktor Schrenk.

Nach Krebserkrankung ist Nachsorge unerlässlich – Klinik-Chefarzt Dr. Peter Trunzer plädiert für Ganzheitsmedizin

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Dr. Peter Trunzer (Foto: Rolf Gebhardt)

Krebs – eine solche Diagnose ist für Betroffene niederschmetternd: Eine bösartige Erkrankung, die durch eine unkontrollierte Vermehrung von Zellen gekennzeichnet ist und unbehandelt zum Tod führt. Einigermaßen rechtzeitig erkannt ist Krebs heutzutage grundsätzlich heilbar. Doch die Therapieformen haben zumeist unangenehme Neben- und Nachwirkungen. Da sind Reha- und Nachbehandlungen unerlässlich. Darüber referierte bei den „Jungren Senioren“ im Hans-Rießer-Haus der Chefarzt der MediClin Kraichgau-Klinik in Bad Rappenau. Dr. Peter Trunzer.

Dem Krebspatienten geht es zum ersten ums Überleben, um Heilung von dieser schlimmen Krankheit. Doch wenn er den Krebs „los“ ist, ist längst noch nicht alles überstanden. Ängste und Verunsicherung sind weitgehend weg, doch die Therapie ist überwiegend belastend, anstrengend und ermüdend. Trunzer plädierte dabei, Betroffene nach Abschluss der akuten Therapiephase gezielt und vor allem ganzheitlich zu unterstützen. Wer Chemotherapie und/oder Strahlenbehandlung bekommen hat, ist – hoffentlich – geheilt, aber längst noch nicht gesund im wörtlichen Sinne. Da ist Rehabilitation angesagt – Maßnahmen zur Linderung oder Beseitigung von chronischen, körperlichen oder seelischen Erkrankungen. Reha-Maßnahmen zielen darauf ab, den Einfluss behindernden und benachteiligen Funktionen zu beheben oder zu verringern, auch um Fähigkeiten und Begabungen so zu trainieren, dass sich die Betroffenen in ihrer Umgebung, in ihrem sozialen – familiären und gegebenenfalls beruflichen – Umfeld, (wieder) zurecht finden.

Besonders ausgeprägt sind seelische Belastungen durch die Krebserkrankung und zudem durch die Folgen der Behandlung, so Trunzer. Müdigkeit und Erschöpfung sind erkennbare Symptome. Mitunter kommen bereits vor der Krebserkrankung vorhandene bestimmte psychische Problemlagen hinzu, die belasten und die normale Rückkehr in das alte Lebensumfeld erschweren bis unmöglich machen. Der Patient „fällt in ein Loch“, machte Trunzer deutlich. Zur psychischen Krankheitsbewältigung sind dann sowohl medizinische wie (bio-)soziale Maßnahmen gefragt.

Die Palette medizinischer Rehabilitation umfasst alle ärztlichen Behandlungsmöglichkeiten, die gezielte und angemessene Verschreibung von Arzneimitteln,  bis hin zur Physiotherapie und Ergotherapie. Nachsorge-Untersuchungen sind so ausgerichtet, dass das Wiederauftreten von bösartigen Tumoren rechtzeitig erkennt wird. Neben der herkömmlichen Schulmedizin, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund neuerer Erkenntnisse enorme Fortschritte gemacht hat, möchte Trunzer aber auch „komplementäre Medizin“ nicht nicht unberücksichtigt lassen: „Es gilt: Ausprobieren was hilft – Wer heilt, hat recht!“ So Trunzer im Hinblick auf Heilpraktiker und Psychotherapeuten, auf Anthroposophie und „alternative Heiler“ sowie Akupunkturkunst.

So offeriert Trunzer in seiner Klinik auch eine intensive  psychosoziale Betreuung in der onkologischen Rehabilitation. Die Patienten kommen in die Praxis mit Klagen über Unruhe und Schlafstörungen, auch über Schweißausbrüchen und Hitzewallungen, empfinden Mattigkeit und Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, haben Nerven- und Gefühlsstörungen, grübeln zu viel, haben sich innerlich und äußerlich – aus dem gesellschaftlichen Leben – zurückgezogen. Notwendig ist ein Abbau von Ängsten und die Rückgewinnung von Selbstbewusstsein, Selbstbestimmtheit und Zuversicht. Es sollte nicht hingenommen werden, dass ein Krebskranker beklagt, dies sei eine Strafe Gottes für eventuelle Verfehlungen. Vielmehr müsse dem ereilten Schicksal Solidarität entgegen gebracht werden. Psychoanalyse lehnt Trunzer ab.

Trunzers Ratschläge betreffen zum einen die Vermeidung von speziellen Krebs-Risiken, so Rauchen, zu intensive Sonnenbelastung und Umweltgiften. Dabei sollte man durchaus „ins Freie an die frische Luft gehen“. Sonnenschein ist gut für den körperlichen D-Vitamin-Haushalt, dem man gegebenenfalls mit speziellen Lampen oder Nahrungsergänzungsmitteln nachhelfen könne. Immer gut, auch gegen Gelenkbeschwerden, ist nun einmal viel Bewegung, laut Trunzer am besten in der Woche drei Stunden Kreislauftraining (flottes Spazieren) und eineinhalb Stunden Krafttraining. „Sport ist so wichtig wie ein Krebsmedikament“. Schmerzmittel seien mit Vorbehalt zu empfehlen, schon eher Krankengymnastik.

