Wie in Heilbronn die Reformation zustande kam – Stadtarchiv-Direktor Prof. Dr. Christhard Schrenk über Lachmann und Riesser

2017-01-23_06akl

Prof.Dr. Christhard Schrenk (Foto: Rolf Gebhardt)

Die „Jungen Senioren“ können jetzt die Namensgeber besser zuordnen für den Veranstaltungsort Hans-Rießer-Haus und den dortigen Lachmann-Saal. Der Priester und Reformator Johann Lachmann (1491-1539) und sein kongenialer Mitstreiter, Bürgermeister Hans Riesser (1488-1552), waren die Apologeten für die Reformation Heilbronn. Darüber referierte der Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, Prof. Dr. Christhard Schrenk.

In  Heilbronn wie auch generell in deutschen Landen war es im 16. bis ins 17.Jahrhundert um das kirchliche Leben  nicht zum Besten bestellt. Die niedere wie die hohe Geistlichkeit lebten alles andere als vorbildlich und tugendsam.Die Zeit war reif für Veränderungen. Dafür war auch die Bürgerschaft und der Rat der Stadt Heilbronn aufgeschlossen. Da bedurfte es nur eines Anstoßes, bis die reformatorischen Vorstellungen eines Martin Luther in Heilbronn fruchtbar werden konnten.

Wie Schrenk darlegte, wurde so Johann Lachmann zum Heilbronner Reformator. Er stammte aus einer angesehenen Heilbronner Familie; sein Vater war Glocken- und Geschützgießer sowie Ratsmitglied. Nach Besuch der Lateinschule ging Johann Lachmann schon als 14jähriger an die Universität Heidelberg, wurde Bakkalaureus der Rechte (1507) und Magister der Künste (1508);  1514 wurde ihm vom Würzburger Domkapitel die Pfarrverweserschaft in Heilbronn übertragen.

Laut Schrenk gab es damals in Heilbronn eine Vielzahl von Priestern, allein 15 an der Kilianskirche, die sich die Pfründe teilten. Zwei davon gehörten der Stadt. Davon ging eine zurück auf eine Prädikantenstiftung von 1426 der verwitweten Heilbronner Patrizierin Anna Mettelbach. Dieses damit verbundene Predigeramt – unabhängig vom Würzburger Bischof – wurde 1521 vom Rat der Stadt mit Lachmann besetzt. Lachmann, der im gleichen Jahr noch das Doktorat erwarb, erwies sich als populärer Prediger, der sich zunehmend hingezogen zeigte für die Lutherschen Lehren.

Antirömische Stimmung ging einher mit dem Bauernkrieg, von dem auch Heilbronn berührt wurde. Aus der Prädikatur heraus, dem höchsten geistlichen Amt in der Stadt, wirkte Lachmann maßgeblich vermittelnd ein. Lachmann richtete 1525 drei christliche Ermahnungen an die Bauernschaften (von Luther gab es zwei Sendschreiben an die Bauern). Mit seinem entschlossenen Auftreten für die aktuell Schwachen, so Schrenk, gewann Lachmann an Achtung und Zulauf.

Nach Luthers Vorbild vermählte sich Lachmann 1526 mit der Heilbronner Bürgerstochter Barbara Wissborn. Darüber beklagte sich der Würzburger Bischof ebenso vergebens wie über die Predigten von der verworfenen und verbotenen lutherischen Lehre. Mit dem Lateinlehrer Kaspar Grätter, dem späteren Hofprediger in Stuttgart, stellte Lachmann den Heilbronner Katechismus auf, den zweitältesten der evangelischen Kirche (nach Brenz und noch vor Luther). Weiterer Markstein auf dem Wege zur erneuerten Kirche war die Einführung des Heiligen Abendmahls in beiderlei Gestalt.  Auseinandersetzungen zwischen den Alt- und Neugläubigen blieben jedoch nicht aus.

Da ergab sich der glückliche Umstand, dass als Nachfolger des Konrad Erer 1528 der neugläubige Bürgersohn Hans Riesser zum Bürgermeister gewählt wurde. Seinem politischen  Durchsetzungsvermögen ist es laut Schrenk zu verdanken, dass die Reformation in Heilbronn zunehmend Gestalt annahm. Riesser machte sich als Vertreter der Stadt im Glaubensstreit im Reich stark für die Sache der Reformation, so bei der Speyrer Protestation 1929 und 1530 beim Augsburger Reichstag, für den Lachmann m Auftrag des Rats der Stadt mit der Confessio Heilbronnensis Glaubensbekenntnis und Rechtfertigung der kirchlichen Neuordnung in Heilbronn entwarf. Nach Schrenks Angaben galt die die Reformation in Heilbronn spätestens 1531 beendet, als der Rat der Stadt die Bürgerschaft an vier Plätzen zusammenrief und beschließen ließ, die Heilige Messe abzuschaffen und nur noch evangelisch  zu predigen.

Schrenk zeigte auf, dass das reichsstädtische HeilbronnerTerritorium damals 65 Quadratkilometer umfasste mit ca. 6500 Einwohnern sowie von 2500 Einwohnern bewohnte reichsstädtische Dörfer. Zum kirchlichen Leben gehörten auch drei Klöster: das Franziskaner- bzw. Barfüßer-Kloster, das Klarakloster und das Karmeliterkloster vor den Toren der Stadt sowie die Kommende des Deutschordens (Deutschhof). In den kirchlich-gesellschaftlichen Umbruch fiel der Bau des Kiliansturms (1513-1129) durch Hans Schweiner. Der einzigartige Figurenreichtum des Turms drückte den Antiklerikalismus der vorreformatorischen Zeit aus, und die Figur des gewappneten Heilbronner Bürgers („Kiliansmännle“) auf der Turmspitze zeugte vom reichsstädtisch-bürgerschaftliche Selbstverständnis der Stadt Heilbronn, so Stadtarchiv-Direktor Schrenk.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s