Für Trunzer gehört zur ganzheitlichen Behandlung auch Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung, aber auch Partner- und Sexualberatung. Zudem hat er erkannt, dass Humor- und Musik-Therapie durchaus hilfreich sein kann. Und aus diesem Segment gab Trunzer, bekannt auch als singender Chefarzt und Kabarettist, nach der Kaffeepause Kostproben zur Gitarre und „brachte den Seniorensaal zum Rocken“.

Wie Martin Luther die Kirche revolutionierte – Prälat Harald Stumpf erläuterte das allgemeine Priestertum aller Gläubigen

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Prälat Harald Stumpf beim Vortrag im Hans-Rießer-Haus  (Foto: Rolf Gebhardt)

2017 – Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation, erinnernd an Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg; Abschlussjahr der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ausgerufenen Reformationsdekade, die 2016 „Reformation und ihre Welt“ zum Inhalt hatte und 2017 unter dem Leitgedanken „Vertrauen“ steht. Für die „Jungen Senioren“ quasi ein „Muss“, das neue Jahr im Hans-Rießer-Haus mit einem Reformationsthema zu beginnen.

„Wir sind Papst“, an diese Schlagzeile nach der Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst erinnern sich viele. Prälat Harald Stumpf nimmt sie als Titel für seinen Vortrag beim Treffen der „Jungen Senioren Heilbronn“. Er spricht über Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum.

Mit diesem Text kündigte das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg diese Veranstaltung an. Der Heilbonner Prälat stellte gleich zu Beginn heraus, dass Reformation sowohl eine reine  Herzensangelegenheit wie eine Bildungsbewegung war und ist. Dieser Reformationskern sollte an der Basis, in den Kirchengemeinden, verankert sein. Deshalb habe man auch im Heilbronner Sprengel zu 500 Jahre Reformation eine Anleitung herausgegeben unter dem Titel „… da ist Freiheit“ und den charakteristischen Worten „Allein … Christus – durch Schrift – durch Glauben“. Gleichzeitig erinnerte Prälat Stumpf an die – vor einem Jahr bei den „Jungen Senioren“ erörterte – Jahreslosung 2016 mit dem Jesaja-Wort “Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Dies habe man auch in Heilbronn beherzigt mit einer „großartigen Willkommenskultur“ und in einer gesamt-gesellschaftlichen Hilfsbereitschaft geflüchtete Menschen würdevoll aufgenommen. „In solch einer solidarischen bunten Gesellschaft lebe ich gerne“,  betonte Stumpf. Bedauerlich sei andererseits, dass auf diese globale humanitäre Herausforderung andere mit Feindseligkeit reagiere. Solche Befürchtungen, Ängste und Parolen habe die Heilbronner Johann-Jakob-Widmann-Schule in einem Projekt beispielhaft aufgenommen und sich mit den Hintergründen beschäftigt, gängige Vorurteile konkret hinterfragt und entlarvt und sie beleuchtet in einer Plakatserie, die Stumpf in einer Auswahl auf der Titelseite eines Neujahrsbriefs platziert hat.

Auch diese Aspekte hätten Beziehungen zum Verständnis des Priestertums aller Gläubigen, merkte der Prälat an, von Martin Luther konkretisiert in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“. Die Vorstellung vom Priestertum aller Gläubigen ist laut Stumpf seit Anfang des Christentums eng mit der Taufe verbunden und wird mit einem Petrus-Wort den Neugetauften zugesprochen, ihnen die bedingungslose Liebe Gottes gnädig und barmherzig zugewandt. Luther habe das Priestertum aller Gläubigen verknüpft mit der Forderung nach Bildung für alle, dass auch alle die Bibel lesen können, in ihrer Sprache, wofür ja Luther mit der sprachgewaltigen Bibelübersetzung in deutsch gesorgt habe.

Luther wollte durch das Priestertum aller Gläubigen die Hierarchie zwischen Klerikern und Laien abschaffen. Stumpf verwies auf die Erklärung im Evangelischen Erwachsenenkatechismus: „Die Getauften sind Glieder des Volkes Gottes und haben als Priester in Glauben und Gebet unmittelbar Zugang zu Gott“. Aber auch: „Das Priestertum aller Gläubigen schließt das besondere Amt (als Dienst mit Wort und Sakrament) nicht aus, sondern setzt es voraus.“

In der spätmittelalterliche Kirche schien aus dem Dienst mit der apostolischen Überlieferung eine „Herrschaft über die  Seelen“ geworden zu sein. Die Reformation entdeckte demgegenüber die neutestamentliche Einsicht wieder, dass die Christen ein priesterliches Volk bilden. Dies habe nach Darstellung Stumpfs erhebliche Folgen für Kirche und Gemeinde, schließe aber nicht aus, Theologen in in das Pfarramt und Predigtamt der Evangeliumsverkündigung zu berufen , mit entsprechender Amtsverpflichtung. Stumpf merkte an, für ihn gäbe es keinen schöneren Beruf als den des Pfarrers, auch und gerade, weil seine geistliche Dimension kein übersteigertes Amtsbewusstsein beinhalte. Gleichwohl sei das evangelische Amtsverständnis neben der Eucharistie der entscheidende Trennungspunkt zur katholischen Kirche, die aber auch bekenne, von der Reformation gelernt zu haben.

Generell vertrat Prälat Stumpf die Ansicht, dass sich die Kirche immer wieder erneuern müsse – „Ecclesia semper reformanda“. Aber nicht nur die Kirche; jeder Einzelnen müsse bereit sein zu Umkehr und Veränderung. Unter Bezug auf die Jahreslosung 2017 „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen guten Geist in euch“ wünschte der Prälat „viele geistreiche und herzerfrischende Begegnungen“.